Experiment Vernunftsehe Die Liebesüberraschung

Warum die Liebe dem Zufall überlassen? Ein Interview mit einem glücklich arrangierten Paar

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Die meisten Beziehungen basieren auf einem romantischen Liebeskonzept, wie wir es aus Büchern und Filmen kennen. Man trifft jemanden und spürt diesen Funken, die Magie der Anziehungskraft, zufällig und unerklärlich. Es folgt die Liebesheirat und man lebt glücklich bis ans Lebensende, zumindest in Hollywood. Die Realität spricht eine andere Sprache: Jede zweite Ehe wird geschieden.

Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich haben sich für Plan B entschieden: für eine arrangierte Vernunftsbeziehung ohne Romantik und Verliebtsein. Sie kannten sich seit einigen Jahren, waren gute Bekannte, aber mehr auch nicht - bis sie im Sommer 2011 während eines Coaching-Workshops auf einen Tipp der Seminarleiterin hin spontan beschlossen, ein Paar zu werden, ganz rational. Fünf Tage später: die Verlobung, ohne verliebt zu sein. Kurz darauf: ein gemeinsames Kind. In zweieinhalb Jahren verwandelt sich ihre Beziehung von freundschaftlich-konstruiert zu partnerschaftlich-liebend. Wie das geht? Wir haben bei beiden - getrennt voneinander - nachgefragt.

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Sie haben sich verlobt, ohne verliebt zu sein. Warum?
Susanne: Ich hatte die Nase voll vom Alleinsein, von Affären und Dates, ich wollte eine Beziehung. Eine Familie gründen und mich endlich wieder wirklich auf einen anderen Menschen einlassen. Meine Mentorin hat mir in einem Seminar den Vorschlag gemacht, mich innerhalb von 5 Tagen zu verloben. Frank-Thomas, der ebenfalls am Seminar teilgenommen hat, hat mich daraufhin gefragt, ob ich mich mit ihm verloben will. Ich habe ja gesagt. Im Nachhinein das Beste, was mir jemals passieren konnte.  Frank-Thomas: Ganz einfach: A – ich wollte eine Beziehung haben, B – ich wollte ein Kind haben und C – ich habe darauf vertraut, was unsere Mentorin uns schon 2008 gesagt hat, nämlich dass Susanne und ich ein gutes Paar wären. Und – ich fand diese Idee mit der Verlobung spannend, wollte das mal ausprobieren. Ich hatte nichts zu verlieren.
Susanne, die ewig Suchende, datete in 6 Jahren über 50 Männer. Frank-Thomas, der ewig Schüchterne, hatte mit 40 sein erstes Mal. Wie passt das zusammen? 
Susanne: Eigentlich gar nicht (lacht). Aber vielleicht passt es gerade deshalb. Ich habe mich ausgetobt, auch sexuell. Ich hatte einfach keine Erwartungen mehr und konnte mich auf Frank-Thomas einlassen. Die Erwartungen sind das Schlimmste in einer Beziehung, vor allem beim Sex. Frank-Thomas: Tja, das ist eine gute Frage. Zumindest kann ich von dieser Frau zum Thema Sex eine ganze Menge lernen.
Anders als unsere Erziehung, unsere Gesundheit oder unsere Arbeit überlassen wir die Liebe dem Zufall. Ein Fehler?
Susanne: Das kommt darauf an, was man im Leben will. Der Einfluss des Partners auf das eigene Glück und die Lebenszufriedenheit ist enorm. Wer einen Partner hat, der in wesentlichen Aspekten etwas anderes will als man selbst, muss dauernd Kompromisse eingehen. Wenn man Liebe mehr „plant“, bedeutet das weniger Kompromisse und weniger Stress.  Frank-Thomas: Ja, würde ich schon sagen. Dieses Warten auf die Richtige, das Hoffen, das Träumen, das bringt alles nichts. Ich habe 40 Jahre lang gewartet und hatte gar nichts davon, keine Beziehung, keinen Sex, kein Kind. Viel besser ist es doch, das Thema Partnerschaft zu kreieren und sich aktiv zu entscheiden. Das bringt aber auch viel Verantwortung mit sich.
Kann man bewusst einen Menschen lieben lernen? 
Susanne: Ja, definitiv. Frank-Thomas: Ja, definitiv.
Woher kommt die Liebe, wenn sie am Anfang nicht da ist?
Susanne: Aus der Entscheidung füreinander. Aus den gemeinsamen Aktivitäten. Aus dem Gefühl, tatsächlich die gleiche Wellenlänge zu haben und zwar nicht nur hormonell.  Frank-Thomas: Die Liebe entwickelt sich aus gemeinsamen Erlebnissen und vor allem durch das aktive Gestalten der Beziehung. 
Wann  haben Sie angefangen, Gefühle füreinander zu entwickeln?
Susanne: Als wir gemeinsam eine neue Wohnung gesucht haben und unser neues Schlafzimmer besichtigt haben. Als wir gemeinsam unsere erotischen Fantasien ausgelebt haben. Und als wir unseren Sohn bekommen haben. Frank-Thomas: Das erste Mal so richtig bewusst geworden ist es mir, als unser Kind auf die Welt gekommen ist. Das war das schönste Geschenk, das mir jemals jemand gemacht hat. 
Sex ohne Verliebtheitsgefühl, eine Frage der Disziplin? 
Susanne: Ja, und das meine ich nicht negativ. Sex ist doch meistens toll, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat. Das gilt auch für Paare, die schon lange zusammen sind und bei denen die Romantik vorbei ist.  Frank-Thomas: Das braucht ein wenig Disziplin, klar. Und der Spaß kommt dann währenddessen, das habe ich dann auch irgendwann festgestellt (lacht).
Wie oft wollten Sie den Beziehungsversuch abbrechen? Und was hat sie davon abgehalten?
Susanne: Ich wollte nie abbrechen, denn ich war entschlossen, es durchzuziehen. Ich hatte allerdings fast ein ganzes Jahr lang immer wieder den Hintergedanken, parallel noch einen Liebhaber zu haben.  Frank-Thomas: Schon ein paar Mal. Der einfachere Weg wäre es gewesen, wieder zurückzugehen in mein altes Single-Leben. Zu bleiben hat Mut und Kreativität erfordert. Aber ich wollte ja eine Beziehung und eine Familie. Und vom Zurückgehen hätte ich das nicht bekommen.
Welche Bedeutung hat das gemeinsame Kind für die Liebe? 
Susanne: Für uns eine riesengroße. Wir haben uns gegenseitig einen Lebenstraum erfüllt, das hat unsere Beziehung sehr gefestigt. Frank-Thomas: Eine sehr große. Unser Sohn hat unsere Liebe gestärkt.
Sie beide hatten keine Leidenschaft füreinander, waren nicht verklärt und sahen gleich die negativen Eigenschaften des anderen. Ein Vorteil?
Susanne: Für uns war das auf jeden Fall ein Vorteil. Denn so konnte es nur immer besser werden (lacht).  Frank-Thomas: Ja, klar. Wir haben nicht diese rosarote Brille gehabt, sondern uns einfach gemeinsam etwas vorgenommen und es indes wie ein Experiment angegangen. Wir wussten worauf wir uns einlassen. Und eine Beziehung, die auf einer bewussten Entscheidung fußt, hat bessere Voraussetzungen als eine, die mit verklärtem und verschwommenem Blick beginnt.
Wie definieren Sie eine moderne Beziehung? 
Susanne: Eine moderne Beziehung bedeutet für mich, dass beide Partner sich mit ihren Wünschen und Zielen verwirklichen können. Und dass man keine ewigen Kompromisse mehr machen muss. Frank-Thomas: Keiner muss sich aufopfern, jeder kann seine Wünsche realisieren. Es sollte Dinge geben, die die Partner gemeinsam machen, und solche, die jeder für sich allein erlebt. Und das Motto sollte lauten, platt gesprochen: Volle Pulle für alles gehen im Leben!
Welche Rolle spielt Romantik in Ihrer Beziehung?
Susanne: Das kommt darauf an wie man Romantik definiert. Ich liebe nach wie vor romantische Momente wie Kuschelabende mit schöner Musik und Kerzenschein oder ein gemeinsames Wochenende in einem schönen Hotel. Solche Momente kreieren wir so oft wie möglich.  Frank-Thomas: Sich die Zeit zu nehmen für Zweisamkeit in einer schönen Atmosphäre, das finde ich sehr wichtig.
Wie hat sich Ihre Vorstellung von Liebe durch die Beziehung verändert?
Susanne: Ehrlich gesagt, komplett. Ich war früher überzeugt, dass Beziehung für mich nur mit Schmetterlingen, rosaroter Brille und dem kompletten Ich-kann-vor-Aufregung-nicht-mehr-schlafen-Gefühlschaos geht. Nachdem ich selbst erlebt habe, wie echte Verbindung, Liebe und auch Familie sich anfühlen, möchte ich nicht mehr tauschen. Frank-Thomas: Für mich ist Liebe deutlich realer geworden. Ich war ja sehr lange Single. Jetzt habe ich ein echtes Gefühl dafür, was Liebe ist.
Es gibt eine zehngradige Standard-Liebesskala, wie sie in der Psychologie verwendet wird. Wie würden Sie Ihre Gefühle füreinander heute bewerten?
Susanne: 9,5 Frank-Thomas: 9. Ich bin von Natur aus eher pessimistisch (lacht).
Wenn Ihre Beziehung in Zukunft scheitern sollte, ist das Experiment dennoch ein Erfolg?
Susanne: Auf jeden Fall. Man weiß nie, was die Zukunft bringt, klar. Ich glaube aber nicht, dass unsere Beziehung scheitert. Woran sollte sie? Wir sind ja noch ganz am Anfang und sind unglaublich gespannt darauf, uns weiter zu entdecken und zu entwickeln. Frank-Thomas: Absolut.
Würden Sie anderen eine Vernunfsbeziehung empfehlen?
Susanne: Nur dann, wenn sie wirklich neugierig sind und bereit, sich auf etwas einzulassen und Geduld zu haben. Wichtig ist, dass beide im Wertesystem übereinstimmen, da lohnt es sich wirklich, eine gute Freundin und einen Coach zu Rate zu ziehen. Ich würde jedenfalls nicht irgendjemanden von der Straße nehmen.  Frank-Thomas: Das kommt kommt ganz auf die Menschen und die jeweilige Situation an. Es ist aber in jedem Fall besser, als auf den Prinzen oder die Prinzessin zu warten.
Über was muss man sich im Klaren sein, wenn man diesen Weg einschlägt?
Susanne: Darüber, dass man Geduld braucht. Ich würde sagen mindestens ein halbes Jahr, besser ein ganzes. Dass es Momente der Irritation geben wird und man das Ganze wieder abbrechen möchte. Und dass dieses Modell nur funktioniert, wenn man sich wirklich darauf einlässt, also beispielsweise direkt zusammen zieht. Mit „Ich schaue mal, wie sich das entwickelt“ wird man nicht weiterkommen. Frank-Thomas: Es gibt Höhen und Tiefen und man muss sich im Klaren darüber sein, dass man  da wirklich gemeinsam durchgehen muss. Das ist nicht immer einfach. Aber das ist es bei „normalen“ Beziehungen auch nicht.
Wie werden Sie Ihrem Sohn Ihre Liebesgeschichte erzählen?
Susanne: So, wie sie war. Er kriegt schon mit, dass er ziemlich verrückte Eltern hat. Frank-Thomas: Wir werden sie ihm so erzählen, wie sie war. Warum sollten wir etwas erfinden?
Gibt es ein Liebesrezept, das Sie mit unseren Lesern teilen möchten?
Susanne: Gegenseitiger Respekt voreinander und Neugier aufeinander, das sind die essentiellen Dinge. Den anderen so zu lassen, wie er ist, und ihn darin bestärken, anstatt ihn verändern zu wollen. Und genau das fällt leicht, wenn der andere ein ähnliches Wertesystem hat, wie man selbst. Frank-Thomas: Einfach ausprobieren, neugierig sein und sich wirklich zu 100% einlassen.
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