Es gibt diese Momente, da ploppen Neid und Missgunst ungebremst hoch. Morgens im Bad zum Beispiel, wenn der Mann nach fünf Minuten fertig ist und sich nur kurz durch den dichten Schopf fährt. Oder beim Friseur, wenn die hübsche Person auf dem Stuhl neben mir sagt: "Bitte noch etwas ausdünnen." Aus-dün-nen! Oder hier in der Redaktion, wenn Kollegin B. ihre erdbeerblonde Mähne schüttelt. Seit ich Rattenschwänze trug, begleitet mich der Haarneid. Und der ist gewaltig – im Gegensatz zu meinen Haaren. Auch ohne nachzuzählen, bin ich mir sicher, dass ich weit weniger als die durchschnittlichen 100 000 Haare auf dem Kopf habe. Mein Zopf ist so dünn, dass ich Kinderhaargummis verwende. Über Bad Hair Days lache ich nur, ich habe Bad Hair Years hinter mir. Deshalb tut mir meine Tochter auch ein bisschen leid, sie trägt die Haare wie ich: abgezählt. Manchmal lugen zwischen den seidigen Strähnchen ihre Ohren hervor, dann könnte ich vor Rührung heulen. Und wenn ich Männer mit Mähne sehe, macht mich das erst echt wütend – diese Verschwendung! Mein Leben wäre mit doppelt so vielen Haaren jedenfalls völlig anders verlaufen. Statt stundenlang (und vergeblich) zu versuchen, mir fluffige Haarwolken zu föhnen, hätte ich Vokabeln lernen können. Mit dem gesparten Friseurgeld hätte ich längst eine Eigentumswohnung finanziert. Und bei Dates müsste ich nicht schlau tun, ich würde einfach endlose Haarsträhnen – und die Männer gleich mit – um die Finger wickeln. Ich hätte Bond-Girl werden können! Eine Afro-Mähne macht gut zehn Zentimeter größer – den Rest hätte ein wirklich guter Personal Trainer auch hingekriegt. Und wenn man bedenkt, dass die Haare einst als Sitz unserer Seele galten, ist es nur logisch, mehr davon haben zu wollen. Es hilft ja nix, ich habe mich entschlossen, Würde zu zeigen und gut frisiert (ein paar Tricks siehe rechts) zu meinen feinen Haaren zu stehen. Vielleicht hatte ich auch nur Sorge, vor lauter Ärger vorzeitig zu ergrauen.
