Der Stinkefinger

Wie konnte es nur so weit kommen?

Einmal ausgestreckt, bringt er nichts als Ärger: der Stinkefinger. Warum die Schmähgeste bei Peer Steinbrück, Liz Taylor und Adele trotzdem so beliebt ist.

Veröffentlicht am 23.11.2016
Adele zeigt den Stinkefinger.

Ladylike: der Stinkefinger, eine männliche Dominanzgeste? Pfff, denkt sich Adele.


Um 400 v. Chr.

Neben Fetakäse und dem demokratischen Plenum ist der Stinkefinger eine eher schwache Errungenschaft der alten Griechen. Bereits ­Platon reckt ihn – und das nicht, um dem Gegenüber seine gepflegte Nagelhaut zu zeigen. Wo der aufrechte Daumen einen freundlichen Ton anschlägt, ist der digitus impudicus ein vulgäres Symbol männ­licher Dominanz. Ärzte tragen Salben seither mit dem Ringfinger auf. Ursprünglich nutzten sie dafür den längsten Finger der Hand.

1337 bis 1453

Im Hundertjährigen Krieg bekommt der Mittelfinger Verstärkung vom Zeigefinger. Englische Bogenschützen spreizen beide zum V, um französischen Soldaten zu signalisieren, dass sie noch in der Lage sind, den Bogen zu spannen – eine Geste maximaler Verachtung, denn eigentlich wurde den Bogenschützen die beiden Finger präventiv abgehackt. Wer in England heute hippiesk mit Peace-Zeichen um sich werfen will, sollte deshalb aufpassen, dass der Handrücken zum Körper zeigt. „Fuck you“ und „Friede“ liegen in diesem Fall nah beieinander.

1886

Amerika ist ein Einwanderungsland, das gilt auch für den Stinkefinger. Mit ­italienischen Immigranten schmuggelt er sich wohl in die USA. Gut integriert hat er seinen ersten öffentlichen Auftritt am 29. April zur Eröffnung der Baseball National League. Die New York Giants treffen auf die Boston Beaneaters. Deren Pitcher Charles „Old Hoss“ Radbourn zeigt beim Gruppenfoto den Gegnern erst mal „the finger“, wohl um das Gegenüber einzuschüchtern. Die Giants bleiben davon unbeeindruckt. Und gewinnen.

1969 bis 1994

Der Stinkefinger bewegt sich zwischen aggressiver Schmähgeste und hilflosem Fingerzeig. Johnny Cash reckt ihn bei einem Konzert im kalifornischen Gefängnis San Quentin, als Antwort auf die Frage des Fotografen, was er vom Zuchthaus und seinen Wärtern halte. Elizabeth Taylor grüßt mit ihrem Mittelfinger und einem freundlichen Lächeln aufdringliche Paparazzi. Und Stefan Effenberg kostet er 1994 die Teilname an der Fußball-WM: Nachdem Effe pfeifenden Fans den ausgestreckten Mittelfinger zeigt, wirft ihn Trainer Berti Vogts aus dem Kader.

Heute

Inflationäre Stinkefingerei wird zum Politikum: Bad Boy Peer Steinbrück reckt ihn im Wahlkampf etwas ungeschickt vom Cover das SZ-Magazins und empört die Wählerschaft, Yanis Varoufakis landet damit (dank Jan Böhmermann, Stichwort #Varoufake) einen Social-Media-Coup. Und Sigmar Gabriel verschreckt mit seinem winkenden Wurstknubbelchen weniger die Neonazis, denen es galt, als vielmehr seine SPD-Parteikollegen. Versöhnliches zum Schluss: Wer in Flandern in der Kneipe seinen Ringfinger ausstreckt, bekommt ein Bier serviert. Hand drauf!