Mehr Empathie! Mensch, ich mag dich

Mehr Mitgefühl, sich für andere interessieren: Empathie ist der Schlüssel für ein gesundes, glückliches Leben. Gerade in so bewegten Zeiten

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Es ist 7.59 Uhr und eigentlich dachte ich, den Anfang für diesen Text zu kennen. Vor zwei Stunden ist er mir eingefallen. Da war ich aufgewacht und hörte diese innere Stimme, die mich seit Tagen drängt, endlich anzufangen mit dem Schreiben. Also überlegte ich in der morgendlichen Dunkelheit, wie der Text aufgebaut sein könnte: Warum nicht mit Til Schweiger beginnen? Diesem manchmal etwas rüpeligen Schauspieler und Regisseur, der neulich auf seiner Facebook-Seite den über Flüchtlinge pöbelnden Kommentatoren ein wütendes "Ihr empathieloses Pack!" entgegengeschleudert hatte?

Dann stand ich auf, schmierte meinen drei Söhnen Himbeermarmeladenbrote für die Pause, brachte den jüngsten in die Schule und lief auf dem Heimweg einer Freundin in die Arme, mit der ich ausgemacht hatte, diese Woche Mittagessen zu gehen. Ich fing hektisch an zu reden - vielleicht doch lieber verschieben, gerade so viel los, ich muss noch dies und dann das ... Sie stand einfach da und sagte ganz ruhig: "Ach, ich weiß, wie es dir geht! Komm, lass dich mal kurz in den Arm nehmen!" Und dann drückten wir uns und lachten und ich stieg wieder auf mein Fahrrad und wusste plötzlich: Vergiss Til Schweiger. Das hier, gerade jetzt, das war, worum es geht: Empathie.

Tränen und Trost: große Momente von Empathie :

Empathie kommt vom griechischen Wort empatheia, zusammengesetzt aus en (hinein) und path (leiden, fühlen), es beschreibt ein Sich-Hineinfühlen: also intuitiv den anderen "lesen", seine Gedanken, seine Gefühle, um dann im besten Fall so zu reagieren, dass er sich verstanden fühlt. Den anderen in den Arm nehmen, mit Worten oder tatsächlich. Empathie basiert auf einer rein körperlichen, aber dafür umso faszinierenderen Reaktion, die vor mehr als zwanzig Jahren bewiesen wurde: Wenn man die Gehirne von Menschen scannt und ihnen währenddessen beispielsweise zeigt, wie einem anderen Schmerz zugefügt wird, werden die gleichen Gehirnareale aktiviert wie bei dem Leidenden selbst. Jemand schneidet sich in den Finger, man selbst zuckt zusammen. Im Film verlieren sich Liebende - und der halbe Saal weint mit. Oder das Glücksgefühl, wenn andere sich über ein Geschenk freuen.

Diese emotionale Resonanz zeigt sich schon ganz früh: Ein Baby in einer Gruppe fängt an zu weinen, alle anderen weinen mit. Aber erst mit zunehmendem Alter sind wir in der Lage, dieses Mitschwingen einzuordnen. Dann ist die zentrale Frage: Wie gehe ich mit dieser Gefühlsreaktion um? "Empathie muss man erst einmal zulassen. Wir haben ja auch Vorurteile, Einstellungen, die die Empathie verhindern oder erschweren. Und: Sie hat auch etwas mit Nähe zu tun. Wir sind empathischer unseren Freunden und unserer Familie gegenüber als fremden Menschen", sagt Jan Slaby, Philosoph an der Freien Universität Berlin, der sich seit Jahren mit den Möglichkeiten und Grenzen von Empathie beschäftigt.

99 Prozent aller Menschen, schlaue und weniger schlaue, Manager und Maler, Hipster wie Hausfrauen, sind grundsätzlich zu Empathie fähig. Aber warum ist der eine mehr, der andere weniger dazu in der Lage? Antworten konnten mehrere Studien liefern: Je gestresster sich jemand fühlt, desto weniger empathisch ist er. Und sich in andere hineinzufühlen fällt leichter, wenn man auch "achtsam gegenüber den eigenen Gefühlen ist", schreibt der Arzt und Autor Werner Bartens in seinem neuen Buch "Empathie - die Macht des Mitgefühls" (Droemer). Sein Werk ist nicht nur ein Plädoyer, sondern (siehe Untertitel) verspricht auch: "Weshalb einfühlsame Menschen gesund und glücklich sind". 

Die positiven Effekte von Mitgefühl: weniger Herzinfarkte und ein längeres Leben 

Denn Empathie tut nicht nur anderen gut, sondern auch uns selbst: geringere Anfälligkeit für Herzinfarkt, niedrigerer Blutdruck, ein längeres Leben, mehr Zufriedenheit. Das Thema Empathie boomt, allein bei Amazon gibt’s dazu 1106 Sachbuch-Treffer. Sei es der Erziehungsratgeber "Miteinander: Wie Empathie Kinder glücklich und stark macht" des Pädagogik-Papstes Jesper Juul, der darin schreibt: "In naher Zukunft werden alle erkennen, dass die Empathie die härteste und wichtigste Währung von allen ist." Oder das globalere Werk des Politikwissenschaftlers Jeremy Rifkin, der von einer "empathischen Zivilisation" träumt.

In der gerade auf Deutsch erschienenen Essaysammlung "Die Empathie-Tests" der Amerikanerin Leslie Jamison (Hanser) dreht sich alles um die eigene Empathiefähigkeit und die der anderen. Sehr erhellend ist ihre Beschreibung eines Nebenjobs, bei dem sie Medizinstudenten auf deren Empathievermögen testen soll. Dafür simuliert sie Krankheiten und schlüpft in fiktive Biografien: "Manche scheinen zu ahnen, dass Mitgefühl etwas ist, das stets auch gefährlich nah an der Kippe zur Übergriffigkeit steht. Sie drücken mir noch nicht einmal das Stethoskop auf die Haut, ohne vorher zu fragen, ob das okay sei." Die Essaysammlung wurde gefeiert für ihr großartiges Zusammenspiel von "Geist und Gefühl".

In Zeiten, in denen der Alltag immer schneller wird, sich die Anforderungen im Job verdichten und die Anzahl von Burnout-Erkrankungen steigt, der Geist also permanent gefragt ist, ist ein Plädoyer für Empathie so etwas wie der verheißungsvolle Gegenentwurf nach einem alten Prinzip: Es gibt nicht nur das eine (Geist), sondern auch das andere (Gefühl). Yin, Yang. Also mach mal langsam, spüre dich und die anderen wirklich und besinne dich dadurch auf das Wesentliche, nämlich: Mensch zu sein.

Empathie ist unser sozialer Kitt - ohne sie würde es uns nicht mehr geben 

Nur Menschen können weinen, aus Rührung, Betroffenheit, schlichter Anteilnahme. Empathie ist unser sozialer Kitt - ohne sie würde es uns nicht mehr geben. Jedes Neugeborene stirbt, wenn seine Eltern seine Bedürfnisse nicht deuten, jede Gemeinschaft zerfällt, wenn jeder nur an sich denkt. Nach Jahren der Selbstverwirklichung und der Optimierung des eigenen Ichs heißt es nun: Mitgefühl statt Kalkül, Anteilnahme statt Härte. Barack Obama ist der erste amerikanische Präsident, der mehrmals öffentlich geweint hat, beim Tod seiner Großmutter, nach dem Amoklauf an einer Grundschule mit 20 toten Kindern, und es ist ein Zeichen der Zeit, dass ihm dies weniger als Schwäche denn als Stärke ausgelegt wurde.

Die deutschen Fußballer, die im vergangenen Jahr bei der Fußball-WM im Halbfinale das Gastgeberland Brasilien mit 7:1 düpierten, trösteten nach dem Schlusspfiff die am Boden zerstörten Verlierer. Männlichkeitsrituale sahen früher anders aus. Und wer einmal im Herbst gesehen hat, mit welcher Begeisterung freiwillige Helfer Essen an Flüchtlinge verteilen und sich durch Berge von gespendeten Kleidern wühlen, um die passende Winterjacke für die Erschöpften zu finden, merkt: Das ist nicht nur reine Hilfsbereitschaft - sondern auch eine Form von echtem Mitgefühl. Das Leiden dieser Menschen lässt uns mitleiden, nicht das reine Wissen darum, sondern vor allem die Bilder, die wir davon sehen: an Land gespülte tote Kinder. Verzweifelte, ausgezehrte Frauen in Lagern. Leer blickende Männer an Bord schwankender Boote.

Ist es überhaupt möglich, seine eigenen empathischen Fähigkeiten zu vertiefen? "Weniger Stress und mehr Miteinander sowie ein paar Augenblicke Zeit, um das Fremde und Trennende abzubauen", das ist laut Werner Bartens das ganze "Rezept". Wirklich bei dem anderen sein - und nicht auf das Smartphone schielen, nicht an den Einkauf für das Abendessen denken, nicht mit den Gedanken davonfliegen. Zuhören. So, wie es die chinesische Schrift darstellt: Zeichen, die Ohren und Augen symbolisieren, dazu eine waagrechte Linie, die für Aufmerksamkeit stehen soll, und ein geschwungener Bogen und Tränen für das Herz.

Kurz nach Umarmung und Abschied von meiner Freundin sah ich auf dem Weg ins Büro zufällig eine andere Freundin an einer Ampel warten. Nach einer bitteren Scheidung und jahrelangen Geldsorgen hat sie, alleinerziehende Mutter von drei Töchtern, seit einem Monat wieder einen Job, Vollzeit, genau das, was sie immer machen wollte. "He, dich sieht man ja gar nicht mehr!", sagte ich und wollte schon weiterradeln und ein unverbindliches "Wir telefonieren mal, ja?" hinterherrufen. Aber dann stieg ich ab und fragte: "Und, wie geht es dir?" Sie erzählte, dass es in der Tat ganz schön viel sei jetzt, alles so neu, sie müsse sich erst einmal einarbeiten ... und überhaupt.

Ich schaute sie ruhig an, ihr Gesicht, ihre Mimik, und dachte: Sie sieht eigentlich nicht sehr angestrengt oder erschöpft aus. Eher erfrischt. Ihre Worte stimmen nicht überein mit ihrer Ausstrahlung. "Aber eigentlich geht’s dir gut dabei, oder?" Sie schaute kurz irritiert, legte dann ihre Hand auf meinen rechten Unterarm und sagte: "Ja, jetzt wo du es sagst - es ist auf eine gute Weise eine Herausforderung. Stimmt: Mir geht es gut." 

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