Der Pyjama

Wie konnte es nur so weit kommen?

Mit dem Pyjama aus dem Bett direkt ins Büro? Heute kein Problem mehr. Die Geschichte eines modischen Schlafwandlers – in fünf Schritten.

Veröffentlicht am 12.01.2017
Model auf dem Laufsteg mit geblümten Pyjama.

Modisch aufgepeppt schafft es der Pyjama auf den Laufsteg.


18. bis 19. Jahrhundert

Wer einmal versucht hat, in der engen Culotte des Hochrokoko einen Elefanten zu besteigen, dürfte die Faszination britischer Kolonialherren für den indischen pajāmā verstehen. Mitte des 18. Jahrhunderts bringen sie die leichte Hose mit geschnürtem Bund nach Europa. Vielleicht liegt es an den kühleren Temperaturen, dass sie sich nicht auf Anhieb durchsetzt. Schneider kombinieren dazu ab 1870 ein Oberteil – et voilà: Das Nachthemd weicht dem anschmiegsamen Pyjama.

1920 bis 1940

PJs, jimjams oder jammies sind so viel mehr als ordinäre Schlafanzüge. Deutsche Delegierte treffen sich in einer Aprilnacht 1922 vor der Unterzeichnung des völkerrechtlichen Vertrags von Rapallo zur „Pyjama-Konferenz“ (Beweisbild fehlt, da noch kein Instagram). Frauen wagen sich mit dem Allrounder aus Baumwolle, Flanell oder Seide ab 1930 erstmals nach draußen: auf die Strandpromenade.

1940 bis 1960

Würstchen und Kakao ist nicht unbedingt das kulinarische Duo, mit dem man Gourmets unter der Bettdecke hervorlockt. Gelangweilte Internatsschülerinnen hingegen schon: 1941 erscheint der erste Band von „Hanni und Nanni“, in den 60ern kommt die Kultreihe der britischen Autorin Enid Blyton nach Deutschland. Das Wichtigste darin: die Schablone für nächtliche Pyjama-Partys (auch: sleepover), später prominent kopiert von Doris Day in „Picknick im Pyjama“ (1957) und Marilyn Monroe in „Manche mögen’s heiß“ (1959).

1970 bis 2010

Schlaf(anzug)wandeln wird zum Politikum: Während man in den 70ern in Shanghai im Pyjama einkaufen geht, verbietet 2010 die Supermarktkette Tesco im englischen Cardiff Kunden in diesem Aufzug den Zutritt. China hatte den Pyjama eigentlich als westeuropäisches Coolness-Statement kopiert. Jetzt ändert die chinesische Regierung wieder ihre Meinung: Pyjamas gelten in der Öffentlichkeit als „unzivilisiert“.

Heute

Schreiber verwahrlosen daheim würdevoll im Zweiteiler, Exzentriker wie Julian Schnabel tragen ihn als Affront des Establishments gegen das Establishment und Models proben in Designerpyjamas auf dem Laufsteg den Gang vom Bett zum Kühlschrank: Dolce & Gabbana dekorieren ihre Entwürfe mit floralen Mustern, Tod’s umschnürt seine mit Ledergürteln und Etro kombiniert Bustiers zu weiten Palazzo-Hosen. In jedem Fall ein Look, der aussieht, als wäre das Kissen nicht weit.