80 Euro, 45 Minuten
Ich sitze auf einem Designer-Frisierstuhl. Hinter mir eine Frau mit blond gesträhnten Fusseln, an die 50 Zentimeter lange Extensions geklebt werden. Aus den Lautsprechern scheppert Kirmes-Techno. "Was darf ich für Sie tun?", fragt mein Friseur, nennen wir ihn Jonas. Statt preiszugeben, dass ich exakt weiß, was ich mag (wilde Sixties-Toupierfrisuren à la Bardot) schaue ich ahnungslos. Ich erzähle, dass ich abends zu einer Party, Motto "Glamour pur", eingeladen bin. "Was werden Sie anziehen?", fragt er. Schon mal eine Eins mit Sternchen. "Ein bodenlanges, schulterfreies Kleid." Er legt seinen Kopf schief und schlägt "was Asymmetrisches" vor. Dass "asymmetrisch" neben "frech" und "auberginefarben" zu den Wörtern zählt, die bei mir Fluchtinstinkt auslösen, scheint man mir anzusehen. Jonas disponiert um: "Oder so etwas wie Angelina Jolie bei einer Preisverleihung. Wellig, aber ganz locker zurückgesteckt." Angelina ist nicht gerade mein Stilvorbild, aber ich gebe grünes Licht. Jonas beginnt, mein Haar strähnenweise mit einem Glätteisen zu locken. Genug Zeit, ihn eingehender zu befragen. "Welche Hochsteckfrisuren sind denn gerade angesagt?" Er: "Nichts zu Perfektes. Korkenzieherlöckchen sind out." Eine halbe Stunde später nimmt "The Jolie" Gestalt an. Von vorn geht’s, aber in meinem Nacken kräuseln sich Schillerlöckchen. Und das sieht nicht "messie" aus, sondern nach Provinz. Ich versuche, zufrieden zu lächeln, blättere 80 Euro hin und gehe. Nicht zur Party, sondern ins Büro. Meine Chefin lacht laut, als sie mich sieht. Die anderen nehmen sich zumindest Bedenkzeit. "Politikerinnen-Chic", "irgendwas zwischen Barbie und Prinzessin Lillifee" und "Abi-Ball" höre ich. Ich zupfe 27 Haarnadeln vom Kopf und schüttle einmal kräftig. "Wow! Jetzt sieht’s gut aus. Hat was von Brigitte Bardot."
