Für immer und ewig? Verliebt in die Ehe

Die halbe Welt lässt sich scheiden – und der Rest? Ein überraschendes Bekenntnis aus Männersicht

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Ich bin seit zehn Jahren verheiratet. Der Jahrestag fällt mehr auf als andere, die Zehn ist anders als eine langweilige Sechs oder Sieben. Die Zehn hat mehr Kawumm, die steht vor einem, die fordert was. Beachtung zum Beispiel. "Los", sagt sie, "nimm Stellung, sei ergriffen." Und das ist man dann auch. So sehr, dass man erst gar nicht weiß, was man da macht, an einem zehnten Jahrestag. Geht man aus? Lädt man Gäste ein, kuschelt man irgendwo zu zweit?

Wir waren so ratlos, wir haben den Termin erst einmal verdrängt, weil wir spontan keine Idee hatten, wie der dauerhafte Bestand unserer Ehe korrekt zu würdigen sei. Dann war es wie immer, es war wahnsinnig viel Alltag um uns herum, die Wochen flogen vorbei. Denn wir sind nicht nur verheiratet, wir haben auch zwei Kinder, da fliegt alles an einem vorbei, Tage, Wochen, Jahre, manchmal auch Spielzeug, Kleidungsstücke oder Essen.

Da uns der Jahrestag erst einen Tag vor dem Datum wieder einfiel, haben wir nur mit Mühe einen Babysitter organisieren können und sind etwas überstürzt zum Essen gegangen, ins nächstbeste Restaurant, zum Italiener um die Ecke. Wir kommen nicht oft dazu, gemeinsam auszugehen. Und weil wir das so selten tun, haben wir da nicht etwa verträumt und Händchen haltend bei Kerzenschein gesessen, nein, wir haben die Stunden genutzt, um ungestört die Termine der nächsten Wochen zu besprechen, die Weihnachtsgeschenke für die Kinder, die Renovierung des Wohnzimmers usw. Im Vergleich zur berühmten Restaurantszene von "Susi und Strolch" mit dem Spaghetti-Kuss am Ende sahen wir wohl eher wie Kollegen beim Geschäftsessen aus. Und erst ganz spät fiel uns auf, was wir da machten. Und was für einen Abend wir da hatten. Und dass es eben doch romantisch war, das fiel uns dann auch auf. Weil wir mitten in einer Ehe sind, die anscheinend klappt. Wir sind nicht am ungewohnten und viel zu aufregenden Anfang, wir sind nicht am kriselnden Ende. Wir sind mittendrin.

Mitten in einem Leben, das nur noch zu zweit vorstellbar ist. In einem Alltag, der in jeder Minute aus Familienchaos besteht, in dem es keine Ruhe gibt, niemals. Ruhe ist für Eremiten. Die Liebe in dieser Ehe ist so, dass man nicht mehr nachdenken muss, die Liebe ist einfach. Ohne umkämpft zu sein. Wir kämpfen zwar dauernd miteinander, wir führen eine eher streitfreudige Beziehung, aber wir kämpfen nicht um die Liebe. Die Liebe muss nicht mehr erobert oder verteidigt werden. Und das ist, bei allen Turbulenzen, die Familie so mit sich bringt, eine der entspannendsten Erfahrungen im Leben: sich auf die Liebe verlassen zu können. Wir wachen morgens auf und der andere ist noch da, und das wird wohl auch übermorgen so sein. Der andere ist eventuell gerade ein sturer Bock, ein Dummkopf, ein Mensch mit mehr oder weniger schweren Fehlern, aber er ist da, er ist immer da. Meine Frau, mein Mann. 

"Im Restaurant wirkten wir eher wie Kollegen beim Geschäftsessen"

Wir sind uns des anderen so sicher, dass wir den Hochzeitstag während des Abendessens beim Italiener vergessen können, wir sind uns so einig in der Gemeinsamkeit, dass wir nicht mehr darüber reden müssen. Und so ist die Ehe vermutlich auch gemeint, so ist es, wenn es klappt. Man macht aus diesem romantischen und im Grunde unvorstellbaren "für immer" bei der Trauung einen nächsten Tag – und noch einen und noch einen. Bis man nicht mehr vorausschaut oder zurückblickt. Bis man so tief drinsteckt, dass man nur noch bis zum nächsten Tag gucken kann. Man webt aus Alltag und Nähe eine Geschichte, und wenn man Glück hat, ist es ein prächtiger Familienroman, nicht umsonst ein beliebtes Genre, das viele Sehnsüchte bedient. Wenn man heiratet, schreibt man nur die ersten Seiten, da ist noch viel Raum im Buch. Und wie es bei Familienromanen so ist, werden sie nach hinten hin nicht langweiliger, im Gegenteil. Wenn man heiratet, sollte man sich vornehmen, dass diese Be- ziehung keine läppische Kurzgeschichte wird. Sondern ein dicker Roman, ein Wälzer! Denn das ist die Ehe eigentlich, das Versprechen einer langen, langen Geschichte. Und in langen Geschichten gibt es Dramen und Komik und Spannung und Action und Romantik, das passt da alles bequem rein.

Ein paar Tage nach dem zehnten Hochzeitstag zerbrach der Ehering der Herzdame. Einfach so, nach dem Händewaschen, ein leises Knacken am Finger, ein feines Klirren, zwei Teilchen auf dem Boden. Ein sauberer Bruch, mittendurch. Als ob nicht einmal Juweliere noch annehmen würden, dass eine Ehe heute länger als zehn Jahre hält. Geplante Obsolenz nennt man das, wenn etwas eine bestimmte Lebensdauer nicht überschreiten soll, wenn Produkte geheime Sollbruchstellen haben. 

Viele Beziehungen wirken auch so, als gäbe es da eine geplante Obsolenz. In einem Roman würde die Szene mit dem zerbrochenen Ring vermutlich ein Kapitel beenden. Und dann? Im nächsten Kapitel wird der Ring einfach repariert, so war es jedenfalls bei uns. Denn der zerbrochene Ring ist gar nicht das starke Symbol, das man in einer Geschichte über Beziehungen gebrauchen kann – die beiläufige Reparatur ist es. Wenn etwas kaputt ist, erfordert das etwas Arbeit, dann geht die Geschichte weiter. Nur so wird ein großer, wunderbarer Roman daraus. 

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