Ungeliebte Neuzugänge in der Familie Der Mann, den keiner mag

Kommt in den besten Familien vor: Da schleppt die Schwester einen furchtbaren Typen an. Muss man diese Kröte schlucken?

Der Mann, den keiner mag - quer

Schon bei unserer ersten Begegnung spürte ich, dass hier etwas schiefläuft. Es war der Moment, als ich an die Tür meiner Eltern klopfte. Natürlich besitze ich einen Schlüssel, aber ich benutze ihn nie. Ein Ritual. Ich liebe den Blick meines Vaters, wenn er öffnet und mich in die Arme nimmt. Sechs Monate war es her seit dem letzten Besuch. Hamburg ist schon sehr weit weg von Bayern.

Stattdessen stellte sich mir ein Typ in den Weg: groß, dünn, Ende 30, blonder Bürstenschnitt, karierte Schlappen an den Füßen. "Ach, du musst Steffi sein, die berühmte Journalistin. Alles roger in Kambodscha?", fragte er grinsend und rief nach hinten: "Besuch!" Dann sagte er in einem Ton, als würde das  alles hier ihm gehören: "Warum kommst du nicht rein? Papa ist im Garten." Ich war zu perplex, um irgendwas zu antworten, und schlängelte mich an ihm  vorbei. Ich wollte mich davon überzeugen, dass es mein Vater war, von dem er da sprach. Mein Elternhaus, meine Familie, mein Garten. Ich war nicht zu  Besuch. Ich bin hier zu Hause. "Und du?" "Ich bin Günther. Kannst aber Günni sagen, bin ja der Zukünftige deiner Schwester."

Ach. Warum wusste ich nichts davon, dass Anne heiraten will? Warum so plötzlich? Und warum diesen Typen? Unwillkürlich kam mir der Satz in den Sinn:  Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Aber stimmt das überhaupt? Natürlich hat man bei Eltern und Geschwistern keine Chance, aber die  Gestaltung der nächsten Generation, die steht ja wohl zur Debatte, oder? Und doch hatte sich plötzlich ein schwarzes Schaf unter die Herde gemischt. Die Wahl des Lebenspartners ist nun mal keine demokratische Angelegenheit, zu der jedes Clanmitglied sein Okay geben muss. Ein Ja genügt und schon  gerät die fein austarierte Familienstatik ins Wanken. Wird jemand als Bereicherung empfunden, ist es ein vergnügliches Stühlerücken. Gilt er als Eindringling, kann er ein Beben auslösen und die Harmonie dauerhaft stören. Die Diplompsychologin und Buchautorin Felicitas Heyne vergleicht das mit  einer Art culture clash: "Im Extremfall prallen zwei völlig unterschiedliche Familien, Wertsysteme, Bildungsschichten aufeinander. Im übertragenen Sinne ist  es leichter, einen Spanier oder Engländer zu integrieren als einen Asiaten."

Wir hatten es offensichtlich mit einem Kannibalen zu tun, der gleich die ganze Hand verschlang, wenn man ihm nur den kleinen Finger reichte. Denn wie  sich herausstellte, war Günni ein echter Familienmensch. So vernarrt in seine Neu-Familie, dass er seine eigene komplett verleugnete, ja regelrecht verleumdete: "Alles Aasgeier", verkündete er beim Abendbrot. Die Geschichten aus seiner schweren Jugend wurden nur übertroffen von seinen spontanen  Einzugsplänen. Man müsse doch lediglich die drei Kinderzimmer im ersten Stock (von unserem Bruder Hans, mir und Anne, die mit 25 noch immer zu Hause wohnte) zu Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer umbauen. Ein Bad gebe es ja schon. Fertig war die Einliegerwohnung. Oder, um mit Günther zu sprechen: "Fertig ist die Laube. Alles paletti mit Konfetti." Anne war begeistert. Wir schwiegen, irgendwo zwischen Fremdschämen und Schockstarre.

Doch der gute Günther hatte längst Tatsachen geschaffen. Aus meinem Zimmer schleppte er diverse Möbel, die er brauchen konnte, zu Anne rüber. Sideboard samt Fernseher, weißen Schaukelstuhl, Bücherregal. Nur geliehen, versteht sich. Ich sei ja sowieso nie da. Trotzig schob ich die Sachen zurück und beschloss, mit meiner Schwester zu reden. Anne, das Nesthäkchen, das ewige Sorgenkind. Drei abgebrochene Lehren. Unzählige Liebesdramen. Schwer vermittelbar und vorerst – überglücklich. Sie war wie beseelt von Supergünni, der sie aus ihrer Rolle als "jüngstes Schaf, das niemand ernst nimmt" befreien sollte. Kurzfassung: Er kann alles, macht alles, weiß alles besser. 14 Jahre Altersunterschied? Egal! Seine Blöde-Sprüche-Diarrhö? Bist ja nur eifersüchtig! Meine "arroganten Akademikervorurteile" interessierten sie "nicht die Bohne". Je mehr ich auf sie einredete, desto verschlossener reagierte sie.

  1. 1Der Mann, den keiner mag
  2. 2Wie geht man mit dem Neuzugang um?

von Stephanie Wondra

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