Zufriedenheit in der Liebe

Das Gute einfach gut sein lassen

Warum wollen Frauen ihre Männer eigentlich immer verändern? Schriftstellerin Sarah Stricker hat sich Gedanken über den Optimierungswahn gemacht – und eine Erklärung gefunden.

Veröffentlicht am 13.11.2017

Sarah Stricker lebt seit acht Jahren in Tel Aviv. Ihr preisgekröntes Debüt „Fünf Kopeken“ (Eichborn) wird gerade in mehrere Sprachen übersetzt.


Es gibt eine chassidische Weisheit: „Die Suche nach dem Glück ist die Flucht vor der Zufriedenheit.“ Jetzt wäre es schön, wenn ich sagen könnte, ich hätte diesen Satz von einem alten Chassiden gehört; immerhin lebe ich in Israel an der Quelle. Tatsächlich habe ich ihn im neuen Roman von Jonathan Safran Foer gelesen – und fand ihn so gut, dass ich sofort mit jemandem darüber sprechen wollte.

Ich ging ins Schlafzimmer, wo der Mann, mit dem ich mein Leben teile, gemütlich auf seinem iPad daddelte, und las ihm die Stelle vor, beziehungsweise übersetzte sie ihm, sein Deutsch beschränkt sich weitgehend auf Koseworte. Aber der Mann schien wenig begeistert. „Na ja“, sagte er, ohne wirklich aufzuschauen. Ob er denn nicht sähe, wie viel Wahrheit darin stecke, beharrte ich, wir seien alle so damit beschäftigt, irgend welchen Idealvorstellungen hinterherzurennen, dass wir oft den Moment nicht mehr genießen könnten.

Ich griff nach dem iPad, um zu googeln, ob der Roman bereits auf Hebräisch erschienen sei. Aber der Mann sagte, er habe keine Lust auf einen 700-Seiten-Schinken – worauf ich ihm vorwarf, er sei zu wenig an Kultur interessiert, es sei eine Schande, wie wenig er lese, überhaupt würde er längst Deutsch sprechen, wenn er nicht das ganze Wochenende im Bett rumläge... und sicher wäre mir noch viel mehr eingefallen, hätte der Mann, der dann manchmal auch sehr weise ist, nicht „Oder vielleicht bin ich im Zufriedensein auch einfach besser als du“ gesagt – einen Satz, in dem, so unangenehm es mir ist, tatsächlich viel Wahrheit steckt.

Zufriedenheit kommt von Frieden, hat mit Innehalten zu tun, damit, mal keine Forderungen zu stellen, sondern das, was man hat, als genügend anzunehmen – und darin bin ich, wie so viele Frauen, nicht sonderlich begabt. Vielleicht liegt es daran, dass wir oft so früh im Leben eingetrichtert bekommen, wir selbst seien noch nicht genug, wir müssten erst ein wenig hübscher, netter, klüger werden – so früh, dass uns die Steigerungsform irgendwann zur zweiten Natur wird. Die Frauen in meinem Umfeld sind tough, selbstbewusst, erfolgreich. Und ich kenne keine, die nicht glaubt, sie müsse noch etwas härter arbeiten, sich gesünder ernähren, mehr Sport treiben. Ohne Fleiß kein Preis. Aber: Was, wenn wir irgendwann vor lauter Fleiß den Preis nicht mehr sehen? Wenn wir mit dem Kämpfen auch in der Liebe nicht aufhören können? Was, wenn wir uns eine eigentlich schöne Beziehung kaputt optimieren?

Nun würde ich als Letzte dafür plädieren, ausgerechnet in der Partnerschaft die Ansprüche zu senken. Natürlich müssen Probleme angesprochen und Dinge verbessert werden. Aber mit „besser“ ist es so eine Sache. Oft denken wir dabei weniger an das, was wir uns wünschen, als daran, was allgemein als wünschenswert gilt, wir haben eine Form von Glück vor Augen, die sich vielleicht auf dem Papier gut macht, aber überhaupt nicht zu unserem Leben passt.

Die Wahrheit ist: Ich brauche gar keinen Mann, der viel liest. Ich mag es, dass Literatur meine Domäne ist und er dafür meinen Computer einrichtet. Es gefällt mir, wenn ich kurz vom Schreibtisch aufstehe und er beim Wiederkommen „maine libe shats“ in den Text getippt hat. Und ja, ich mag es auch, wie träge er manchmal ist, gerade weil ich es nicht bin, weil ich hoffe, dass ich durch ihn ein bisschen besser darin werde, das Gute einfach mal gut sein zu lassen.

Und was sagt ein Mann dazu? Autor Michalis Pantelouris über das männliche Unvermögen, Krisen richtig einzuschätzen in "Ein Mann, ein Thema: Liebe".