Ferdinand von Schirach Gefährliche Liebschaften

Kein Mann weiß mehr über Verbrechen, die man aus Liebe begeht. Aber nicht nur deshalb ist ein Gespräch mit Ferdinand von Schirach so aufschlussreich

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Ferdinand von Schirach empfängt im Berliner "CaféManzini" im feinen Wilmersdorf. Der Strafverteidiger und Schriftsteller wurde durch seine Krimis in der ganzen Welt bekannt. Er raucht, und natürlich trinkt so einer wie er nicht Tee, sondern Kaffee. Für einen Mann, der täglich mit Mord und Totschlag zu tun hat, hat er auffallend gute Manieren.

Durch Ihren Job erleben Sie oft, dass eine Liebesgeschichte auch mal tragisch endet, der Mann die Frau umbringt oder umgekehrt. Glaubt man da noch an die Liebe?

Natürlich.

Und? Haben Sie die für sich gefunden?

Ja.

Wie muss eine Frau sein, um Sie zu faszinieren?

Intelligent, selbstbewusst, schön. Aber das Wichtigste ist am Ende, dass sie ein großes Herz hat. Ich weiß, das klingt nicht sehr glamourös und hört sich ziemlich altmodisch an. Aber wenn Sie einen Moment über Ihr Leben nachdenken, wissen Sie, dass es stimmt.

Hat Sie der tägliche Umgang mit Verbrechern und Gewalt verändert?

Als Verteidiger kommt man Menschen sehr nah, die kurz zuvor am Abgrund standen. Man lernt mit der Zeit, dass es Menschen sind, ganz gleich wie grässlich und abscheulich ihre Taten sind.

Klingt ziemlich nüchtern. Oder sollte man sagen ernüchternd?

Ich versuche nicht zu urteilen. Das Leben ist interessanter, wenn man sich die Dinge ansieht, ohne sie gleich in Muster zu pressen. Urteile verkleinern die Welt. Oder sie machen zynisch. Gelassenheit ist mir lieber.

Wie erholt man sich von so einem Job?

Ich fahre keine Autorennen, spiele nicht Golf und mir graut vor sogenannten Strandurlauben. Ich habe keine Hobbys - allein das Wort ist schrecklich. Ich lese, schreibe oder höre Musik, das ist schon alles.

Warum finden wir Verbrechen eigentlich so faszinierend, sehen uns Thriller an und verschlingen Krimis?

Zum einen ist es nichts, was auf einem fremden Planeten spielt. Wir können das alles irgendwie verstehen. Zum anderen ist der Verbrecher freier als wir.

Inwiefern?

Wir werden ständig gedemütigt. Dauernd erklärt man uns, wo wir nicht rauchen dürfen, dass wir uns anschnallen und die Tische vor uns hochklappen müssen, in welcher Reihe wir uns anstellen sollen. Wir müssen tausende von Verboten und Geboten beachten, ein Verbrecher tut das nicht. Ich hatte einen Mandanten, der zündete sich während einer Verhandlungspause mitten im Gerichtssaal eine Zigarette an. Der Wachmann brüllte ihn an: "Machen Sie die sofort aus." Mein Mandant lehnte sich zurück und sagte: "Was wollen Sie denn machen? Mich verhaften?" Diese Freiheit hat nur der Verbrecher. Wir hätten sie gern.

Es wird ja immer behauptet, jeder sei zu einem Mord fähig. Wie sehen Sie das?

Wenn Sie eine Mörderin fragen, ob sie sich ihre Tat vor drei Monaten hätte vorstellen können, wird sie Ihnen sagen: Auf keinen Fall, unmöglich, das bin nicht ich. Das Leben hält jede Menge Überraschungen für uns bereit und wir sollten froh sein, dass wir nicht wissen, welche.

Gibt es das perfekte Verbrechen?

Es gibt eine Zahl, über die ich viel nachdenke. Es heißt, die meisten Unfälle passieren im Haushalt, auch die meisten tödlichen Unfälle. Nun ist es so, dass wir in Deutschland bei Mord eine Aufklärungsrate von 90 Prozent haben, aber natürlich nur bezogen auf erkannte Morde. Doch wenn der Mann gerade auf der Leiter steht und die Glühbirne reindreht, gibt die Frau der Leiter einen Stoß, der Mann fällt runter und bricht sich das Genick - ein Unfall im Haushalt. Oder denken Sie an die "Alpen-Scheidung": Sie fahren mit Ihrem Mann in die Berge. Sie gehen mit ihm ganz nach vorn, bis an den Rand des Felsens. Er schaut runter. Sie denken an Ihren Liebhaber oder an die Lebensversicherung oder an ein anderes Leben. Es ist nur ein winziger Stoß. Es wird noch nicht einmal ein Strafverfahren gegen Sie eröffnet.

Sind Frauen zu einem eiskalten Mord überhaupt fähig?

Natürlich. Frauen können über Jahre hinweg planen. In Spanien sagt man, dass Rache ein Gericht sei, das man am besten kalt genießt. Das dürfte hauptsächlich auf Frauen zutreffen.

Wenn aus Liebe Hass wird?

Nicht unbedingt Hass, oft auch etwas anderes. Ich muss ein bisschen ausholen: Sie haben sich gestern in einen neuen Mann verliebt, sind hin und weg. Sie haben ihm Ihre Telefonnummer gegeben, wachen am nächsten Morgen auf, sitzen vor dem Telefon und der Mistkerl ruft einfach nicht an. Sie sprechen mit Ihrer Freundin, sind aufgeregt und würden ihn wirklich gern anrufen, aber alle sagen, mach es nicht. Sie halten es kaum aus, dauernd schauen Sie auf Ihr Mobiltelefon. Irgendwie stehen Sie den Tag durch, aber am späten Nachmittag sind Sie mürbe geworden. Sie starren immer noch auf das Display, und obwohl Sie genau wissen, dass Sie jetzt einen Fehler machen, wählen Sie seine Nummer …

… juristisch ja kein Verbrechen.

Aber Sie tun etwas, von dem Sie wissen, dass es falsch ist. Das ist etwa ein Hunderttausendstel dessen, was Sie am Schluss zur Straftat bringt. Die Geliebtentötung ist nur die Steigerung eines Gefühls, das wir alle kennen.

Haben Frauen ihre Emotionen schlechter im Griff als Männer?

Im Gegenteil. Männer können ihre Gefühle viel schlechter kontrollieren.

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von Kristin Rübesamen

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