Zen-Meisterin Anna Gamma

Schweigen ist Gold

Anna Gamma ist Zen-Meisterin. Sie glaubt, Antworten finde man nur in der Stille. Was man dort noch alles entdeckt und wie man mit Spiritualität und dem richtigen Atem Verspannungen löst, erklärt sie im Interview.

Veröffentlicht am 22.04.2017
Zen-Meisterin Anna Gamma.

Sitzen und atmen, das ist alles: Zen-Meisterin Anna Gamma.


Für erfolgreiche Menschen gehört es heute schon zum guten Ton, sich einen spirituellen Coach zu suchen wie die Zen-Meisterin Dr. Anna Gamma. Die 66-Jährige leitet das international renommierte Institut „Zen & Leadership“ in Luzern. Ein Interview darüber, wie man Sinn sucht – und findet.

Ihr „Spirituelles Coaching“ für 2017 ist bereits ausgebucht. Wer kommt zu Ihnen?
Mütter, Rentner, normale Angestellte – und zunehmend erfolgreiche Führungskräfte. Viele sind fest in ihren Rollenkorsetts eingezwängt. Doch ab Mitte 40, wenn sie viel erreicht haben, wächst die Unzufriedenheit. Sie hungern nach innerer Erfahrung und fragen sich: Wozu ist das alles gut? Wer bin ich eigentlich, jenseits von Titel und Leistung?

Suchen wir heute intensiver nach Sinn?
Auf jeden Fall. Institutionen wie Kirche und Parteien haben massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Wir suchen nach einer tiefen Verankerung, die unserem Handeln eine Richtung gibt. Diese innere Autorität können wir nur in der Stille gewinnen. Dort finden wir alle Antworten, die wir suchen.

Was entdecken wir in der Stille?
Den Weltinnenraum. Das ist ein Begriff von Rilke, den ich sehr schätze. Er ist größer und tiefer als der Weltaußenraum. Dort können wir die eingefahrenen Gedanken- und Gefühlsautobahnen verlassen und innere Heimat finden. Dort gibt’s auch Achttausender. Wenn man da rauf will, braucht man einen Bergführer, sprich einen spirituellen Lehrer, sonst kann es auch gefährlich werden.

Warum ausgerechnet Zen?
Zen ist die einfachste Meditationspraxis. Aber alles, was einfach ist, ist auch ganz schön schwer. Beim Zen heißt es: sitzen und atmen. Und dann geht was los. Aber erst mal denken und denken wir. Es ist erwiesen, dass uns etwa 60 000 Gedanken pro Tag durch den Kopf gehen. Dafür gibt’s im Zen einen liebevollen Ausdruck: Affengeschnatter.

Wie bringt man den Geist zur Ruhe?
Der Atem hilft uns. Es gilt, sich ihm anzuvertrauen. Ihn nicht beobachten, nicht steuern oder kontrollieren zu wollen.

Gar nicht so einfach, etwas bewusst nicht zu beobachen …
Da gibt’s eine ganz große Hilfe. Indem man „Ja!“ atmet, einfach Jaaa. Auch wenn Gefühle kommen: Ja! Wenn man dranbleibt und viel übt, werden Erinnerungsschichten freigelegt. Plötzlich merkt man: Ich bin nicht so liebevoll mit meinen Mitarbeitern umgegangen, mit meinem Kind. Oder man spürt: Ich bin voller Hass und weiß nicht warum. Beim Atmen werden Tiefenverspannungen gelöst und alte Verletzungen aus der Kindheit hochgeholt.

Klingt ziemlich aufwühlend.
Manchmal kommen Wut und Tränen mit einer solchen Wucht, dass die Leute nur noch schreien könnten. Zuweilen geschehen Heilungsprozesse in einer Woche, die wirkungsvoller sind als ein Jahr Psychotherapie.

Ein mühsamer Weg.
Natürlich braucht man viel Mut, sich all das anzuschauen, was in einem ist. Angst haben wir ja alle, wichtig ist, dass wir sie annehmen. Viele Führungskräfte haben Angst, aber lassen sie nicht zu. Weil sie Krieger sind.

Das müssen Sie uns genauer erklären.
Die meisten Männer und einige Frauen im Business-Bereich sind als Krieger unterwegs, wollen aber lieber König sein. Der Krieger rackert sich ab, er will stärker und größer sein als die anderen. Könige hingegen denken über ihr Reich hinaus und entwickeln mit der Zeit eine Zärtlichkeit und Fürsorge für die gesamte Erde. Wenn man in seine innere Königs-Autorität hineinwächst, wird man furchtlos. Ein König muss niemanden kleinmachen. Er hat Freude daran, wenn es anderen gut geht und wenn jemand etwas besser kann als er.

Wie erreicht man als Frau wahre Größe?
Viele Frauen sind als Mädchen, Verführerin, Mutter oder Amazone unterwegs. Das Mädchen ist angepasst, die Verführerin arbeitet mit Sex-Appeal, die Mutter ist beschützend und die übertrieben Männliche ist härter als jeder Mann. Die Frage ist: Wie gewinnen wir unser wahres Selbst zurück? Ich denke, indem wir Freundschaft mit uns schließen und Ja sagen zu unserem reichen inneren Potenzial. Praktizierte Spiritualität kann uns dabei unterstützen, wirklich unanbhängig zu werden.

Zum Weiterlesen: „Den eigenen Platz im Ganzen finden – Persönlichkeitsentwicklung in einer globalisierten Welt“ (Via Nova) – ein spannender Trip ins Innere.