Manieren Manieren, Männer!

Wo sind nur die deutschen Gentlemen geblieben? Ein Erfahrungsbericht

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Sollten Sie einen Kofferträger benötigen, stehen die Chancen in Südeuropa besser, als in Deutschland, einen geeigneten Gentleman zu finden

Vor einigen Wochen am Flughafen Florenz. Ich steige ins Taxi, während der Fahrer mühelos meine beiden Koffer verstaut. Meine Zieladresse bereitet ihm allerdings Kopfzerbrechen: "Das ist eine Einbahnstraße und wegen Bauarbeiten kann ich Sie nicht bis vor die Haustür fahren." In Gedanken an das Gepäck verziehe ich mein Gesicht. Als der "tassista" dies im Rückspiegel sieht, sagt er: "Das kriegen wir schon hin, Signorina."

O-Ton aus Florenz: "Schönen Frauen helfe ich doch gerne."

Gesagt, getan. Am Ende der Via Torta angekommen, schaut sich der Florentiner flott einmal um, legt den Rückwertsgang ein und fährt wie Schumacher zu Ferrari-Zeiten die Einbahnstraße in entgegengesetzte Richtung, bis er vor Haus Numero 4 hält. "Da sind wir!" Für dieses Manöver hat der Mann ein ordentliches Trinkgeld verdient. Das Taxometer zeigt 24 Euro. Doch bevor ich das Portemonnaie zücken kann, ist der Taxifahrer schon ausgestiegen und hält die Tür auf, um danach das Gepäck aus dem Kofferraum zu holen: "In welcher Etage wohnen Sie?" "Zweite!" erwidere ich."Okay, dann warten Sie hier am Wagen. Wenn jemand kommt, sagen Sie, dass ich sofort zurück bin," ruft der Italiener hastig, wartet, bis ich ihm die Haustür aufgeschlossen habe und bringt dann in Windeseile die Koffer nach oben. Als ich dem Gentleman anschließend 30 Euro in die Hand drücke, gibt er mir zehn zurück und verschwindet mit den Worten: "Schönen Frauen helfe ich doch gerne."

O-Ton aus München: "Das macht aber drei Euro extra."

Drei Wochen später. Zurück in München. Beim Halten vor meiner Wohnungstür - zu der man, ohne Verkehrsregeln brechen zu müssen, Zufahrt hat - frage ich freundlich: "Könnten Sie mir bitte noch kurz mit dem Gepäck helfen?" "Klar. Das macht aber drei Euro extra." Die ziehe ich dem etwa 1,85 Meter großen 90-Kilo-Mann dann einfach vom Trinkgeld ab und frage mich: Was ist nur aus den Gentlemen geworden?

Es ist die Geste, die zählt!

Wann hat Sie zum letzten Mal ein Mann mit seinem Auto zu Hause abgeholt und nach dem Rendezvous wieder zurückgebracht? Was in Italien eine Selbstverständlichkeit ist, hat in München Seltenheitswert. Die Regel sieht eher so aus: "Schau, da hinten ist ja zum Glück gleich die U-Bahn-Station. Gute Nacht!" Selbstverständlich sind wir Frauen in der Lage, selbstständig nach Hause zu finden (meine Koffer hätte ich allerdings niemals alleine hochtragen können), aber darum geht es schließlich nicht. Es ist die Geste, die zählt. Die Romantik und Ritterlichkeit, die vielen Herren abhanden gekommen ist. Selbstverständlich nicht nur in Deutschland. Auch in Paris, New York oder London musste ich mit ansehen, wie Männer die Tür vor der Nase ihrer Begleiterin zufallen ließen. Und garantiert gibt es auch jede Menge Italiener, denen es an Höflichkeit mangelt. Ich bin ihnen nur noch nie begegnet.
Sie vielleicht? Was ist Ihre Erfahrung mit den Manieren der Männer? Hatten Sie stets das Glück, an gut erzogene Gentlemen zu geraten? Haben Sie auf Reisen Unterschiede im Benehmen der Herren bemerkt? Berichten Sie uns von all den Rosenkavallieren, Rittern und Rüpeln in Ihrem Leben!

von Vanessa Schwake

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