Flushing Bitte nicht schon wieder diese roten Flecken

Let’s face it: Hektische Flecken sehen unschön aus und nerven gewaltig. Sind aber längst kein Grund, zu verzweifeln - meint unsere Autorin

"Was hast du denn da?" Wenn ich für diese Frage Geld bekommen würde, hätte ich mir längst eine Hauttransplantation leisten können. Klingt übertrieben? Finde ich nicht. Oder besser gesagt: Fand ich lange nicht. Seit ich denken kann, leide ich unter flushing - roten Flecken, die sich plötzlich wie ein abstraktes Kunstwerk auf Gesicht, Hals, Dekolleté, Oberarmen und sogar dem Rücken ausbreiten und so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Die Auslöser dafür sind völlig unterschiedlich. Und manchmal ziemlich banal: ein Gläschen Wein, scharfes Essen, ein angeregtes Gespräch, ein Kuss, ein lang erwartetes Telefonat, Kaminfeuer, Bewerbungsgespräche, überheizte Umkleidekabinen, ein Lachanfall.

Was für mich immer diffus und irgendwie nicht ganz normal wirkte, lässt sich medizinisch ja erklären. "Hektische Flecken entstehen durch eine Erweiterung der kapillären Blutgefäße, die genetisch vorgegeben oder durch bestimmte Krankheiten bedingt sein kann. Alkohol und Temperaturwechsel etwa wirken blutgefäßerweiternd und damit verstärkend", sagt Dr. Hans-Ulrich Voigt, Dermatologe aus München. Am häufigsten seien allerdings psychische Ursachen. Durch starke emotionale Reize werden die Blutgefäße geweitet - und rote Flecken entstehen.

Meine Flushing-Historie begann in der fünften Klasse. Ich stand vor 25 skeptisch dreinschauenden Mitschülern, hielt mein erstes Referat und spürte, wie die Hitze in mir aufstieg. Ich rechnete mit den klassischen roten Wangen, bekam aber etwas, das irgendwie röter, vor allem fleckiger aussah. "Guck mal, wie rot die wird!" Kinder sind grausam. Ich war traumatisiert.

Zu Hause fragte ich meine Mutter um Rat - und erfuhr, dass ich aus einer Familie von Rotwerdern stamme: "Oma Helga hatte das, Opa Carl ein bisschen und Papa und ich auch. Du wirst es aller Wahrscheinlichkeit nach überleben." Ein Leben als wandelnder Feuermelder? Ich heulte. Und zwar so lange, bis mich meine Eltern zur Hautärztin begleiteten. Dort erzählte ich von meinem Problem (bekam währenddessen wieder blöde Flecken) und hoffte, dass man einen prüfenden Blick durch die Lupe werfen, kurz nicken und ein Mittelchen aufschreiben würde, das mich zu einem normalen Kind machen würde. Stattdessen lächelte mich Frau Doktor an und legte die Hände in den Schoß. "Da kann ich nichts tun. Dass deine Haut reagiert, zeigt doch nur, dass du ein empfindsamer Mensch bist. Das macht dich sympathisch."

Ein Leben als Doppelnull-Agent

Ich war zehn. Ich wollte nicht sympathisch sein, sondern möglichst unauffällig. Also verhielt ich mich von da an wie ein Doppelnull-Agent. Ich kämmte mir die Haare ins Gesicht, trug selbst im Sommer dicke Schals, sprach nicht mehr vor Gruppen - und verließ irgendwann nur noch selten das Haus. Carsten Dieme, Autor von "Angst vorm Erröten?", kennt das natürlich: "Das klingt nach einer Erythrophobie, einer krankhaften Angst vorm Erröten. Man geht davon aus, dass etwa fünf Prozent aller Deutschen betroffen sind. Diese Menschen sind davon überzeugt, dass das eigene Verhalten als ungeschickt oder peinlich beurteilt wird. Sie haben Angst, zu erröten, richten ihre ganze Aufmerksamkeit darauf und erröten dadurch nur noch öfter und stärker. Ein Angstkreislauf entsteht."

Meine erste Sitzung beim Kinderpsychologen ließ nicht lange auf sich warten und verlief ungefähr so: Er: "Warum ist es schlimm, rot zu werden?" Ich: "Weil’s peinlich ist." Er: "Was gibt dir Anlass, das zu glauben?" Ich: "Weil’s doof aussieht."

Immerhin kam ich dabei zu folgendem Schluss: Dagegen ankämpfen bringt nichts. Erwartungsangst erzeugt Spannung und Spannung erzeugt hektische Flecken. Heute erröte ich zwar immer noch so heftig wie vor zwanzig Jahren, aber immer seltener. Wahrscheinlich, weil ich erstens gelernt habe, diesen Scherz der Genetik zu akzeptieren, und zweitens weiß, wie ich mit dem Problem umzugehen habe. Neben akuten Vertuschungsmaßnahmen wie Make-up und SOS-Halstuch in der Handtasche versuche ich mich präventiv zu verhalten: Ich bin lieber zu früh als zu spät dran, um Hektik zu vermeiden, verzichte auf Alkohol und Kaffee vor wichtigen Terminen und versuche, einfach mal die Perspektive zu wechseln.

Kürzlich sah ich zum Beispiel "Menschen bei Maischberger" - und ein paar rote Flecken im Dekolleté der sonst so souverän wirkenden Moderatorin. Irgendwie sympathisch, fand ich.

von Ina Küper-Reinermann

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