Liebes-Aus Wie schwer ist es, 10 Jahre auf Sex zu verzichten?

Leichter, als Sie denken. Ganz Frankreich diskutiert über Sophie Fontanels Enthüllungen. Fast scheint es, als fürchte eine Nation um ihren Ruf. Jetzt ist ihr Buch bei uns erschienen

Wie schwer ist es, 10 Jahre auf Sex zu verzichten? - quer

"Du willst WAS?", riefen die Freunde. "Eine Pause machen. Mir wird alles zu viel." Sophie Fontanel, Jahrgang 1962, attraktive, erfolgreiche Journalistin und Bloggerin aus Paris, hat etwas getan, das nicht nur ihren Freundeskreis, sondern ganz Frankreich fassungslos machte. Besser gesagt, sie hat auf etwas verzichtet: auf Sex. Die Tatsache, dass diese Pause zehn Jahre dauerte, hat ihr autobiografisches Buch "L’ envie"* zum Bestseller gemacht. 60.000 Exemplare wurden in ihrer Heimat bislang verkauft. "Bei uns in Frankreich wird ständig über Sex geredet. Alles Angeberei", sagt sie. "Mein Buch schlug ein wie eine Bombe, weil endlich jemand die Wahrheit gesagt hat. Dass es nämlich kein Drama ist, eine Zeit lang keinen Sex zu haben." Aber zehn Jahre? Und die nicht weit jenseits der Menopause, sondern mitten im erotisch prallen Frauenleben. Wenn Optik und Hormonlevel noch stimmen, die Karriere super läuft und Sex doch eigentlich das Sahnehäubchen auf der Torte wäre.

Bei Sophie Fontanel kam das Unbehagen schleichend. Zu oft hatte sie Ja gesagt, obwohl sie Nein fühlte, hatte Lust vorgetäuscht, Orgasmen vorgehechelt, Liebesspuren weggeduscht. Sich mies gefühlt, aber immer weitergemacht. "Sie müssen auf Ihren Körper hören", hatte der Arzt gesagt, als sie Rückenschmerzen und ständige Müdigkeit nicht länger ignorieren konnte. Sie wusste, was sie ihrem Körper zumutete. Zu viele Zigaretten, zu viel Alkohol, zu viel Arbeit und zu viel Sex. Den sie nicht wollte. "Mein Leben bestand nur noch aus schlechten Gewohnheiten", sagt sie. Und so ließ sie ein Zuviel sein: Sex. Dass es letztlich zehn Jahre gedauert hat, davon war sie selbst verblüfft. Schwer fiel es ihr nicht, nach all den "Wonnen der Leidenschaft", wie sie es spöttisch nennt, "ihre sexuelle Festplatte" auf unbestimmte Zeit herunterzufahren. Im Gegenteil, der Entzug tat ihr gut. Ihre Haut leuchtete, sie schlief gut, sie vermisste nichts. Nach wie vor registrierte sie männliche Reize. Den durchtrainierten Körper eines befreundeten Priesters, die glatte braune Haut einer Skibekanntschaft …, haben musste sie die Männer nicht. "Freiwillige Sexpausen", sagt Fontanel, "sind wie erotische Fastenkuren - der Körper kommt zur Ruhe, besinnt sich darauf, was er wirklich mag." Das Wort dafür? Keuschheit? Abstinenz? Asexualität? Klingt alles fremd. Ihr gefällt "Durchlässigkeit" am besten. "Weil es so gut die Leichtigkeit beschreibt, die ich früher nie erlebt habe." Denn begehrt zu werden, sexuell verfügbar, gut im Bett zu sein, dafür hatte sie sich immer mehr verbiegen müssen. Und wie jemand, dem während des Fastens der Appetit vergeht, beobachtet sie nun beim Schlendern durch die Stadt Kahlköpfige, kleine Dicke, Wulstlippige und fragt sich, wer diese Menschen wohl begehren mag. Und selbst ihre Fantasie ist auf Eis gelegt. Einmal sieht sie sich Pornos an, ist "halb tot vor Lust", wie sie ironisch schreibt.

  1. 1Wie schwer ist es, 10 Jahre auf Sex zu verzichten?
  2. 2Nein, sie vermisste nichts

von Evelyn Holst

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