Treue in der Liebe Alles zum Heulen?

Immer mehr Affären, Scheidungen, Singles. Was da schiefläuft? Zwei Paartherapeuten sagen, es liege - Achtung - am falsch verstandenen Verständnis von Treue

Frau weint - quer

Ihr neues Buch heißt "Treue ist auch keine Lösung". Empfehlen Sie uns, untreu zu sein?

Holger Lendt: Nein, Untreue ist die schlechteste Art, zu lieben, weil sie so oft Verletzte hinterlässt. Beim Dreiecksverhältnis bleiben nicht selten drei gebrochene Herzen zurück.

Warum dann der provokante Titel?

Lisa Fischbach: Weil wir uns gegen das Dogma der Monogamie wenden. Treue hat ja einen positiven Kern. Das heißt ursprünglich, mit jemandem vertraut zu sein. Doch heute werden Mauern hochgezogen, um seinen Besitz zu wahren, und das wird dann als Treue deklariert.

Aber wir träumen alle davon.

LF: Die Realität hält diesen Wünschen einfach nicht stand. 90 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen gehen laut dem Heidelberger Psychologen und Beziehungsexperten Arnold Retzer mindestens einmal im Leben fremd. Man sollte es als Normalität anerkennen. Bei älteren Paaren sieht die Erwartungshaltung übrigens anders aus. Da steht Toleranz auf Platz eins, die Treue liegt weit abgeschlagen auf Platz neun, gefolgt vom Sex. Von romantischen Vorstellungen hat man sich da verabschiedet.

Warum scheitern viele an ihrem Ideal?

LF: Die Sehnsucht nach Verschmelzung ist ein Urbedürfnis. Das hat mit frühkindlichen Erfahrungen zu tun. Doch wir überschätzen die Sehnsucht nach Sicherheit und unterschätzen die Lust, zu experimentieren. Wir glauben, diese wilde Seite in uns kontrollieren zu können. Und das klappt nur selten.

HL: Die Leute wollen ihren Besitz verteidigen, statt sich auf den geliebten Menschen zu konzentrieren. Treue, wie wir sie sehen, ist unabhängig von der Anzahl der Partner. Liebe braucht keine körperliche Exklusivität.

Aber wir teilen nun mal nicht gern.

HL: Es ist tragisch, dass wir nur auf einen Partner fixiert sind. Monogamie erzeugt fast zwangsläufig Eifersucht. Ein Sowohl-als-auch gibt es in diesem Fall leider nicht.

Sie sagen, Liebe sei ein Kind der Freiheit.

HL: Aber die Leute haben die Hosen voll. Das mit der Freiheit haut nur hin, wenn wir die Treue nicht über die Liebe stellen.

Leichter gesagt als getan.

LF: Sobald man sich öffnet und Gefühle zeigt, hat man Angst vor Verlust. Liebe will man für immer. Aber statt sie zu pflegen, stellt man Verbotsschilder auf.

HL: Wir investieren alles in dicke Mauern nach außen und landen in einem Zweier-Überwachungsstaat.

Wir ziehen Mauern hoch und landen im Zweier-Überwachungsstaat

 

Und das ist das Ende der Leidenschaft?

HL: Leidenschaft lebt vom Risiko, davon, dass etwas Neues, Unerwartetes passiert. Das erklärt übrigens, warum ein Seitensprung oft auffliegt, weil das Handy mit der SMS der Geliebten gutsichtbar auf dem Nachttisch liegen bleibt. Genau dieser Sprengstoff soll die Beziehung aufmischen. Der unbewusste Lapsus zwingt beiden die Frage auf: Was wollen wir noch voneinander?

Wie bitte? Man lässt sich absichtlich erwischen?

HL: Unbewusst ja, und manchmal ruckelt sich dadurch auch was zurecht. Wer eine Affäre überwunden hat, sagt nach Jahren oft, das sei das Beste, was der Beziehung passieren konnte. Der Schmerz war zwar furchtbar, aber beide haben sich neu gefunden.

Aber zunächst geht man fremd, weil's zu Hause nicht mehr gut läuft?

LF: Nach zehn Jahren weiß man, wie der andere schmeckt, riecht, sich anfühlt. Fragen Sie mal rum, wer sich bei der Selbstbefriedigung seinen Partner vorstellt. Sehen Sie! Man lebt in der Fantasie aus, was man zu Hause nicht hat. Ratgeber verraten uns zwar zig Geheimnisse, wie der Sex nach zig Jahren wieder spannend wird. Aber mit einem Klaps auf den Hintern ist es noch nicht getan. Es bleibt derselbe Hintern.

Sind wir mehr als früher auf der Suche nach immer neuen Hintern?

HL: Da spielen sowohl Anspruchsdenken als auch das Ex-und-Hopp-Prinzip eine Rolle. Gerade Single-Frauen haben ganz konkrete Vorstellungen. Der Traumprinz muss perfekt sein. Und er sollte bereits sein Schloss haben - bezugsfertig und ohne Baustellen.

Gibt’s deshalb immer mehr Singles?

LF: Ja. Wenn's schwierig wird, geht man einfach auseinander und sucht sich den nächsten. Partnerschaften werden treuer, aber kürzer. Das nennt sich dann serielle Monogamie. In unserer Gesellschaft herrscht ein unglaublicher Optimierungswahn, der auch vor der Liebe nicht haltmacht. Wir erwarten, dass der optimale Partner die optimale Beziehung ermöglicht.

In Online-Portalen setzt man sich seinen Partner ja inzwischen auch nach dem Baukastenprinzip zusammen …

LF: … und die Trennungsbereitschaft steigt mit der Aussicht, was Besseres zu finden. Wäre die Marktlage schlecht, würde ich eher beim Alten bleiben.

Ist wie mit den Oldtimern in Havanna.

HL: Genau. Die haben Stil und Charakter. Diese Autos werden gehegt und gepflegt und mit Ersatzteilen instand gehalten. Das ist echte Treue.

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von Annette Hohberg

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