Gesprächsstoff Schatz, woran denkst du?

Nichts nervt Männer so sehr wie diese Frage. Vielleicht weil die Antwort so banal ist

Schatz, woran denkst du? - quer

Da ist er wieder, sein selbstversunkener Blick, der etwas sieht, was sie nicht sieht. Gerade wenn sich beide körperlich nahe sind, fühlt sie sich von diesem  Gesichtsausdruck seelisch vor die Tür gesetzt. Sie weiß, dass es nichts bringt, kann es aber nicht lassen: "Woran denkst du, Schatz?" Diesen Satz wirft  eine Frau aus wie ein Lasso. Sie will den geistig abwesenden Mann einfangen und zurückholen, wenn er gedanklich endlos entfernt scheint. Schade, dass "Woran denkst du?" für ihn "Meier, ab an die Tafel!" bedeutet und er darauf selten eine befriedigende Antwort weiß. "Nichts" wäre die Wahrheit, gibt ihr  aber das Gefühl, angelogen zu werden. Für eine Frau kann keiner nichts denken, solange er kein Yogi ist!

Nicht nur Stereoanlagen und Fernseher haben eine Energiesparfunktion, auch Männer sind manchmal auf Kommunikations-Stand-by. Sie bekommen diesen konzentriert abwesenden Blick, der signalisiert: Wenn man dabei nur in Ruhe gelassen würde, käme in Kürze mindestens ein Heilmittel gegen Krebs heraus.  Oder ein Heiratsantrag. Oder das Geständnis, dass er einen betrogen hat, mit der, an die er wohl gerade denkt …

"Ach komm, sag mal!", hakt die Frau nach. Sie sucht geistige Nähe – Hochleistungshirne in Harmonie. Der Mann zögert, weil er sie nicht enttäuschen  will. Er hat nur an banales Zeug gedacht. Und will damit jetzt ungestört weitermachen. Sie könnte es als Kompliment sehen, dass er neben ihr entspannt genug ist, seinen Gedanken nachzuhängen. Er möchte doch nur vor sich hin träumen und überlegen, was er gleich essen will. "Wirklich, an nichts!", antwortet er.

"Nichts" heißt natürlich nicht wirklich nichts. Es bedeutet 1. "Nichts Wichtiges." 2. "Nichts, was dich etwas angehen würde." 3. "Nichts, wobei du mir helfen oder was du mir kochen könntest." "Nichts" ist der Ordner, in dem alle Programme mit hochregenerativen, aber wenig frauenkompatiblen Themen beschäftigt sind: Fußball, Job, Kumpel, Essen, Sex. Das gleichzeitig ablaufende automatische Ärger-Erkennungsprogramm blockiert die Wortausgabe. Er sieht ihren Blick und setzt hinzu: "An alles Mögliche, nichts Wichtiges!" Die Frau ist alarmiert. Wie schlimm seine Gedanken sein müssen, wenn er sie so offensichtlich vor ihr verbergen will. "Du hast doch was, das spüre ich!", setzt sie nach. Frauen glauben, Gedanken lesen zu können. Oft stimmt das sogar: Die Natur hat sie damit ausgestattet, um aus der Mimik ihres sprachlosen Babys dessen Befindlichkeit abzulesen.

"Ich hab nichts! Alles gut!", erwidert der Mann zunehmend genervt, weil die Frau anscheinend glaubt, seine Gedanken besser zu kennen als er selbst. Er hasst diese Situation. Er sieht seine heilige Autonomie bedroht und zieht die Augenbrauen zusammen.

"Alles gut" ist gar nicht gut, denkt die Frau. "Warum guckst du dann so komisch?", fragt sie misstrauisch zurück. Frauen teilen als Zeichen von Intimität  ihren Körper, Männer ihre Gedanken. Er versucht es: "Ich denke … an dich!" – "Ach, ich bin also nichts Wichtiges?"

"Was denkst du?" heißt eigentlich "Was fühlst du?". Es ist eine als Frage getarnte Bitte nach emotionaler Rückversicherung. Nur die richtige Antwort kann  den Abend noch retten. Für Romantikerinnen: "Wie schön es ist, dass wir uns wortlos verstehen." Für Unsichere: "Wie wunderbar deine Augen in diesem  Licht leuchten." Für Feministinnen: "Weil sich keiner meiner Gedanken an Schärfe mit deinen messen könnte, schweige ich lieber." Und für Yoga-Anhängerinnen: "Ich denke nicht, ich fühle. Ich bin. Ganz jetzt im Hier – mit dir."

von Karina Lübke

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