Entschleunigung Ruhe bitte!

Wir sehnen uns nach Stille und buchen Schweigeseminare und Klosterurlaube. Dabei könnten wir es uns viel einfacher machen: Pssst ...

Entspannung, Wasser, Meer

Welche Bedeutung die Dinge in unserem Leben haben, lässt sich oft ganz einfach erkennen: an der Sprache. Je mehr uns etwas beschäftigt, desto mehr Möglichkeiten haben wir, es in Worte zu fassen, sagen Linguisten, und desto präziser werden wir im Beschreiben. Will man also wissen, wie es um unser Verhältnis zu Lärm und Ruhe steht, muss man nicht unbedingt Studien heranziehen, der Blick ins Wörterbuch genügt: poltern, toben, krachen, knallen, quietschen, knistern, ächzen, stöhnen, summen, rascheln … Die deutsche Sprache kennt viele Verben für Geräusche. Und für die Stille? Kennt sie so gut wie keins.

Überraschend ist das nicht. Die Welt, in der wir leben, ist laut, nach Ruhe sucht man vergebens. Frühmorgens plärrt der Radiowecker. Noch bevor man  einen Kaffee getrunken hat, bohren und hämmern sich vor dem Haus Bauarbeiter durch den Asphalt, auf dem Weg zur Arbeit klingelt unentwegt irgendein Mobiltelefon, im Büro quatschen die Kollegen, im Supermarkt nervt die musikalische Dauerberieselung, auf dem Nachhauseweg rauscht der Verkehr, und  wenn spätabends die Nachbarin nicht wieder in High Heels übers Parkett klackert, dröhnen irgendwoher laute Bässe oder Teenager kreischen auf der  Straße.

Der Lärmpegel in deutschen Städten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr als verdoppelt, sagen Wissenschaftler. Unsere Augen können wir davor verschließen, die Ohren nicht. Denn unser Gehör ist immer in Alarmbereitschaft - ein Erbe der Vergangenheit, als jedes laute Geräusch Gefahr signalisierte. Die Bedrohungen von damals, brüllende Löwen oder angreifende Stämme, existieren heute nicht mehr. Wir wissen das, nur unser Gehör nicht. Noch immer wechselt der Körper bei Lärm automatisch in den Kampfmodus: Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, der Blutdruck steigt, die Anspannung wächst. Aus dem einstigen Ausnahme- ist in unserer reizüberfluteten Gesellschaft ein Dauerzustand geworden. Und aus dem Dauerzustand wird Dauerstress.

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Jeder vierte Deutsche klagt heute über Lärmbelästigung, über Konzentrations- und Schlafstörungen. Ärzte diagnostizieren immer öfter Gehörschäden, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. "Offenbar reagieren die Deutschen besonders empfindlich auf Lärm", schreibt Sieglinde Geisel in "Nur im Weltall ist es wirklich still" (Galiani), einem klugen Buch über unser Verhältnis zu laut und leise. Ob die Autorin recht hat? Wahrscheinlich. Hätte unsere Sprache für Geräusche, die stören, sonst ein so dramatisches Wort wie Lärm? Es stammt vom italienischen all’arme ab - zu den Waffen.

Dem Kampf gegen den Lärm wollen immer mehr Menschen entkommen, nie war die Sehnsucht nach Stille größer. Die Landlust, die seit einigen Jahren die Nation erfasst hat, ist eine Folge davon. Jedes Wochenende fliehen genervte Großstädter ins Grüne. Doch wo alle sich tummeln, ist es mit der Ruhe vorbei. Und so geht die Suche weiter, in Klöstern, Meditationskursen und Schweigeseminaren, die seit Jahren enormen Zulauf haben.

Mal nichts hören, mal nichts sehen, mal mit niemandem sprechen - danach sehnte sich auch der Schriftsteller George Foy. Über seine Suche nach Stille hat der New Yorker ein Buch geschrieben: "Zero Decibels. The Quest for Absolute Silence" (auf Deutsch: "Null Dezibel. Die Suche nach absoluter  Stille"). Darin beschreibt Foy, dass er weder in der Natur noch unter Mönchen seinem Ziel näher kam. Irgendwann erreichte er es doch: in einem schalltoten Raum im US-Bundesstaat Minnesota, betrieben von der Firma Orfield Laboratories. 99,9 Prozent aller Geräusche werden in dem kleinen Studio absorbiert, laut Guinness-Buch der stillste Ort der Welt.

Foy hoffte, nun endlich das Paradies gefunden zu haben, doch der vermeintliche Traum jedes Lärmgeplagten entpuppte sich als die Hölle. In den ersten Sekunden genoss er die vollkommene Ruhe, bis sein Herz in einer nie wahrgenommenen Lautstärke zu pochen begann. Er hörte nicht nur seinen Atem, sondern auch seinen Magen, Lungenflügel und die Kopfhaut, wenn er die Stirn runzelte. Das Blut rauschte nicht in seinen Adern, es dröhnte förmlich. Hinzu kam ein Pfeifen, dessen Ursprung George Foy nicht ausmachen konnte. Irgendwann glaubte der Schriftsteller zu halluzinieren – und er war längst nicht der  Einzige. Jedem, der schon einmal in dem schalltoten Raum stand, erging es ähnlich, die meisten hielten es nur wenige Minuten aus. Dann wird die absolute  Stille unerträglich, ja fast unheimlich: ein Gefühl vollkommener Isolation, das einen auch schon überkommen kann, wenn man allein im Wald spazieren geht  und stundenlang keinem Menschen begegnet. Klingt schizophren und ist es auch - unser Verhältnis zu laut und leise.

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Das Leben beginnt mit dem Geburtsschrei und endet in Totenstille. In den Jahren dazwischen versuchen wir, uns mit der Geräuschkulisse zu arrangieren, was alles andere als einfach ist. Unsere Sinne sind durch die Dauerbeschallung so deformiert, dass sie ständig nach Ablenkung verlangen. Der Lärm stelle  für viele Menschen eine Art Glocke dar, sagt der Philosoph Wilhelm Schmid, einen "Raum der Vertrautheit, in dem sie sich geborgen fühlen". 

Doch das gilt nur, solange es uns gut geht. Wenn wir uns nachts schlaflos im Bett wälzen, weil uns die Arbeit über den Kopf wächst, es in der Beziehung nicht läuft oder finanzielle Sorgen uns zu schaffen machen, genügt das Ticken der Armbanduhr, gerade mal zwanzig Dezibel, um uns  wahnsinnig zu machen. Meeresrauschen, das bis zu 100 Dezibel laut werden kann, würde uns in der gleichen Situation wahrscheinlich beruhigen. Weil  alles, was nach Natur klingt, die Sinne beschwichtigt, mag es auch ähnlich laut wie ein Ghettoblaster sein. Das haben Studien ergeben.

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Lärm ist zwar messbar, aber vor allem eine subjektive Empfindung, die "Unruhe der Seele", schreibt Sieglinde Geisel in ihrem Buch. Was einen ähnlichen Effekt habe wie Stille, sagen Wissenschaftler, sei Meditation. Herzschlag und Blutdruck sinken, die Konzentration steigt, das Immunsystem wird gestärkt. Die negativen Auswirkungen von Dauerberieselung werden durch das Achtsamkeitstraining aufgehoben.

Nur: Meditation erfordert oft jahrelange Übung. Was also tun, wenn Handys, Autos, plappernde Nervensägen, Presslufthämmer und Düsenjets einem wieder den letzten Nerv rauben? Vielleicht muss man es machen wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Er habe immer ein Paar Ohrenstöpsel dabei, erzählte er einmal im Interview. Seine Waffe im Kampf gegen die Unruhe der Welt. Nicht von ungefähr lautet der Werbeslogan eines bekannten Herstellers "Luxus für die Ohren". Vielleicht sollte man ihn umbenennen in "Luxus für die Seele".

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