Adoption

Meine unbekannten Eltern

Adoptivkinder lässt die Suche nach den Wurzeln nie los. Der erste Kontaktversuch von Dorothea Böhm endete im Desaster. Wie sie heute über ihre leiblichen Eltern denkt, erzählt ihre Geschichte.

Veröffentlicht am 13.12.2017
Dorothea Böhm mit ihren Adoptiveltern.

Geliebtes Kind: ­Dorothea 1961 mit ihren Adoptiveltern ­Roswitha und Paul Böhm.


Es gibt viele Arten von Gepäck, die einem das Leben mitgibt. Bei Dorothea Böhm ist es die Gewissheit, anders zu sein. Anders als die Eltern, anders als alle anderen. Und wo aus Wurzeln Identität wächst, ist bei ihr lange Niemandsland gewesen. Die 58-Jährige sagt: „Ich war ein Negerkind, heute bin ich eine Mohrin.“

Wenn man sich in ihrem Wohnzimmer umsieht, versteht man, wie sie das meint. Im Regal stehen die „Zehn kleinen Negerlein“, im Schrank sitzen viele schwarze Puppen. „Die sehen aus wie ich“, sagt die Diplompsychologin. Dorothea Böhm ist als Coach erfolgreich und routiniert darin, andere zu unterstützen – trotzdem ist da irgendwo noch immer dieses Kind, das im Waisenhaus abgegeben wurde. Wo es noch einen kleinen schwarzen Jungen gab, den alle Josef nannten. Zwei Mohren unter 500 weißen Kindern. 

Dorothea Böhm ist heute Karriere-Coach.

Dorothea Böhm ist heute Karriere-Coach.


Dorothea heißt damals noch Ingrid. Ihre Mutter ist eine griechische Medizinstudentin, ihr Vater ein Nigerianer, ebenfalls angehender Arzt. Das einzige, was ihr von der Mutter geblieben ist: ein selbst gestricktes Babymützchen. Der Vater sei ein gut aussehender, großer Mann gewesen, heißt es. Wie Dorotheas 28-jähriger Sohn heute, während ihre Tochter, 30, nach der Großmutter kommt – sie ist blond und hat helle Haut. 

Solche Details hat ihr die Patentante Leni erzählt, die sich als Schwester in der Säuglingsstation liebevoll um sie gekümmert hat. Sogar die Pflegschaft habe sie beantragt, aber für eine alleinstehende Frau ist das Anfang der 60er schlicht nicht möglich. Ingrid wird umgetauft – aus dem griechisch-orthodoxen Kind wird ein katholisches, Dorothea. Als sie eineinhalb ist, kommen die Böhms in das Kölner Waisenhaus. Das Ärztepaar versucht seit acht Jahren, ein Baby zu bekommen, vergeblich. „Ich habe Hunderte Kinder“, sagt der Direktor, der das Paar gut kennt. „Aber nur eines, das zu Ihnen passt. Und das ist schwarz.“ „Oh Gott!“, soll Frau Böhm gerufen haben. Doch als sie mit ihrem Mann Dorothea zum ersten Mal sieht, wissen sie: Das ist unser Kind. 

Dorothea wird adoptiert und wächst in einer vornehmeren Kölner Gegend auf. Sie vergöttert den Vater und klammert sich an die Mutter. Wenn die beiden verreisen, wird die Dreijährige panisch und bekommt Albträume. „Da war ständig die Angst, verlassen zu werden von Menschen, die ich liebe.“ Die Adoptiveltern schenken ihr Geborgenheit – und die ersten schwarzen Puppen, die von ihr alle denselben Namen bekommen: Dorothea. „Ich brauchte etwas, womit ich mich identifizieren konnte.“ Eine Art innere Heimat.

1962 zieht die Familie aus dem weltoffenen Köln nach München. In der selbst ernannten Weltstadt mit Herz stößt sie auf Ablehnung, ja sogar auf blanken Rassismus. Die Kinder von nebenan dürfen nicht mit Dorothea spielen. Die Mutter ist verzweifelt und weint oft, weil sie auf der Straße offen angefeindet wird. Bis die Nachbarn erfahren, dass der Vater Chefarzt in einer Münchner Klinik ist. Da werden sie plötzlich freundlich und öffnen ihre Türen.

Ausgerechnet die Schule wird für Dorothea zum Zufluchtsort. Das Gymnasium wird von katholischen Schwestern geleitet. Es herrscht strenge Disziplin, aber keine Diskriminierung. Und die dunkelhäutige Schülerin hat hervorragende Noten. „Ich habe meine Grenzen durch Leistung überwunden“, sagt sie. Klassensprecherin sei sie zwar nie gewesen, aber eine, die im Mittelpunkt stand. Wenn man sich an jemanden erinnern würde, dann an sie. 

Dorothea Böhm hatte viel erreicht, und doch nagte da lange das Gefühl, nur geduldet und nicht willkommen zu sein. Vielleicht ein Grund, warum sie sich heute in so vielen Vereinen engagiert. Beim internationalen Frauennetzwerk Zonta etwa setzt sie sich für Migrantinnen ein. Sie versteht, wie wichtig Wurzeln sind. Und weiß als Psychologin: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht stellt, kann kein glückliches Leben führen.“ 

Mit 34 macht sie sich schließlich auf die Suche nach den leiblichen Eltern. Sie hat die Geburtsurkunde und den Taufschein, sonst nichts. Vom Vater weiß sie nur den Vornamen, als Nachname ist eine Stadt in Nigeria eingetragen. Dann hilft ihr ein unglaublicher Zufall weiter. Auf einer Messe trifft sie Griechen aus Saloniki, die die Familie der Mutter kennen. Angesehene Leute. Dorothea ruft an. Wie sie dazu komme, wildfremde Menschen zu belästigen, sie solle sich einen Psychiater suchen, wird sie von der Frau beschimpft. Ein Schock, es zieht ihr den Boden unter den Füßen weg. Die Mutter, die sie verlassen hat, stößt sie ein zweites Mal von sich. Sie ist verzweifelt, traurig – und nach einiger Zeit kommt die Wut.

Durch eine Therapie, eine systemische Aufstellung, schafft sie es, einen neuen Blick zu entwickeln. Sie versteht plötzlich, wie hilflos diese Frau sein muss. Sechs Jahre später ruft Dorothea wieder an – und will zum 60. Geburtstag gratulieren. Sie hinterlässt Glückwünsche auf der Mailbox. Und, völlig überraschend: Die Mutter ruft zurück. Ohne den aggressiven Ton, aber auch ohne jede Wärme. Sie klingt verbittert, wenn sie über ihr Leben spricht, über Männer. Ihre zwei Kinder hat sie allein großgezogen – wie übrigens auch Dorothea. Ob sie sich mal treffen sollen, fragt sie und kassiert ein kühles Nein. Es ist der Moment, in dem Dorothea begreift, dass sie loslassen sollte. Und von der Vorstellung Abschied nehmen kann, dass sie zu dieser Frau, ihrer leiblichen Mutter, jemals eine Bindung aufbauen wird.

„Es hat nicht mehr wehgetan“, sagt sie, „der Punkt, an dem ich das bewältigen konnte, war erreicht.“ Im Gegensatz zu ihrer Mutter sei sie mit sich im Reinen. Eine wichtige Erkenntnis. Das Telefonat hat sie aufgenommen, die Kassette liegt in einem Safe. Und sie ist gereist, nach Griechenland und Nigeria. Hat in den afrikanischen Frauen etwas von sich gefunden: „Sie sind schön, stark, geschäftstüchtig und zu dick“, erzählt sie lachend. 

Dorothea Böhm mit ihren Adoptiveltern.

Familienglück: Dorothea Böhm mit ihren Adoptiveltern, einem Ärztepaar aus Köln. 


Ihre Eltern, das sind für sie Böhms, die Mutter ist inzwischen 93, der Vater 99. Dorothea kümmert sich täglich um die beiden. Die Menschen, die unerschütterlich an sie geglaubt und ihr viel Kraft gegeben haben. Auch zu Leni, ihrer Patentante, hatte sie immer engen Kontakt. 2013, als diese im Sterben liegt, fährt Dorothea oft nach Köln. Und wieder ist da ein merkwürdiger Zufall: Die alte Dame hat kurz vor einem der Besuche Post zugestellt bekommen von einem dunkelhäutigen Briefträger – dem kleinen Josef von damals, wie sich he­rausstellt. 

Die beiden schwarzen Kinder aus dem Waisenhaus treffen sich nach über 50 Jahren bei Leni im Altersheim wieder. Das Waisenhaus ist inzwischen abgerissen worden. Leni hat Dorothea etwas Sand und Steine als Erinnerung mitgebracht. Einen Teil davon gibt sie später der Patentante mit ins Grab. Der Rest findet seinen Platz zu Hause, neben den „Zehn kleinen Negerlein“.