Medizin gegen Erschöpfung Bloß kein' Stress

Wer am Anschlag ist, dem ist (fast) jedes Mittel recht. Immer mehr nehmen Baldrian oder Bachblüten. Nur: Hilft’s?

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Alternativmedizin

Die Anforderungen im Job steigen, der Stress nimmt zu. Wissen wir alles. Neue Zahlen liefern eine entsprechend dramatische Diagnose: Deutschland, die erschöpfte Republik. Immer mehr Leute greifen zu Anti-Stress-Mitteln. Auf die Betroffenen wartet ein gigantisches Angebot. Inzwischen kennt man eine Vielzahl von Wirkstoffen, die Anspannungen lösen, beruhigen und gegen Schlaflosigkeit helfen sollen. Zumindest versprechen das die Hersteller. Doch wie gut ist das Stressmanagement aus der Apotheke wirklich - und wann hilft was?

Pflanzliche Mittel

Baldrian, Hopfen, Johanniskraut und Lavendel sind als Entspannungshelfer die erste Wahl, vor allem bei leichten und chronischen Beschwerden. Ihre konzentrierten Extrakte bremsen nervöse Unruhe, fördern den Schlaf und bauen im Fall von Johanniskraut und Lavendel Ängste ab. Hoch dosiert toppen die nebenwirkungsarmen pflanzlichen Mittel manchmal sogar chemische Monopräparate. Die meisten Pflanzen enthalten nämlich gleich mehrere pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe - echte Multitasker also, die an verschiedenen Prozessen im Körper beteiligt sind, insbesondere am Stoffwechsel von Nervenzellen. Allerdings dauert es zwei bis vier Wochen, bis eine Wirkung spürbar ist. Phyto-Medikamente gibt es als Tabletten oder Kapseln. Am besten besorgt man sie sich im Reformhaus oder der Apotheke. Präparate aus dem Supermarkt sind meist viel zu schwach dosiert.

Baldrian
Wer nicht einschlafen kann und nervös ist, macht mit Baldrian nichts falsch. Die Tagesdosis sollte zwei bis drei Gramm getrockneter Baldrianwurzel entsprechen. Präparate aus Trockenextrakt gibt es als Dragees, Tabletten und Tinkturen (zum Beispiel Baldriparan, Euvegal, Abtei Baldrian forte). Wichtig: Weil die Reaktionsfähigkeit leiden kann, sollte man ein bis zwei Stunden nach der Einnahme lieber nicht Auto fahren.

Hopfen

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Als hoch dosiertes Monopräparat (zum Beispiel Klosterfrau Nervenruh Beruhigungs-Dragées) lindern die Extrakte aus den weiblichen Blütenständen nervöse Anspannungen - ohne müde zu machen. Mit Baldrian kombiniert ist Hopfen dagegen ein gutes Schlafmittel (zum Beispiel Baldrian-Dispert, Luvased Nacht).

Johanniskraut
Bei chronisch schlechter Stimmung kann Johanniskraut helfen. Es wirkt nicht nur bei nervöser Unruhe, sondern sogar bei leichten bis mittelschweren depressiven Störungen. Sein Inhaltsstoff Hyperforin stellt - unterstützt von anderen Pflanzenbestandteilen - das Gleichgewicht der Gehirnbotenstoffe wieder her. Die Tagesdosis sollte bei etwa 500 bis 1000 Milligramm liegen. Obwohl Johanniskraut (zum Beispiel Tetesept Johanniskraut, Neuroplant Aktiv, Laif 900 Balance) wenig Nebenwirkungen hat, kann es die Wirkung von anderen Medikamenten abschwächen. Vorher also mit einem Arzt reden.

Lavendel
Die ätherischen Öle bremsen die Ausschüttung von erregenden Botenstoffen wie Noradrenalin und Serotonin. In nervösen, ängstlichen Phasen ist Lavendel daher ein bewährtes Mittel. Laut Studien helfen Präparate wie zum Beispiel Lasea ebenso gut gegen leichte Angstzustände wie synthetische Beruhigungsmittel.

Globuli, Bachblüten, Schüßler-Salze

Sie unterdrücken die Stresssymptome nicht, sondern regulieren und gleichen aus, was im Organismus durcheinandergeraten ist. Eine weitere Gemeinsamkeit: Die Mittel werden beim Herstellen "potenziert". Das heißt, Ausgangsstoffe wie Mineralsalze oder Blütenessenzen werden schrittweise so lange verdünnt, bis sie kaum mehr vorhanden sind, um damit die Heilkraft zu steigern. Klingt seltsam - und Schulmediziner bezweifeln nach wie vor den Nutzen. Immerhin: Manchen hilft’s. Außerdem sind keine Nebenwirkungen zu befürchten; man kann sich also ganz gut selbst therapieren.

Homöopathische Mittel
Standardpräparate, etwa für Unruhe oder Schlafprobleme, exisitieren nicht. Erst nach einem eingehenden Diagnosegespräch wird die passende Arznei ausgesucht, je nach Konstitution, Persönlichkeit und Beschwerden. Es gibt allerdings auch Mittel gegen nervöse Störungen, die eine Kombination mehrerer Wirkstoffe enthalten und die die ganze Bandbreite abdecken sollen (zum Beispiel Calmvalera Hevert, Neurexan).

Bachblüten
Anhänger der Bachblütenlehre (benannt nach ihrem Erfinder, dem englischen Arzt Edward Bach) schwören auf die Blütenessenzen, um wieder in Balance zu kommen. Bei Überforderung kommt beispielsweise die Blütenessenz Elm (Ulme) zum Einsatz, bei Schlaflosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten White Chestnut (Rosskastanie) und bei Ungeduld und Nervosität Impatiens. Eine Alternative sind sogenannte Rescue-Tropfen, eine Kombination verschiedener Essenzen – eine Allzweckwaffe gegen seelische Tiefs.

Schüßler-Salze
 Laut dem Oldenburger Arzt und Homöopathen Dr. Wilhelm Schüßler (1821 bis 1898) ist bei Nervosität und Unruhe der Mineralstoffhaushalt der Zellen gestört. Homöopathisch aufbereitete Mineralsalze sollen die Selbstheilungskräfte anregen. Als Nervenmittel unter den Heilsalzen gilt Magnesium phosphoricum (Schüßler-Salz Nr. 7). Bei akutem Stress vertrauen Schüßler-Anhänger auf die "Heiße Sieben": Dazu zehn Tabletten des Salzes Nr. 7 in eine Tasse mit kochendem Wasser geben und so heiß wie möglich trinken.

Anthroposophische Medizin
Anthroposophische Ärzte sehen bei Stress den natürlichen Biorhythmus gestört. Ziel der Behandlung ist es, die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und Körper und Seele wieder in Einklang zu bringen. Das soll beispielsweise mit pflanzlichen Extrakten und homöopathischen Globuli gelingen. Die gängigsten Anti-Stress-Mittel sind Aurum metallicum (Gold), Ferrum-Quarz (Eisensalz) und Kalium phosphoricum. Eine Kombi dieser Wirkstoffe gibt es auch als homöopathisches Medikament (Neurodoron).

Synthetische Beruhigungsmittel

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Früher wurde die Arznei gegen Heuschnupfen verschrieben. Ihr Ermüdungseffekt war eine unerwünschte Begleiterscheinung, die man sich jetzt zu Nutzen macht: Neue Allergiemittel dämpfen das Nervensystem nicht mehr, und die älteren Präparate werden heute als rezeptfreie Schlafmittel verwendet. Der Griff zu sedierenden Antihistaminika ist kein Problem, wenn man stressbedingt mal ein, zwei Nächte schlecht schläft. Wird das Zeug allerdings über einen längeren Zeitraum eingenommen, wirkt es nicht mehr oder die Dosis muss stark erhöht werden - mit dem Effekt, dass man noch am nächsten Morgen extrem müde ist. Die Medikamente enthalten die Wirkstoffe Diphenhydramin (zum Beispiel in Betadorm, Dolestan, Halbmond, Hevert-Dorm, Sediat) oder Doxylamin (zum Beispiel in Schlaf Tabs Ratiopharm, Sedaplus, Valocordin-Doxylamin). Wer das tagsüber einnimmt, muss aufpassen, etwa beim Autofahren.

Verschreibungspflichtige Medikamente

Bloss kein Stress

Was der Arzt verschreibt
In extremen Stressphasen können Tranquilizer wie Valium oder Adumbran vorübergehend entlasten. Diese verschreibungspflichtigen Medikamente dämpfen und verschaffen der Psyche eine Atempause. Ihre beruhigende Wirkung beruht auf der verstärkten Ausschüttung von Gamma-Amino-Buttersäure, dem wichtigsten hemmenden Neurotransmitter, im Gehirn. Folge: Die Erregbarkeit der Nervenzellen sinkt. Nach spätestens drei Wochen sollte man solche Medikamente jedoch absetzen. Denn diese Benzodiazepine haben nicht nur schwere Nebenwirkungen wie Depressionen oder Blutdruckabfall, sie machen auch in kurzer Zeit abhängig.

Bei Schlafstörungen verschreiben Ärzte bevorzugt sogenannte Z-Präparate (Zaleplon, Zolpidem, Zopiclon). Sie wirken ähnlich, führen aber nicht so rasch in eine Sucht. Außerdem bleiben sie nur kurz im Körper, man fühlt sich tagsüber fitter. Auf sanfte Weise regulieren rezeptpflichtige Melatonin-Präparate (zum Beispiel Circadin) den Schlaf. Der Wirkstoff ahmt die Funktion des körpereigenen Botenstoffs nach, der den Schlaf-Wach-Rhythmus regelt.

Pause statt Pillen
Unabhängig von all diesen Beruhigungsmitteln - auf Dauer muss man das persönliche Stressmanagement verbessern. Yoga, Autogenes Training, Meditation … Können Sie nicht mehr hören? Wirkt aber. Nennt sich Mind-Body-Medizin und bringt das Nervensystem ins Gleichgewicht, reduziert Stresshormone wie Cortisol und senkt erhöhten Blutdruck. Es gibt keine Risiken und Nebenwirkungen, sondern nur Erfolgserlebnisse - und die bereits nach wenigen Wochen.

von Bernhard Hobelsberger

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