Umdenken Macht euch mal locker!

Perfektionswahn ist ja eine weibliche Krankheit. Sie grassiert meist so heftig wie die Grippe. Zeit für eine Dosis Spaß

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Kürzlich las ich einen Satz, der mich auf einen Schlag dermaßen erleichterte, dass sich meine Stirn glättete wie nach einer Überdosis Botox. Wobei ich gar nicht weiß, wie man nach einer Überdosis Botox aussieht,  weil ich ein schlimmer Angsthase bin und lieber eine Stirn wie ein Raffrollo habe, als mir jemals eine Portion Nervengift spritzen zu lassen. Der Satz kam jedenfalls von Kelly Osbourne, die innerhalb der letzten  Monate hundert Kilo oder so abgenommen haben soll, was allgemein für große Aufregung sorgte. Sie trug fliederfarbene Haare und ein Etuikleid und erklärte: "Ich möchte gar nicht die Schönste im Raum sein!" Kelly Osbourne ist weder optisch noch geistig meine Stil-Ikone, aber ihre schlichte Erkenntnis führte dazu, dass ich noch beim Lesen meinen Kiefer so locker ließ, als sei ich in der vollen Bahn mit offenem Mund eingepennt.

"Anspannung ist, wer du glaubst sein zu müssen. Entspannung ist, wer du bist."

Als ich wieder zu mir kam, wiederholte ich leise: "Ich möchte gar nicht die Schönste im Großraumwagen sein!", und trank eine Cola, die weder light noch zero noch mit Antioxidantien versetzt war. Die Welt ging nicht unter. Perfektion oder der Versuch, diese zu erreichen, ist das Gegenteil von Entspannung. Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das lautet: "Anspannung ist, wer du glaubst sein zu müssen. Entspannung ist, wer du bist." Anspannung ist immer uncool, weil sie davon ausgeht, dass etwas mit uns nicht stimmt. Dass es etwas zu optimieren gäbe. Entspannung ist immer dann, wenn man einfach nur das ist, was man ist: unperfekt. Bestes Beispiel dafür ist vielleicht Kate Moss, die in ihrer langen, großen Karriere komplett ohne den schlimmen Model-Satz auskam: "Ich trinke drei Liter Wasser am Tag!" Stattdessen trinkt sie gern mal  drei Liter Gin Tonic. Was nicht heißt, dass diese Art der Ernährung meiner Vorstellung von Schönheit entspricht, aber sie ist einfach so viel sympathischer als diese Gwyneth-Paltrow-Good-Wife-Allure. Mit wem wären wir lieber befreundet? Hmmh? Eben. Frauen, die sich alles versagen, sich täglich knechten, sehen meistens auch so aus: verspannt. Vielleicht hat man ja auch einfach nichts zu lachen, wenn man alles richtig macht, oder wie ist das, Victoria Beckham? Der Wahn, an sich arbeiten zu müssen, sich verbessern oder wenigstens in den Griff kriegen zu müssen, greift zum Jahreswechsel immer stark um sich. Ist ja auch grundsätzlich eine entzückende Idee, sich verwandeln zu wollen, eine Chance zu bekommen, um eine bessere Version von sich zu erschaffen. Nur wozu? Besser für was? Nicht genug für wen?

Selbstentwertung ist der größte Beauty-Killer

Wonach streben wir eigentlich, wenn wir nach Perfektion streben? Am Ende des Tages immer nach jemandem, der uns über den Kopf streichelt, behaupte ich. Fangen wir doch bei uns an, legen einfach die Hände in den Schoß und  lassen uns zur Abwechslung mal in Ruhe. Nein, das heißt nicht, dass wir uns Büschel unter den Achseln stehen lassen, abends mit Smoky Eyes ins Bett fallen und uns ausschließlich von Donuts ernähren sollten,  aber vielleicht heißt es das: sich nicht mehr bei jedem Blick in den Spiegel zu ermahnen. Selbstentwertung, die bei Frauen irgendwie zum guten Ton gehört, ist der größte Beauty-Killer, den man sich vorstellen  kann. Da können wir eigentlich auch gleich anfangen, Kette zu rauchen, kommt aufs selbe raus: Wenn man es lang genug macht, wird man tatsächlich alt und hässlich. 

Auch wenn ich jetzt esoterisch klinge, ich wage es trotzdem: Unser Körper ist unser Tempel, den sollten wir weder mit Dreck an den Platform-Heels noch mit Müll im Hirn verschmutzen, sondern uns jeden Tag in Demut gebeugt auf die Knie werfen und uns verdammt noch mal freuen, dass wir leben. Auch dann, wenn die Knie knubbelig oder sonst was werden. Neulich schnappte ich auf: "Gezielt über den Knien abnehmen!", nicht im Satiremagazin Titanic, sondern in einer Zeitschrift. Lieber möchte ich auf der Stelle tot umfallen, als gezielt über den Knien abnehmen zu müssen. In letzter Zeit ertappe ich mich jedoch selbst dabei, wie ich die Innenseite meiner Oberarme im Licht untersuche, manchmal winke ich sogar vor dem Spiegel, um zu überprüfen, ob was wackelt. Danach bin ich immer eine Mischung aus aggressiv und traurig, und nicht nur, weil ich trotz exzessivem Yoga keine Ärmchen aus Draht wie Sarah Jessica Parker habe, sondern weil ich mich so mies behandle. Warum zeigen wir eigentlich täglich mit dem Zeigefinger auf uns selbst, kritisieren und bewerten unsere äußere Hülle? Wir müssen nicht morgen zum Casting gehen, wir sollten uns beglückwünschen, dass wir täglich einen Tag älter werden. Ein Privileg, das nicht jeder hat.

So, und jetzt schlage ich vor, dass wir alle einen großen Schluck Champagner trinken: Auf die knubbeligen Knie!

von Susanne Kaloff

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