Nagellack-Hype Lack & Liebe

Hoch die Fläschchen: Der Nagellack-Hype hält an. Hier kommen die neuen Farben, Maniküre-Trends plus Pflegetipps

Den muss ich haben

Die Jagd nach dem ultimativen Nagellack treibt selbst erwachsene Frauen schon mal in den Wahnsinn. myself-Autorin Julia Werner bekennt Farbe:

Die Sache mit dem Nagellack war in meiner Kindheit noch sehr übersichtlich. Es gab für mich nur zwei Arten: Alle Mütter inklusive meiner trugen den Yves-Saint-Laurent-Stil, also spitze Nägel in Knallrot zu breiten Schulterpolstern. An Supermarktkassen hingegen war der Miami-Senioren-Look angesagt: lange Plastiknägel in Neonpink. Unter diesen Bedingungen kam Nagellack für mich nicht infrage. Eine kindliche Fehleinschätzung.

Heute stehe ich stundenlang in der Parfümerie, gebeugt über zwei Rot-Tönen, und urteile mit zusammengekniffenen Augen über Blau- und Braunstich, als hinge mein Leben davon ab. In meiner Wohnung stehen ungezählte Nagellackfläschchen mehrerer Farbfamilien, nur für Männer alle gleich rot oder gleich pink oder gleich orange. Sie haben manchmal sehr viel oder sehr wenig gekostet, manche lassen sich dank Hightech-Pinsel fantastisch auftragen, andere klumpen, aber alle sind höchstens einmal benutzt. Immer wenn ich denke, ich hätte den perfekten Rot-Ton gefunden, finde ich mich kurz darauf im falschen Licht oder im falschen Kleid wieder und stelle fest: zu dunkel. Zu blau. Zu braun. Würde man alle angebrochenen und danach nie wieder angetasteten Nagellackflaschen dieser Welt zusammenkippen, es wäre ein zähflüssiger Ozean. Wie es so weit kommen konnte? Es liegt an Uma Thurman. Die tanzte 1994 in "Pulp Fiction", dem Film meiner Generation, und zwar mit schwarzrot lackierten, kurz und eckig gefeilten Nägeln. Es war "Rouge Noir",  erfunden von Heidi Morawetz für Chanel. Ein Wahnsinnslack! In ihm steckte ein ganzes Lebensgefühl. Ich rannte mit tausenden anderen von Laden zu Laden, wild entschlossen, 30 Mark Taschengeld für ein paar Milliliter Farbe auszugeben (ich war 15). Aber: "Rouge Noir" war restlos ausverkauft. Ich ließ mich also auf die Warteliste setzen – für einen Nagellack!

Der bis heute anhaltende Hype war geboren. Und Millionen Frauen kämpfen seitdem um kleine Flaschen, als gäbe es kein Morgen, während Nagellack Kreateure ständig und mit absoluter Ernsthaftigkeit die absurdesten neuen It-Farben lancieren. Das Türkis von Chanel kam nicht so gut an, was wohl daran lag, dass es zu sehr auf die mit türkisfarbenen Fäden durchzogene Jacke der damaligen Kollektion abgestimmt war. Hatte ja keiner. Die Jeansblau Varianten von Dior hingegen wurden getragen, denn kein anderes Blau glänzte nachtblauer, ohne mit Schwarz verwechselt zu werden. Der letzte wirklich erschütternde Kontrollverlust wurde aber durch "Particulière" ausgelöst, einen schlammigen Khaki-Ton, der Frauenhände in Leichenhände verwandelt. Doch dieser Ton war der Einzige, den man zu dieser Zeit tragen und ertragen konnte. Schließlich war er erstens eine Chanel-Idee, zweitens hatte es die Farbe vorher noch nie gegeben.

Es geht ja nicht nur um den richtigen Ton. Es geht um den Nagelfarben-Zeitgeist, der über uns Frauen in der Luft hängt, nicht greifbar, aber definitiv da. Sie wissen schon, es lässt sich nicht erklären, dieses Gefühl beim Blick auf die eigenen Fußnägel, dass dieses Korallenrot plötzlich irgendwie nicht mehr modern ist. Oder die Gewissheit, dass das leuchtende Pink von heute auf morgen nicht mehr zur allgemeinen Stimmungslage passt ("Riviera" von Chanel war die Farbe des letzten Spätsommers). Im Winter 2011 haben wir dann alle Kirschrot getragen, die "Nr. 01" von Yves Saint Laurent zum Beispiel oder "Pirate" von Chanel, natürlich erst gekauft, nachdem vier andere Flaschen aus dem Drogeriemarkt ausprobiert und für sinnlos befunden wurden.

Und jetzt? Sind wir längst wieder bei dunklem Bordeaux, das noch vor ein paar Monaten als altbacken gegolten hätte. Ich spüre, die Bordeaux-Töne in meiner Sammlung werden nicht die richtigen sein. Und dann wäre da ja noch das neueste Objekt der Begierde: das Trio "April" – "May" – "June". Wenn es nach Chanel geht, dann haben wir im April alle Lust auf ein helles Granatrot, im Mai steht uns der Sinn eher nach sattem Pink und im Juni geht nur ein Peach-Ton. Halt: Erinnert "May" nicht ein bisschen an "Riviera" vom letzten Jahr?

Unsinn. Das war etwas völlig anderes.

Nagellack-Hype Maniküre-Helfer
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von Julia Werner

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