100 Zeilen Liebe: Internet Spiderman und niesende Pandas

Vor 15 Jahren dachten wir noch, das Internet sei nur was für Computerfreaks. Heute kommen alle rein: Nackt-Radler, Betrüger, Pandabären … York Pijahn ist auf ewig dankbar

100 Zeilen Liebe 08/08 Illustration hoch

Ohne diesen Mann könnte ich niemals an der Versteigerung einer alten Sandale des Dalai Lama teilnehmen (mein letztes Online-Gebot liegt bei 19 Dollar). Ohne diesen Mann würde ich mir nie via Webcam die Strände von Puerto Rico ansehen können, wo gerade die Sonne untergeht. Ohne diesen Mann bekäme ich nicht täglich Viagra in der Familienpackung angeboten, genug, um ein Altenheim voller Koma-Patienten in eine Horde sexhungriger Toreros zu verwandeln.

Aber der Reihe nach. Der Mann, dem ich Sandale, Strand und Viagra-Mails verdanke, heißt Tim Berners-Lee, der Erfinder des Internets. Bisher hat ihm dafür niemand ein Denkmal gebaut – unfassbar. Deshalb jetzt: Sektkorken ploppt, yippee yippee yeah yiieh, thank you, Mr. Berners-Lee.

Jetzt müsste eigentlich der Abschnitt kommen, in dem ich mich vor dieser Meisterleistung in den Staub werfe und über Bits und Bytes klug daherrede – aber ich kann nicht. Und ich gestehe offen: Ich verstehe das Internet nicht. Was genau ist ein Browser? Hat mein Computer einen Server? Oder steht der im Keller der Sparkasse gegenüber? Keinen. Blassen. Schimmer. Pijahn, zero points. Und dem Internet? Ist das piepsegal. Ob man es begreift oder nicht, eine Dumpfbacke ist oder ein Genie, alle dürfen mitmachen, sofern sie nur eine Maus halten können. Jeder darf Künstler sein, im Online-Tagebuch gestehen, dass er sein Leben nicht auf die Kette bekommt, oder mit dem Gegenteil angeben. Klick. Im Internet findet man fast nie, was man gesucht hat, aber dafür eine Menge mehr. Es fühlt sich an, als sei man aus Versehen über ein langes Wochenende in ein Kaufhaus eingeschlossen worden. Ein Supermarkt mit 1000 Etagen, jede so groß wie ein Fußballfeld. Alle Sprachen werden gesprochen, überall laufen Filme, von allen Seiten wird gerufen, aus den Wänden kommt Musik und irgendwer will dauernd meine PIN-Nummer wissen. Es gibt jeden Song sofort und umsonst. Und die besten Lexika der Welt neben Videos zu jeder Sex-Variante, die Lebewesen miteinander haben können. Man kann Wildfremden in Chatrooms von seinem Liebeskummer erzählen. Man kann beichten, dass man eine Schwäche für Nackt-Radfahren hat oder behaupten, man lebe als Eskimofrau in Alaska – und nicht als Lkw-Fahrer in Paderborn. Egal, ob man eine Autobombe oder Blaubeermuffins herstellen will, für alles gibt es Rezepte und Serviervorschläge. Es ist der Himmel und es ist eine unglaubliche Neppbude. Man kann mit dem Drücken einer Taste den Songtitel "These Boots Are Made for Walkin’" in Deutsch übersetzen lassen – und sich dann freuen, dass das Lied plötzlich "Diese Aufladungen werden für das Gehen gebildet" heißt.

"Eigentlich sollte man die Präsentation vorbereiten. Stattdessen guckt man im Internet einem Pandabären zu, wie er niest und dabei nach hinten kippt"

Lassen Sie mich raten: Sie haben gerade gedacht, dass das Internet nicht gerade meine besten Seiten ans Licht bringt. Ertappt. Egal, wie sehr man sich sonst als Erwachsener verkleidet, im Internet darf man nimmersattes Kind sein. Auf Youtube Leute anschauen, die es schaffen, mit der Unterlippe die Nasenspitze zu berühren, pupsende Känguruhs oder lustige Amerikaner, die im Selbstversuch erst ein Mentos in den Mund stecken und dann Cola draufgießen – was aus dem Kopf einen Mix aus Dusche und platzendem Popcorn macht.

Klar, das kann man alles ganz fürchterlich flach finden, und das ist es vielleicht auch. Wissen Sie, was im Jahr 2002 bei Google Deutschland der am häufigsten eingegebene Begriff war? "Weltfrieden"? Nicht ganz. Sondern "Spiderman". Die Welt kann zwar so tun, aber sie wird nicht erwachsen. Und es scheint, als seien wir alle gleich. Alle wollen spielen, alle wollen unterhalten werden, alle wollen einander kennenlernen. Und da sitzt man plötzlich. Man müsste eigentlich eine Präsentation vorbereiten, ein wichtiges Briefing mailen. Stattdessen guckt man einem Pandabären im Internet zu, wie er niest und dabei nach hinten kippt. Klick. Der Rechner brummt. Man sitzt allein davor. Klick. Aber allein ist man nie.

von York Pijahn

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