Floroskop Was Blumen verraten

Wer Blumen verkauft, weiß nicht nur eine Menge über Pflanzen, sondern auch über Menschen

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In einer beschaulichen Straße in Berlin-Steglitz steht vor einem Laden ein Stuhl, auf dem ein Frosch sitzt. Das Zeichen für die Kunden, dass "Frau Himmelblau" geöffnet hat. Mona Hahne, 48, ist Sternzeichen Fische. Aber auch sonst hätte sie ihren Laden in Blau- und Grüntönen gestrichen: "Blumen und Wasser gehören zusammen."

Frau Hahne, woher kommt Ihre Leidenschaft für Blumen?

Als kleines Mädchen wurde ich auf dem Nachhauseweg oft von einem Jungen gepiesackt. Meine Mutter sagte: "Lass dir das nicht gefallen. Schubs ihn mal richtig." Also suchte ich mir eine dornige Rosenhecke aus und stieß den Jungen beim nächsten Mal hinein. Plötzlich hatte ich das Gefühl, mit diesem Strauch befreundet zu sein. Ich fühlte mich beschützt.

Sie haben Literatur, Kunstgeschichte und Psychologie studiert. Nicht gerade die klassische Ausbildung für eine Blumenverkäuferin.

Ich bin als Studentin erschrocken, wie abgehoben und weit weg die geistige Welt von der Realität der Menschen ist. Das Studium hat mir Spaß gemacht, aber wirklich berührt haben mich immer nur Dinge, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten.

Sie arbeiteten dann erst mal im Museum und begannen Sträuße nachzubinden, die auf Gemälden dargestellt waren.

In Situationen, in denen ich nicht weiterwusste, habe ich mich immer mit Blumen umgeben. Blumen stellen eine Brücke dar zwischen geistiger und materieller Welt.

Wie meinen Sie das?

Eine Blume ist etwas, das sich verändert, das aufblüht und vergeht. Wenn man mehrere Blumen an verschiedenen Stellen platziert, bilden sie ein Band. Das tut den Leuten gut. Da entsteht fast eine Art Gespräch.

Gilt das auch für Fertigsträuße?

Mein Mann ist Opernsänger und bekommt oft solche opulenten "Triumph- Sträuße". Die nehmen wir auseinander und arrangieren sie in verschiedenen Vasen. Ab einer bestimmten Größe wird ein Strauß nicht mehr schöner.

Kann man zu viele Blumen schenken?

Nein, ich habe einen Kunden, der seiner Frau regelmäßig Blumen schenkt. Allerdings nie zum Valentinstag, das wäre zu gewöhnlich. 

Momente, an die Sie gern zurückdenken?

Ein 15-Jähriger, der eines Tages zu mir kam und sagte: "Frau Himmelblau, ich bin verliebt. Ich brauche eine Blume, aber nichts Peinliches." Also habe ich ein verzweigtes Röschen ausgesucht. Hinterher bedankte er sich: "Das war genau das Richtige." Und einmal arbeitete ich noch nachts, als es an die Tür klopfte. Ein Kunde, der in einer Bar versackt war, wollte schnell noch Blümchen, um zu Hause keinen Ärger zu bekommen.

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Zu welchen Farbkombinationen raten Sie?

Orange und Pink, zum Beispiel. Das ist gewagt. Nicht ganz so verwegen, aber schön: ein helles Rosa und dazu ein verträumtes Weiß. So was spricht romantische Gefühle an. Was ich nie zusammenbinden würde: helles Gelb und dunkles Lila. Das wäre plump.

Was kann man sonst noch falsch machen?

Rote Rosen sind einfach ein Klischee. Wenn der Ehemann damit auftaucht, wird jede Frau misstrauisch und denkt, der hat irgendwas verbrochen. Auch verboten: hellrosa Röschen mit Schleierkraut. Das wirkt kitschig. Es sei denn, kleine Mädchen schenken so einen Strauß ihrer Mutter. Dann ist es schön.

Lilien?

Galten mal als chic, sind aber aus der Mode gekommen. Ihr Geruch ist sehr schwer. Manchmal passen sie in Kneipen, wenn dort Konzerte stattfinden.

Sonnenblumen?

Gehören aufs Feld. In Vasen sehen sie oft verloren aus. Es sei denn, es sind ganz viele.

Vergissmeinnicht?

Manche Blumen haben eine hohe Symbolkraft. Vergissmeinnicht gehören dazu. Aber im Garten sind sie besser aufgehoben, sie verblühen schnell.

Was bringt man Menschen ins Krankenhaus mit?

Keine Blumen, die schnell verwelken. Lieber etwas Zartes, Optimistisches – Zweige, die aufblühen. Oder eine Pfingstrose, die man kurz abschneidet, sodass sie fast wie eine Seerose aussieht.

Und Topfpflanzen?

Ich bin kein Fan von Topfpflanzen, weil sie meist eher verstauben als blühen. Außerdem mag ich es, wenn Blumen all ihre Stadien durchlaufen.

Was sagt es über das Gefühlsleben eines Mannes aus, wenn er Topfpflanzen besitzt?

Sind sie gut in Schuss, ist er fürsorglich. Wenn sie eingehen, hat er ein falsches Selbstbild. Er hätte gern etwas Lebendiges um sich, schafft es aber nicht, die nötige Fürsorge aufzubringen. Traurig.

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Sie sind berühmt für Ihre Hochzeitsarrangements. Worauf sollte man bei einem Brautstrauß achten?

Kommt darauf an, ob die Frau dick oder dünn ist. Die letzte dicke Braut, die zu mir kam, war sich sofort mit mir einig und trug einen herrlichen Bollywood-Strauß. Eine andere wollte unbedingt etwas Kleineres. Ich musste sie davon überzeugen, dass ihr ein größerer Strauß besser steht.

Da ist die Psychologin gefragt.

Ich sehe schon einen Zusammenhang zwischen meinen Studienthemen und den Blumen. Aber sagen wir lieber, es geht um Einfühlung.

Schütten Ihnen die Menschen oft ihr Herz aus?

Manchmal fühle ich mich wirklich wie ein Therapeut. Wenn man eine Blume kauft, kommt man in Kontakt mit der eigenen Verletzlichkeit. Wenn eine Blume abgeschnitten ist, braucht sie Wasser und Fürsorge. Aber sie lebt. Es gibt auch Rosen, die sprechen richtig, wenn man ihnen eine Weile zusieht.

Zum Beispiel?

Meine Lieblingsrose Susan. Die sieht zunächst gar nicht besonders aus, aber bereits nach einem Tag geht sie schön auf und riecht bezaubernd nach Zitrone und Orange – bis sie dann nach vier, fünf Tagen wie mit einem Seufzer den Geist aufgibt. Wer die einmal hatte, liebt diesen Prozess. Es gibt auch Rosen wie King Kong, die nach nichts riechen, aber ewig halten und am Schluss aussehen wie eine gut gepflegte Neunzigjährige. Die haben wirklich Charakter.

Also haben Blumen eine Sprache?

Ach, nein. Die Kommunikation findet eher auf anderer Ebene statt. Im Film "Brot und Tulpen" spielt Bruno Ganz einen Mann, der von seiner Geliebten verlassen wurde. Er sitzt am Küchentisch vor einem Strauß Tulpen, den die Frau noch hingestellt hatte. Man sieht, wie sich die Blumen aufrichten und schließlich den Kopf hängen lassen. Da muss man nicht lange nachdenken, so präsent ist das Werden und Vergehen. Was mir auffällt: Wenn die Tage grau und trüb sind, kaufen die Leute gern orangefarbene und rote Blumen. Auch sanftes Lila wirkt stimmungsaufhellend.

von Kristin Rübesamen

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