Warum Aufregung das Leben bereichert Wir lieben Stress!

Es gibt Menschen, die brauchen den täglichen Wahnsinn. Und Stress ist gesünder, als man denkt

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Die Lichtdesignerin Leigh Sachwitz ist auf der ganzen Welt unterwegs - ohne schlappzumachen 

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Ich kam im November 1993 mit einem One-Way-Ticket nach Berlin und war auf der Suche nach Abenteuern. In Schottland hatte ich Architektur studiert, jetzt jobbte ich ein bisschen und zog in ein besetztes Haus. Irgendwann fing ich an, in Kellern und leer stehenden Fabrikhallen Lichtinstallationen für Partys, später auch für Clubs zu gestalten, mit ausrangierten Projektoren und Lampen aus alten Ost-Beständen. Aus diesem Berliner Nach-Wende-Lebensgefühl ist meine heutige Geschäftsidee entstanden: ein Studio für Lichtdesign.

Ich habe als Ein-Frau-Unternehmen angefangen, heute beschäftige ich hier durchschnittlich zehn bis zwanzig Mitarbeiter. Ich sehe mich als jemanden, der in die Zukunft denkt, der den Überblick behält und die Gesamtidee entwickelt. Die Feinheiten überlasse ich Experten. Ich interessiere mich für zu viele unterschiedliche Dinge, um mich nur auf eine Disziplin zu beschränken. Manchmal ist der Druck sehr hoch, wie bei der Ski-WM 2011 in Deutschland. Damals haben wir für die Eröffnungsfeier die Lichteffekte entworfen. Sie wurde in 28 Länder übertragen - da muss einfach jedes Detail stimmen.

Momentan reise ich viel, noch in diesem Jahr starten verschiedene Projekte in China, New York, Sydney, Budapest, Amsterdam und Zürich. Ja, es gibt eine Menge zu tun. Manchmal jammere ich auch. Aber ehrlich gesagt will ich es gar nicht anders haben. Vor fünf Jahren wäre ich bei meinem jetzigen Pensum wahrscheinlich durchgedreht. Heute bin ich gelassener. Hat vielleicht mit der Geburt meines Sohnes zu tun. Sollte ich doch mal an meine Grenzen kommen, frage ich mich: Was ist das Schlimmste, was passieren könnte? Das spiele ich im Kopf durch und bin sofort beruhigt: weil mir klar wird, dass es kein Weltuntergang wäre. Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Und ich will weiter wachsen. 

Sarah Seeliger und Julius Bertram sind der Beweis, dass man auch als Paar ein Start-up wuppen kann 

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Sie sagt:

Ich bin keine Einzelkämpferin. Erst im Team blühe ich richtig auf. Sich gegenseitig zu immer neuen Zielen anzustacheln beflügelt mich. Wenn man dank der harten Arbeit dann auch noch Erfolg hat, bringt mir das die Energie, um weiter Vollgas zu geben. Mit Julius ist das so. Wir können gut kommunizieren und haben unterschiedliche Stärken. 

Das macht uns zu einem idealen Team, selbst wenn es mal zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Momentan haben wir zwei Start-ups, das Kinderbuch-Abo librileo.de und ein gemeinnütziges Unternehmen, das Kindern aus schwierigen Verhältnissen kostenlos Bücherboxen zur Verfügung stellt. Wir wollen etwas Sinnvolles tun. Natürlich haben wir auch private Träume, wie einen kleinen Garten in Brandenburg, aber momentan gehen unsere Firmen vor. Dafür nehmen wir auch finanzielle Einbußen in Kauf. Es mag komisch klingen, aber ich hatte die meiste Zeit meines Lebens nie negativen Stress. Jede Prüfung, jede Deadline ist für mich eine Herausforderung. Immer. Und die nehme ich gern an. Manchmal gibt es Momente, in denen ich ein schlechtes Gewissen kriege und befürchte, dass die Kinder zu kurz kommen. Aber ich habe gelernt abzuschalten. Wir haben uns zum Beispiel vorgenommen, an den Wochenenden nicht an den Job zu denken. Schaffen wir nicht immer - aber wir arbeiten dran. 

"Herausforderungen nehme ich gern an. Immer" 

Er sagt:

Als Ingenieur habe ich ständig neue Ideen. Sarah muss mich manchmal bremsen, weil ich sonst wahrscheinlich jeden Tag ein neues Start-up gründen würde. Klar, wir sitzen im Schnitt länger vor dem Computer als normale Angestellte. Dafür können wir uns aber auch die Freiheit nehmen, morgens später zu kommen oder die Kinder schon nachmittags aus der Kita zu holen. Im Job will ich tun und lassen können, was ich will. Ich mag es, wenn Dinge funktionieren und ein Plan aufgeht. Das klappt nicht immer auf Anhieb, das war auch bei uns nicht anders.

Erfolg fällt nicht vom Himmel. Wir müssen schon ganz schön rödeln. Deswegen denke ich auch nicht weiter darüber nach, ob mir vielleicht gerade alles über den Kopf zu wachsen droht. Ich arbeite es ab, Punkt für Punkt. Schließlich weiß ich, wofür ich mich anstrenge. 

Ruzica Krakan wurde quasi als Gastronomin geboren - und könnte ohne Restaurant gar nicht leben 

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Leerlauf ist für mich schwierig. Ich wurde dazu erzogen, Leistung zu bringen. Meine Eltern kamen in den 60er-Jahren aus Kroatien nach Deutschland und haben sich hier eine Existenz aufgebaut. Ich wurde praktisch in ihrem Restaurant geboren. Und ich saß bereits an meiner Doktorarbeit, als mir plötzlich klar wurde, was mir fehlte: die Gastronomie. Allein im stillen Kämmerlein zu sitzen war nichts für mich. Ich vermisste den Kontakt zu anderen Menschen, die Geräuschkulisse. Viele nervt das ständige Geschirrklirren und das Stimmengewirr der Gäste - ich brauche das.

Vier Jahre lang war ich Restaurantchefin im "Borchardt". Ganz ehrlich: Es war hardcore, aber eine gute Schule, die ich nicht missen möchte. Ich war dort für viele Angestellte verantwortlich, hatte meine Augen überall und musste mich als junge Frau gegen gestandene Kellner durchsetzen. Seit sechs Jahren führe ich meinen eigenen Laden, das "SETs" in Charlottenburg, ein modernes Kaffeehaus mit den unterschiedlichsten Gästen. Hier ist es immer laut und lebendig. Das Essen steht ruck, zuck auf dem Tisch, vor allem mittags haben die Leute nicht viel Zeit. Ich liebe es, wenn viel los ist, wenn es hektisch wird und alle gleichzeitig etwas von mir wollen.

"Ich mag es, wenn es hektisch wird" 

Manchmal kommt es zum Dominoeffekt: Es passiert ein Fehler im Service oder in der Küche, darunter leiden die nächsten zehn Bestellungen und die schlechte Stimmung überträgt sich auf alle Beteiligten. Dann muss ich Ordnung schaffen und durchaus Kritik einstecken. Manchmal gehe ich dann auch zum Gast und sage: "Sorry, aber heute herrscht hier einfach Chaos." Die Reaktionen sind immer positiv, solche Situationen kennt schließlich jeder.

Wie sehr der Laden von meiner Präsenz lebt, habe ich gelernt, als ich ein zweites Restaurant eröffnet habe. Ich arbeitete von frühmorgens bis spät in die Nacht, war nirgends richtig involviert und hatte auch noch meinen 14-jährigen Sohn zu versorgen. Das war zu viel, mein Körper streikte, weil ich ihm nicht die nötigen Ruhepausen gegönnt habe. Danach habe ich erst einmal richtig ausgeschlafen, den zweiten Laden verkauft und mir geschworen, kürzer zu treten. Wobei ich gestehen muss: Ich schmiede bereits neue Pläne. 

VIEL ZU TUN? FREUEN SIE SICH!

Bitte umdenken: fünf neue Fakten zum Thema Stress

◗ Stress beflügelt
Stress, der an negative Gefühle gekoppelt ist, wirkt belastend. Er ist aber zu Unrecht als Krankmacher verschrien. In der richtigen Dosis kann er beflügeln, das belegen neue Studien. Funktioniert allerdings nur, wenn Stress nicht zum Dauerzustand wird. Der Körper braucht Zeit, um sich zu regenerieren. 

◗ Stress macht glücklich
"Ein sinnerfülltes Leben ist ein stressreiches Leben", sagt die Psychologin Kelly McGonigal von der Stanford University. Ihre Auswertungen zeigen, dass Menschen mit einer hohen Lebenszufriedenheit gleichzeitig hohen Belastungen ausgesetzt sind. Wer hingegen wenig gefordert ist, fühle sich deutlich unglücklicher. 

◗ Stress spornt an
Mit Däumchendrehen allein hat noch niemand die Dinge vorangetrieben. Stress spornt an, macht aktiv, fördert die Konzentration. Und wer einen Sinn darin sieht, was er tut, empfindet seinen Job nicht als Zumutung, sondern als Herausforderung. 

◗ Stress macht sozial
Studien belegen, dass sich Männer und Frauen in Stresssituationen mehr um andere kümmern. Sie hören besser zu und sind eher bereit, andere zu schützen - dank des Bindungshormons Oxytocin. Die Erklärung: Eine starke Gemeinschaft steht im Notfall enger zusammen als eine Armee von Einzelkämpfern. 

◗ Stress vermeiden? Bloß nicht!
Stress gehört zum Alltag. Ausweichmanöver ergeben keinen Sinn, das kann sogar schädlich sein, ergab eine Studie der University of Texas in Austin. So könne man Jahre später mit akuten und chronischen Krankheiten wie Depressionen, Burnout und Tinnitus zu kämpfen haben. 

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Sportarten, die Stress abbauen
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Sport ist die natürlichste Medizin gegen Stress und Wut

von Protokolle Jenny Hoch

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