Leseprobe "Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe" Mit Kindern lernt man, sich bei 120 dB zu entspannen

Patricia Cammarata ist Bloggerin (www.dasnuf.de) und dreifache Mutter. Am 13. August 2015 erscheint ihr Buch "Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe"(Bastei Lübbe, 8,99 Euro). Darin schreibt Patricia Cammarata sehr komisch über ihren Alltag mit Kindern. myself.de veröffentlich hier ein Kapitel - über die besten Verstecke für Mütter:

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Leseprobe: "Wellnessoase Wäschekorb"

Als ich 1999 nach Berlin kam und niemanden kannte, fühlte ich mich oft einsam. Ich saß in meiner Wohnung - ohne Radio- und Fernsehgerät, und es war sehr, sehr still. Ich versuchte also, mich möglichst oft zu verabreden, arbeitete gerne bis tief in die Nacht oder unterhielt mich mit irgendwelchen Menschen online in Chats. Ich las jede Woche zwei Bücher, und sehr gerne verstrickte ich die Nachbarn in ausufernde Gespräche.

Ich lebte allein, und es war meistens sehr ruhig. Hätte ich damals gewusst, wie ein Leben mit Kindern ist, ich hätte mich im Alleinsein gesuhlt. Ich hätte Stille getankt. Mich über jede lautlose Sekunde gefreut, wäre für jede schweigende Minute dankbar gewesen, jede lärmfreie Stunde hätte ich leise gefeiert.

Dann kamen die Kinder, und ab da war es nie wieder leise. Zum einen natürlich, weil die Kinder selbst Geräusche machen. Die Babys schreien, die Kleinkinder plappern, und die etwas größeren Kinder stellen ständig Fragen, sodass man selbst auch ununterbrochen sprechen muss. Wenn dann noch Geschwisterkinder dazukommen, wird es noch lauter. Es wird um die Wette geplappert, und der ein oder andere lautstarke Streit lässt sich auch kaum vermeiden. Dann kommen noch Freundinnen und Freunde der Kinder ins Haus, und plötzlich ist die eigene Wohnung ein Hühnerschlag. Alles gackert und flattert, und ab und zu fegt ein Fuchs durch, und alle stieben auseinander und kreischen wie verrückt.

Tatsächlich gibt es dann keinen Ort mehr, an dem man seine Ruhe hat. In den eignen vier Wänden nicht und schon gar nicht außerhalb der Wohnung. Es gibt wenig, was noch lauter ist als Eltern-Kind-Cafés oder Indoorspielplätze.

Das erste Mal, als wir uns mit Freunden in einem Indoorspielplatz verabredeten, wusste ich das noch nicht. Wir schauten die Adresse im Internet nach und fuhren mit der Tram hin. Schon gut 500 Meter vor dem Indoorspielplatz schlug uns eine unfassbare Schallwelle entgegen. So wie diese Wellen auf Hawaii, auf die Surfer monatelang warten. Die eine riesige Welle, die langsam heranrollt, sich an irgendeinem Punkt bricht und über einem zusammenfällt, wenn man kein erfahrener Surfer ist. Sie bricht sich über dem Kopf und drückt einen mit aller Gewalt auf den Boden. Man kann nicht atmen, sich nicht bewegen - man muss warten, bis sie über einen hinweggerollt ist. Danach ist man wie betäubt, und obwohl man langsam weiß, dass es vermutlich keine gute Idee ist, läuft man weiter, bis man schließlich die Tür zum Indoorspielplatz öffnet und sich die akustische (und nicht selten olfaktorische) Hölle vor einem eröffnet.

Es ist laut, es ist stickig, es ist einfach nur schrecklich, und doch geht man auf Bitten der Kinder immer wieder hin.

Am Ende des Tages wünscht man sich nur eines: Ruhe. Absolute Ruhe. Keinen Pieps. Am besten einen Raum mit schallresorbierenden Wänden, damit es nicht nur leise, sondern lautlos ist.

Aber diese Art Stille ist einem nur selten vergönnt.

Ich habe allerdings für mich eine wunderbare Entspannungsmöglichkeit gefunden, und die will ich an dieser Stelle auch anderen Eltern verraten. Spielt mit euren Kindern öfter mal Verstecken. Das ist großartig. Einmal saß ich zwanzig Minuten kichernd im Wäschekorb. Es war völlig ruhig. Durch das Bastgeflecht des Wäschekorbs strahlte die Abendsonne, und der unter mir liegende Wäscheberg war weich und kuschlig. Ich sank in die Schmutzwäsche und entspannte mich. Die Kinder irrten währenddessen durch die Wohnung. Das jüngste hatte seine Mission nach einiger Zeit völlig vergessen und fing an, mit Bausteinen zu spielen, und wenn ich nur dieses eine Kind gehabt hätte, ich hätte den ganzen Nachmittag im Wäschekorb verbringen können. Vielleicht sogar die ganze Nacht, je nachdem, ob das Kind sprachlich in der Lage gewesen wäre, dem heimkehrenden Vater abends zu berichten, dass es ursprünglich mit Mami Verstecken gespielt hatte.

Es ist übrigens ganz erstaunlich, wie viele unauffindbare Verstecke eine doch eher spartanisch eingerichtete Wohnung* bietet. Der elterliche Kleiderschrank (der praktischerweise sogar über eine Innenbeleuchtung verfügt - man muss eben nur daran denken, sich ein gutes Buch mitzunehmen), die Abstellkammer, die Lücke zwischen Sofa und Wand. Ganz hervorragend eignet sich im Winter auch der Kleiderständer. Unter den wollenen Wintermänteln stehend, habe ich schon den ein oder anderen entspannten Nachmittag verbracht. Irgendwann war ich sogar so relaxt, dass ich mir Kopfhörer und Musik mitgenommen habe und dann leise Café del Mar hörte. Das ist besser als jede teuer bezahlte Wellness-Session bei der Kosmetikerin zum Beispiel, denn die wollen ja auch immerzu sprechen.

* Zitat meiner Mutter: »Kind, brauchst du Geld für Möbel?« 

von Patricia Cammarata

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