Auszeit für die Seele

Die Kloster-Nomadin

Wenn ihr Arbeit und Alltag über den Kopf wachsen, flüchtet Patricia Bauer regelmäßig in einen Konvent. Wozu sie die Auszeit dort nutzt und warum ein Ashram so ganz und gar nicht ihren Vorstellungen von zur Ruhe kommen entspricht.

Veröffentlicht am 19.04.2018
Die Benediktinerabtei Plankstetten.

Die Benediktinerabtei Plankstetten. 


Wenn sich die Pforte hinter mir schließt, dauert es nur eine halbe Stunde, bis der Alltagsstress abfällt und ich zur Ruhe komme. Seit zehn Jahren gehe ich zwei- bis dreimal pro Jahr ins Kloster. Natürlich verreise ich auch gerne, sitze in einem schönen Hotel am Meer, trinke ein Glas Wein, liege am Strand. Kloster ist kein Urlaub. Es ist ein Wochenende für mich, an dem ich mich um nichts kümmern muss – außer um mich selbst. Ich habe ein Dach über dem Kopf, kann an Gottesdiensten oder am Klosterprogramm teilnehmen. Oder nicht. Besucher müssen weder beten noch in die Andachten gehen. Niemand urteilt darüber, ob ich den ganzen Tag im Bett liegen bleibe und lese oder Rat bei einem der Brüder oder Gott suche. Ein Kloster ist wertfreie Zone.

Warum Menschen für eine Auszeit in einen Konvent gehen, hat ganz unterschiedliche Gründe. Es gibt Leute, die einfach eine günstige Unterbringung wollen. Erstaunlicherweise treffe ich jedes Mal auf junge Männer, die testen, ob sie ein Leben als Mönch führen könnten. Und dann gibt es noch diejenigen, die zur Ruhe kommen möchten oder in einer schwierigen Lebensphase stecken und Beistand und Besinnung suchen.Ich selbst entscheide mich meistens spontan, wenn ich das Gefühl habe, mir wächst gerade alles über den Kopf.

Ich arbeite als Assistentin in einem Energieunternehmen und starte um 7 Uhr Richtung Büro, werde den ganzen Tag mit Mails und Anrufen konfrontiert. Bis ich nach Hause komme, mit meinen Eltern, denen es gesundheitlich nicht gut geht, telefoniert, ein paar Sachen im Haushalt erledigt und mir selbst etwas zu Essen gekocht habe, ist es 21 Uhr. Reizüberflutung und ständig präsent sein zu müssen – als Mitarbeiterin, Freundin, Tochter, für viele kommen ja noch Mutter und Ehefrau hinzu – ist irgendwann zu viel. Meine Reißleine und Burnout-Prävention ist dann eben ein Rückzug ins Kloster. Ich frage in einer der Abteien im Umkreis, ob ein Zimmer frei ist, packe eine kleine Tasche und fahre am Freitagnachmittag los. 30 Minuten später stehe ich in der Stille und Einfachheit eines Klostergebäudes. Allein die dicken Mauern geben mir ein Gefühl von Geborgenheit.

Die Benediktinerabtei Niederaltaich an der Donau mit ihren byzantinischen und römischen Riten mag ich ganz besonders wegen ihrer Atmosphäre. Ich war aber auch schon in St. Ottilien in der Nähe des Ammersees, dort ist man mit Kursen in Zen-Meditation bis zu Schreibseminaren oder Wanderungen in Begleitung eines Geistlichen sehr auf Gäste eingestellt. Ein abwechslungsreiches Angebot findet man auch im Kloster Plankstetten bei Regensburg. Ich persönlich nutze diese Seminare nie, ich gehe ja ins Kloster, um mich mit mir auseinanderzusetzen, und suche das Gegenteil von Zerstreuung. Allen gemeinsam, egal welchem Orden sie angehören, ist die Einfachheit. Die Einzelzimmer in einem Kloster-Gästehaus bestehen aus einem Bett, einem Schrank, einem Schreibtisch und einem Kreuz an der Wand. Oft gibt es ein Gemeinschaftsbad auf dem Gang. Auch das Essen ist ehrlich gesagt eher einfach, stört mich aber überhaupt nicht. In den meisten Fällen ist Reden erlaubt, diese Stunde Austausch mit anderen reicht mir aber völlig.

In einem Ashram ist das alles anders. Nach meiner Scheidung wollte ich vier Wochen in Amritapuri verbringen – und bin nach fünf Tagen abgereist. Stille und Privatsphäre gibt es nicht, stattdessen Sechserzimmer, keine Tür, keine Schränke. Dieses Gefühl des Aufgehobenseins, das ich im Kloster habe, hat komplett gefehlt. Auch die Inspiration. Wenn ich durch stille Klostergärten wandere oder in meiner kargen Kammer sitze, kommen einem viele Ideen, und ich schreibe ganze Hefte voll. Es scheint, als würden sich da Gedanken aus dem Innneren in der Ruhe ihren Weg nach außen bahnen. Nach zwei Tagen fühle ich mich leer und erfüllt zugleich. Mich machen diese Kurztrips ins Kloster stärker. Mehr kann man von einem Wochenende nicht erwarten.

Porträt von Patricia Bauer.

Patricia Bauer geht auch im Urlaub spontan ins Kloster, dann aber nur für eine Nacht. Askese hat auch ihre Grenzen, sagt sie. 


Klöster zwischen Bayern und Berlin

  • Allgäu: Buddhistisches Waldkloster Metta Vihara. Meditationserfahrung ist Voraussetzung. Infos: buddha-haus.de
  • Chiemsee: Abtei Frauenwörth der Benediktinerinnen. Idyllisch im bayerischen Meer gelegen. Seminar-Angebote. Infos: frauenwoerth.de, ab 30 Euro.
  • Oberlausitz: Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal, besondere Fastenwochen. Infos: kloster-marienthal.de, 33 Euro.
  • Niederbayern: Kloster Weltenburg. Im Gästehaus St. Georg sind Frauen willkommen, im Konvent nur Männer. Kunsthistorische, theologische Seminare. Infos: kloster-weltenburg.de, 51 Euro.
  • Berlin: Karmel Regina Martyrum. Schwesternkonvent mitten in Charlottenburg. Gesprochen wird nur das Nötigste. Infos: karmel-berlin.de, 45 Euro