Auch Eltern haben Sex Mama? Papa?

Ja, wir lieben unsere Eltern. Aber dass auch sie sich lieben, im Bett oder sonstwo, wollen wir nicht wissen – niemals!

Mama? Papa? quer

Was gäbe ich dafür, Mamas und Papas verschwitzte Gesichter vergessen zu können, mit denen sie mich anstarrten, als ich im Alter von etwa fünf Jahren eines Abends, ohne zu klopfen, in ihr Schlafzimmer platzte. Die Luftfeuchtigkeit dort entsprach etwa der in meinem Terrarium. Meine Eltern  waren so außer Puste, als hätten sie gerade minutenlang um die Wette den Atem angehalten oder wie wild rumgetobt, weil sie nicht schlafen konnten. Letzteres kam der Sache schon nahe. Doch irgendetwas hier war anders als sonst, denn sie verhielten sich so, als hätte ich sie bei etwas Schlimmem erwischt, dabei war bis auf das Bett alles picobello. "Mama? Papa?", fragte ich vorsichtig. Mein Vater seufzte etwas genervt und drehte sich zur Seite, während sich meine Mutter den Bademantel überwarf und mich aus dem Zimmer ins Bett brachte. "Weißt du", erklärte sie mir auf dem Weg nach oben in  seltsamer Vertraulichkeit, "Mama und Papa haben sich manchmal ganz, ganz doll lieb." Das wollte ich schon damals nicht hören.

Klar, es waren die Achtziger, und Heranwachsende hatten weder Internet noch Pornos auf ihren Smartphones. Doch auch heute noch drehen sich aufgeklärte Teenager mit angeekelten Gesichtern weg, wenn sich Mama und Papa vor ihren Augen küssen oder streicheln. Wenn Eltern ihre Kinder mal ohne Widerworte auf deren Zimmer befördern wollen, brauchen sie übrigens nur davon zu erzählen, wie "einfühlsam" Mama oder wie "ausdauernd" Papa  gestern Nacht war. Schwupp, sind die Kleinen weg. Da spielt es keine Rolle, ob die Kinder fünf Jahre alt sind oder fünfzig (danach hat sich das Thema Sex  von Elternseite her meist eh erledigt).

Die soziale Schicht oder der kulturelle Hintergrund spielen hier mal keine Rolle. Hippiekindern ist der elterliche Sex ebenso peinlich wie Spießerkindern, nur  die heimlichen Kinder von katholischen Geistlichen sind hier ausnahmsweise mal fein raus. Sicherlich gibt es irgendwo auf dieser Welt ein Naturvolk,  dessen Kinder über nichts lieber reden als über den Geschlechtsverkehr ihrer Eltern ("Meine Eltern haben gestern gequiekt wie die Zwergschimpansen").  Und vielleicht existiert irgendwo da draußen sogar eine heile Welt, in der Eltern und Kinder mit dem Thema ganz locker umgehen können.

Nun könnte ich Psychologen fragen, warum wir das alles so schlimm finden, aber die Frage kann ich mir auch selbst beantworten: Sex ist leidenschaftlich, ungehemmt, haltlos, gewagt und lustgetrieben. Eltern stehen für das genaue Gegenteil. Sie sollen uns beschützen, wie ein Fels in der Brandung stehen und es keinesfalls krachen lassen wie die Rolling Stones. Es ist ein Paradoxon, denn wir Kinder würden doch gar nicht existieren, wenn unsere Eltern nicht – ich mag es nicht mal schreiben – den Koitus erfolgreich vollzogen hätten. Allein der Gedanke daran bringt die härtesten Kerle dazu, die Augen zu schließen und an Gänseblümchen zu denken; nein, an Orchideen, an Wicken, egal, jedenfalls an Blumen, die nichts mit Sex zu tun haben.

Eltern sollen es nicht krachen lassen wie die Rolling Stones

Eine Kollegin erzählte mir, dass ihr Vater in ihrem Beisein noch heute davon schwärmt, dass sie in den "schönen Weinbergen der Pfalz" gezeugt worden  sei, wahrscheinlich irgendwo bei Bockenheim. Wenn sie daran denke, schäme sie sich noch heute in Grund und Boden.

Als ich schließlich zu Hause auszog – nicht wegen des Sex-Geredes, sondern wegen des Studiums –, vererbte mir mein Vater sein altes Bett, das zuvor bei uns auf dem Speicher gestanden hatte. Es war 1,60 Meter breit, auf den ersten Blick tipptopp in Schuss und eignete sich ganz hervorragend als erster eigener Schlafplatz in meiner WG – zumal es noch aus der Studentenbude meines Vaters stammte. Ohne dass wir darüber diskutieren mussten, hatte er mir eine neue Matratze spendiert. Nur einen Makel hatte das Bett: Der Lattenrost war kaputt. Als ich meinen Vater darauf ansprach, zog er nur  vielsagend die Augenbrauen hoch und zwinkerte vergnügt. Ich habe mir dann doch sehr bald lieber ein neues Bett gekauft.

Nach dem zu frühen Tod meiner Mutter heiratete mein Vater erneut. Aber als er auf einem Familienfest andeutete, dass bei ihm im Schlafzimmer auch jetzt "nicht nur geschlafen" werde, schauten meine Geschwister und ich ihn ziemlich entgeistert an.

Vor einigen Jahren erkrankte mein Vater an der Prostata, wurde operiert und ist nun offiziell wieder gesund – bis auf ein recht zentral gelegenes Organ, das nicht mehr so recht funktionieren will. Davon hat er mir natürlich ausführlich erzählt. Dabei hat er so traurig geschaut, dass ich erst jetzt  verstanden habe, wie wichtig ihm das Ganze ist. So fand ich meinen Frieden mit dem Thema. Sollen Eltern doch Sex haben! Am besten mehrmals die Woche! Vielleicht liegt mein Sinneswandel auch daran, dass ich seit kurzem selbst Vater bin. Und eines macht mir  offen gesagt Sorgen: Unser Schlafzimmer lässt sich nicht abschließen. Als ich meinem Vater davon erzählte, meinte der nur "Geschieht dir recht!".

von Marcel Laitner

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