Camping vs. Glamping

Wie konnte es nur so weit kommen?

Früher bedeutete Camping öffentliche Waschräume, Krabbeltiere im Schlafsack und wacklige Gaskocher. Heute feiern Trendscouts „Glamping“ mit Baumwollschlössern und Eigenbau-Kanus. Eine kurze Kulturgeschichte des Zeltens.

Veröffentlicht am 01.06.2017
Zelten in der Natur.


1845

Camping bedeutet Verzicht. Auf Memory-Schaum-Matratzentopper, Warmwasser aus dem Regenduschkopf und Steckdosen (für Ladekabel). Weil es all das 1845 sowieso nicht gibt, sind die Entbehrungen für Henry David Thoreau vergleichsweise lächerlich. Im Juli zieht der Philosoph für zwei Jahre in eine Holzhütte an den Walden-See in Massachusetts und schreibt das erste Aussteiger-Buch. Sein Fazit: Reich ist, wer trotz Downshifting gute Laune hat.

Um 1900

Bevor Campen zur pseudo-puristischen Geisteshaltung wird (wie Tofu), spart man mit Übernachtungen im Freien schlicht Hotelkosten. Gilt auch für Thomas Hiram Holding: 1853 zeltet er mit seinen Eltern fünf Wochen am Mississippi. Später gründet der Schneider in der britischen Heimat einen Camping-Club und veröffentlicht 1908 das erste „Camper’s Handbook“ und wird zum Outdoor-Messias. Moderne Großstädter, bei denen diese Bibel im Amazon-Warenkorb landet, kaufen auch die Manufactum-Retro-Axt und tragen Flanell.

Ab 1945

Ist die Fahrt ins Blaue anfangs günstiger Wochenend-Eskapismus, wird sie nach 1945 glorifiziert: Camping = Freiheit. Ihr Symbol bis jetzt (wenn auch leicht angerostet): der VW Bus T1. Später tuckern Hippies im „Bulli“ nach Woodstock, Dieter Durchschnitt zur Zeltplatzhölle in Bibione. Kaffeebrühen auf wackligen Gaskochern wird zur Königsdisziplin, der Gang zu den öffentlichen Waschräumen mit Klopapierrolle in der einen und Desinfektionsspray in der anderen Hand zum ikonischen walk of shame.

Luxuriöses Zelt.

Privat-Lodge: Nie waren Zelte glamouröser dank Glamping.


Heute

2010 tragen Models „I Love Camping“-Shirts aus der Dsquared2-Sommerkollektion, neue Naturburschen-Magazine feiern Eigenbau-Kanus und Edelholzkescher, Trendscouts sprechen von glamourous camping, kurz Glamping. Dabei wirft man sein Dry-Aged-Steak auf den Profigrill, aus dem 40-Quadratmeter-Baumwollschloss mit vier Doppelschlafkabinen schallt das akkubetriebene Bluetooth-Radio, während die Kinder hinterm SUV (mit Glamping-Anhänger) Verstecken spielen. Thoreau hatte eben doch recht: Downshifting (de luxe) macht gute Laune.