Kinderwunsch Warten auf das Wunder

Wie geht es einem Paar, das seit Jahren versucht, ein Kind zu kriegen? Ein Mann erzählt

Schaukel getty

Wir werden das Kind schon schaukeln? Für jedes siebte Paar in Deutschland bleibt der Traum unerfüllt

Jetzt ist die kleine Lene wieder weg. Und mit ihrem zahnlosen Dauerstrahlen und den feuchtweichen Wangenküsschen verschwindet auch das Gefühl, zumindest für ein Wochenende ein bisschen Papa gewesen zu sein.

Lenes Eltern sind alte Freunde von uns. Bei ihrer Tochter spüre ich Liebe auf den ersten Blick und kann mich umso schwerer trennen, weil ich eigentlich mein eigenes Kind im Arm halten sollte. Eigentlich. Denn obwohl Anna und ich 2010 kurz nacheinander mit einer zweiten und dritten Fehlgeburt klarkommen mussten, geben wir die Hoffnung nicht auf. Ja, sie bekommt zunächst sogar neuen Auftrieb, schließlich haben wir uns in der Uniklinik gründlich untersuchen lassen. Außer Annas leicht reduzierten Schilddrüsenwerten finden die Kinderwunsch-Profis nichts. Und so warten wir - so gelassen es eben geht – auf das Ausbleiben der Periode. 

Leider dauert das Monate. Viele Monate, in denen ich immer wieder Wut verspüre. Wut auf Politiker, die eine Sondersteuer für vermeintlich unsolidarische Fortpflanzungsverweigerer fordern. Wut auf gedankenlose Freunde, die uns im Wochentakt mit neuen Babyfotos bombardieren. Besonders bewusst wird mir meine Dünnhäutigkeit, als ein Kollege erzählt, seine Frau sei im fünften Monat – dank In-vitro-Fertilisation. Sofort lasse ich mich zu einer bösen Attacke hinreißen: "Unverantwortlich, ihr müsstet doch erst mal eure Beziehungsprobleme in den Griff kriegen." Später entschuldige ich mich. Der Kollege nickt stumm und ich schäme mich. Offenbar kann Neid sich gut hinter hochgehaltenen Idealen verstecken.

Dabei lehne ich eine künstliche Befruchtung ab, genauso wie Anna. Natürlich tickt die biologische Uhr. Bei der Einschulung wären wir weit über 40, beim Abi Mitte 50. Schon jetzt stelle ich mir die Frage, ob ich mit unserem Kind noch so herumtoben könnte, wie ich das gern täte. Dabei ist es nicht mal in Sicht! Also tun wir weiter das, worin wir inzwischen Übung haben: Wir konzentrieren uns auf das, was gut ist. Gehen in schicke Lokale, ohne dabei an überforderte Babysitter denken zu müssen. Sind abends wach genug, um Bücher zu lesen und Diskussionen jenseits von "Wie war dein Tag, Schatz?" zu führen. Fahren in Urlaub, wenn die Autobahnen frei und die Preise vernünftig sind.

Und das Wichtigste: Wir lieben uns immer noch wie beim Kennenlernen vor neun Jahren – bedingungslos und ohne Schuldzuweisungen. Trotzdem ist unsere Beziehung zweigeteilt: in die Phase vor und nach dem Eisprung. Zu Beginn des Zyklus sind wir zwar enttäuscht, weil es wieder nicht geklappt hat, zugleich können wir unser Leben erst mal ohne Einschränkung weiterführen. Die Tage um den Eisprung sind meist sehr lustvoll, danach wird es heikel. Obwohl wir eigentlich entspannt sein wollen, beginnt zwangsläufig das Hoffen und Bangen: Haben wir diesmal Glück? Hätten wir am Mittwoch nicht vielleicht doch noch mal …? Oder war’s eher zu viel? Anna fragt sich, ob sie in der Kneipe Bier trinken soll oder lieber Wasser. Tja, und wenn sie dann ihre Tage bekommt, geht alles von vorn los.

"Das aktuelle Ultraschallbild zeigt, dass der Fötus schon seit fast zwei Wochen nicht mehr gewachsen ist"

Manchmal wird dieser Kreislauf der auf- und absteigenden Hoffnung durchbrochen. Meist dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Diesmal passiert es bei einer Hochzeit. Anna fühlt sich seit dem Vortag unwohl, hat kaum Appetit, ist total schlapp. Dabei hatten wir die fruchtbaren Tage mehr oder weniger ignoriert. Am Tag der Feier macht sie einen Schwangerschaftstest: eindeutig positiv. Abends strahlen wir mit dem Brautpaar um die Wette, am nächsten Morgen kommen die Bedenken – und die Angst, dass es wieder so läuft wie bisher. Schnell machen wir einen Termin bei der Frauenärztin aus. Bei der ersten Ultraschalluntersuchung sieht man – gar nichts. Ein Schlag, auf den wir allerdings recht gefasst reagieren. Schließlich hatten wir uns ja innerlich gewappnet. Die Ärztin will aber noch nicht aufgeben und ein paar Tage später ganz sichergehen. Und plötzlich ist da ein Mini-Embryo zu sehen. Also eher ein Mini-Mini-Embryo. Aber immerhin. Die Entwicklung sollte einige Tage weiter sein, wir wissen nämlich genau, wann das Kind gezeugt wurde. "Wieso sind Sie da so sicher?", fragt die Ärztin. "Na ja, wir haben im letzten Monat nicht so oft … " Sie scheint fast empört: "Aber Sie wollen doch ein Kind!" Ja, aber wir waren viel unterwegs und wollten uns der Biologie auch nicht völlig unterwerfen. Es hat ja trotzdem geklappt.

In den folgenden Wochen erleben wir ein echtes Gefühlschaos. Zum einen sind da viele Sorgen, denn auch beim nächsten Kontrolltermin ist der Körper ein paar Millimeter zu klein (wobei das an statistischen Idealwerten gemessen wird, die nicht in jedem Fall gelten). Anna hat jetzt ein so reich gefülltes Tablettendöschen, dass man bei all den Hormon-, Mineral und Vitaminpillen glatt denken könnte, sie sei ein Pflegefall. Dabei dient alles nur der optimalen Embryonalversorgung. Die Wirkung ist auf jeden Fall gut, zumindest für uns. Hoffnung.

Doch die kann eben auch trügerisch sein, und so erleben wir ausgerechnet an Annas 36. Geburtstag einen der bittersten Momente unserer Beziehung. Das aktuelle Ultraschallbild zeigt, dass der Fötus schon seit fast zwei Wochen nicht mehr gewachsen ist. Leider hat uns der Hormoncocktail glauben lassen, dass die Schwangerschaft noch besteht. Danach das übliche Krankenhaus-Prozedere, an das ich mich gar nicht mehr erinnern mag. Scheiße.

"Klar ist auch: Jede weitere Schwangerschaft wird verdammt hart"

Seither sind einige Monate vergangen. Wir mussten keinen Schwangerschaftstest mehr machen, dabei hätte unsere Sexfrequenz die Ärztin bestimmt zufriedengestellt. Ob es eine neue Chance geben wird? Anna bezeichnet meine Haltung als "optimistisch gleichgültig". In der Tat ist ein Glas für mich grundsätzlich eher halb voll als halb leer - außerdem kann man es immer wieder nachfüllen. Noch haben wir ja viele Versuche. Klar ist auch: Jede weitere Schwangerschaft wird verdammt hart. Wir haben eine weitere Ausschabung nebst möglicher Gebärmutterschädigung hinter uns, und jünger werden wir natürlich auch nicht.

Vor ein paar Wochen träumte ich, dass Anna kurz vor der Entbindung stand. Ich wartete vor dem Kreißsaal. Sehr lange. Viel zu lange. Irgendwann kam der Arzt heraus. Seine Haltung verriet, da stimmt was nicht. "Es tut mir so leid, aber Ihre Frau …", fing er an. Mehr bekam ich nicht mit, weil ich schreiend auf ihn einprügelte. Dann schreckte ich auf, wie auch Anna, denn ich war wirklich am Brüllen. Selten hatte ich ein solches Bedürfnis gehabt, sie ganz fest an mich zu drücken.

Der Traum zeigt, was mir am meisten bedeutet. Er steht aber auch für unsere Situation, in der alles einen Preis hat. Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten: Entweder nutzen wir vom schamanischen Wunderheiler bis zur modernsten Reproduktionsmedizin alle Mittel. Damit steigern wir womöglich nur die Enttäuschungsquote und nehmen eine enorme Belastung auf uns – finanziell wie psychisch. Oder wir machen das Gegenteil und geben auf. Dann gibt es kein unnötiges Bangen mehr – aber auch keine Sehnsucht. Oder wir halten die Spannung des machtlosen Hoffens aus. Mit allen freud- und leidvollen Ausschlägen, die das mit sich bringt.

Zum Glück sind wir uns einig, dass nur die letzte Alternative infrage kommt. Wir probieren es weiter ohne Pendelschwingen und Eierstockstimulation. Wir laden immer wieder unsere Freunde ein, die fast alle Kinder haben. Wobei auch da nicht alles glattging; die Eltern von Lene hatten ebenfalls zwei Fehlschläge zu verkraften. Wenn ich mit den Kleinen im Garten bin, spüre ich Glück. Manchmal werden meine Augen ein wenig feucht. Ich möchte es trotzdem nicht missen.

von Peter Lehmann

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