Womanizer-Erfinder Michael Lenke

Auf dem Höhepunkt

Mit 22 war er Erfinder, mit 27 Millionär. Jetzt hat Michael Lenke in Niederbayern das Sexspielzeug revolutioniert: Sein „Womanizer“ ist ein weltweiter Bestseller. Wer die Qualitätskontrolle macht? Seine Frau. Ein Werkstattbesuch.

Veröffentlicht am 13.06.2017
Brigitte und Michael Lenke in ihrem Schlafzimmer.

Brigitte und Michael Lenke in ihrem Schlafzimmer.


Michael Lenke, 67

Mein Impuls beim Erfinden ist, etwas verändern zu wollen. Ich beobachte den Markt, entdecke Unstimmigkeiten und denke darüber nach, wie ich sie beheben könnte. Dabei lasse ich mich nicht davon beeinflussen, wie andere vor mir gedacht haben. Oder davon, dass mir die Materie fremd ist. Ich nähere mich dem Problem vorurteilsfrei, tastend. Ein Prozess mehrerer Monate, manchmal von Jahren. Und während ich etwas entwickle, gewittert es in meinem Kopf, so fühlt sich das an.

Am „Womanizer“ habe ich nie gezweifelt, auch wenn es ein Jahr gedauert hat, den Prototyp zu entwickeln. Ich hatte Studien gelesen, in denen stand, dass mehr als 50 Prozent der Frauen Probleme haben, zum Orgasmus zu kommen. Auf dem Markt gab es nur das Übliche, Dildos und Vibratoren, seit Jahren nichts Neues. Also habe ich mich mit der Anatomie auseinandergesetzt und mit Ärzten gesprochen und wusste bald, das Gerät sollte über Druckwellen funktionieren, berührungslos, damit kein Gewöhnungseffekt einsetzt. Und es sollte für jede Frau passen, das war mein Ziel. Brigitte musste jeden Entwurf testen, wen hätte ich sonst fragen sollen? Das Gerät sah ja nicht aus wie ein Sexspielzeug, es war eine wild verkabelte Konstruktion.

Weltweiter Erfolg

An einem Tag war es plötzlich geschafft, da sagte meine Frau: Jetzt funktioniert es wirklich gut. Sie war sich sicher, dass der „Womanizer“ weltweit einschlagen würde. Und sie hatte recht. Er hat sich hunderttausendmal verkauft. Was mich beschäftigt, ist weniger der kommerzielle Gewinn als der emotionale: Ich habe das Gefühl, Brigitte und ich können gesellschaftlich etwas bewirken: Über Dildos haben Frauen nie gesprochen, über den „Womanizer“ schon. Weil er ein Lifestyle-Produkt ist. Vielleicht können wir dazu beitragen, den Orgasmus der Frau zu enttabuisieren, ihn zu etwas Selbstverständlichem zu machen.

Wir bekommen häufig Post von glücklichen Frauen. Eine behauptet, ich hätte den Friedensnobelpreis verdient. Ich bin seit 45 Jahren im Geschäft, habe ein Erdbebenfrühwarnsystem entwickelt, die kleinste Sonnenblume der Welt gezüchtet, zehn Firmen aufgebaut – nie hat mich ein Feedback so berührt wie dieses.

Porträt Michael Lenke.

Tüftler Michael Lenke.


Brigitte Lenke, 54, die Ehefrau

Auch wenn es sonderbar klingt, unsere Sexualität ist genauso intensiv wie vor 30 Jahren. Wir sprechen über unsere Wünsche, und das ist der Schlüssel. Das beginnt im Alltag. Mein Mann liebt es zum Beispiel, wenn ich ihm über den Rücken streiche. Ich mach das gern, weil ich weiß, es wird etwas zurückkommen. Das hat etwas mit gegenseitigem Respekt zu tun, die Wünsche des anderen zu ignorieren wäre grob.

Dass wir ein symbiotisches Paar sein würden, hat sich bereits beim ersten Treffen abgezeichnet. Wir waren zum Essen verabredet und trugen die gleiche Kleidung: ausgewaschene Jeans, Stiefeletten, rotes Oberteil, schwarze Lederjacke, die 80er eben. Ich bin in seinen weißen Porsche gestiegen und habe gefragt: „War das abgesprochen?“ Im Restaurant hat er mir von seinen Erfindungen erzählt, die mich beeindruckten, klar. Ich war 24, ein Mädchen vom Land, er 37, eben aus den USA zurückgekehrt, er hatte dort eine Firma gegründet. Wir haben über seine vierjährige Tochter gesprochen, die bei ihm aufwuchs. Meine war zwei, auch ich war alleinerziehend. Wenige Monate später sind wir zusammengezogen.

„Wir sind gleichberechtigt”

Wir sind ein gleichberechtigtes Team. Ich bin keine Feministin, aber emanzipiert. Als junge Frau bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten, als Frauen Priesterinnen werden wollten und der Papst das Gesuch abtat mit den Worten: Frauen sind anders als Männer. Ungeheuerlich. Genauso schräg wie das Meeting mit zwölf Investoren, die in unsere Firma einsteigen wollten. Ich war die einzige weibliche CEO am Tisch. Es ging lange hin und her. Irgendwann verstanden sich nicht einmal mehr die Anwälte.

Da habe ich gesagt, was ich von dem verklausulierten Gerede halte, nämlich gar nichts, und dass ich gehen wolle. Plötzlich war alles einfach, die Verträge wurden schnell aufgesetzt. Die Entwicklung des „Womanizer“ hat uns Kraft gekostet. Ich hatte Sorge, wir würden uns aus den Augen verlieren, alles drehte sich um die Arbeit. Ich versuche uns daran zu erinnern, worum es uns eigentlich geht: um uns, unsere Familie. Vorletztes Jahr haben wir einen Enkel bei einem Autounfall verloren. Ich versuche es zu akzeptieren, es fällt mir schwer. Seitdem ist unsere Zeit kostbarer als je zuvor.

Porträt Brigitte Lenke.

Brigitte Lenke.


Biografien

Michael Lenke, geboren am 2. Oktober 1949 in Wasserburg, ist ausgebildeter Konstrukteur für Landmaschinentechnik. Mit 22 wurde er Erfinder, mit 27 war er Millionär. Seine Firma „Womanizer Group“ in Metten hat heute mehr als 800 Angestellte.

Brigitte Lenke, geboren am 20. Oktober 1962 in Deggendorf, arbeitete als Buchhalterin. Als sie ihren Mann vor 30 Jahren heiratete, gab sie ihren Job auf und kümmerte sich um die beiden Töchter.