Harmlos oder suchtgefährdet? Das Trinken überdenken

Hier ein Glas, da ein Glas. Wer jetzt "Ist doch harmlos" denkt, dem empfehlen wir diese ernüchternde Lektüre

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Die Bahn kam zu spät, das Handy lag zu Hause. Der Geschäftspartner war sauer, das Meeting eine Katastrophe und daheim wartete dieser hässliche Brief vom Finanzamt. Ein Tag zum Umtauschen. Doch weil das nicht geht, öffnet man mal eben den Kühlschrank und schenkt sich ein Glas Grauburgunder ein. Und noch eines. Man hat es sich verdient - und es fühlt sich sehr tröstlich an. Wir sind schließlich keine verkniffenen Gesundheitsapostel, die Mineralwasser mit Sprudel schon für eine Ausschweifung halten.

Trinken gehört zum Lifestyle: In Kultserien wie "How I Met Your Mother" sind die Protagonisten praktisch dauernd am Picheln. Amy Schumer trinkt sich in "Dating Queen" durch die New Yorker Single-Bars. Und James Bond wird im neuen Film zehn Martinis runterstürzen. Keiner der Vorgänger schaffte mehr.

Alkohol ist cool. Er tröstet, belohnt, entspannt. Schließlich sind wir Lichtjahre entfernt von Süchtigen wie Jenny Elvers-Elbertzhagen. Sie hat nach eigenem Bekunden täglich konsumiert: eine Flasche Wein, eine Flasche Sekt, eine Flasche Wodka. Aber was ist eigentlich mit jemandem wie Katrin, der alten Freundin? Bis vor Kurzem kam sie mit zwei, drei Gläsern an einem Mädelsabend über die Runden. Jetzt sind es mindestens anderthalb Flaschen Wein. Auch mittags gönnt sie sich zwei Weißwein zum Essen. Wenn man ihr sagt, man mache sich Sorgen, antwortet sie: "Hast du schon mal eine geile Geschichte gehört, die mit einem Glas Milch anfängt?" Aber es sind Frauen wie Katrin, die einen ins Grübeln bringen: Trinke ich womöglich auch schon zu viel, ohne es zu wissen?

Zunächst die Fakten: "Wir haben in Deutschland 1,8 bis 2 Millionen Alkoholabhängige und fast 8 Millionen mit einem riskanten oder schädlichen Alkoholkonsum“, sagt Professor Dr. Jens Reimer, Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Als "riskant" oder "schädlich" gilt dabei eine tägliche Menge von mehr als 24 Gramm Alkohol für Männer und 12 Gramm für Frauen. Das entspricht 500 Milliliter Bier bei den Männern und 300 Milliliter bei den Frauen. Also einer Flasche Bier oder einem Glas Wein. Es genügt schon, täglich ein bisschen mehr als das zu trinken, um sein Brustkrebsrisiko zu erhöhen. Ganz zu schweigen von den optischen Folgen. Alkohol macht dick, weil er die Fettverbrennung behindert. Und er macht alt. Mit der App von changemyface.com kann man sich das am eigenen Foto ansehen.

Es betrifft die Erfolgreichen und Gestressten 

Nein, das Problem mit dem Alkohol fängt nicht erst an, wenn man morgens mit zitternden Händen am Kiosk Wodka verlangt. Im Gegenteil, es betrifft gerade die Erfolgreichen und Gestressten. Und es beginnt damit, dass es zur Gewohnheit wird, immer dann zum Glas zu greifen, wenn man sich Gutes tun, sich ablenken, entspannen, Erfolge feiern und überhaupt vom ganzen Wahnsinn runterkommen will: von Kindern, Freunden, Sport, Job. Je mehr Zeit Frauen im Büro verbringen, so eine US-Studie, umso eher laufen sie Gefahr, zu viel zu trinken.

Alkohol macht Frauen stärker zu schaffen als Männern. Der Grund: Sie haben mehr Fett und weniger Wasser im Körper. Dadurch wird der Alkohol langsamer abgebaut und kann mehr Schaden anrichten. Risiken, die man gern ausblendet. Zumal man sich meist in Kreisen bewegt, in denen ähnlich wenig oder eben viel getrunken wird. Die Sucht sucht sich ein Umfeld, das nicht meckert oder mahnt. Gelegentlich versichert man sich, dass man ja jederzeit aufhören könnte. Aber warum sollte man?

Das Perfide: Man kann sich lange vormachen, dass alles gut ist. Weil alle trinken, zu allen Gelegenheiten. Bis man trinkt, weil es ohne nicht mehr geht. Weil der Alkohol so wichtige Aufgaben übernimmt. Man ist viel lockerer mit als ohne. Weil einem der Blick auf die Scheidung, die Selbstzweifel, die Ängste ohne den Dauernebel im Kopf zu schmerzhaft erscheint. Weil das Leben sowieso jeden Dämmstoff braucht, den man bekommen kann. Und weil bald jede Zelle im Körper "Nachschub!" schreit. Dann bringt Trinken schlimmstes Unglück über Menschen, über Partner, Kinder, Eltern. "Alkohol", singt Grönemeyer in seinem berühmten Lied, "ist das Schiff, mit dem du untergehst."

Warum dieses Schiff überhaupt bestiegen wird? Warum haben die einen den Alkohol im Griff und die anderen nicht? Es ist - auch - die Genetik. "Wer Eltern oder Großeltern hat, die alkoholabhängig sind oder waren, hat ein deutlich höheres Risiko zu erkranken", sagt Jens Reimer. Bei der anderen Hälfte liegt es an äußeren Faktoren, Belastendes wie ein Todesfall etwa. In beiden Fällen kann man gegensteuern. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist (siehe Test unten) und sich Hilfe sucht. Der mutigste Schritt überhaupt.

Ja, wir trinken zu viel, zu oft, zu gedankenlos und wir lassen es auch anderen zu leicht durchgehen, wie sie ihr Leben wegspülen. Dennoch: Nicht alles ist schlecht. Laut Studien kann ein moderater Alkoholkonsum durchaus leicht positive Effekte haben, etwa bei koronaren Herzkrankheiten. Es gibt also keinen Grund, sofort die Weingläser zu verschenken. Man sollte nur öfter darüber nachdenken, weshalb man sich noch ein Glas einschenkt. Und, so empfiehlt es die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: An zwei Abenden pro Woche keinen Alkohol trinken. Damit der Körper eine Pause hat und der Kopf lernt, dass man sich auch ohne Wein entspannen und amüsieren kann. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen mal umarmt. Fühlt sich besser an als ein Pinot Grigio. Und gesünder ist es auch. 

* Haben Sie mehr als eine Frage mit Ja beantwortet, sollten Sie Ihren Alkoholkonsum kritisch hinterfragen - und ändern. Sprechen Sie mit Freunden und Ihrer Familie darüber. Es kann auch ratsam sein, einen Arzt oder eine Suchtberatungsstelle hinzuzuziehen. Adressen unter: dhs.de. 

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