Nachrichten aus Syrien Abeer Pamuks Blog

Abeer Pamuk, 22, hatte ganz andere Pläne für ihr Leben: Sie wollte bei einer großen Bank oder Firma arbeiten, Menschen aus aller Welt kennenlernen. Doch dann schlugen Bomben in der Universität von Aleppo ein, an der Abeer "Englische Literatur" studierte und änderten alles. Abeers Heimatstadt Aleppo galt plötzlich als "die gefährlichste Stadt der Welt". Abeer floh in den Libanon und kam bald zurück nach Syrien mit dem Wunsch zu helfen. Für die SOS-Kinderdörfer begann Sie, Nothilfe zu leisten, arbeitete direkt mit den Menschen und wechselte anschließend in die Kommunikationsabteilung. Abeer möchte helfen mit all ihren Möglichkeiten.

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Manchmal hat Abeer Pamuk Angst, dass die Welt ihr Land vergisst. Dass Syrien zu einem weiteren Krisenherd wird, an den sich die Menschen gewöhnen. In ihrem weblog stellt Abeer Woche für Woche Kinder, junge Menschen und Familien aus Syrien vor, erzählt ihre Geschichten, die alle so eigen und besonders sind und doch eine schreckliche Gemeinsamkeit haben: Der Krieg bedroht ihr Leben Tag für Tag, er tötet und zerstört, was ihnen wichtig ist. Ihre Geschichten nicht nur zu Papier, sondern in die Herzen der Leser zu bringen, ist Abeers großer Wunsch. Und die Welt zu erinnern: Bitte vergesst uns nicht!

Abeer berichtet regelmäßig aus Syrien. Hier ihre letzte Nachricht, empfangen am 11. Mai 2016:

"Mama, antworte mir…"

Vor wenigen Wochen bin ich von Damaskus, Syrien, nach Casablanca, Marokko, gezogen, um dort weiter für die SOS-Kinderdörfer zu arbeiten - Frieden statt Krieg, ausatmen nach fünf Jahren Anspannung. Aber natürlich sorge ich mich um meine Freunde und Verwandten in Syrien. Meine Mutter arbeitet als Ärztin im Universitätskrankenhaus in Aleppo. Kürzlich wollte ich sie über "Messenger" erreichen.

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In Syrien wächst eine ganze Generation mit Angst, Zerstörung und Tod auf. Viele Kinder haben ihre Eltern verloren, eigene ihr eigenes Leben.

"Ich bin im Krankenhaus, meine Liebe ..."

Ich: "Mama…".

Mama: "..."

Ich: "Mama, antworte mir…"

Mama: "Ja, meine Liebe. Ich bin im Krankenhaus … Ein neunjähriger Junge ist zwischen meinen Händen gestorben … Seine Lungen waren außerhalb des Brustkorbs … Er hatte einen Tennisball in der einen Tasche und zehn Syrische Pfund in der anderen …"

Ich: "…"

Ich weiß noch, wie heilig uns als Kinder der Inhalt unserer Taschen war. Dies war der Platz, an dem wir die Dinge aufbewahrten, die wir am meisten liebten - damals, als der Krieg noch nicht in unser Leben getreten war; als wir morgens noch unbeschwert aufstanden, ohne dass irgendjemand Sorge hatte, dass wir am Abend vielleicht nicht mehr leben würden.

Abeer Pamuk, 11.05.2016

Kein Soldat mehr, wieder Kind

Mouhammad war 12 Jahre alt, als der Krieg begann.

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Mouhammad galt immer schon als besonders feinfühlig. Trotzdem jubelte seine Familie, als er Soldat werden wollte.

Er war der feinfühligste unter den fünf Geschwistern, eng verbunden mit seiner Mutter. Als sie sich einmal beim Geschirrspülen an einem zerbrochenen Glas schnitt, weinte er, konnte das Blut nicht sehen. So war Mouhammad.

Als er 15 wurde, entschloss er sich, Soldat zu werden. Seine drei ältesten Brüder waren bereits in der Armee, kämpften gegen das Unrecht, würden den Frieden bringen, so Mouhammads Gedanke. Und schließlich durften sie als Soldaten all die Straßen und Plätze Aleppos betreten, die gewöhnlichen Menschen verwehrt blieben, sie durften all die schönen Orte sehen, die er nicht besuchen konnte, da sie jetzt Kriegsgebiet waren. Mouhammad erinnert sich: "Ich stellte mir vor, das Syrien von früher zurückzubekommen. Meine Familie war begeistert von meinem Entschluss!"

Zu weinen wäre eine Schande gewesen

Immerhin bat der Junge darum, in der Nähe seines Elternhauses stationiert zu werden. Mouhammad: "Irgendetwas in mir sagte mir, dass ich immer noch ein Kind war."

Aber als Soldat konnte er es sich das nicht länger leisten. "Bald wurde es für mich etwas ganz Normales, Blut zu sehen. Ich musste stark sein und genauso mutig wie meine Kameraden. Zu weinen wäre eine Schande gewesen. Eine Zeit lang versuchte ich, meine Eltern und meine kleine Schwester nicht zu besuchen. Viele der anderen Soldaten hatten ihre Familien über Jahre nicht mehr gesehen, ich wollte ihnen gleich sein. Aber ich hielt das nicht durch."

Dann wurde einer von Mouhammads Kameraden schwer verletzt. Der junge Mann war 25 Jahre alt. Nachts weinte er, immer wieder wünschte er sich, noch einmal mit seiner Mutter zu sprechen. An einem Morgen starb er direkt neben Mouhammad.

In den zerstörten Häusern suchte Mouhammad nach Spuren der Menschen, die hier gewohnt hatten

Zum ersten Mal kamen dem Jungen Zweifel: "Wenn jemand mit 25 Jahren so weinte, wie könnte ich es mir dann verbieten? Schließlich war ich zehn Jahre jünger. Ich fragte mich, was ich hier eigentlich tat."

Der Zweifel ließ ihn jetzt nicht mehr los. Wenn er durch zerstörte Häuser ging, suchte er nach dem Spuren der Menschen, die hier gewohnt hatten. Hatte Mouhammad das wahre Leben bislang in seinem Einsatz als Soldat gesucht, so entdeckte er es nun in den zurückgelassenen Dingen der geflohenen Familien.

Er fand Fotos, einmal auch ein Hochzeitsalbum. Besonders berührte ihn das Bild eines lachenden Paares mit einem Baby im Arm. Anhand des Datums rechnete Mouhammad aus, dass das kleine Mädchen heute so alt sein müsste wie seine Schwester - falls es noch lebte.

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Im SOS-Kinderzentrum in Aleppo bekommen die Kinder die Möglichkeit, sich mit ganz normalen Dingen zu beschäftigen: Schreiben, ...

"Ich fragte mich, wer mir das Recht gab, einfach durch ihr Haus zu laufen. War es nicht Aufgabe der Soldaten, das Leben in die Häuser zurückzubringen? Wie konnte es dann sein, dass wir genau diese Häuser zerstörten?"

In einem anderen Haus sah Mouhammad das Foto eines Großvaters mit seinem Enkel, dessen Rahmen von einer Kugel gestreift worden war. Das Glas war zersplittert. "Ich nahm das Foto vorsichtig heraus und versteckte es hinter den Trümmern, in der Hoffnung, dass die Besitzer es, wenn sie irgendwann zurückkommen würden, finden würden. Ich dachte an all die Kugeln, die ich geschossen hatte in dem Glauben, Gutes zu tun - und wieviel Unheil ich damit angerichtet hatte. Oft stellte ich mir vor, in einem der Häuser plötzlich auf einen Soldaten der anderen Seite zu stoßen, genauso alt wie ich und so wie ich überzeugt davon, das Richtige zu tun, weil auch ihm gesagt wurde, dass dies das wahre Leben sei."

Immer verschwommener wurde der Unterschied zwischen Freund und Feind

Immer verschwommener wurde der Unterschied zwischen Freund und Feind. "Jedes einzelne Haus, das ich betrat, jede Familie, die hier gewohnt hatte, repräsentierte Syrien." Nach eineinhalb Jahren als Soldat wünschte sich Mouhammad nichts mehr, als dass jemand energisch "Stop!" sagen würde. "Hör auf! Du bist noch ein Kind!"

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... Spielen, Spaß haben oder Musik hören.

In dieser Situation kam Mouhammad zu uns. Im SOS-Kinderzentrum in Aleppo bekam er psychologische Betreuung und nach einigen Wochen entschied er sich, aus der Armee auszutreten. Mouhammad sagt: "Endlich wurde mein Gefühl bestätigt und es wurde mir wieder gestattet, mich als Kind zu fühlen, nicht als Soldat. Ich durfte mich wieder mit ganz normalen Dingen beschäftigen: Lesen, Schreiben, Spielen, Malen, Musik hören."

Seit das SOS-Kinderzentrum in Aleppo im Mai 2015 eröffnete, haben wir Tausende von Kindern und Jugendlichen unterstützt. Bei achtzig Prozent derjenigen, die regelmäßig kommen, hat sich der Gesamtzustand deutlich verbessert, auch bei Mouhammad.

Zaghaft hat der Junge damit begonnen, sich wieder ein Leben auszumalen. Sein Traum: Architektur zu studieren. Es wäre sein Weg, wieder aufzubauen, was über so viele Jahre zerstört wurde.

Abeer Pamuk, 09.03.2016

"Wäre mein Baby doch im Bauch geblieben!"

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Irgendwie schafft es Israa immer noch zu lachen - trotz Kälte, Hunger, Angst.

Seid ihr noch dabei? Oder klickt ihr inzwischen weiter, wenn ihr das Wort "Aleppo" lest? Ich könnte es euch nicht verdenken - und hoffe trotzdem so sehr, dass die Welt uns nicht abschreibt, nicht vergisst. Dass ihr Kinder wie Israa, junge Mütter wie Aysha, Großmütter wie Mouna nicht vergesst.

In den Nachrichten werden jetzt wieder neue grausame Gefechte gemeldet, wieder mehr Tote, mehr Flüchtlinge. Mitten drin in dieser "gefährlichsten Stadt der Welt" lebt Israa, 12, mit ihrer Familie in einem Rohbau im Viertel Al-Hamdania - ohne Wasser, ohne Strom. Wenn sie morgens an diesen eiskalten Wintertagen erwacht, geht sie als erstes zur zehn Minuten entfernten Wasserpumpe, hilft, Trinkwasser zurückzutragen, so, wie 3.000 andere Kinder aus Al-Hamdania.

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Täglich holen die Kinder frisches Wasser von der Pumpe.

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Die Kanister sind schwer. Oft sind die Kinder bei ihrer Ankunft selbst mit dem kalten Wasser durchnässt.

Der Kanister ist schwer, das Wasser eiskalt. Am Abend wiederholt sich die Prozedur. Bitter erzählt eine Mutter: "Wenn meine Kinder das Wasser den ganzen Weg zurück und über die Treppen hoch geschleppt haben, sind die Kanister oft halb leer und die Kleidung der Kinder ist klitschnass. So gehen sie dann schlafen und nässen von der Kälte und Feuchtigkeit in der Nacht ein. Das Restwasser reicht dann am nächsten Morgen kaum, um ihre Kleider zu waschen."

Warmes Wasser gibt es für die meisten Familien schon lange nicht mehr. Manche behelfen sich mit einem gefährlichen Trick und halten das Ende eines Stromkabels ins Wasser.

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Viele der Kinder haben schwarze Gesichter und schwarze Hände. Es ist nicht der Dreck, der sie so aussehen lässt, sondern der Ruß des Feuers, das sie in Metallfässern machen, um sich zu wärmen. Sie verheizen, was sie finden können: Kohle, Holz, Plastiktüten. Aysha sagt: "Sie machen weiter, obwohl wir immer wieder betonen, dass sie aufhören sollen. Mein Sohn hat im letzten Winter sogar seine Schuhe und Anziehsachen verbrannt." Das Kohlendioxyd und die giftigen Gase schädigen die Lungen der Kinder, ein Kleinkind ist kürzlich daran gestorben.

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Damit ihr Baby Kleidung bekommt, bringt diese Mutter ihre eigenen Anziehsachen zum Schneider.

Aleppo liegt im Norden Syriens und die große Sorge der Menschen gilt jetzt bevorstehenden Schneestürmen. Aysha, deren jüngstes Kind nur wenige Tage alt ist, sagt: "Ich wünschte, mein Baby wäre im Bauch geblieben, da wäre es ihm besser gegangen. Ich habe keine Ahnung, wo ich Kleidung für das Kleine herbekommen soll." So geht Aysha, gehen die Frauen, zum Schneider, geben ihre eigene Kleidung ab und lassen Baby- und Kinderkleidung daraus anfertigen.

Meine Kollegen und ich sowie all die Helfer anderer Organisationen versuchen zu unterstützen, wo wir können, aber das Einzige, was wirklich helfen würde, ist ein Ende dieses Krieges!

Mouna, Ayshas Mutter und Großmutter von 24 Kindern, sagt: "Als ich im Alter meiner Töchter war, führte ich ein glückliches Leben, es ging uns gut. Wenn ich sehe, wie meine Töchter und meine Enkel heute leben, muss ich einfach nur weinen."

Abeer Pamuk, 12.02.2016

Bitte nach Madaya schauen!

In Madaya habe ich in das grauenhafte Gesicht des Krieges gesehen. Dort werden 40.000 Menschen ausgehungert und wir können derzeit nichts dagegen tun! Mich hat das so hilflos gemacht.

Wie viele andere Hilfsorganisationen warten wir vergeblich

Gemeinsam mit drei Kollegen und dem syrischen Roten Halbmond war ich in der Hoffnung nach Madaya gefahren, den Menschen, die nun schon seit Monaten von jeglicher Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten abgeschnitten sind, zu helfen. Bislang vergeblich: Beiden Organisationen wurde der direkte Zugang zur Stadt verwehrt. Nur drei von insgesamt 44 Fahrzeugen mit Hilfslieferungen wurden durchgelassen. Nicht einmal die UN konnte ungehindert helfen. Zu den drei Transporten, die eingelassen wurden, mussten die Hungernden laufen. Menschen, die so schwach waren, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten, waren gezwungen, die Lebensmittel abzuholen.

"Bringt ihr Lebensmittel?", fragen die Menschen.

Währenddessen stehen die Fahrzeuge mit den Hilfslieferungen in langen Reihen vor der Stadt und warten darauf, entladen zu werden. Frauen und Kinder, die es geschafft haben, trotz der Belagerung aus der Stadt zu fliehen, beobachteten das Geschehen. "Bringt ihr Lebensmittel?", fragen sie immer wieder. Oder sie bitten uns, sie mit zu ihren Familienmitgliedern in die Stadt zu nehmen. Aber leider kamen wir ja selbst nicht ins Zentrum der Stadt. Für mich ist es keine Frage, dass wir weiter beharrlich bleiben und immer wieder versuchen werden, zu den Menschen vorzudringen und ebenso weiter über die Lage in Madaya zu berichten. Nur so können wir diese Unmenschlichkeit beenden. Wir Hilfsorganisationen, die UN und die Medien sind die letzte Hoffnung für die Menschen hier. Die Welt darf nicht wegschauen!

Abeer Pamuk, 14.01.2016

 

Straßenkind wird Fußball-Nationalspieler

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Ali  mit einem seiner SOS-Geschwister auf dem Arm.

Die Geschichte von Ali klingt unglaublich. Fast alles ging schief in seinem Leben und dann kam auch noch der Krieg mit seiner gnadenlosen Brutalität. Aber da waren auch Menschen, die an ihn glaubten, und so hat Ali es trotz allem geschafft, seine innere Stärke zu finden. Heute, mit 17 Jahren, steht er vor dem großen Wendepunkt seines Lebens.
Der Reihe nach: Ali Assad kam in Deir Ezzor City im Osten Syriens zur Welt. Seine Eltern lernte er nie kennen, was mit ihnen passierte, weiß Ali bis heute nicht. Der Junge wuchs bei Pflegeeltern auf. Sie waren arm und kaum in der Lage, dem kleinen Jungen Halt zu geben. Der Vater trank, die Mutter war überfordert.

Der Vermieter jagte Ali aus dem Haus

Als Ali acht Jahre alt war, kam er mit seiner Mutter von einer Hochzeit nach Hause. Sie fanden den Vater tot auf der Couch. Bald darauf starb auch die Mutter. "Unser Vermieter jagte mich aus dem Haus", erinnert sich Ali.
So begann sein Leben auf der Straße. Täglich durchstreifte er die Stadt auf der Suche nach etwas Essbaren und einem sicheren Schlafplatz. "Meistens deckte ich mich mit alten Kartons zu!", sagt er. Umgeben von den Abgasen der Autos wachte Ali morgens hustend auf.

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Als der Fußball in Alis Leben trat, veränderte sich sein Leben.

Dann, eines Morgens, wurde der Junge unsanft von Polizeibeamten geweckt und mitgenommen. Ali wurde des Bettelns beschuldigt und für zwei Jahre in das Gefängnis Ibn Al-Rushed in Damaskus gesteckt.
Er hatte Angst. Er kam in Berührung mit Zigaretten und Alkohol. "Ich war umgeben von Kriminellen und hatte das Gefühl, selbst zum Monster zu werden", erinnert sich Ali.
2011 kam die Nachricht vom Ausbruch des Krieges. Ali verstand nicht, konnte es nicht glauben. Als er bald darauf aus dem Gefängnis entlassen wurde, war alles nur noch schlimmer. Wenn er jetzt draußen auf der Straße schlief, hörte er Schüsse und die Geräusche von Raketen. Auch die Stille war jetzt bedrohlich, denn sie war trügerisch. Immer öfter dachte Ali daran, sich umzubringen.

Der Fußball und die SOS-Kinderdörfer

In dieser kritischen Phase wurde er von dem Besitzer eines Barber-Shops angesprochen. Er hatte den Jungen schon öfter beim Betteln beobachtet. Nun nahm er ihn mit zu einem Fußball-Team. Das Fußballspielen war eine der wenigen Beschäftigungen, die Ali während seiner Jahre auf der Straße ablenken konnte, in einem richtigen Team hatte er allerdings noch nie gespielt. As sein erstes Spiel anstand, war Ali aufgeregt. Die Sieger sollten von den Verlierern etwas zu essen und zu trinken bekommen. Ali erzählt: "Tatsächlich gewannen wir, es war unglaublich. Als mir einer der anderen eine Cola in die Hand drückte, fühlte ich mich wirklich wie ein Sieger!"

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In dem Moment, wo da Menschen waren, die an Ali geglaubt haben, hat er selbst neues Selbstvertrauen entwickeln können.

Ali war 13 Jahre alt, und der Fußball gab ihm Halt. Und er hatte noch ein zweites Mal Glück: Eine Mitarbeiterin der SOS-Kinderdörfer wurde auf ihn aufmerksam und fragte ihn, ob er nicht in der SOS-Jugendunterkunft leben wolle. "Ich dachte, ich träume!", sagt Ali. Kurz darauf zog er tatsächlich ins SOS-Kinderdorf. Er musste nicht mehr betteln, niemand schaute auf ihn herunter, niemand verurteilte ihn für seine Herkunft. Nach und nach hörte Ali auf zu rauchen und zu trinken, er ging wieder in die Schule und natürlich spielte er weiter Fußball, jetzt mit noch mehr Engagement, sein großes Talent wurde offensichtlich. Ali sagt: "Ich habe mich immer danach gesehnt, dass ich geliebt werde! Irgendetwas hat mir immer gesagt, dass ich kein schlechter Mensch bin, nur hat sich bisher niemand für meine guten Seiten interessiert."

So wie Ali geht es Hunderttausenden von Kindern in Syrien! Keines von ihnen hat sich freiwillig ein Leben auf der Straße ausgesucht. Keines von ihnen ist wütend oder gewalttätig auf die Welt gekommen. Wenn die Welt heute auf Syrien schaut, dann stehen Statistiken und Zahlen im Mittelpunkt. Ich wünschte mir, dass wir alle die Kinder sehen. Wir sollten alles dafür tun, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie zu uns gehören und dass jeder von ihnen ein besonderer Mensch ist.

So wie Ali, der gerade die große Nachricht bekommen hat: Er wird ins Team der syrische Nationalmannschaft aufgenommen!

Abeer Pamuk, 03.12.2015

„Die gleichen Leute, die jetzt in Frankreich getötet haben, haben auch mein Zuhause zerstört!“

Die Stadt Deir Ezzor im Osten Syriens war bekannt für ihre Farmen und ihre freundlichen Menschen. Tayf, ein 13-jähriges Mädchen, war hier zuhause und führte mit ihrer Familie selbst zu Kriegszeiten noch ein halbwegs normales Leben.

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Tayf ist mit ihrer Familie vor dem IS geflohen. Nach wie vor morden und zerstören die Terroristen in der früheren Heimat des Mädchens.

Bis zum Jahr 2013, in dem die Terroristen des IS die Kontrolle über die Stadt gewannen und reihenweise Menschen umbrachten. Sie beschuldigten ihre Opfer der Lüge, der Gotteslästerung und vieler anderer Dinge.

Als ich Tayf in Damaskus treffe, spricht sie mich auf die Attentate in Frankreich an. "Ich möchte der Welt sagen, dass dies genau die Leute waren, die auch mein Zuhause und meine Schule zerstört haben!"

Tayfs Familie floh aus Deir Ezzor und kam in Al-Dahadeel, einem Stadtteil von Damaskus, unter. Glücklich war sie damit nicht, sagt Tayfs Vater. „Der Stadtteil gilt nicht gerade als sicher, aber mehr konnten wir uns nicht leisten! Sicherheit kostet dieser Tage Geld in Syrien."

Tayf und ihre Geschwister konnten nicht mehr zur Schule gehen, ihr Vater nahm jede Arbeit an, um die Miete zu zahlen und die Familie zu ernähren. Tage des Hungers und eiskalte Nächte, in denen sie unter dünnen Decken froren, gehörten nun zum Leben der Familie. Aber immerhin hatten sie im Gegensatz zu vielen Nachbarn fließendes Wasser. "Wir gewöhnten uns an diesen Zustand und hatten das Gefühl, es noch halbwegs gut getroffen zu haben", sagt Tayfs Vater.

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Auch in ihrem neuen Haus in Damaskus war Tayfs Familie nicht sicher. Bei einem Flugzeugabsturz wurde es zerstört. Das Mädchen wurde schwer verletzt.

Dann kam dieser Tag im August 2013. Tayf stand im Haus mit ihrer Tante zusammen. Flugzeuglärm war hörbar, so laut, dass Tayf lauter sprach, damit ihre Tante sie verstehen konnte. Doch der Lärm verstärkte sich - das Flugzeug stürzte ins Nachbarhaus und auch die Wände ihres Hauses stürzten ein. Tayf und fünf weitere Familienmitglieder wurden schwer verletzt, Tayfs Mutter und Bruder hatten Verletzungen am ganzen Körper, ihr Tante verlor ein Auge, ihr Onkel starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Tayf verlor das Bewusstsein und kam wieder zu sich, als sich jemand über sie beugte und sie soeben wiederbelebt hatte. "Aber ich war in einem toten Körper aufgewacht! Ich konnte meine Beine nicht bewegen", erzählt das Mädchen. Die SOS-Kinderdörfer unterstützten die Familie, finanzierten die nötigen Operationen für Tayf. Die Ärzte blieben skeptisch und prognostizierten, dass Tayf vielleicht nie wieder laufen könne.

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Sie versuchen, weiter zuversichtlich zu bleiben - aber jede Rakete, jedes Flugzeug, das sie hören, erinnert sie an den Schrecken von damals.

Tayf erinnert sich: "Ich wollte es einfach nicht glauben! Nach einem Monat spürte ich zum ersten Mal meine Beine wieder. Ich machte die ersten Schritte - die Schmerzen, die ich dabei hatte, waren unbeschreiblich. Trotzdem wollte ich mir nichts anmerken lassen und versuchte, nicht zu weinen, denn ich wusste, dass man mich sonst wieder in den Rollstuhl setzen würde."

Die Familie zog zurück in die Ruine ihres Hauses und Tayf lernte mühevoll wieder laufen. Ihr Vater erzählt: "Als Tayf zum ersten Mal wieder ein Flugzeug über unserem Haus hörte, war sie so erschrocken, dass sie zwei Tage lang kein Wort sprach." Bis heute bringt das Geräusch eines Flugzeugs oder einer Rakete den Terror jenes Tages zurück. Auch er selbst habe Angst, aber versuche gegenüber seiner Frau und seinen Kindern Sicherheit auszustrahlen. "Aber es gelingt mir immer weniger. Immer wieder habe ich diesen Traum: Meine Tochter sitzt weinend im Rollstuhl und ich versuche sie zu füttern."

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Tayfs Mutter will weg von diesem Ort, an dem sie alle fast gestorben wären. Immer öfter spricht die Familie von der Flucht nach Europa.

Welche Möglichkeiten bleiben? Immer öfter spricht die Familie davon, über das Meer nach Europa zu fliehen; das Risiko einzugehen. "Alles ist besser, als hier zu bleiben - an dem Ort, an dem wir fast gestorben wären", betont Tayfs Mutter.

Tayf sagt: "Die Terroristen haben in Frankreich unschuldige Menschen getötet. In Deir Ezzor, wo wir einmal zuhause waren, töten sie täglich weiter. Es ist undenkbar, dorthin zurück zu gehen.“

Tayf wünscht sich ein Leben in Sicherheit. Und später, da würde sie gerne Ärztin werden. "Als ich im Krankenhaus war, habe ich viele Kinder mit schlimmen Verletzungen gesehen. Ich möchte so vielen wie möglich helfen, wieder gesund zu werden."

Abeer Pamuk, 18.11.2015

"Und wir sollen dann wohl am Ende das Land wieder aufbauen!"

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Sidra (rechts) und ihre Schwestern. Die Mädchen verstehen nicht, warum die Erwachsenen sich lieber gegenseitig töten als miteinander zu reden.

Wann immer sich mir die Gelegenheit bietet, suche ich das Gespräch mit den Kindern. Ich möchte wissen, wie es ihnen geht, was sie denken, möchte ihre Stimme hören. So auch an diesem Tag in Dscharamana, einem Vorort von Damaskus, wo ich auf die 13-jährige Sidra treffe. Zuvor hatte ich mich bereits mit anderen Kindern unterhalten und als Sidra uns sah, blieb sie stehen, hörte eine Weile zu und ergriff dann selbst das Wort: "Ich würde Dir auch gerne sagen, was ich über den Krieg denke!"

Aus ihrem Akzent schloss ich, dass sie nicht aus Damaskus, vermutlich auch nicht aus Syrien stammte. Sidra begann zu erzählen: Als Palästinenserin war sie in Syrien geboren worden, aber nach kurzer Zeit mit ihrer Familie zu den von Israel besetzten Schebaa-Farmen ausgewandert. Ihr Vater begann dort ein Haus zu bauen und träumte von der Vorstellung, dort bleiben und seine drei Töchter großziehen zu können. Sidra erinnert sich: "Es war so schön dort. Alles war grün und blühte. Um unser Haus herum standen Aprikosen- und Olivenbäume, zwischen denen wir Kinder Verstecken spielten."

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Auch diese Familie wurde aus ihrem Zuhause vertrieben und hat in Jaramana Zuflucht gesucht.

Gleichwohl war der Frieden fragil und in unmittelbarer Nähe fanden Gefechte zwischen Israelis und Palästinensern statt. Bei einem dieser Gefechte musste Sidra miterleben, wie eine Katze verletzt wurde und liegen blieb. Das Mädchen versteckte sich hinter einem Baum, bis die Kämpfe abgeklungen waren. "Dann lief ich zu der Katze und nahm sie auf meinen Schoß. Sie bewegte sich kaum noch und ich konnte nur noch zusehen, wie sie starb. Ich konnte sie nicht retten! Ich stellte mir vor, was wohl passiert wäre, wenn nicht die Katze, sondern vielleicht eine meiner Schwestern oder ich selbst hier auf der Straße gestorben wären. Hätten die Kämpfer dann auch einfach weitergemacht?"

Nachdem die Lage auf den Schebaa-Farmen immer bedrohlicher wurde, zog Sidras Familie zurück nach Syrien. Die Eltern wollten, dass ihre Kinder im Frieden aufwachsen, aber es dauerte gerade ein Jahr, bis schließlich in Syrien der Krieg ausbrach. Die Familie erlebte Nächte ohne Strom, Winter ohne warme Kleidung und unzählige Momente der Angst.

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Wenn Kinder im Krieg aufwachsen, sind solche Momente, in denen sie unbeschwert lachen können, rar.

Sidra erzählt: "Erst vor wenigen Tagen war ich bei meiner Großmutter, als neben ihrem Haus eine Bombe hochging. Ich rannte in die Küche, versteckte mich und schrie: 'Stop, Stop, Stop!' "

Ein Großteil der Gebäude in Dscharamana befindet sich im Rohbau, aber überall sieht man Menschen, die dort einziehen und die Löcher im Bau notdürftig mit Plastikplanen abdecken. Sie kommen aus Aleppo, Idleb, Raqqa, Daraa und Homs, sie sind aus ihrem Zuhause vertrieben wollen und alle haben sie furchtbare Geschichten erlebt.

Sidra fragt: "Warum sprechen die Menschen nicht miteinander, anstatt sich zu bekämpfen? Alle, die jetzt aufeinander losgehen, hatten einmal eine Kindheit. Sehen sie denn nicht, was ihr Krieg mit uns syrischen, israelischen und palästinensischen Kindern macht? Was ist mit unserer Kindheit? Und wer soll denn später, wenn sie ihren Krieg irgendwann zu Ende gekämpft haben, das Land wieder aufbauen? Ich nehme an, das sollen dann auch wir tun - falls sie überhaupt einmal zum Ende kommen!"

Abeer Pamuk, 04.11.2015

Wovon syrische Kinder träumen

Ich möchte später Arzt werden!

Ich möchte Taucher, Lehrer, Feuerwehrmann werden …

Die Träume syrischer Kinder waren früher nicht viel anders als die der Kinder in anderen Ländern der Welt. Ihre Augen begannen zu leuchten, wenn sie an der Universität vorbeigingen und sich vorstellten, hier einmal selbst zu studieren. Oder, wenn sie in der Schulbank saßen und davon träumten, später einmal Lehrer in demselben Klassenzimmer zu sein.

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Riham hat ihren Glauben an das Gute wiedergefunden. Sie möchte später Psychologin werden und Kindern dabei helfen, ihre Kriegstraumata zu überwinden.

Aber dann kam der Krieg und die Träume der Kinder verschwanden hinter einer Mauer, die mit jedem Tag dicker wird. Manche Kinder wurden im Krieg getötet und mit ihnen ihre Träume. Andere mussten ihr Zuhause, ihre Schulen, ihre Freunde und ihr Spielzeug verlassen. Auch in ihrem Leben ist kein Platz mehr für rosige Zukunftsaussichten.

Nach fünf Jahren Krieg drehen sich die Gespräche der Kinder hauptsächlich um Raketen, Panzer und Gewalt. Und ihre Träume kreisen darum, einmal Soldat zu werden und sich zu rächen. Wenn man irgendetwas daraus ablesen kann, dann, dass die junge Generation nicht einmal mehr an ein Ende des Kriegs glaubt - bis auf manche …

Ich treffe Riham im Haus von Kinderdorf-Mutter Saada in Damaskus. Riham ist 14 Jahre alt, seit sieben Jahren lebt sie bereits hier im SOS-Kinderdorf. Damals hatte Saada sie zufällig in der Anmeldung sitzen sehen und sich gleich mit dem Mädchen verbunden gefühlt. Sie wollte sie unbedingt in ihrer Familie aufnehmen und so kam es schließlich auch.

Als Riham in die zweite Dekade ihres Lebens eintrat, begann der Krieg. Mama Saada erinnert sich: "Riham besuchte wöchentlich ihre Cousins und ihre Freunde, die außerhalb des Kinderdorfs lebten. Sie war immer schon sehr sozial und ihre ruhige, freundliche Art machte sie sehr beliebt. Aber dann verlor sie viele Menschen durch den Krieg und wurde immer depressiver."

Glücklicherweise fand Riham ihre Kraft zurück. Sie wollte etwas unternehmen und begann schließlich, verschiedene Hilfsorganisationen dabei zu unterstützen, die notleidende Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Auch Rihams Kinderträume haben sich geändert: Während sie früher Zeichenlehrerin werden wollte, möchte sie heute Psychologin werden. "Ich möchte den Jungen und Mädchen, die ins SOS-Kinderdorf kommen, helfen, ihre Kriegserfahrungen zu verarbeiten und ihre Traumata zu überwinden."

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Rihams SOS-Bruder Omar möchte Soldat werden, um seinen getöteten Vater zu rächen. Riham möchte seine Träume gerne ändern ...

Auch jetzt schon, mit ihren 14 Jahren, versucht sie, zu tun, was sie kann, indem sie ihre Kinderdorf-Geschwister unterstützt. Omar, Doa und Aya lebten zusammen mit ihrem Vater im Flüchtlingslager Al-Yarmouk, bevor sie zu Mutter Saada kamen. Ihr Vater ist vermutlich gestorben. "Als die Drei hier ankamen, waren sie in einer schlimmen Verfassung. Alles bereitete ihnen Probleme, sogar zu essen, zu trinken und zu schlafen", erinnert sich die Kinderdorf-Mutter. Heute geht es den Dreien deutlich besser, aber gefragt nach ihren Träumen, ist vor allem Omars Antwort eindeutig. Auch er möchte Soldat werden, um seinen Vater zu rächen.

Riham sagt: "Ich habe genug Menschen durch den Krieg verloren, ich möchte nicht auch noch meine SOS-Brüder verlieren."  Deshalb versucht sie, ihre Brüder davon zu überzeugen, lieber zu helfen, den Krieg zu beenden, als ihn weiterzuführen. Riham betont: "Sie sollen von sich selbst als gute, freundliche Menschen träumen, ganz egal, wieviel Schlechtes um sie herum passiert."

Wovon träume ich? Es ist diese Entscheidung im Leben vieler Kinder, die für unser Land einmal einen großen Unterschied machen wird.

Abeer Pamuk, 28.10.2015

Vier Tage feiern gegen den Krieg

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Vor allem die Kinder lieben das islamische Opferfest Eid al-Adha. Vier Tage lang wird gefeiert.

Am Rand einer Straße in Aleppo sitzt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, sie hält ein Baby im Arm. Mutter und Kind sind ärmlich gekleidet und beide völlig aufgelöst. Sie weinen.

Ich frage die junge Frau, ob ich mich zu ihr setzen darf. Verwundert blickt sie auf, dann nickt sie. Da unten auf der Straße sitzend, versuche ich zu fühlen wie sie fühlt. Die Welt mit ihren Augen zu sehen. Wahrzunehmen, wie das ist, wenn die Menschen auf dich herunterschauen.

Es ist die Nacht vor Eid al-Adha. Das islamische Opferfest ist eines unserer wichtigsten Feste. Traditionell wird zu diesem Anlass ein Opfertier geschlachtet und mit den Armen und Bedürftigen geteilt.

Syrien war immer dafür bekannt, dass die Feiern besonders spektakulär ausfielen, mit den erlesensten Speisen, überfüllten Geschäften und ausgelassen feiernden Menschen.

Die Tage und Nächte vor Eid al-Adha galten der aufwendigen Vorbereitung. Die Menschen übertrafen sich darin, sich gut zu kleiden, ihr Haus zu dekorieren und besondere Köstlichkeiten auf den Tisch zu bringen. Oft waren sie beschäftigt, bis die Sonne wieder aufging.

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Die SOS-Kinderdörfer unterstützen junge Frauen wie Soad, die im Krieg alles verloren haben. Dass auch ihre Kinder mitfeiern dürfen, bedeutet Soad viel.

Die Läden der Stadt waren an diesen Tagen regelmäßig überfüllt, vor allem die Kindergeschäfte. Viele Kinder wurden neu eingekleidet und zum Friseur geschickt, passend zu einem "Eid"-Lied, in dem es heißt: "Nimm ein langes Bad und rieche wunderbar, wenn sie zu dir kommen und ihre sanften Wangen an deine legen, um dich zu küssen!"

Wenn das Fest endlich begann, rannten die Kinder aufgeregt herum, voller Erwartung auf die Geschenke, die sie an diesem Tag bekommen würden. Eid al-Adha war auch die Gelegenheit, endlich mal wieder mit Verwandten und Freunden zusammen zu kommen, die man lange nicht gesehen hatte.

Heute, im fünften Jahr des Krieges, sind uns unsere Feste und besonders Eid al-Adha wichtiger denn je. Sie lenken uns für kurze Zeit ab und erinnern uns an die Menschen, die wir einmal waren.

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Eine kurze Pause, eine kleine Ablenkung vom Krieg

Umso schlimmer, wenn man alles verloren und keine Chance hat mitzufeiern - so, wie die junge Frau am Straßenrand. Sie erzählt mir, dass sie Soad heißt, 17 Jahre alt ist und aus einer streng gläubigen Familie stammt. Sie war zwölf, als ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Noch im selben Jahr wurde sie gezwungen zu heiraten. Bald bekam sie ihr erstes, dann ihr zweites Kind. Im letzten Jahr wurde ihr Mann in Aleppo verschleppt und ihr Haus wurde zerstört, da war ihre Tochter drei Jahre und ihr Sohn acht Monate alt. Soad, die nie die Gelegenheit hatte, zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, landete als Bettlerin auf der Straße.

Kurz bevor ich sie traf, hatte sie in einem Café nach Geld gefragt und wurde brutal rausgeschmissen. Soad sagt: "Als Bettlerin bin ich für die Leute das Letzte. Ich wünschte mir, sie würden sehen, wer ich wirklich bin."

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Auch heute noch sind die Straßen an den Tagen vor Eid al-Adha voll. Für die Menschen ist es wichtiger denn je, an ihren Traditionen festzuhalten.

Ihre Tränen laufen und laufen, besonders, wenn sie von ihren Kinder spricht. "Ich selbst habe einen Großteil meiner Kindheit versäumt, weil ich so früh heiraten musste. Und nun ist für meine Kinder alles noch schlimmer. Morgen beginnt Eid al-Adha und sie müssen zusehen, wie alle anderen feiern."

Soad ist fassungslos, als ich sie einlade, an der Feier teilzunehmen, die wir im Rahmen des Familienstärkungsprogramms der SOS-Kinderdörfer organisiert haben. In diesem Moment ist diese kleine Geste wirklich alles, was sie braucht, um glücklich zu sein.

In den kommenden Wochen werden wir Souad in das SOS-Familienstärkungsprogramm aufnehmen. Wir werden sie dabei unterstützen, Handarbeiten herzustellen und so ihre kleine Familie zu ernähren. Wir werden ihr zur Seite sein.

Abeer Pamuk, 08.10.2015

Darum sind wir geflohen…

Wie kommt jemand auf die Idee, mitsamt seiner Familie in einem überfüllten Boot unter denkbar schlechten Bedingungen die Fahrt über das Meer anzutreten? Oder einen riskanten und kräftezehrenden Fußmarsch auf sich zu nehmen, um sein Land zu verlassen?

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Mouhammad, Ahlam und ihre Kinder leben unter ärmlichen Bedingungen im Libanon, aber immerhin sind sie sicher.

Stellst du den Menschen in Syrien diese Frage, variieren die Antworten zwischen Angst zu sterben, Angst, die Familie oder Freunde zu verlieren, Angst, verletzt, gefoltert oder verstümmelt zu werden. In einem Land, das als das gefährlichste der Welt gilt und in dem jeder ganz normale Tag hohe Risiken birgt, ist eine lebensgefährliche Flucht nur eine weitere Situation, die den Tod bringen kann. Aber vielleicht auch das Leben.

Bei meinem letzten Besuch im Libanon traf ich die 9-jährige Khulud, ihre Eltern und ihre sieben Geschwister. Die Familie lebte ursprünglich in dem Gouvernement Idleb im Nordwesten Syriens, eine der heute am stärksten zerstörten Gegenden des Landes. An dem Tag, an dem sie beschloss, ihre Heimat so schnell wie möglich zu verlassen, war eine Bombe direkt vor ihrem Haus explodiert. Fünf Kinder, die dort gespielt hatten, waren getötet worden. "Es war furchtbar, wir kannten die Kinder alle", sagt Khuluds Mutter Ahlam. "Immer wieder kam mir die Vorstellung, dass es auch meine eigenen hätten gewesen sein können."

Khulud erinnert sich: "Meine Mutter sagte mir, dass ich wegschauen soll, aber ich sah meine Freunde in Stücke zerrissen. Da waren Arme und Beine, die zu keinem Körper mehr gehörten.“

Die Familie machte sich zu Fuß auf den Weg von Dorf zu Dorf, um ein neues Zuhause zu finden, über Straßen, die von bewaffneten Gruppen kontrolliert wurden. In manchen Dörfern gewährte man ihnen Unterschlupf, aber selten länger als drei Tage – zwei Erwachsene und acht Kinder waren nicht so einfach aufzunehmen. Die Reise sollte ein ganzes Jahr dauern. Khuluds Vater Mouhammad erzählt: "Wir hatten nicht viele Kleider dabei und im Winter war es furchtbar kalt. Die Kinder und auch meine Frau weinten, weil sie so froren. In manchen Nächten dachten wir, wir würden eher erfrieren als dass der Krieg uns töten würde. Oft hatten wir Hunger und an manchen Tagen aßen wir Gras und Blätter, an anderen gar nichts."

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Das Haus, in dem die Familie lebt, sieht aus, als würde es bald zusammenbrechen. Es gibt keine Türen, keine Fenster, kein Wasser und keine sanitären Anlagen.

Ahlam sagt: "Ich war so hilflos, wenn ich abends meine Kinder dabei betrachtete, wie sie mit ihren kleinen Gesichtern auf den eiskalten Steinen lagen und versuchten einzuschlafen. Immer wieder kamen mir die Tränen bei dem Gedanken, dass wir es nie wieder so gut haben würden wie früher."

Vergeblich versuchte die Familie, ein neues Zuhause in Syrien zu finden, sodass sie sich schließlich dazu entschied, in den Libanon auszuwandern. Die Grenze war überfüllt mit Flüchtlingen, und so dauerte es drei Tage, bis die Familie Syrien verlassen konnte. Mouhammad, gelernter Bauarbeiter, hatte den Plan, dort einige Monate zu arbeiten und anschließend nach Syrien zurückzukehren. Inzwischen sind aus den Monaten mehr als zwei Jahre geworden. Das Haus, in dem die Familie wohnt, sieht aus, als würde es jeden Moment zusammenbrechen; es fehlen Türen, Fenster, Wasseranschlüsse und sanitäre Einrichtungen.

Im Libanon gelten strenge Bedingungen für Syrer, die im Land bleiben möchten, und wie viele andere hat Mouhammad keine offizielle Genehmigung bekommen. Er kann seine Kinder somit auch nicht an der Schule anmelden. Khulud und ihre Geschwister arbeiten stattdessen auf den Feldern oder übernehmen andere Gelegenheitsjobs, um zum Familienunterhalt beizutragen.

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As Flüchtlinge dürfen die Kinder im Libanon nicht zur Schule gehen. Oft arbeiten sie auf den Feldern, um zum Familienhaushalt beizutragen.

Mouhammad sagt: "Wir haben vieles verloren, unser Haus, unsere Kleidung, Freunde und Nachbarn, aber am schlimmsten ist es, dass wir unsere Würde verloren haben."

Als vor einigen Wochen in den weltweiten Zeitungen das Foto eines kleinen Flüchtlingsjungen erschien, der tot am Strand lag, war Mouhammad erschüttert. "Es wurde mir so deutlich, wie fragil das Leben meiner Kinder ist. Ihre Sicherheit ist mir das Allerwichtigste."

Ahlam wünschte sich, dass ihre Kinder irgendwann wieder zur Schule gehen können, damit sie später für sich sorgen können. Auch Khulud träumt davon. "Ich möchte lernen, wie man einen Stift richtig hält und wie man seinen Namen schreibt. Später möchte ich Ärztin werden. Dann könnte ich meinen Freunden helfen, die vor unserem Haus in Syrien ihre Arme und Beine verloren haben."

Abeer Pamuk, 23.09.2015

Verloren und gefunden

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Mustafa und seine SOS-Geschwister. Weil seine Eltern nicht auffindbar waren, kam er ins SOS-Übergangsheim.

Die Geschichte des 12-jährigen Mustafa beginnt in A-Wadi, einem Vorort von Damaskus City. Hier ist er mit seinen vier Geschwistern aufgewachsen.

Mustafa kam mit einer geistigen Behinderung zur Welt. So hat er mit seinen zwölf Jahren kein Gefühl für Gefahr. Oft schon lief er durch die Straßen, während seine Eltern arbeiten waren, und fand den Weg nach Hause nicht mehr. Früher, vor dem Krieg, war es in der Regel ein Nachbar oder ein Polizist, der sich dann um Mustafa kümmerte. Der Junge war bekannt im Viertel.

Der Krieg hat alles verändert. Bestehende Nachbarschaften sind aufgelöst, viele Menschen sind weggezogen. Es kam der Tag, an dem Mustafa sich wieder auf den Weg machte. Seine Mutter war gerade dabei zu kochen, als er immer weiter lief – und diesmal von niemandem aufgehalten wurde.

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Mit seinen beiden SOS-Brüdern teilte Mustafa das Zimmer.

Mitarbeiter des Roten Kreuzes fanden den Jungen schließlich schlafend in einem Park. Ayad Muhsein war einer von ihnen. Er erinnert sich: "Mustafa war in einer schrecklichen Verfassung. Seine Kleider waren zerrissen, und er hatte Kratzer und Wunden am ganzen Körper." Offenbar hatte er bereits 15 Tage auf der Straße verbracht. Er konnte nicht erklären, woher er kam und so entschied das Rote-Kreuz-Team Mustafa in das Übergangsheim für verlassene Kinder der SOS-Kinderdörfer zu bringen. Es war klar, dass Mustafa Unterstützung und auch psychologische Hilfe brauchte.

Im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer kümmerten sich ein Betreuer und ein Psychologe gemeinsam um ihn. Sie versuchten, ihm Halt zu geben, ihn zu stabilisieren und arbeiteten mit ihm daran, Gefahren besser zu erkennen. Der Junge wurde in einer Kinderdorf-Familie aufgenommen. Es ging ihm gut dort und er fand schnell Anschluss. Dennoch fragte er fast jeden Tag, wann er nach Hause gehen könne. Nur, wo das war, wusste niemand. Es dauerte zwei Monate, bis man schließlich seine Eltern gefunden hatte.

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Als Mustafa seine Mutter und seinen Bruder zum ersten Mal wieder sah, waren alle überglücklich.

Diese waren in großer Sorge gewesen. "Jeden Tag waren mir Millionen furchtbarer Gedanken in den Sinn gekommen. Ich stellte mir vor, Mustafa sei gefoltert oder sogar getötet worden", sagt seine Mutter. "Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, dachte ich, dass mir jemand sagen würde, dass Mustafas Leiche gefunden worden wäre."

Als sie schließlich erfuhr, dass ihr Sohn im SOS-Übergangsheim war, war sie unendlich erleichtert. Als sie durch die Tür kam, rannte Mustafa ihr glücklich in die Arme.

Die Mutter konnte nicht glauben, in welch guter Verfassung ihr Sohn war und wie gut er bereits jetzt in die Gemeinschaft eingebunden war. "Ich bin so dankbar, dass Mustafa hier aufgenommen wurde und nicht auf der Straße oder in einer Massenunterkunft leben musste. Ich würde es jedem Kind, das keine Familie hat, wünschen, dass es zu SOS kommen darf."

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Abschied nach zwei Monaten. Mustafas Familie möchte den Kontakt zu SOS aufrecht erhalten und möglichst oft zu Besuch kommen.

Mustafas SOS-Geschwister und seine Freunde weinten, als er sich von ihnen verabschiedete. Für seine Mutter steht fest, dass sie nicht das letzte Mal hier waren. "Diese Menschen waren wie eine zweite Familie für meinen Sohn, und wir werden sie regelmäßig besuchen."

Das SOS-Übergangsheim wurde gegründet, um Kindern, die ihre Eltern während des Krieges verloren haben, ein Zuhause zu geben.  Die Kinder bekommen Schutz und Geborgenheit. Psychologen, Sozialarbeiter und Pädagogen unterstützen sie dabei, erlebte Traumata zu überwinden und ein möglichst normales Leben zu führen.

Abeer Pamuk, 26.08.2015

Der Duft von Gewürzen und frischem Brot

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Für Waleed Al-Rawas und Ahmad war der Gewürzladen in Aleppos Altstadt mehr als ein Geschäft, es war ihr Zuhause.

Bei meinem letzten Besuch in Aleppo habe ich Waleed Al-Rawas, den Gewürzhändler, und Ahmad, seinen Mitarbeiter, wiedergetroffen. Bald waren wir in unseren Erinnerungen in der Zeit von vor dem Krieg gelandet und keiner von uns konnte aufhören, davon zu sprechen: von dem Getümmel in der Altstadt, den Gerüchen nach gutem Brot oder von Abou Al-Ward, dem Lakritzverkäufer, den wirklich jeder fotografierte.

Waleed, 72, ist in der Altstadt von Aleppo geboren, er ist hier aufgewachsen. Mit 15 Jahren hatte er angefangen, seinem Vater in dessen Gewürzgeschäft zu helfen.

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Aleppo war für seine Gewürze berühmt.

Bis er Ende dreißig war, war es ihm gelungen, das Geschäft zu erweitern und zwei zusätzliche Läden aufzumachen. Waleed erzählt: "Dieser Duft in unserem Laden war einzigartig. Und jedes Gewürz hatte seine Besonderheit." Die Altstadt von Aleppo war ein quirliger Ort. 1986 war sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden, sie war unverwechselbar mit ihren großen Villen, schmalen Straßen, ihren "souqs", den überdachten Gassen, in denen die Händler ihre Ware verkauften, und den alten Karawansereien, die früher den Reisenden samt ihrer Tiere als Unterkunft gedient hatten.

Zahlreiche Touristen kamen jedes Jahr hier her und auch unter Syriern war Aleppo beliebt. Die Stadt stand eigentlich nie still. Das Leben begann morgens um sieben und endete nicht vor vier Uhr am nächsten Morgen. Die Menschen trafen sich, um das herrliche Essen zu genießen, am Fluss entlang zu spazieren oder einfach, um sich auszutauschen. Bis die Sonne wieder aufging.

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Ein Original aus alten Zeiten: Abou Al-Ward, der Lakritz-Verkäufer, mit dem sich jeder fotografieren ließ.

Waleed erinnert sich genau an den Tag, an dem er sein Geschäft zum letzten Mal zusperrte. "Die Gefechte waren immer näher gekommen und mein Laden war einer der letzten, die noch geöffnet hatten. Ich war überzeugt, dass spätestens nach zwei Tagen die Gefahr vorüber wäre und ich wiederkommen würde." Waleed und einige der anderen Händler versuchten, mit den Rebellen zu sprechen. Vergeblich. Aus den zwei Tagen sind inzwischen drei Jahre geworden. Waleed hat wenig Hoffnung, dass von seinem Geschäft noch irgendetwas steht. "Wahrscheinlich ist es verbrannt oder verwüstet worden", glaubt Ahmad, Waleeds 22 Jahre alter Mitarbeiter. Er sagt: "Ich habe mehr Zeit in unserem Laden verbracht als mit meiner Familie. Es war mein Zuhause."

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Waleeds ehemaliges Geschäft in Aleppos Altstadt.

Die Zerstörung in Aleppo geht weiter und mit jedem verwüsteten Haus, mit jeder eingeschlagenen Mauer, wird auch etwas in den Menschen zerstört. Waleed erzählt: "Vor einigen Tagen hörte ich in den Nachrichten, dass ein Teil der alten Zitadelle beschädigt worden sei. Das traf mich direkt ins Herz."

Waleed hat ein neues Geschäft in einem anderen, sichereren Stadtteil aufgebaut. Er hat den Laden genauso dekoriert wie den alten und auch hier riecht es gut nach Gewürzen. Aber es ist nicht dasselbe.

Abeer Pamuk, 20.08.2015

Ich gehe nicht, ich renne nicht, ich versuche zu fliegen!

Vor ein paar Tagen bin ich aus Aleppo wiedergekommen – der einst so wunderschönen Stadt. Jetzt ist sie zerstört, geteilt und wird von verschiedenen Gruppierungen kontrolliert. Bei meinem Besuch war der Übergangspunkt "Bustan Al-Qasr" geschlossen. Das bedeutete, dass, wer von dem einen Teil der Stadt in den anderen gelangen wollte, einen achtstündigen Weg auf sich nehmen musste, entweder durch ISIS-kontrolliertes Gebiet oder vorbei an den Posten der "Freien Syrischen Armee". Es gibt eine dritte Variante, die nur 5 Minuten dauert, allerdings ist sie gesundheitlich eingeschränkten Menschen vorbehalten, meist alten Menschen oder Kindern, und die Auflagen sind streng. Der Übergang findet nach offizieller Vereinbarung aller Parteien ausschließlich in Begleitung von Rotkreuz-Mitarbeitern statt, die eine weiße Fahne hoch halten, Zivilisten müssen spezielle Westen mit dem Logo des Roten Kreuzes tragen. Jeder Übergang muss auf beiden Seiten gemeldet werden.

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Die Kinder, die an der Grenzlinie leben, sind Experten im Ausweichen vor Scharfschützen geworden.

Für die Menschen, die entlang der Grenzlinie leben, ist jede Bewegung ein Risiko, überall lauern Scharfschützen. Immer wieder sieht man vor allem Kinder eng an den Häuserwänden entlanglaufen. In der Mitte der Straße zu gehen, wäre viel zu riskant. Makabererweise sind gerade die Kinder zu Experten in Bezug auf Scharfschützen geworden: Sie wissen am allerbesten, wo du herlaufen kannst und was du zu beachten hast. Lamis, 11 Jahre alt, sagt: "Wenn eine Straße von Scharfschützen kontrolliert wird, musst du deinen Blick immer nach unten richten. Schaue niemals geradeaus, denn die meisten Scharfschützen mögen es nicht, wenn man ihnen in die Augen schaut." Lamis hat das Glück, weiterhin die Schule besuchen zu können, aber der Weg dorthin bedeutet jeden Morgen ein Risiko. "Wenn ich die Straße überquere, gehe ich nicht, renne ich nicht, sondern ich versuche zu fliegen", sagt sie. Manchmal schießen die Schützen den Kindern zwischen die Füße, um sie zu erschrecken.

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Lamis und ihre Geschwister leben zusammen mit ihren Eltern in einem einzigen Raum. Ihr altes Zuhause gibt es nicht mehr.

Lamis nimmt uns mit zu ihrem einfachen Zuhause. Die SOS-Kinderdörfer unterstützen 100 Familien, die entlang der Frontlinie in Aleppo leben. Seit Juni 2015 haben wir die Familien mit 1244 Lebensmittelkörben versorgt. Nachdem wir von Lamis' Familie erfahren haben, möchten wir sie besuchen und unsere Unterstützung anbieten.

Lamis gibt uns genaue Anweisungen: "Sobald wir gleich rechts um die Ecke biegen, werden wir von Scharfschützen beobachtet. Schaut nach unten, bleibt eng an der Wand." Ich weiß nicht, was schauriger ist, die bevorstehende Gefahr, oder die Tatsache, dass dieses 11-jährige Mädchen solche Fertigkeiten ausbilden musste, um zu überleben.

Schritt für Schritt gehen wir weiter auf der Straße, auf der täglich mindestens zwei Menschen erschossen werden. Den Blick, wie angewiesen, nach unten gerichtet, sehe ich die schmalen Füße des Mädchens. Lamis läuft vorsichtig durch Glasscherben, Metall, Reste von Kleidung, Müll, Steine und eine beachtliche Menge an Gewehrkugeln jeder Größe. Dann sind wir an unserem Ziel: einem Haus mit nur einem dunklen Zimmer. "Alles gut gegangen, der Scharfschütze war freundlich", sagt Lamis und nimmt uns mit hinein. Der Raum ist voller Kinder, Lamis sechs Geschwister, in der Ecke sitzt ein alter Mann, Lamis Vater. Alle schauen verwundert auf, als sie uns sehen. Besucher sind hier selten.

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Lamis versucht, für ihren jüngeren Bruder da zu sein.

Noch bevor ich mich vorstellen kann, sagt der alte Mann: "An deiner Weste sehe ich, dass du von einer Hilfsorganisation kommst. Nur hat sich bisher noch kein einziger bei uns blicken lassen. Die meisten bleiben lieber hinter ihren sicheren Wänden."

Ich erkläre, dass ich von den SOS-Kinderdörfern komme und wir helfen möchten. Nachdem wir eine Weile gesprochen haben, beginnt Bashir Bakro, Lamis Vater, gemeinsam mit seiner Tochter zu erzählen: Wie Lamis mit ihrem jüngeren Bruder draußen gespielt hat, als auf dem Nachbargrundstück eine Bombe explodierte. Alle Familienmitglieder flüchteten ins Haus unter die Betten, nur Lamis Bruder war noch draußen. Bashir Bakro machte sich auf die Suche. Lamis erinnert sich: „Durchs Fenster sah ich den schwarzen Rauch und überall tote Menschen. Soldaten kamen; sie legten einen Mann in Ketten, Minuten später nahm einer der Soldaten ein großes Messer und schlachtete ihn ab. Meine Brüder und Schwestern begannen zu weinen. Ich sagte zu ihnen, dass sie die Hand vor den Mund halten und ihre Tränen schlucken sollten, so, wie ich meine Tränen schluckte."

Lamis Vater erzählt weiter: "Am schlimmsten war es für meinen jüngsten Sohn, der sich draußen hinter einer Wand versteckt und alles aus nächster Nähe mit angesehen hat. Sein kleiner Körper zitterte, er konnte mich nicht ansehen, weil er so geschockt war von dem, was er gesehen hatte." Damals entschied sich Bashir Bakro, sein Haus zu verlassen.

Die SOS-Kinderdörfer haben die Familie in ihr Hilfsprogramm aufgenommen. Zurück in Damaskus, denke ich oft an Lamis und ihre Geschwister. Und hoffe, dass ihnen nichts passiert auf ihren gefährlichen Wegen, Tag für Tag.

Abeer Pamuk, 29.07.2015

Warum ich bleibe

Nach vier Jahren Krieg pumpt mein Herz beständig Adrenalin durch meinen Körper. Es erinnert mich an einen Freund, ein Familienmitglied oder jemand anderen, den ich einmal gekannt habe - und der heute nicht mehr lebt.

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Wer Bäume pflanzt, glaubt an eine Zukunft. Die Kinder in ihrer Hoffnung zu unterstützen, ist meine Aufgabe.

Andere Freunde, Nachbarn oder Verwandte haben Syrien den Rücken gekehrt und versuchen, in einem neuen Land eine Existenz aufzubauen - ich habe vor kurzem in diesem Blog darüber berichtet.

Manchmal werde ich gefragt, warum ich nicht fliehe, was mich hält...

Nun, wir Jungen haben die Chance, mit all unserer Kraft jenes Land lebendig zu halten, das Syrien vor dem Krieg einmal war. Es ist an uns, an die Traditionen, Lebenskultur und Gastfreundschaft zu erinnern und an unser früheres Selbst.

In Syrien zu bleiben, bedeutet für mich auch, die Position der Kinder zu vertreten und nicht die der einen oder der anderen Partei. Meine Kollegen und ich versuchen, verlassenen Kindern Liebe, Schutz und Hoffnung zu geben und, wenn irgendwie möglich, ihre Familien wiederzufinden. Jedes Stück Normalität, das wir dem Krieg abringen, gibt den Kindern einen Grund, das Leben zu lieben - trotz allem. Wenn der Krieg einmal vorbei sein wird, werden diese Kinder einmal den Wiederaufbau Syriens mitgestalten.

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Man kann es sich vielleicht nicht vorstellen, aber auch im Krieg sind Momente der Freude und der Normalität möglich.

In Syrien zu bleiben, bedeutet, an die Menschlichkeit zu glauben. Ich habe im Krieg mit Kindern, Ärzten, Soldaten oder Studenten gesprochen. In jedem einzelnen habe ich den Menschen gesehen. Sie alle sind verletzt worden, trauern, haben Angst, sind manchmal hoffnungslos. Und alle tragen noch die Möglichkeit in sich zu lachen, dankbar und sorglos zu sein. Ich glaube an diese Seite und tue alles dafür, sie lebendig zu halten - auch, wenn mich manche Menschen deshalb naiv nennen.

Die Idee, zu hassen oder für Vergeltung einzutreten habe ich nie verstanden. Meine einzigen Waffen sind Stift und Papier. Mit meinen Texten versuche ich, den Schwächsten, vor allem den Kindern, eine Stimme zu geben und der Welt von dem Unrecht zu erzählen, das hier Tag für Tag passiert.

Darum bleibe ich!

Abeer Pamuk, 01.07.2015

Die Menschen sollen mich lieben, nicht auslachen

Maleks T-Shirt war zerrissen, seine Hände dreckig und zerkratzt, der Kopf gebeugt.  Er sah ängstlich und verunsichert aus, wie er da stand im Büro der SOS-Kinderdörfer und darum bat, bei uns bleiben zu dürfen. Mit seinen neun Jahren hatte er niemanden mehr. Wo seine Eltern waren, wusste er nicht, er hatte keine Ahnung, ob sie überhaupt noch lebten.

Malek* war in Jarmuk aufgewachsen, einem Stadtteil von Damaskus, der aus einem palästinensischen Flüchtlingslager hervorgegangen war. Auch Malek und seine Eltern waren Palästinenser. An den letzten Tag in seinem Zuhause erinnert sich der Junge noch genau: "Ich war damals fünf Jahre alt. Meine Mutter sagte, dass ich rechtzeitig zum Essen kommen solle. Es sollte ein spezielles Nudelgericht mit Käse geben, mein Lieblingsgericht. Zusammen mit meinem kleinen Bruder ging ich zum Spielplatz, als plötzlich eine Granate in unserer Mitte explodierte.

Ich versteckte ich mich hinter einer Wand. Mein Bruder war nirgendwo zu sehen, dafür sah ich dicken, schwarzen Rauch, Blut und menschliche Überreste – nie zuvor hatte ich so etwas erlebt.  Auch meine eigene Kleidung war voller Blut. Ich dachte, es käme von jemand anderem, aber dann sah ich meine Hand – es fehlte ein Finger. Das ganze Blut war mein eigenes. Es war schrecklich. Das letzte, an das ich mich erinnere, ist, dass ich über den Boden gekrabbelt bin, um meinen Finger zu suchen. Ich dachte, wenn ich ihn nur finden würde, würde man ihn mir in einem Krankenhaus wieder annähen. Dann wurde ich ohnmächtig."

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Malek hat im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer ein neues Zuhause bekommen. Wo seine Eltern sind und ob sie noch leben, weiß er nicht.

Erst im Krankenhaus kam Malek wieder zur Besinnung, seine rechte Hand war einbandagiert. Er fragte nach seinen Eltern, nach seiner Familie. "Und wo soll ich jetzt hin? Was soll ich essen? Wo kann ich duschen?" Und immer wieder: "Wo sind meine Eltern?"

Er bekam keine Antworten. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, befand er sich ganz allein in Al-Zahira, einem völlig fremden Viertel.  "Ich stellte bald fest, dass es viele Kinder gab wie mich, die durch den Krieg zu Waisen geworden waren und nun auf der Straße lebten. Sie waren dreckig und alle hatten Narben."

Malek schlief nun nachts unter Plastikplanen, bettelte auf der Straße um Geld, manchmal musste er sich sein Essen aus Mülltonnen zusammen suchen. Anfangs hoffte er noch, dass er seine Eltern wiederfinden würde, aber irgendwann gab er auf. "Unser Viertel Jarmuk hat soviele Massaker, Belagerungen und Kämpfe erlebt – ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass noch jemand lebt. Und ich weiß nicht einmal mehr die Namen meiner Eltern, ich war ja noch so klein."

Nach vier Jahren auf der Straße ist Malek müde. "Ich will nicht mehr darüber nachdenken, wo ich schlafen und was ich essen kann. Ich möchte ein Zuhause haben, und dass die Menschen um mich herum mich lieben anstatt mich auszulachen. Und ich möchte so gerne in die Schule gehen."

Er erinnert sich noch an einen Satz seines Vaters und seines Großvaters: "Vernachlässige nie deine Ausbildung!" Malek sagt: "In dem Jahr, als die Granate einschlug, hätte ich eingeschult werden sollen, dazu ist es nie gekommen."

Malek wird im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer ein neues Zuhause bekommen, so wie 93 weitere Kinder, die im Krieg ihre Eltern verloren haben. Die Jungen und Mädchen bekommen Liebe und Fürsorge und Hilfe bei der Bewältigung ihrer Traumata. Sie gehen in die Schule und werden beim Lernen unterstützt.

Malek erklärt: "Ich freue mich darauf, zu spielen und zu lernen und vor allem Zeit zu haben, darüber nachzudenken, wer ich später einmal sein möchte."

* Name von der Redaktion geändert

Abeer Pamuk, 24.06.2015

Ein halbes Glas Wasser

Keine Frage, ich gehöre zu den Glücklichen: Nach fünf Jahren Krieg lebe ich noch. Ich bin unverletzt. Ich genieße das Privileg, arbeiten zu dürfen und ich habe sogar die Möglichkeit, Woche für Woche all die kleinen Details des Krieges aufzuschreiben und der Welt von diesem Wahnsinn zu berichten.

Es geht mir also gut. Äußerlich. Wie sehr mich der Krieg dennoch im Griff hat und mein ganzes Leben beeinflusst, war mir lange Zeit selbst nicht klar. Dann zog ich von Aleppo nach Damaskus. Zwei Jahre lang hatte ich in einer der meistumkämpften Städte Syriens gelebt. Der Krieg war allgegenwärtig und seine Begleiterscheinungen auch: Wasserknappheit, kein Strom, kein Internet, manchmal funktionierte nicht einmal das Radio.

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Das Zentrum von Aleppo am Abend: Die einzigen Lichter, die zu sehen sind, kommen von den vorbeifahrenden Autos. Um Häuser oder Straßen zu beleuchten, fehlt der Strom.

Nun hatte ich diesen Ort also hinter mir gelassen. Auch in Damaskus herrscht Krieg, aber immerhin ist die Grundversorgung halbwegs intakt. Erst in diesem für mich fast schon normalen Umfeld wurde mir bewusst, wie sehr ich mich in den letzten Jahren an den Krieg angepasst hatte.

Tag Eins in Damaskus: Im Büro der SOS-Kinderdörfer gieße ich mir wiederholt ein Glas halbvoll mit Wasser, als mich eine Kollegin fragt, warum ich das Glas nicht ganz fülle. Ich muss einen Moment nachdenken, bevor ich antworte: "In Aleppo war jeder Tropfen Wasser kostbar. Du wirst dort Experte im Wassersparen - ob du willst oder nicht."

Tag Zwei: Ich gehe in die Bank, um Geld abzuheben – und bin fast erschrocken, als eine Ansage über Lautsprecher kommt - hier gibt es ja Strom! Natürlich gibt es Strom: der Raum ist erleuchtet, der Drucker läuft und die Geldautomaten funktionieren. Wenn ich in Aleppo Geld abholen wollte, zog ich eine Nummer und wartete in der dunklen Halle, die Beamten sorgfältig im Blick. Wenn es gut lief, bekam ich noch am selben Tag einen Scheck oder mein Geld. Wenn es schlecht lief, dauerte es zwei Monate.

Am Abend in meiner neuen Wohnung: Es ist dunkel, als ich von der Arbeit nach Hause komme. Automatisch hole ich mein Handy aus der Tasche und schalte die Taschenlampe an. Meine Mitbewohnerin sieht mich irritiert an und sagt: "Du weißt schon, dass es hier diesen Schalter gibt… Du musst nur darauf drücken, dann geht das Licht an." Ich gebe ihr keine Antwort und verlasse wütend das Zimmer.

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Als Abeers Freundin Rana nach Damaskus gezogen war, putzte sie sich aus Gewohnheit die Zähne im Dunkeln.

Der nächste Morgen: Um mir das Gesicht zu waschen, koche ich Wasser auf dem Ofen, nehme eine Plastikflasche mit kaltem Wasser mit ins Bad und schütte beides zusammen, bis die Temperatur passt. Mein Makeup trage ich draußen auf dem Balkon auf, weil es in der Wohnung zu dunkel ist. Ich erhitze das Bügeleisen auf dem Herd, um… Als ich abermals dem Blick meiner Mitbewohnerin begegne, wird mir mit einem Schlag klar, dass all dies viel einfacher und schneller gegangen wäre - wenn ich die Dinge nicht auf "meine Art" oder besser: nach Art des Krieges getan hätte.

Und so geht es weiter: Fährt ein Auto über ein Stück Plastik, halte ich das Geräusch für einen Gewehrschuss, steigt Rauch aus einem Schornstein auf, denke ich an brennende Gebäude, die Sirene eines Krankenwagens bringt die Bilder all der Toten, die ich gesehen habe, wieder her und wenn sich der Regen mit der roten Erde mischt, sehe ich Blut vor mir.

Als ich eines Tages meine Freundin Rana treffe, die ebenfalls von Aleppo nach Damaskus gezogen ist, bin ich fast erleichtert, dass sie von ähnlichen Dingen erzählt: Wie sie sich in ihrem neuen Zuhause die Zähne im Dunkeln geputzt hat, weil sie es nicht mehr anders gewohnt war. Und wie sie in einem Café in Damaskus unter den Tisch flüchtete, als ein Wagen vorbeifuhr und Pestizide verteilte...

Aber ja - wir leben noch.

Abeer Pamuk, 10.06.2015

Flucht aus der Heimat

Wer bei Google das Wort "Syrien" eingibt, bekommt man Ergebnisse, in denen folgenden Wörter auftauchen: Krieg, Zerstörung, ISIS, Terroristen, Angriff, Massaker, Tod, Krise, Mangel, Belagerung, Flüchtlinge…

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Krieg und Zerstörung vernichten die Lebensgrundlage vieler Menschen in Syrien.

Das Syrien, das für Traditionen, Lebenskultur und Gastfreundschaft steht, scheint nicht mehr zu existieren. Auch nicht das Land, das bis vor wenigen Jahren noch Zufluchtsort für Flüchtlinge aus den Nachbarländern war: Noch 2012 lebten alleine 1,8 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak in Syrien. Auch Palästinenser (540.000) und Armenier ( 130.000) haben bei uns Zuflucht gefunden.

Das ist nun alles Vergangenheit. Inzwischen stürzen die Bevölkerungszahlen in den Keller. Die aktuelle Einwohnerzahl liegt bei 22 Millionen. Laut Bericht der Vereinten Nationen fliehen jeden Tag 5000 Syrer aus dem Land, 28 Prozent aller Syrer sind aus ihren Häusern vertrieben worden. Insgesamt haben schon zwei Millionen Syrer das Land verlassen und 4,25 Millionen sind auf der Flucht im eigenen Land.

Es braucht triftige Gründe, damit jemand sein Zuhause, Freunde, Familie, ein soziales Leben und die Arbeitsstelle hinter sich lässt - für eine Reise ins Ungewisse. Für die meisten Menschen sind es drei Aspekte, die sie aus Syrien fliehen lassen: Sicherheit, Lebensqualität und wirtschaftliche Not.

Ein Leben in Sicherheit

Am 15. Januar verkündeten die Vereinten Nationen, dass im Syrienkrieg bereist 220.000 Menschen gestorben waren, darunter 11.021 Kinder und 7049 Frauen.
Wer dieser Tage in Syrien durch die Straßen läuft, weiß, dass auch das eigene Leben von einer Sekunde zur anderen brutal beendet werden kann und die Statistik weiter die Höhe geht. Wer täglich von neuen Opfern, getöteten Freunden, verletzten Nachbarn hört, hat nur wenig andere Gedanken im Kopf. Und was, wenn nicht ich sterbe, sondern jemand aus meiner Familie? Was, wenn ich schwer verletzt überlebe – ist das besser oder schlechter? Mit jeder Explosion, mit jedem Granateinschlag beginnen solche Gedanken und Gespräche von vorne.

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Als Innendesigner fand Alan Hakki keine Arbeit. Wer sollte sich sein Haus einrichten lassen, wenn morgen alles zerstört werden könnte?

Vor diesem Hintergrund sind die Risiken, die mit einer Flucht einhergehen, relativ: Auch dabei kann man sterben, aber die Gefahr ist punktuell und es ist Hoffnung in Sicht! "Man kann Strapazen aushalten, wenn man weiß, dass sie irgendwann vorbei sein werden", hat eine Studentin zu mir gesagt.

Wer in Syrien bleibt, weiß das nicht. Im Gegenteil: Vor allem die jungen Männer erwarten mit großer Furcht ihren 18. Geburtstag, denn mit 18 werden sie in die Armee eingezogen und der Tod rückt noch ein ganzes Stück näher. Jeder, der kann, versucht mit Tricks die Einberufung hinauszuzögern. So erzählt Samer Ali, ein 26-jähriger Student: "Ich bin dreimal hintereinander durch meine Prüfungen gefallen, um Zeit zu gewinnen. Ich habe gearbeitet, Geld gespart und Fluchtpläne gemacht." So, wie Hunderttausende anderer Studenten. Samer Ali lebt heute in Schweden.

Ein lebenswertes Leben

Ein Kriegsjahr folgt dem anderen - besonders die jungen Leute sehen, wie ihre "besten Jahre" in Angst und Schrecken vergehen. Es wäre die Zeit, in der sich die Persönlichkeit definiert, Berufswege heranreifen, Freundschaften und Beziehungen geschlossen werden, der persönliche Lebensweg Form annimmt. Aber Studenten, die mit 18 zu studieren begonnen haben, bevor der Krieg begonnen hatte, sind heute 23 und ihre Träume werden immer bescheidener. Fragst du sie, was sie sich wünschen, antworten sie, zu überleben und die Basisbedürfnisse wie Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf und Elektrizität, befriedigen zu können. Viele verlassen das Land aus diesen Gründen.

Ein Beispiel: Alan Hakki ist 25 Jahre alt. Er hat in Aleppo Kunst studiert und sich auf Inneneinrichtung spezialisiert, außerdem spielt er Geige. Nach seinem Studium hat er alles getan, um einen Job zu finden, aber für die Menschen in Syrien wäre es heute so ziemlich das Letzte, Geld für Dekoration und Design auszugeben. Die meisten könnten sich das ohnehin nicht leisten und die wenigen, die das Geld hätten, würden ihr Haus nicht aufwendig einrichten lassen, wenn sie wissen, dass es am nächsten Tag zerstört werden kann.
Alan Hakki lebt nun in Istanbul, er arbeitet für eine Designfirma. Er spielt auch wieder regelmäßig Geige und unterstützt unter anderem eine Kinderhilfsorganisation, die Musiktherapien anbietet.

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Sara Hallaq lebt jetzt mit ihrem Freund in Belgien. Sie erwartet ein Baby. In Syrien hätte sie nicht gewagt, ein Kind zu bekommen.

Oder nehmen wir Sara Hallaq: Nach ihrem Studium und ihrer Lehrerausbildung floh sie zusammen mit anderen auf einem Boot nach Belgien. Zehn Tage brauchte sie, bis sie dort ankam. "Das waren die schlimmsten zehn Tage meines Lebens! Ich hatte furchtbare Angst zu ertrinken, aber auch davor, geschnappt und nach Syrien zurückgebracht zu werden." Das Gefühl, nun in Frieden zu leben, ist für sie unbeschreiblich – vor allem jetzt, wo sie und ihr Freund ein Kind erwarten. "In Syrien hätte ich das nie riskiert. Ein Kind hat in Syrien keine Zukunft,  und ich verstehe jede einzelne Mutter, die alles dafür tut, ihre Kinder außer Landes zu bringen!"

Finanzielle Sicherheit

Auch die unsichere wirtschaftliche Lage führt dazu, dass immer mehr Menschen ins Ausland gehen. Dabei geht es nicht um Luxus, sondern darum, eine Familie finanzieren zu können. Millionen Menschen sind durch den Krieg verarmt, laut Schätzung betraf dies 2014 vier von fünf Syrern.  Die Arbeitslosigkeit ist von 2011 bis 2014 von 15  auf 58 % gestiegen. Das bedeutet, dass drei Millionen Menschen ohne Arbeit sind. Nimmt man die betroffenen Familien hinzu, die an jedem Arbeitslosen hängen, kommt man auf über zwölf Millionen. Gleichzeitig schießen die Preise in die Höhe. Wer noch ein bisschen Geld übrig hat, versucht es für seine Flucht einzusetzen…

Wer bleibt im Land?

Vielleicht sollte man die Frage angesichts all dieser Gründe eher andersherum stellen: Warum bleiben überhaupt noch Menschen im Land?
Es gibt praktisch niemanden, der bleiben WILL! Die meisten MÜSSEN bleiben, weil sie sich eine Flucht nicht leisten können oder weil sie zu alt oder zu krank sind. Oder sie haben Angst, ihre Familie nicht wiederzusehen, sie sehen keine Möglichkeit, dem Militärdienst zu entkommen oder arbeiten für eine humanitäre Organisation.

Auch ich gehöre zu ihnen… Jeden Tag versuche ich, Hoffnung zu schöpfen. Jeden Tag versuche ich, dem Leben etwas Schönes abzuringen…

Abeer Pamuk, 20.05.2015

Bilder in Schwarz, Weiß und Rot

Über die Talente eines Kindes zu sprechen und sie zu fördern, ist ein Luxus friedlicher Zeiten. Im fünften Jahr des Kriegs in Syrien sind die Talente und Begabungen vieler Kinder verschüttet, manchmal werden sie sogar zum Fluch: Wenn ein Kind eine gute Beobachtungsgabe hat und jedes schreckliche Detail der brutalen Auseinandersetzungen speichert.

Der 16-jährige Alaa galt in seinem Umfeld als hochtalentierter Zeichner. Er malte seine Freunde und Verwandten, in bunten Farben malte er sein Zuhause oder die berühmten Plätze von Damaskus. Seine Lehrer waren begeistert und glaubten daran, dass Alaa später einmal ein Künstler werden würde.

Als Alaa elf Jahre alt war, wurde Jobar, das Viertel von Damaskus, in dem der Junge mit seiner Familie lebte, zum Zentrum brutaler Auseinandersetzungen.

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Es schien, als habe Alaa sein Talent für immer verloren.  Im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer hat er wieder zu zeichnen begonnen.

Alaa musste die Schule verlassen, da seine Familie immer wieder gezwungen war, den Wohnort zu wechseln. Zeitweilig lebte sie bei Alaas Onkel. Der Junge erinnert sich: "Wir waren mindestens zwanzig Kinder in dem Haus, als wir belagert wurden. Wir durften nicht einmal weinen, denn wenn wir geweint hätten, hätten die Angreifer uns sofort entdeckt und abgeschlachtet wie unsere Nachbarn. Als wir das Haus endlich verlassen konnten, stiegen wir über Leichen und menschliche Überreste. Ich hielt die Hand meines Vaters fest umklammert. Als wir weitergingen, hörten wir die Stimme eines Mädchens, das unter einem zusammengestürzten Haus lag. Ich half meinem Vater, sie zu befreien. As wir sie hochhoben, blieben ihre Hände am Boden liegen. Sie waren beide abgehakt worden. Dieses Moment werde ich nie vergessen."

Alaa musste all seine Stifte und Malutensilien zurücklassen. Wenn er sich jetzt hinsetzte, um etwas zu zeichnen, waren seine Bilder schwarz, weiß und rot. "Das waren die Farben, die meine Augen an jedem neuen Ort wahrnahmen, an den wir auf der Suche nach einem Wohnort kamen."

Dann wurde der Junge von seinen Eltern getrennt. Der Stadtteil Jobar war inzwischen "berühmt" geworden für seine Geschichten von Zerstörung, Massakern und menschlichem Leid, für schwarzen Rauch und unzählige Tote. Für Alaa hat er auch heute noch eine ganz andere Bedeutung: Zuhause. Das Zuhause, das er einmal hatte, Freunde, Glück, Familie, Spielplatz, Schule, ein blauer Himmel ohne Rauchwolken. Jobar, das war auch der Ort, an dem ihm alle sagten, wie talentiert er sei. Damals, vor einer Ewigkeit.

Irgendwann hörte Alaa ganz auf zu malen. "Ich habe nichts anderes mehr gesehen als Zerstörung. Und meine Hände begannen zu zittern, wann immer ich einen Stift in die Hand nahm."

Inzwischen lebt Alaa im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer für verlassene Kinder in Damaskus, von seinen Eltern fehlt jede Spur. Alaa bekommt psychologische Unterstützung und allmählich wird sein Zustand stabiler. Alaa sagt: "Ich hatte Angst, dass ich nie wieder etwas zeichnen würde. Aber jetzt ist meine Hand ruhiger geworden und ich habe wieder die ersten Bilder gemalt."

Wie könnte man behaupten, dass Alaa Glück gehabt hat? Und doch geht es ihm besser als unzähligen anderen Kindern in Syrien – die alleine sind, keine Unterstützung bekommen und deren Talente vielleicht für immer verloren sind.

Abeer Pamuk, 29.04.2015

Ein Apfel und ein Luftkuss

Für einige Zeit war ich wieder in meiner Heimatstadt Aleppo. Wie einige hundert andere junge Menschen wollte ich meine Zwischenprüfung an der Uni ablegen.
Wie soll man beschreiben, wie sich ein Tag dort anfühlt? In einer Stadt, in der der Krieg wütet? Du wachst auf unter einer Sonne, die alles tut, was sie kann, um die Dunkelheit zu vertreiben - die Angst, die Tränen der Kinder, die vielen Toten. Es gelingt ihr kaum. Dann beginnst du deinen Tag in der Hoffnung, dass die eine Stunde, in der Aleppo täglich Strom hat, so fällt, dass du sie nutzen kannst, um wenigstens einen Teil deiner Arbeit erledigen zu können. Wenn du mit dem Bus fährst, bekommst du eher einen Platz als früher, denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind lange nicht mehr so voll; nahezu bei jeder Fahrt ist jemand dabei, der verletzt ist. Wenn die Route am "University Hospital" vorbei geht, fragte immer jemand, ob der Fahrer dort halten kann.

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Rama verkauft Süßigkeiten auf der Straße. Früher, als sie noch zur Schule ging, lernte sie gerne Englisch.

Während der nächsten Stunden horchst du aufmerksam, ob nicht irgendwo die Sirene eines Krankenwagens ertönt und du hoffst, dass die Granateinschläge, die Aleppo auch heute wieder treffen, deine Freunde und deine Familie verschonen. Wenn du abends Freunde treffen möchtest, ist das ein riskantes Unternehmen. Es kann sein, dass du deinen Weg fünf Mal ändern musst, um die Granateinschläge zu umgehen, die du schon von weitem hörst. Es ist ein Wahnsinn, überhaupt rauszugehen, aber du riskierst es trotzdem, weil du manche deiner Freunde vielleicht nie mehr sehen wirst, weil sie sich auf der Flucht vor dem Krieg in alle Richtungen aufmachen.

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Ammar wünscht sich, dass die Leute mehr in ihm sehen als einen Straßenverkäufer.

Resigniert stieg ich einige Wochen später wieder in den Bus ein, der mich zurück nach Damaskus bringen würde. Es war noch etwas Zeit bis zur Abfahrt. Viele Kinder liefen auf dem Terminal herum, versuchten Süßigkeiten zu verkaufen. Ein Mädchen stieg in unseren Bus ein, manche Leute kauften ihr etwas ab, andere scheuchten sie weg. Dann blieb sie hinter meinem Sitz stehen. Ich hatte mir einige Notizen auf Englisch gemacht – und plötzlich begann das Mädchen, sie laut zu lesen. Als sie stockte, bat ich sie weiterzulesen. Sie las eine ganze Seite, ihre Stimme klang unsicher. "Lese ich richtig?", fragte sie mich. Das Mädchen hieß Rama und war 12 Jahre alt. Sie erzählte: "In der Schule habe ich Englisch geliebt! Ich habe auch gerne die Lieder gesungen, die uns beigebracht wurden. Aber als eine Granate auf unser Haus fiel und mein Bruder eine Hand verlor, habe ich angefangen, als Straßenverkäuferin zu arbeiten, um meiner Familie zu helfen."

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Obwohl die Kinder so gut wie nichts besitzen, schenkten sie mir zum Abschied einen Apfel.

Rama sagte, dass sie Lehrerin werden möchte. Sie träumte davon, jemand zu werden, dem die Menschen zuhören. Dann wollte sie mich unbedingt mitnehmen. Wir stiegen aus dem Bus aus und Rama stellte mir ihren Freund Ammar vor. Er saß auf einem Stuhl bei einem Feuer und verteilte Papiertücher an die Menschen, die die Toilette besuchen. Amar bot mir seinen einzigen Sitz an – "Du siehst müde aus!", sagte er zu mir. Dann erzählte auch er seine Geschichte: Sechs Mal hat er nun schon seinen Wohnort gewechselt, seit der Krieg begonnen hat. Um es in ihrem Haus halbwegs warm zu haben, heizt seine Familie in einer Metalltonne alles Holz ein, was sie finden kann. Amars Hände waren rußgeschwärzt.

Ammar schaute mich an und sagte: "Du bist die erste, die sich für uns interessiert und sich mit uns unterhält. Normalerweise legen die Leute nur ihr Geld hin und behandeln uns wie Maschinen, die Süßigkeiten, Toilettenpapier oder irgendetwas anderes ausspucken." Bald darauf musste ich wieder in den Bus einsteigen. Kurz vor der Abfahrt kamen die Kinder nochmal zu mir. Sie hielten mir einen roten Apfel hin, auf dessen Schale sie ihre Namen geschrieben hatten und dazu auf Englisch "Thank You!". Rama sagte: "Damit du uns nicht vergisst." Zum Abschied winkte sie und warf einen Kuss in die Luft.

Ich kam mir reich beschenkt vor. Was könnte wertvoller sein als dieser Apfel, der Kuss und das Leuchten in ihren Augen?

Abeer Pamuk, 22.04.2015

In der Dunkelheit wachsen keine Blumen

In den dunklen Räumen einer  Baustelle in Lattakia City lebt Nour mit ihrer Familie, ihr Herz ist schwer. Der Name "Nour" ist Arabisch und bedeutet "Licht". Das Mädchen findet ihn schon lange nicht mehr passend. All ihre Träume und ihre Hoffnungen hat sie an dem gefährlichsten Ort der Welt verloren: in Aleppo.

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Vor der Baustelle, in der Nour jetzt lebt, erzählt sie mir ihre Geschichte.

Bis vor zwei Jahren war das Leben für Nour so, wie es sein sollte. Jeden Morgen weckten sie die Vögel mit ihrem Gesang und malten den Himmel bunt für sie. Nour wachte in ihrem warmen Bett auf, später ging die mit ihren Freundinnen zur Schule. Sie sagt: "Ich erinnere mich ganz genau an jedes Klassenzimmer und an jede Ecke." In den Pausen spielten sie Fangen, wie wohl die Kinder überall auf der Welt. "Mein Traum war es, später zu studieren und Ärztin zu werden, aber jetzt muss ich ja arbeiten", erzählt Nour weiter.

Früher hatte ihr Vater sein Geld als Maler verdient. "Ich war immer stolz darauf, wie mein Vater all die Häuser unseres Dorfes gestrichen hat. Er war der beste! Die meisten Häuser waren weiß, so auch unseres. Ich habe es immer geliebt, von der Schule zu kommen und unser schönes Haus zu sehen, besonders im Frühling, wenn der Apfelbaum blühte. Wenn ich heute meine Augen schließe und daran denke, muss ich immer lächeln. Und wenn ich sie dann wieder öffne, muss ich weinen."

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Viele Kinder müssen Müll sammeln, damit ihre Familien überleben können.

Denn Nours Vater verlor seine Stelle und die Familie musste ihre Heimat verlassen. Die dunkle Baustelle in Lattakia City ist kaum ein neues Zuhause zu nennen. Nour musste mit der Schule aufhören und die ganze Familie ist nun täglich damit beschäftigt, Müll zu sammeln, um Geld zu verdienen. Nour sagt: "Es gibt hier soviel Müll! Ich habe mehrmals versucht, ein paar Blumen zu züchten, um etwas Farbe in mein Zimmer zu bringen, aber sie sind mir immer wieder eingegangen. Ich hab gelernt, dass in der Dunkelheit und im Müll keine Blumen wachsen."

Wenn ich Nour anschaue mit ihren verfilzten Haaren, ihrem verängstigten Gesicht und ihren zerschlissenen Klamotten, spüre ich die ganze Tragik des Krieges. Nour sagt: "Früher hatte ich glatte, lange Haare und habe gerne schöne Kleider getragen, am liebsten mein gelbes Kleid. Wir hatten mal ein Foto, auf dem ich es anhabe und vor unserem Haus in Aleppo stand. Ich wünschte mir, dass es dieses Foto noch gäbe. Dann könnte ich es hier in meinem Zimmer aufstellen und ich hätte einen Beweis dafür, dass ich früher ganz anders war."

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Dieses Mädchen hat Glück: Sie darf weiter zur Schule gehen.

Am schlimmsten ist es für Nour, anderen Kindern dabei zuzusehen, wie sie sich auf den Weg in die Schule machen. Oder anders herum: Auszuhalten, dass Kinder und auch Erwachsene sie verächtlich anschauen. Tränen laufen Nour über ihr hübsches kleines Gesicht, als sie weiterspricht:  "Ich wünschte, ich könnte ihnen dann laut entgegen schreien,  dass ich überhaupt nichts dafür kann, dass ich so geworden bin. Und dass ich eigentlich eine Dame bin und dass in mir drin ganz viele Farben und Blumen sind."

 Abeer Pamuk, 12.04.2015

"Yalla Let’s bike" 

Die Dunkelheit ist ein Geist geworden, der die Herzen der Menschen in Syrien seit vier Jahren jagt. Die Menschen haben fast verlernt, in Farbe zu träumen und die schönen Dinge des Lebens wahrzunehmen.  Wenn ich in ihre Gesichter schaue, sehe ich einen Schatten um ihre Augen liegen,  sie versuchen, Angst und Horror zu unterdrücken, es gelingt nicht wirklich. Jeder hier weiß, dass der Tod in Sekunden kommen kann.

In diesen schwierigen Zeiten erschien die Idee einer lokalen Initiative in Damaskus fast irreal: Sie wollte die ganze Stadt dazu bewegen, gemeinsam Rad zu fahren. "Yalla Let’s bike" sollte alle Menschen zu einer großen Fahrradveranstaltung zusammenbringen, egal wie alt sie waren, egal, woher sie kamen, egal,  welchen Hintergrund sie hatten. Die Nachricht sprach sich schnell rum – und erreichte die Menschen mitten im Herzen, sie brachte all die schönen Erinnerungen an ganz normale Zeiten wieder hoch.

Wochenlang war der Fahrradtag DAS Gesprächsthema in Damaskus – fast wie zum Trotz unterhielten sich die Menschen nun mehr über das anstehende Ereignis als über den Einschlag von Granaten, über Explosionen und Tote. Als das Ereignis näher rückte, begannen die Veranstalter, die Straßen zu schmücken, so, wie man es sonst nur von großen Festtagen kennt.

Treffpunkt war ein Park, der vor dem Krieg ein lebendiger, beliebter Ort war. In den Kriegsjahren hatten nur noch Wenige ihren Weg hier her gefunden.  Gleich am Eingang hörte ich die Stimmen der Kinder, die Lieder über ihre Rechte sangen. Sie unterstützen damit die Arbeit der SOS-Kinderdörfer  – und helfen denjenigen Kindern, die dringend Hilfe benötigen.

Der Park war voll mit Menschen und Fahrrädern. Ich unterhielt mich mit vielen Teilnehmern, wollte wissen, warum sie hier waren, wollte ihre Geschichte hören:

Mouna Labadibi ist 66 Jahre alt und Mutter von vier Kindern, die alle kurz nach Kriegsbeginn das Land verlassen haben. Ich treffe sie am Rande des Geschehens, wo sie auf einer Bank in der Sonne sitzt und den Kindern beim Singen und Spielen zuschaut. "Ich wünschte, ich hätte heute meine Jugend, Gesundheit und ein Fahrrad. Ich wäre mit all den jungen Menschen mitgefahren, um ihnen Hoffnung zu geben. Ich hätte meine Augen geschlossen und mir vorgestellt, dass ich bis nach Schweden fahren würde, um die Hand meiner neugeborenen Enkelin zu berühren."

Der 35-jährige Samer ist verantwortlich für die Tonanlage der Veranstaltung. Samer sagt: "Ich habe heute alles dafür gegeben, um Kinder in einem Umfeld zu erleben, das ihnen entspricht. Wir haben genug von dem Anblick verschreckter und verkrüppelter Kinder in Krankenhäusern. Zu sehen, dass sie Spaß haben, Fahrradfahren, Singen und Musik machen und damit auch noch ihren Altersgenossen helfen, ist für mich einfach überwältigend."

Loran und Hanin sind zwei dieser Kinder, die sich für die SOS-Kinderdörfer auf die Bühne gestellt haben. "Wahrscheinlich kann sich niemand besser vorstellen, was Kinder in Not empfinden, als wir Kinder selber", sagen sie.  "Wir haben heute mitgemacht, um eine Pause von Tränen, Traurigkeit und Elend zu haben. Wir wollen beweisen, dass wir dem Krieg etwas entgegenzusetzen haben. Wir sind auch hier für all die Kinder, die nicht teilnehmen konnten. Unsere Stimmen sollen eine Brücke zu ihnen schlagen, damit sie spüren, dass sie nicht alleine sind."

Als am Ende des Tages unzählige Radfahrer ins Ziel eingekehrt waren und die Veranstaltung fast vorbei war, sprach ich noch mit der 20-jährigen Naya Dayoub, die ehrenamtlich für die SOS-Kinderdörfer in Syrien arbeitet. Naya war sehr emotional: "Ich hatte heute das Gefühl, dass es noch Hoffnung in Syrien gibt! Trotz allem sind wir noch in der Lage, uns für eine gute Sache zusammenzufinden. Für mich ging es heute nicht nur um Spaß, sondern um viel mehr. Wir Syrer konnten für einen Moment auftauchen aus dem Meer von Traurigkeit, einmal tief Luft holen. Wir haben uns an die Menschen erinnert, die wir einmal waren. Nur der Puls unserer Herzen kann den Puls des Krieges übertönen und uns helfen, auch die schönen Seiten des Lebens zu sehen."

Abeer Pamuk, 07.04.2015

Neue Bäume pflanzen, neues Lachen säen

Mouhammad Khalifa erinnert sich noch gut an diesen wunderbaren Tag im September 1996: Seit einer Woche war er nun schon täglich an der neuen Baustelle vorbeigekommen. Sie lag auf seinem Weg von seiner kleinen Farm in die Stadt, wo er Gemüse und Früchte verkaufte. Die Baustelle zog ihn magisch an. "Was baut ihr?" fragte er den Vorarbeiter, und "Könnt ihr noch Leute gebrauchen?" Der Vorsteher fragte zurück: "Was kannst du?"

Mouhammad hatte keinerlei Erfahrungen als Bauarbeiter, er sagte schlicht, dass er Analphabet sei. Und wusste nicht, wie ihm geschah, als er den Job dennoch bekam.

Von diesem Tag an war Mouhammad Khalifa mit dem SOS-Kinderdorf Aleppo, das hier durch seine Hände mitentstand, verbunden. Da sein Haus zwanzig Kilometer entfernt lag, übernachtete er auf der Baustelle. Eineinhalb Jahre lang half er, die Gebäude zu bauen, Stein auf Stein, er pflanzte Mango- , Apfel-, Pfirsich-, Zitronen-, Feigen- und Olivenbäume, für die das SOS-Kinderdorf Aleppo später so bekannt werden sollte. Khaled, der allererste Junge, der damals hier aufgenommen wurde, erinnert sich: "Jeder Besucher war von unseren Bäumen begeistert. Als Kind habe ich es geliebt, eine Frucht zu stibitzen, aber unbedingt so, dass Onkel Mouhammad mich sah: Ich wusste, dass er mir hinterherlaufen und mit mir spielen würde."

Denn auch, als das Kinderdorf Aleppo fertiggebaut war und verlassene Kinder 1998 hier eingezogen waren und ein neues Zuhause gefunden hatten, blieb Mouhammad Khalifa da und kümmerte sich weiter um das Anwesen. "Wir  haben das öde Land in eine grüne Oase verwandelt", sagt er. Und so, wie er sich um die Bäume und Sträucher gekümmert hat, war er auch für die Kinder da. "Ich erinnere mich an jedes einzelne von ihnen, ich weiß Geschichten über sie, an die sie sich vielleicht selbst nicht mehr erinnern."

Für Mouhammad Khalifa, der inzwischen 60 Jahre alt ist, hätte es ewig so weitergehen können. Aber dann kam der Krieg nach Syrien, die Kämpfe rückten erst nah und dann dramatisch nah ans SOS-Kinderdorf heran. Es gab keine andere Lösung:  Das Dorf musste evakuiert werden. Über zwei Jahre ist das nun her. Die SOS-Familien sind im zweiten Kinderdorf des Landes, in Qodsaya bei Damaskus untergekommen. Mouhammad Khalifa hat die meisten von ihnen seit damals nicht gesehen. Als er nun Khaled im Büro der SOS-Kinderdörfer wiederbegegnet, ist seine Freude überschwänglich und die Fragen nehmen kein Ende. Er will wissen, wie es jedem einzelnen geht.

Khaled erzählt: "Stell dir vor, der kleine Amjad ist inzwischen größer als ich. Er ist Soldat geworden." Auch zehn weitere ehemalige Jungen aus dem Dorf sind heute Soldaten. Mouhammad Khalifa hört lange zu. Er ist bewegt, Tränen laufen ihm über die wettergegerbten braunen Wangen, als er weiterspricht: "Das SOS-Kinderdorf Aleppo war ein zweites Zuhause für mich, wie auch für all die anderen Mitarbeiter. Wir waren eine Familie. Ich habe 17 Jahre dort gearbeitet, es war eine Lebenseinstellung für mich, und ich frage mich jeden Tag, ob ich jemals dorthin zurückkehren werde."

Nach einer Pause fährt er fort: "Wenn ich weitere 60 Jahre leben würde, würde ich alles wieder aufbauen: Neue Bäume pflanzen und alles wieder herrichten, damit das SOS-Kinderdorf Aleppo wie früher von Kinderstimmen erfüllt wird. Ich würde dort bleiben bis zum Ende meines Lebens."

Abeer Pamuk, 31.3.2015

sogar die stärksten Mütter scheitern BEI DEM VERSUCH, ihre Familie zu beschützen

Wie wichtig ist eine Mutter für ihr Kind? Sie steht für so vieles: Sicherheit, Stärke, Liebe und Zärtlichkeit. Eine Mutter würde alles dafür tun, um ihr Kind zu beschützen, solange, bis das Kind alt und stark genug ist, um auf sich selbst aufzupassen. Eine Mutter ist Leitfigur und prägend für die Entwicklung eines Kindes. Sie trägt dazu bei, seine Persönlichkeit zu formen, sie gibt ihm die Stabilität, um zu einem verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft heranzureifen.

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Rares Glück: Nur wenige Kinder im Camp leben mit Mutter UND Vater zusammen. 

Am 21.März wird in Syrien der Muttertag gefeiert – fünf Tage, nachdem sich der Krieg in unserem Land zum fünften Mal jährt. Ein Land, in dem die stärksten Mütter bei dem Versuch scheitern, ihre Familie zu beschützen, in dem die Geschenkartikel-Läden am Muttertag spezielle Geschenke bereit halten für "Märtyrer-Mütter".

Im Flüchtlingscamp Al-Dwair kann sich niemand über den Muttertag freuen. Sechs Gebäude, die bislang als Sozialzentrum genutzt wurden, sind dort von mehreren hundert Frauen mit ihren Kindern bewohnt, die von ihren Männern getrennt wurden.  Sie stammen aus der Region "Al-Gouta", die zwei Jahre lang belagert wurde, erst vor ein paar Monaten ist es den Familien gelungen, den Ort zu verlassen. Auf ihrem Weg wurden sie getrennt. Nur 40 Männer durften sie begleiten, die anderen wurden als Geiseln  genommen, keiner weiß, wann sie freigelassen werden.

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Asmaa muss sich alleine um ihre Kinder kümmern. Der Tag, an dem sie von ihrem Mann getrennt wurde, war für sie der schlimmste Tag ihres Lebens. 

Eine dieser Mütter ist die 23-jährige Asmaa Al-Lahham. Sie erzählt ihre Geschichte: "Ich war im neunten Monat schwanger mit meiner Tochter, als wir die Kafar-Batna-Region verlassen mussten und nach Al Ghouta übersiedelten. Wir mussten stundenlang gehen, an der Hand hielt ich meinen kleinen Sohn und sagte ihm, dass alles in Ordnung sei. In mir drinnen habe ich geweint. Wir blieben ein Jahr in Al Ghouta, meine Kinder hatten nie genug zu essen und litten an Mangelernährung. Ein Kilogramm Zucker kostete 50 $. Das einzige, was wir uns leisten konnten, waren dünne Suppennudeln, die wir in Wasser kochten. Ich sah Kinder sterben und als es hieß, dass wir die Region verlassen könnten, zögerte ich keine Minute."

Der Moment, als man ihren Ehemann mitnahm, sei der schlimmste ihres Lebens gewesen. Plötzlich war sie alleine. Der Muttertag in diesem Jahr wird der erste sein, den sie ohne ihren Mann feiert, auch ohne ihre eigene Mutter. "Wenn mich meine Kinder fragen, wann ihr Vater wiederkommt, schießen mir die Tränen in die Augen, weil ich nicht weiß, was ich antworten soll."

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Maram ist 14 Jahre alt und wollte Lehrerin werden. Aus Angst vor Terroristen hat ihre Mutter sie verheiratet.

Auch die 14-jährige Maram Al-Mouhammad lebt in dem Camp. Nachdem Terroristen in ihre Stadt eingedrungen waren, änderte sich alles für sie. "Die Terroristen fingen die Mädchen vor der Schule ab und zerrten sie in große Autos. Zwei unserer Freundinnen haben wir bei den Schul-Mülltonnen gefunden, sie waren vergewaltigt und getötet worden."

Auch Marams älterer Bruder war umgebracht worden, und aus Angst beschloss ihre Mutter, ihre Tochter mit deren 16-jährigen Cousin zu verheiraten. Maram sagt: "Ich habe meine Schule geliebt, ich wollte Lehrerin werden und Mädchen ermutigen, unabhängig zu werden und Wert auf Bildung zu legen. Mir war klar, dass ich selbst so ein Leben nur durch Bildung erreichen könnte."

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Wenig Grund zu feiern: Muttertag im fünften Jahr des Krieges.

Jetzt ist Maram zum dritten Mal schwanger. Ihre ersten beiden Babys sind im Mutterleib gestorben, weil Maram unterernährt war. Auch die Herztöne ihres jetzigen Kindes sind schwach.

Maram fühlt sich alleine, sie vermisst ihre Mutter, hat Angst um ihr ungeborenes Kind. "Und auch, wenn es überleben sollte: Ich selbst habe meine Kindheit verloren und ich fürchte, dass es meinem Kind genauso ergehen wird – geboren als 'Krisenkind' in einem Flüchtlingscamp mitten im Krieg. Was soll das für ein Start ins Leben sein?"

Abeer Pamuk, 20.3.2015

DAS WORT "TRAURIG" REICHT SCHON LANGE NICHT MEHR

Wenn man als Erwachsener an seine Kindheit zurückdenkt, so ist dies für viele die Zeit, in der alles magisch und schön war. Die Möglichkeiten und Träume waren unendlich und alles erschien einfach. Die Welt bestand aus einem leckeren Essen, das nirgendwo so gut schmeckte wie zuhause, einem Spaziergang mit dem Vater, der ohne Frage der stärkste Mann der Welt war, oder aus den täglichen Erlebnissen in der Schule.

So sollte es sein. Jedes Kind hat das Recht auf eine liebevolle Familie, auf Schutz und Sicherheit und auf Erinnerungen an eine geborgene Kindheit. Aber wie soll das gehen, wenn ein Kind in einem Land aufwächst, in dem Krieg zwischen Brüdern herrscht? Was, wenn es keine Worte dafür gibt, um zu beschreiben, wie das Kind sich fühlt – wenn das Wort "traurig" schon lange nicht mehr reicht?  Was, wenn die Augen der Kinder Schreckliches gesehen haben? Was, wenn ihre Herzen vor Angst frösteln? Was, wenn sie den Traum von unbeschwerten Kindheitserlebnissen schon aufgegeben haben?

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Ahmad Haj Hussein ist 12 Jahre alt und wuchs in Al-Mleha auf, einem der belebtesten Viertel in Damaskus. Seiner Familie ging es gut, bis die Konflikte stärker, die Angriffe immer brutaler wurden und seine Familie wie so viele andere entschied, aus ihrem Zuhause zu fliehen.

"Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern", sagt Ahmad. "Mein Onkel holte uns mit seinem Pick-up ab, wir packten unsere Säcke und Möbel auf die Ladefläche und mein Vater saß an der Seite, um aufzupassen, dass nichts runterfiel. Während wir losfuhren, schlugen hinter uns die Granaten ein. Plötzlich wurde mein Vater von Granatsplittern getroffen. Als ich mich umschaute, war sein ganzes Hemd voller Blut und er kippte vom Wagen. Er war tot."

"Ich weinte und schrie und sagte meinem Onkel immer wieder, dass er anhalten soll, er schrie zurück: ‚Willst du auch noch sterben?` und fuhr weiter. Ich sah den Körper meines Vaters immer kleiner werden, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte."

In der nächsten Zeit lebten Ahmad und seine Familie bei seiner Großmutter. Anfangs ging er noch zur Schule - bis zu jenem Tag, an dem er in der Pause im Klassenraum blieb, weil er Kopfschmerzen hatte. Alle anderen waren draußen. Plötzlich schlug eine Bombe auf dem Schulhof ein, alle seine Freunde starben.  Überall war Blut, Ahmad rannte los. Er kam nie wieder in die Schule zurück.

Nach zwei Jahren zog die Familie wieder nach Damaskus. Ahmad erzählt: "Ich war aufgeregt, habe mich gefreut, endlich unser Haus wieder zu sehen, unsere Nachbarn und Freunde. Aber als wir ankamen, war unser Haus zerstört und in meiner Schule lagen überall Gewehrkugeln und Granatsplitter herum, unsere Nachbarn und Freunde waren entweder tot oder geflohen."

"Ich ging durch die Straße, in der mein Vater gestorben war und fragte mich, was damals mit seinem Leichnam passiert war. Hatte ihn jemand weggebracht oder war er einfach wochenlang liegen geblieben  wie so viele andere toten Menschen, die in den Fernseh-Berichten zu sehen waren? Seit mein Vater gestorben ist, habe ich nicht mehr geweint. Wenn ich traurig bin, schlucke ich meine Tränen runter."

Ahmad und sein jüngerer Bruder leben heute in einer Not-Unterkunft der SOS-Kinderdörfer. Ihre Mutter konnte sie nicht mehr ernähren, nachdem sie ihren Job in einer Mayonnaise-Fabrik verloren hatte. Wir versuchen, den beiden Brüdern Geborgenheit und Schutz zu geben.

Neulich hat Ahmad von anderen Kindheitserinnerungen erzählt, aus einer Zeit vor dem Krieg - eine Ewigkeit her. Da war der  Urlaub in Aleppo. Abend für Abend ging Ahmad mit seinen Cousins zu der bekanntesten Eisdiele der Stadt und stellten sich hinten in der langen Schlange an. Sein  Vater kaufte jedem der Kinder ein Eis. Auf dem Rückweg sang er für Ahmads kleinen Bruder.

Und noch eine andere Erinnerung ist lebendig: Als Ahmad klein war und vor dem Haus spielte, hatte er Angst, auf eine Ameise zu treten und sie versehentlich zu töten. Nichts würde er sich heute mehr wünschen, als  diese Zeit zurückzubekommen  - in der er unbeschwert spielen konnte und seine größte Sorge den Ameisen galt.

Abeer Pamuk, 13.3.2015

Freundschaft in Zeiten des Krieges 

Freunde stehen in den glücklichsten sowie den traurigsten Momenten an deiner Seite, sie weinen mit dir Tränen der Freude und der Traurigkeit. Freunde sind die Menschen, die deine Erinnerungen prägen. Manchmal musst du nur ein Foto betrachten und dir fällt alles wieder ein, was du damals mit deinen Freunden erlebt hast.

Es gibt Leute, die sagen, dass Kinderfreundschaften niemals zerbrechen, auch, wenn jeder einen anderen Lebensweg geht. Aber was, wenn in deinem Land der Krieg ausbricht? Was, wenn du niemals weißt, ob das Foto, das du gerade von deinen Freunden machst, vielleicht das letzte ist?

Die Geschichte von Thaer und Basel

Eines Morgens weckte mich mein Bruder sehr früh. "Weißt du, wer gestorben ist? Thaer und Basel!" - "Was? Thaer und Basel??????" Ich wollte es nicht glauben, fragte ihn immer wieder. Thaer und Basel waren Nachbarn, waren unsere Freunde. An der Universität von Aleppo kannte fast jeder die beiden Brüder, eben erst hatten sie ihren Abschluss gemacht, Thaer in Bildender Kunst, Basel in Wirtschaft, noch bevor sie mit der Uni fertig waren, hatten sie keine Minute von meinem Zuhause entfernt das Kunstcafé "Butterfly Effect" eröffnet.

„Ja, Thaer und Basel“, sagte mein Bruder. "Heute Nacht ist eine Granate auf ihr Haus gefallen und hat sie und ihren Vater getötet."

Thaer und Basel hatten soviel vor! Ihr Kunstcafé "Butterfly Effect"  war rund um die Uhr voll mit Leuten, hier  trafen sich Maler, Musiker, Literatur-Liebhaber und andere kreative Menschen. Man hatte manchmal das Gefühl, in einer kleinen Kunstakademie zu sein.  Für mich waren Thaer und Basel die beiden ersten Menschen, die ich morgens begrüßte, wenn ich aus dem Haus ging, und die letzten, denen ich eine gute Nacht wünschte, wenn ich auf dem Heimweg war.

All das gab es jetzt nicht mehr.  Als ich an diesem Morgen die Straße zu ihrem Haus entlangging, fühlte ich mich, als würde ich immer tiefer in einen Alptraum hinein laufen. Wo vorher der Eingang war, hing jetzt ein schwarzer Vorhang, und daneben hingen Fotos der Beiden. Als ich sie am Abend zuvor gegrüßt hatte, waren sie noch gesund und guter Dinge. Jetzt wünschte ich, ich wäre länger stehen geblieben und hätte eine Unterhaltung angefangen.

An dem Tag nach Thaer und Basels Tod wurden an der Universität Examen geschrieben. Normalerweise wäre über nichts anderes gesprochen worden, aber an diesem Tag sprachen alle nur über Thaer und Basel.

Die Menschen, die sie kannten, werden die beiden Brüder für alle Zeit weiter in ihren Herzen tragen - zwei Schmetterlinge, die die Welt mit ihrem Flügelschlag verändert haben, viel zu früh gestorben, brutal aus dem Leben gerissen.

Thaer und Basel in der Stadt

Die beiden Brüder in ihrem Café, dem "Butterfly Effect"

Das "Butterfly Effect"

Kindheitsfoto bzw. Erwachsenenbild der beiden Brüder

Abeer Pamuk, 6.3.2015

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