Samenspende "Ich bin das Kind eines Samenspenders"

Aus Neugier ließ sie einen Bluttest machen und fand heraus: Der Mann, den Manuela Schneider 18 Jahre für ihren Vater gehalten hat, ist gar nicht mit ihr verwandt. Wie die 30-Jährige dann ihren "richtigen" Vater fand, ist spannend wie ein Krimi

Kind eines Samenspenders Teaser quer

Es ist ein heißer Hochsommertag, als sich Manuela Schneider endlich Antwort erhofft. Auf eine Frage, die ihr Leben vor rund zwölf Jahren aus dem Lot gebracht hat. Die 30-Jährige hat ihren ganzen Mut für diesen  Schritt zusammengenommen, hat lang gezögert, die Entscheidung immer wieder aufgeschoben. Doch jetzt sitzt sie hier, im Fernsehstudio der Schweizer Sendung "Leben live", betrachtet nervös die Kamera, wartet  auf die Begrüßung der Moderatorin. Gleich würde die Schweizerin ihre Geschichte erzählen, das ganze Land bitten, ihr zu helfen bei der Suche nach einem Mann: Manuelas leiblichem Vater, der vor rund 30 Jahren ein  anonymer Samenspender war.

Manuela war 18, als sie durch einen Zufall auf das bis dahin sorgsam gehütete Geheimnis ihrer Eltern stieß. "Wir hatten im Bio-Unterricht gerade das Thema Vererbung und die einzelnen Blutgruppen durchgenommen",  erzählt die zierliche, blonde Frau. "Da ich ohnehin zum Arzt musste, ließ ich in der Praxis einen Bluttest machen – einfach aus Neugier." Das Ergebnis bekam Manuela ein paar Tage später – und es  bedeutete für sie das abrupte Ende ihrer bisher so sicher geglaubten Welt. Auf dem Formular wurde ihre Blutgruppe mit AB angegeben. Ein Irrtum, war Manuelas erster Gedanke. "Ich wusste, dass meine Mutter  Blutgruppe B und mein Vater 0 hatte. Beide gingen regelmäßig Blut spenden. Es musste ein Fehler sein."

Doch in der Praxis beharrte man darauf, korrekt gearbeitet zu haben. "Der Arzt erklärte mir, dass das Ergebnis des Tests eindeutig sei, und riet mir, dringend mit meinen Eltern zu sprechen." An die Gefühle, die sie  damals wie eine Riesenwelle überrollten, kann sie sich noch heute erinnern. "Es war eine Mischung aus Wut, Trauer, Enttäuschung, Leere und Ratlosigkeit. Ich habe sofort geahnt, dass irgendetwas mit meinem Vater  nicht stimmen konnte. Blutgruppe AB bedeutete ja, dass das B von meiner Mutter vorhanden war. Aber woher kam das A?" Am schmerzhaftesten sei aber die Erkenntnis gewesen, dass ihre Eltern sie offenbar  18 Jahre lang belogen hatten.

Manuela stellte ihre Eltern zur Rede. Beide wichen aus. Vor allem ihre Mutter versuchte, die Zweifel der Tochter zu zerstreuen. Vielleicht habe der Vater ja gar nicht Blutgruppe 0, vielleicht sei das der eigentliche  Irrtum. Doch Manuela spürte, dass man ihr etwas verheimlichte, dass die Eltern nicht ehrlich waren – und dann war da noch diese leise Stimme in ihrem Inneren, die sich immer wieder bemerkbar machte. Schon  lange hatte Manuela unter einem merkwürdigen Gefühl von Fremdheit gelitten, vor allem in der Pubertät, und geglaubt, nicht in die Familie ihres Vaters zu passen. Oft hatte sie mit ihrer Mutter darüber gesprochen  und trotzdem nie die Wahrheit erfahren.

"Am schmerzhaftesten war, dass meine Eltern mich so lange belogen hatten"

Doch jetzt wollte sie es wissen, sie ließ nicht mehr locker. Ein paar Tage nach dem ersten Gespräch mit den Eltern stellte Manuela ihre Mutter wieder zur Rede, fragte, ob sie damals fremdgegangen und von einem  anderen Mann schwanger geworden sei. Die Mutter war schockiert. "Nein, niemals", antwortete sie der aufgebrachten Tochter. "Ich habe meine Mutter angebrüllt: Wenn es kein Seitensprung war, was hast du dann gemacht? Hast du dich künstlich befruchten lassen?" Da habe sie genickt.

Manuela hatte jetzt Gewissheit, aber sie wollte mehr erfahren. Wie hieß der Mann, der ihrer Mutter die Schwangerschaft ermöglicht hatte? Wie sah er aus? Wo lebte er? Keine dieser Fragen konnte ihr die Mutter  beantworten. Nur dass er blonde Haare und blaue Augen hatte. Die Ärzte hätten damals gewollt, dass Manuela ihrem "sozialen Vater" möglichst ähnlich sehe. Nur die Blutgruppe, die hatten sie nicht berücksichtigt.

Ein Geheimnis zu lüften ist eine Sache, mit der Wahrheit zu leben eine andere. Manuela verlor mehr und mehr den Boden unter den Füßen, fühlte sich von ihren Eltern, die ihr über viele Jahre etwas so Wichtiges  wie ihre Wurzeln verschwiegen hatten, hintergangen. "Meine Mutter hat mir erzählt, dass die Ärzte ihr geraten hätten, außer mit ihrem Mann mit niemandem über die Samenspende zu sprechen. Sie hat das beherzigt und fest daran geglaubt, dass die Wahrheit nie herauskommen würde. Als es dann passierte, war sie völlig verzweifelt. Kann ich ihr da wirklich einen Vorwurf machen?"

Psychologen und Familientherapeuten wissen heute, dass es falsch ist, einem Kind seine Herkunft zu verschweigen. Das gilt für Adoptivkinder, aber auch für solche, die das Ergebnis einer künstlichen Befruchtung  sind. Erfahren sie es per Zufall, stürzt sie das in eine Identitätskrise. Die Tatsache, dass die sozialen nicht die leiblichen Eltern sind, ist für viele Jugendliche und junge Erwachsene
ein enormer Schock.

Auch Manuela stand ihren Gefühlen hilflos gegenüber. Sie trennte sich von ihrem Freund, zog bei ihren Eltern aus, schmiss die Lehre und fing ein paar Monate später eine neue Ausbildung an. "Das war eine Zeit des  Aufbruchs", sagt Manuela heute. "Ich habe mit 18 noch mal neu begonnen. Und angefangen, mein Leben zu sortieren." Der Kontakt zu den Eltern brach zwar nicht ab, doch Manuela tat sich schwer, an die alte Unbefangenheit anzuknüpfen. Sie lernte eine neue Liebe kennen, heiratete, bekam selbst zwei Kinder, ihr Leben schien wieder gefestigt.

Doch nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, Manuela war inzwischen 24, wurde das Bedürfnis, ihren leiblichen Vater kennenzulernen, immer stärker. "Bis dahin hatte ich mich damit begnügt, zu wissen, was vor meiner Geburt passiert ist, jetzt wollte ich mehr über meine Wurzeln erfahren."

Manuela informierte sich über die rechtliche Situation – und erfuhr, dass alle Unterlagen über anonyme Samenspenden nach zehn Jahren vernichtet werden. "Erst seit 2001", erzählt sie, "sind anonyme  Samenspenden in der Schweiz nicht mehr zugelassen. Wenn diese Kinder später etwas über ihren leiblichen Vater erfahren wollen, haben sie es leichter. Für alle, die wie ich in den 70er- oder 80er-Jahren geboren wurden, gilt das nicht."

"Ich habe meine Mutter angebrüllt: Wenn es kein Seitensprung war, was hast du dann gemacht? Hast du dich künstlich befruchten lassen? Da hat sie genickt"

Schließlich fand Manuela den Gynäkologen, der ihre Mutter damals behandelt hatte. "Er konnte sich an ihren Klinikaufenthalt nicht mehr erinnern. Am Ende des Gesprächs hat er mir gesagt, ich müsse es eben akzeptieren, dass ich meine Wurzeln nie finden würde." Manuela wollte sich damit nicht abfinden, forschte weiter. Wandte sich an ein Schweizer Adoptionszentrum – um zu erfahren, dass sie nicht das Recht auf eine Vaterschaftsklage und der unbekannte Vater keinerlei Pflichten ihr gegenüber habe. Vor allem keine finanziellen. Kinder, die aus einer anonymen Samenspende hervorgegangen sind, hätten keinen Anspruch auf Unterhalt und könnten auch nicht erben. "ber das wollte ich ja auch gar nicht", sagt Manuela. "Ich wollte nichts einklagen, ich wollte Informationen."

Das ist der Grund, warum sie an diesem Hochsommertag in einem kalten Fernsehstudio sitzt und hofft, die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden. Natürlich ist ihr klar, dass durch ihren TV-Auftritt alle Nachbarn, Freunde, Verwandten von der Samenspende erfahren würden. Sie nimmt das in Kauf, will nur eins: ihre Wurzeln finden.

Nach der Sendung meldet sich eine Frau bei der Redaktion, die den entscheidenden Hinweis gibt. Alles passt: die Haarfarbe, die Augen, die Blutgruppe und die Tatsache, dass dieser Mann vor rund 30 Jahren ein anonymer Samenspender war. Manuela ist glücklich, glaubt, ihren leiblichen Vater gefunden zu haben. Endlich. Doch der schickt ihr eine E-Mail, die ihr erst mal einen Dämpfer gibt. Er wolle keinen weiteren Kontakt, steht dort, das sei für alle Beteiligten das Beste. Der Mann, der mit großer Wahrscheinlichkeit ihr Vater ist, hat selbst Familie, unter anderem eine erwachsene Tochter, Manuelas Halbschwester. "Wahrscheinlich brauchen wir alle noch viel Zeit, um uns an diesen Gedanken zu gewöhnen. Ich weiß, wo seine Tochter wohnt, und vielleicht werde ich sie irgendwann einmal kennenlernen. Im Moment habe ich noch nicht den Mut dazu. Aber ich spüre, dass ich wieder Fuß fasse im Leben."

Manuela fühlt, dass sie angekommen ist. Heute ist sie alleinerziehend, sie fasst wieder Fuß, holt ihr Abitur nach, will studieren. Und ihre Mutter? Ist eine begeisterte Oma und passt auf die Enkelinnen (neun und sieben Jahre) auf, wenn Manuela in der Bücherei arbeitet.

"Einmal habe ich meine Mutter gefragt: Was war das für ein Gefühl, ein Kind von einem Mann im Bauch zu haben, den man nicht kennt? Sie antwortete, diese Frage habe sie sich nie gestellt. Inzwischen glaube ich, dass das wirklich nicht wichtig war. Entscheidend für meine Eltern war immer nur ihr Kind – ich."

von Susanne Walsleben

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