Lena Hoschek im Interview Über Weiblichkeit, Coolness und Inspiration

Kurz nach der Show auf der Berlin Fashion Week haben wir die Designerin Lena Hoschek zum Interview getroffen. Mit Bauernzopf, rotem Lippenstift und tief dekolletiertem Kleid verzauberte sie alle um sich herum - und uns mit ihren Antworten auf die Fragen über Mode, Stil und Weiblichkeit

Lena Hoschek Portät quer

myself: Ihre Leidenschaft für Kleider haben Sie von Ihrer Großmutter geerbt, schließlich hat sie Ihnen das Nähen beigebracht. Definieren Sie Mode eher als Handwerk, denn als Kunst?

Lena Hoschek: Für mich ist Mode eher Handwerk, das ist definitiv die oberste Maxime von einem Kleid, einem Rock oder einem ganzen Outfit. Für viele Designer, die einen anderen Stil haben als ich, geht es um das Experiment mit der Form. Damit das Ergebnis gut wird, muss dieses Experimentieren aber immer auf einem hohen Schneiderniveau stattfinden. Man kann auch künstlerisch arbeiten und basteln, aber dann sollte man seine Kreationen nicht Mode, Couture oder sonst wie nennen. Dann ist es Kunst: Die Kleider sind oft nur für die Show gemacht, oder vielleicht für eine Ausstellung, aber nicht zum Anziehen gedacht.

Sie machen stattdessen tragbare Mode?

Auf jeden Fall, das ist mir ganz wichtig. Ich habe mich selber nie als Künstlerin verstanden, ich wollte einfach immer nur schöne Dinge machen. Ich bin ein Rundumgestalter, mir reicht es auch nicht nur einen Rock, ein Kleid oder Sonst etwas zu designen und zu verkaufen. Mir ist vor allem das ganze Rundherum wichtig, wie man wahrscheinlich sieht. Angefangen bei dem, was die Mädels bei mir in den Shops tragen, welche Musik läuft, wie es da riecht, also das Gesamtpaket. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass sich eine Marke bildet und man nicht einfach irgendein "Klamottenhersteller" bleibt.

Ihre Kleider sind immer sehr feminin, dominiert von retroinspirierten Schnitten und Formen der 40er- und 50er-Jahre. Eine Antwort auf die aktuelle Androgynität der Unisex-Jugendkultur?

Ja, wahrscheinlich meine unbewusste Antwort. Ich selber war nie androgyn, ich hatte schon als Teenager, oder auch egal in welcher Phase ich mich gerade befunden habe, nie einen minimalistischen Drang, gar nie. Und doch ist es natürlich ein Riesentrend, der vielen Leuten gut steht. Ich würde die Androgynität nicht verteufeln, aber meins ist es eben nicht. Was ich sehr schade finde, ist, dass eigentlich alle im selben Fahrwasser schwimmen und sich kaum jemand traut, so ein bisschen gegen den Strom zu schwimmen.

Und das machen Sie mit Ihrer Mode?

Ja schon, doch wirklich nur aus Leidenschaft und nicht weil ich von vornherein dagegen bin. Ich habe immer schon gewusst: Man kann in diesem Beruf nur dann wirklich Spaß haben und die viele harte Arbeit lebenslänglich durchhalten, wenn man es genauso macht, wie es einem selbst entspricht. Nur so kann das Ergebnis authentisch werden.

Oft spielen Einflüsse aus dem Bereich Fetisch eine Rolle bei Ihren Kreationen. Ein Faible, das Sie aus Ihrer Zeit bei Vivienne Westwood mitgenommen haben?

Es ist lustig, ich war ein Westwood-Fan mit 13. Damals hat sie diese historischen Kollektionen herausgebracht - mit Mini-Krinolinen und vielen Korsetts. Zu dem Zeitpunkt bin ich auf all das voll abgefahren, wahrscheinlich weil ich schon als Kind Kostümfilme geliebt habe. Wir hatten einen älteren Nachbarn und mein Bruder und ich sind immer bei ihm rumgehangen. Er war Punk, da gab es dann Musik von den Sex Pistols und Nina Hagen. Da habe ich natürlich noch nicht gewusst wer die Westwood ist. Mit 12 aber habe ich dann angefangen, regelmäßig Vogue zu lesen und mein Taschengeld für Modemagazine auszugeben. Da bin ich dann auf Westwood gestoßen - und weil sie so viele Dinge rausgebracht hat, die mir auch immer am Herzen gelegen haben, fand ich mich total in ihrer Mode wieder.

Weil ich gleich nach der Modeschule bei Vivienne ein Praktikum gemacht habe, werde ich oft angesprochen mit "Das ist jetzt aber schon ein bisschen Westwood". Sie ist natürlich eine Ikone und war schon viel länger da als ich. Aber ich glaube, dass sich immer gewisse Leute finden werden, die total gleiche Vorlieben haben. Und es gibt diese Tendenzen auch bei den modernen Designern: Da könnte man die Outfits austauschen und das würde keiner merken. Und dennoch würde niemand sagen "Hast du dich an dem orientiert?" Ich finde es toll, mit Westwood verglichen zu werden, denn ich glaube nicht, dass es bei ihr schlechte Einflüsse zu holen gäbe.

Ganz und gar nicht! Da wir gerade von Ikonen sprechen: Wer ist Ihre absolute Filmikone?

Meine absolute Filmikone ist Sophia Loren. Sie war immer eine Powerfrau. Das ist zwar ein Ausdruck, den ich überhaupt nicht leiden kann, aber es geht um die Ausstrahlung, diese Leidenschaft, das Aufbrausende. Sie ist keine hysterische Furie, wie viele es sind, die dieses Image der passionierten "Latina" verkörpern. Oft denkt man doch "Oh Gott, die wird mir jetzt zuviel". Sophia gelingt das hingegen mit Humor, mit Esprit, mit Witz – und auch mit einem unglaublichen Feingefühl. Und dann ist da natürlich das Gesicht und dieser Körper: die Oberweite und die schmale Taille. Sie ist einfach der Knaller!

Für Sie die ideale Frau?

Ja, sie ist absolut die ideale Frau!

Was ist denn das ideale Make-up zu Ihren Kleidern, die ja schon an sich sehr viel Weiblichkeit zu erzählen haben?

Ich habe auch mal Make-up-Artist gelernt - zur Überbrückung, bevor ich auf der Modeschule aufgenommen wurde. Ich hatte ein Jahr Leerlauf, als ich nicht aufgenommen wurde (also Trost an alle, die an irgendwelchen Unis nicht angenommen werden: Ich bin auch mal nicht reingekommen).

Ich habe schon immer gern meine Freundinnen geschminkt. Irgendwann als Kind erbte ich einen 80er-Jahre-Schminkkoffer von meiner großen Schwester – und Make-up war eines meiner Lieblingsspiele. Mit 13-14, als man sich dann zum Ausgehen aufgehübscht hat, ist es dann natürlich ernst geworden. Ich habe meine Freundinnen gestylt und geschminkt und wir haben natürlich alle fürchterlich ausgesehen. Das waren noch die Rave-Zeiten, in denen wir auf Clubbings gingen und Schlangenlederhosen mit farbig abgestimmtem Make-up in Blau oder Grün kombinierten … Ich finde, es gibt keine Style-Sünden, denn die größte Style-Sünde ist eigentlich, wenn man Fotos von sich aus mehreren Jahrzehnten sieht und sich nicht für sich selbst schämen kann. Das ist doch furchtbar, das ist einfach sterbenslangweilig.

Eine Frage zur aktuellen Kollektion: Die Inspiration war das Totenfest in Mexiko. Können Sie einen, zwei oder drei prägnante Sätze dazu sagen?

Ist Ihnen nicht auch aufgefallen, wie oft in der letzte Zeit von diesem Inka-Kalender gesprochen wurde? Und auch diese miese Krisenstimmung tagein, tagaus? Ich bin jemand, der sich mit dem Weltgeschehen sehr wohl beschäftigt, aber mehr im Hinterkopf. Und ich habe es so satt, ständig diese pessimistischen Nachrichten zu hören.

Aber gut, Sie wollten nur drei Sätze.  Punkt 1: Ich liebe Folklore aus aller Welt, Folklore und Volkskunst. Man kann nach Polen blicken, nach Russland, nach Mexiko oder Peru – es sind unfassbare Schätze, die man findet, Überlieferungen von Handwerk und Tradition über Tausende von Jahren. Kostümgeschichte ist mein totales Faible. Plus: Stoffprints. Plus: auch ein bisschen Rock’n’Roll. Was heißt ein bisschen - hoffentlich viel! Nette hübsche Kleidchen allein sind halt auch langweilig.

Was tragen Sie selbst?

Ich ziehe mich gern lieb und brav an und auch mal vielleicht ein Stück weit Oma. Wenn ich eine Jeansjacke anhabe, sagt mein Freund manchmal zu mir: "Du gefällst mir heute so gut. Musst du dich denn immer so anziehen, wie eine Oma?" Aber ich finde, wenn man die Attitude hat, selbst Rock’n’Roll lebt und eine coole Einstellung ohnehin hat – warum soll man sich dann noch extra cool anziehen? Zum Beispiel die Leute, die gerade überall mit diesem Rock’n’Roll- L.A.-Look rumlaufen, denen nehme ich das doch nicht ab! Das sind wahrscheinlich die Uncoolsten und hören zuhause nur Kuschelrock, am besten vielleicht noch mit einem albernen Tattoostrumpf… Wenn man cool bist, dann muss man sich nicht zwingend cool anziehen, sondern kann auch einfach viel mehr spielen. Es gehört viel Selbstbewusstsein dazu. Ich habe mich schon als Kind gern verkleidet: Sich zu inszenieren gehört ebenso dazu, wie immer mal wieder ein bisschen die Rollen zu tauschen. Man will ja nicht jeden Tag gleich aussehen.

Wo wir gerade über Folklore gesprochen haben: Das Dirndl ist bei Ihnen immer wieder ein Thema. Ende August gibt es pünktlich zur Wiesn einen Pop-up-Store von Lena Hoschek am Münchner Viktualienmarkt.

Ja, genau. Mit meinen Dirndln habe ich relativ spät begonnen. Schon für meine erste Kollektion, die sehr gemixt war, habe ich sehr viele Folklorestoffe aus Österreich verwendet. Und da ich aus der Steiermark komme, haben gleich alle gesagt, das sei so „trachtig“ was ich mache. Ich habe es immer nur als Folklore-Elemente betrachtet, doch egal wo ein Puffärmel vorkam, war‘s für die Journalisten gleich „moderne Tracht“. Deshalb habe ich angefangen,  ganz streng zu trennen und brachte eine eigene Dirndlkollektion heraus. Ich hatte eigentlich gar keine Dirndl vorher, so ein richtiges Dirndl gab es bei mir nur auf Anfrage in der Maßschneiderei.

Außer, dass Sie als Teenager eines genäht haben. Stimmt das?

Da war ich 14 Jahre alt. Es war eine Zeit, in der Dirndl überhaupt nicht gefragt waren: Die Tracht war total tot. Unsere Tante Adelheid und meine Oma hatten im Schrank schon immer alte Dirndl hängen, die ich als Kind auch schon gerne anprobiert habe. Und da gab es dieses Fest in Graz, einen karitativen Ball, bei dem der Dresscode entweder Abendgarderobe oder Tracht vorsah. Meine Freundinnen und ich haben dort Lose verkauft und ich wollte unbedingt im Dirndl gehen.

Und das war der Anlass für Ihr erstes Dirndl?

Ja, das war der Anlass, weil ich wirklich was zum Anziehen gebraucht habe. Weil mir Omas Dirndl im Schrank so gut gefallen haben, bat ich sie, mir zu zeigen, wie man eines mit der Hand verarbeitet. So entstand mein erstes Dirndl.

Ein Shopping-Tipp für die Wiesn?

Naja, es kommt drauf an. Wenn man darauf besteht, dass man viele verschiedene Dirndl im Schrank hängen hat, dann wird man wahrscheinlich zu ein paar günstigeren Modellen greifen.

Und bei Ihnen im Münchner Pop-up-Store? Was sollten wir uns dort zulegen?

Wer Tracht und die viele Handarbeit darin richtig zu schätzen weiß, kauft sich einmal im Leben ein ordentliches, schönes Dirndl, mit dem man sehr lange Freude hat. Man kann die Schürzen ja immer austauschen. Es soll vor allem halten. Und das Beste ist, es wächst mit. Wenn man mal zunimmt, dann sind noch 6 Extrazentimeter in jedem Dirndl drin. Man kann sie rauslassen und wieder enger machen, und eigentlich sind Dirndl so gedacht, dass man sie sogar vererben könnte.

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