Wie Singles ihre Zukunft planen

Selbst ist die Frau

Ein Haus bauen, Kinder bekommen, auswandern: Eine neue Generation von Frauen pfeift auf alte Rollenbilder und verwirklicht ihre Lebensträume – auch allein.

Veröffentlicht am 30.01.2017
Imogen Sexton in ihrer neuen Heimat Neuseeland.

Neue Heimat am Ende der Welt: Imogen Sexton zog von München nach Wellington, Neuseeland.


Weiblich, ledig, unglücklich. Single-Frauen haben mit einem tristen Image zu kämpfen – das längst überholt ist. Wer ohne Partner ist, das glauben viele nach wie vor, träume automatisch von einem anderen Leben. Genauer gesagt von einem Leben zu zweit, denn nur das sei wirklich lebenswert. Dabei haben immer weniger Singles Lust, sich von ihrem Beziehungsstatus ausbremsen zu lassen und große Pläne in eine ferne Zukunft zu verschieben.

Wahr ist, dass ungefähr 30 Prozent der Deutschen ledig sind. Die Mehrheit davon unfreiwillig. Wahr ist aber auch, dass sich der Stellenwert von Partnerschaften verändert hat: „Mit der Emanzipation sind Zweckbeziehungen überflüssig geworden“, weiß Julia Hahmann, Soziologin an der Universität Vechta. „Frauen haben gelernt, sich aus ungesunden Ehen zu lösen, und sind damit Vorbilder für eine neue Generation von Singles. Töchter erleben, dass es schon ihre Mütter allein geschafft haben – das hinterlässt Spuren.“ Kaum jemand ist heute noch bereit, Selbstbestimmtheit gegen gesellschaftliche Zwänge einzutauschen. Die Konsequenz: Nicht nur die Zahl der Alleinstehenden wächst, sondern auch der Mut zum Alleinsein – denn das schließt das Glücklichsein nicht aus, im Gegenteil.

Ein Haus bauen – für sich allein

Dagmar Walser braucht Zeit, sich an den Single-Status zu gewöhnen. Nach 26 Jahren Ehe kommt das Aus mit voller Wucht, da ist sie 57. Plötzlich ledig, verfällt sie in Schockstarre. „Nachdem er seine Koffer gepackt hatte, riet mir jeder, aus unserem Haus auszuziehen. Aber ich schaffte es gerade mal, mir ein neues Bett zu kaufen.“ Mit fast sechzig Jahren fühle sich das Alleinsein nun mal anders an als mit Mitte dreißig. Monate vergehen, bis die Journalistin wagt, wieder Entscheidungen zu treffen. Als ihre Mutter stirbt, vermietet sie deren Haus und reist durch Australien und Neuseeland, allein. Nach ihrer Rückkehr verkauft sie die eine Hälfte des elterlichen Grundstücks, lässt das Haus auf der anderen Hälfte abreißen und beschließt, dort ein neues Leben anzufangen. Dagmar Walser traut sich, was andere nicht mal zu zweit wagen: Sie baut. Zwar hat sie schlaflose Nächte, aber keine Lust, ihre Träume länger zu vertagen.

Mithilfe eines Architekten entwirft sie Pläne und verschiebt anstehende Projekte, um ständig auf der Baustelle sein zu können. Dass sich ihr Vorhaben als Fulltime-Job entpuppt, überrascht sie. Dass sie trotzdem einen kühlen Kopf bewahrt, fast noch mehr. „Ich habe im letzten Jahr angepackt, was mir früher sogar zu zweit Angst eingejagt hätte. Ich finde, dafür kann ich mir auf die Schulter klopfen.“ Große Entscheidungen trifft sie kühn, aber die kleinen setzen ihr zu. „Wenn ich gefragt werde, ob sich eine Tür nach links oder rechts öffnen lassen soll oder die Kellertreppe neu geplant werden muss, sehne ich mich nach einer zweiten Meinung. Manchmal wäre es schön, die Dinge auf vier statt auf zwei Schultern zu verteilen. Dann denke ich: Ach, Mann, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Im April soll das Haus stehen, in dem sie dann mit Freunden in den eigenen vier Wänden gemeinsam wohnen und arbeiten wird. Sie habe keinesfalls vor, „allein in die Kiste zu fallen“. Aber eben auch nicht, deshalb stillzustehen.

Dagmar Walser auf ihrer Baustelle.

Dagmar Walser zieht im April in ihr Traumdomizil.


Bella DePaulo, Forscherin an der University of California, glaubt, dass es vielen Single-Frauen so geht. In ihrem Buch „Singled Out“ (nur auf Englisch) beklagt die Amerikanerin, dass man Alleinstehende immer noch stereotypisiert und stigmatisiert. Ihnen hinge bis heute der Ruf an, in griesgrämiger Einsamkeit zu versinken. Dabei, so DePaulos Behauptung, seien Singles oft lebenstüchtiger als Liierte. Aus ihrer jüngsten Untersuchung geht zudem hervor, dass sie selbstbestimmter, besser vernetzt und gesünder leben. Die deutsche Forscherin Julia Hahmann gibt ihr zumindest in einem Punkt recht: „Wer sich nicht auf das bürgerliche Ideal von exklusiver Zweisamkeit einlässt, gilt schnell als bindungsunfähig. Dabei pflegen Single-Frauen innige Freundschaften.“

Hahmann glaubt, dass gerade selbstbewusste Alleinstehende mit Vorurteilen konfrontiert sind. „Wenn Singles nicht dem typischen Bild à la Bridget Jones entsprechen, also ausdrücklich auf der Suche sind, verändert sich ihre Außenwirkung. Partnerschaft und Ehe sind Modelle, die gesellschaftlich und wohlfahrtsstaatlich unterstützt werden. Wer auch ohne das zurechtkommt, stellt den Lebensentwurf vieler Menschen infrage und wird von eben diesen schnell als egozentrisch, beziehungsgestört oder gar erbärmlich wahrgenommen.“

Ein Kind bekommen – dank Samenspende

Diese Erfahrung hat auch Pia Olsen gemacht. Mit 37 kann die Dänin nicht mehr ignorieren, dass der Mann, mit dem sie die letzten sechs Jahre verbracht hat, Alkoholiker ist. Die Beziehung geht in die Brüche und Pia Olsen wird klar, dass ihr wertvolle Zeit durch die Finger rinnt. „Ich wollte mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen“, sagt sie. Zähe Wochen verstreichen, in denen die Autorin und Yogalehrerin immer wieder diese Idee durchdenkt: Was, wenn ich mich für eine Samenspende entscheide? Im Gegensatz zu Deutschland sind in Dänemark Inseminationen mit Spendersamen für Single-Frauen einfacher. Kontakt zu einer Reproduktionsklinik aufzunehmen kostet Pia Olsen trotzdem Überwindung. Die 200 Euro pro Probe stellen für sie kein Problem dar, aber die jahrelange finanzielle Belastung durch ein Kind macht ihr dann doch Sorgen. Als Selbstständige ist für sie nicht immer absehbar, was am Ende jedes Monats übrig bleibt.

Die Konsequenz: Sie legt ein Jahr lang zur Seite, was sie kann. Der Plan steht, nur eine Sache will sie dem Zufall überlassen: „Die Vorstellung, mit dem Laptop auf der Couch zu sitzen und mich durch Profile zu klicken, behagte mir nicht“, sagt sie. Daher bittet sie ihre Ärzte, einen gesunden Spender für sie auszuwählen, der ihr äußerlich ähnlich ist. Letzteres ist in Dänemark Gesetz, damit sich Spenderkinder in ihrer einzigen Bezugsperson wiedererkennen und sich nicht noch mehr als Außenseiter fühlen. Nach mehreren Versuchen ist Pia Olsen schwanger. In dieser Zeit überwiegt die Dankbarkeit, trotzdem spürt sie den Schmerz, ihr Glück nicht mit jemandem teilen zu können. Der Gedanke an den fehlenden Vater ist bei Vorsorgeuntersuchungen und Schwangerschaftskursen allgegenwärtig.

Mit 40 bringt Pia Olsen eine gesunde Tochter zur Welt: Karla. Eine Freundin begleitet sie während der Geburt und in den Stunden danach. Doch dann erfasst sie Panik: „Plötzlich war mir klar, ich bin mutterseelenallein. Ich schaffe das nicht, ich brauche Hilfe.“ Die bekommt sie auch: von Freunden, ihrem Vater und dessen Partnerin. Auf andere angewiesen zu sein ist für Pia Olsen das dominierende Gefühl als alleinerziehende Mutter. Aber auch schier Übermenschliches leisten zu können und eben nicht daran zu zerbrechen. Für Dates bleibt ihr auch heute, acht Jahre später, kaum Zeit. Jemanden kennenzulernen schließt sie aber nicht aus. „Karla hat das Recht, sich einen Vater zu wünschen. Ich würde ihr diesen Wunsch gern eines Tages erfüllen.“ Ob sie anderen Frauen raten würde, es ihr nachzutun? Ja. Auch wenn zu zweit vieles einfacher ist: Ein fehlender Partner sollte Menschen nicht daran hindern, glücklich zu werden. Die 48-Jährige beschönigt nichts, verweist aber auf die Vorzüge ihrer Entscheidung. Sie habe eine besonders innige Beziehung zu ihrem Kind und allen, die sie im Single-Mom-Alltag unterstützen.

Pia Olsen mit Tochter Karla.

Pia Olsen mit Tochter Karla, 8, zu Hause in Dänemark.


Auch Julia Hahmann glaubt, dass Freundschaften traditionelle Beziehungen ergänzen oder sogar ersetzen können – und vor allem in städtischen und intellektuellen Milieus an Bedeutung gewinnen. „Seit Frauen finanziell unabhängig sind, unterzieht sich die Frage nach Partnerschaft einer neuen Logik. Immer mehr leben Gemeinsamkeit lieber in platonischen Beziehungen oder mit friends with benefits aus, als sich auf einen Partner einzulassen, der ihnen nicht guttut.“

Auswandern – ans Ende der Welt

Imogen Sexton ist dafür ein Paradebeispiel. Obwohl ihre letzte Beziehung Jahre zurück liegt, fühlt sich die 34-Jährige vom Schicksal geküsst. „Ich habe tolle Freunde, die mir das Gefühl von Geborgenheit geben und mich daran erinnern, wie viel Glück ich im Leben habe.“ Diese Freunde sind es auch, die sie 2012 zu einem großen Abenteuer ermutigen. Nach erfüllenden Jahren in einer Münchner Wohngemeinschaft packt Imogen Sexton die Koffer und wandert ans andere Ende der Welt aus: nach Wellington, Neuseeland. Von ihrer neuen Heimat verspricht sich die Finanzberaterin noch mehr Unabhängigkeit. „Neuseeländer neigen nicht dazu, andere zu verurteilen. Hier habe ich das Gefühl, in keine Richtung gedrängt zu werden.“

Der Plan geht auf, auch ohne Begleitung, ohne die sich wohl die wenigsten einen solchen Schritt zutrauen würden. „Einen Job zu finden war der schwierigste Part. Ich musste mich am Anfang als Rezeptionistin durchschlagen, aber auch diese Erfahrung war wichtig. Sie hat mir gezeigt, wozu ich in der Lage bin.“ Allein durch Wellington zu laufen und sicher sein zu können, eine Entscheidung nur für sich getroffen zu haben, erweist sich für Imogen als gutes Gefühl. Ihr Fazit: „So weit ich weiß, leben wir nur einmal.“ Und ob dieses Leben glücklich macht, hängt nicht vom Beziehungsstatus ab.

Imogen Sexton in ihrer neuen Heimat Neuseeland.

Neue Heimat am Ende der Welt: Imogen Sexton zog von München nach Wellington, Neuseeland.