Psychokardiologie

Jung, weiblich, Bluthochdruck

Immer mehr junge Frauen leiden an Bluthochdruck. Was es mit der Psychokardiologie auf sich hat und warum diese derzeit noch in den Kinderschuhen steckt.

Veröffentlicht am 04.04.2018
Herz aus Stoff.

Ein Herz und eine Seele: Wie eng sie miteinander verbunden sind, ist erst seit ein paar Jahren bekannt. 


Es gab Zeiten, in denen ich über Gestressten-Witze lachte. Wenn etwa mein Chef sagte: „Ein Burnout muss man sich verdienen“ – und die Hände über dem fettgepolsterten Reizmagen faltete. In der Redaktion des Society-Magazins, für das ich damals schrieb, gehörten Abgabedruck, unbezahlte Überstunden, Wochenend- und Feiertagsdienste einfach dazu. Das musste man aushalten können, und ich konnte. Mit Ende 20 fand ich’s chic, busy zu sein. Je größer die Belastung, desto repräsentabler erschien mir mein Leben. Die Erschöpften? Das waren die anderen. Dass mir mein Leistungsethos mal ans Herz gehen könnte? Hätte ich für ausgeschlossen gehalten. 

Die Geburt meiner Tochter vor drei Jahren war, rückblickend betrachtet, der Anfang vom Ende des ewigen „Besser, schneller, weiter“. Plötzlich war ich für einen zweiten Menschen verantwortlich, der sich wie eine Verlängerung von mir selbst anfühlte, aber auf meinen Rhythmus pfiff. Dinge, die ich früher nebenbei erledigte, blieben plötzlich liegen oder mussten warten, bis mein Kind schlief, besser gelaunt oder wieder gesund war. Wo vorher Struktur geherrscht hatte, zog Chaos ein. Aber anstatt es anderen Müttern gleichzutun und den Perfektionismus zu vertagen, versuchte ich wie eine Besessene, meinen Ansprüchen gerecht zu werden: Ich wollte in jeder Lebenslage rundlaufen und – das vor allem – eine gute Mama sein.

Meine To-dos füllten Tage (und halbe Nächte): Windeln wechseln, Wäsche waschen, Flecken entfernen, einkaufen, kochen, Brote schmieren, basteln, aufräumen, Arzttermine, staubsaugen und – ganz nebenbei – selbstständig als stets kreative und verlässliche Autorin arbeiten. In guten Phasen hielt ich mit meinem eigenen Tempo Schritt, in schlechten wurde mir davon schwindelig. Ich hetzte durch mein Leben und gönnte mir kaum Zeit für mich selbst. Permanent hatte ich das Gefühl, zu langsam zu sein und den Anschluss zu verpassen. Mein Herz raste – und hörte irgendwann nicht mehr auf damit. 

An die erste Nacht erinnere ich mich genau: Gegen 23 Uhr, zu einer Zeit, zu der ich normalerweise erschöpft ins Bett falle, jagte auf einmal mein Puls. Ich schwitzte, dann fror ich. Alles drehte sich, und ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Der Kreislauf, dachte ich. Ich lagerte die Beine hoch und lutschte Traubenzucker – mein Herz hämmerte weiter. Ich konnte weder liegen noch sitzen und musste alle zehn Minuten zur Toilette. Kurz: Ich hatte Angst. Blanke Angst. Acht Stunden später saß ich in der Notaufnahme eines Krankenhauses. „Klingt nach Panik­attacken“, sagte die Assistenzärztin, die keine organischen Ursachen für mein Herzklopfen feststellen konnte. Sie schickte mich heim. Ich sah ihren Blick, sie hielt mich für hysterisch. 

Doch das nächtliche Herzrasen ging in Serie. Wochenlang konnte ich nachts nicht schlafen, erst frühmorgens dämmerte ich weg, nach einem Cocktail aus Anti-Übelkeits- und Schlaftabletten. Ich ging zu meiner Hausärztin, da war von Hysterie keine Rede – sondern von Hypertonie. „Frau Küper-Reinermann, Sie haben einen ausgewachsenen Bluthochdruck.“ Sie fuhr mit ihren Fingern die Zackenlinie nach, die eine 24-Stunden-Blutdruckmessung ergeben hatte, und schaute besorgt. „Wenn Phasen großer Anspannung andauern, gewöhnt sich der Körper daran, wie im Kampf zu agieren. Der Druck, unter dem Blut in den Adern strömt, steigt. Kein Wunder, dass Sie nicht mehr schlafen.“

Ich heulte. Herz-Kreislauf-krank? Waren das nicht die Alten, die Übergewichtigen, die Raucher? Ich dachte an rotgesichtige ältere Herren, die sich schmerzerfüllt an die linke Brust fassten. Ich dachte an meinen ehemaligen Chef. Das sind die einen, erklärte mir meine Ärztin. Die anderen, nämlich schätzungsweise ein Fünftel aller Bluthochdruckpatienten, seien wie ich: nicht unbedingt alt, meistens schlank, perfektionistisch veranlagt, dünnhäutig. Der sogenannte Stress-Typ. 

Ich erfuhr, dass es zum Thema sogar eine neue medizinische Disziplin gibt, die Psychokardiologie. Als Schnittstelle zwischen Kardiologie, Psychologie und Psychosomatik erforscht sie die Zusammenhänge zwischen seelischen Belastungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Obwohl Vermutungen, dass Stress sprichwörtlich ans Herz gehen kann, so alt wie die Redewendung selbst sind, ist die Psychokardiologie noch sehr jung. Erst seit 2013 ist in den Leitlinien der Internisten und Kardiologen vermerkt, dass herzkranke Patienten auf psychosoziale Faktoren hin zu screenen sind. Warum? Weil es nun mal schwer zu erforschen und zu beweisen ist, was genau die Seele mit dem Herzen macht. Was man weiß: Gefährdet sind vor allem die, die sich permanent unter Druck setzen. 

Jahrelang habe ich Raubbau an mir betrieben. Meine Ärztin entließ mich mit einem Medikament und dem Rat, es langsamer angehen zu lassen – und mich um mich selbst zu kümmern. Schritt eins: Ich sagte reihenweise Aufträge und Termine ab. Nein zu sagen ist nicht meine Kernkompetenz. „Tut mir leid, schaff ich nicht“ – erst machte es mir das Herz schwer, dann fühlte ich mich erleichtert. Je weniger Verpflichtungen ich mir aufhalste, desto besser schlief ich. Auch kleine Veränderungen lösten spürbar Knoten: langsamer gehen, langsamer essen, langsamer atmen. Mit 33 Jahren gewöhnte ich mir zum ersten Mal im Leben so etwas wie eine Pausenkultur an. Mit jedem Innehalten sank mein Blutdruck – und zwar messbar.

Aber was ich ewig einstudiert hatte, ließ sich nicht einfach abtrainieren. Immer wieder ertappte ich mich dabei, in Hektik zu verfallen, ins Funktionieren. Mir wurde klar: Ich konnte aus dem Boxring steigen, aber ich nahm mich selbst mit. Eine Verhaltenstherapeutin zu konsultieren war eine Überwindung. Aber sie fasste treffend zusammen, was ich zu lernen hatte: „Ihr Thema ist Anspruch. Ein gewisses Maß an Anspruch ist gesund, ein Höchstmaß nicht.“ Seither arbeite ich daran, keine zu hohen Anforderungen an mich zu stellen. Das bedeutet nicht, dass aus mir eine Müßiggängerin werden muss, damit ich gelassener durchs Leben gehe. Es reicht schon, wenn ich öfter auf mein Herz höre.

5 Fragen an Professorin Bettina Hamann*

Wie beeinflussen Gefühle die Gesundheit?
Das konnte noch nicht restlos ­geklärt werden. Fest steht, dass unser Körper in Stresssituationen von Hormonen geflutet wird, die die Produktion von Blutfetten und -zucker, den Blutdruck und unseren Puls ankurbeln. Wird das chronisch, kann sich der Herzmuskel verändern. 

Was sind die Folgen?
Seelische Belastungen können Bluthochdruck und die koronare Herzkrankheit verursachen, also eine Verhärtung der Herzkranzgefäße. Typisch für Letztere sind Brustschmerzen, Herzrhythmusstörungen oder im schlimmsten Fall Herzinfarkte.

Wer ist besonders gefährdet?
Wir behandeln Männer und Frauen gleichermaßen. Arbeitspsychologen schätzen aber, dass vor allem die gefährdet sind, die für viel Arbeit wenig Anerkennung ernten, etwa Pflegeper­sonal. Oder wer sich um kranke Angehörige kümmert. 

Das sind meistens Frauen …
Zumindest erkranken sie doppelt so häufig wie Männer an Depressionen – und die Depression ist vor ein paar Jahren offiziell als Risikofaktor für die koronare Herzerkrankung anerkannt worden. 

Wie kann man sich schützen?
Indem man herausfindet, wann die Grenzen der eigenen Belastbarkeit erreicht sind und was ­einem guttut. Ein funktionierendes soziales Netz, Sport und Hobbys sind gute Druckventile.

*Bettina Hamann ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie leitet die Abteilung für Psychokardiologie der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim.