Christina Sennlaub im Interview

Miss Dior

Wie wird aus einer Marke eine Kultmarke? PR-Chefin Christina Sennlaub weiß es. Seit 30 Jahren ist sie für Dior Beauté tätig und kennt das Luxusunternehmen wie ihre eigene Westentasche.

Veröffentlicht am 16.01.2018
Porträt von Christina Sennlaub.

Miss Dior: Christina Sennlaub. 


Ihr Kleid ist über und über mit bunten Blumen bestickt, ihre Strickjacke zieren dunkle Rosen, an den Ohren funkeln Perlenstecker mit Bieneneinfassung, die Lippen knallrot geschminkt, natürlich mit Dior. Christina Sennlaub wirkt beim Treffen in einem Münchner Hotel wie ein prächtiges Stillleben. Nur ist diese Frau alles andere als still, am wenigsten ihre wachen grünen Augen, die das Gegenüber neugierig scannen. Man sieht der 52-Jährigen nicht an, dass sie am Vorabend bis tief in die Nacht gefeiert hat, „ganz intim, mit 40 Gästen bei einem Franzosen“, erzählt sie. Angestoßen wurde auf ihr Jubiläum: 30 Jahre beim Luxusunternehmen Dior Beauté, eine Karriere von der Assistentin zum Senior Manager Public Relations – eine Seltenheit in dieser schnelllebigen Branche. 

Ist Dior so etwas wie Ihre Familie?
Dior ist ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Ich liebe dieses Haus, die Marke, ihre Geschichte, das Frauenbild und ganz besonders Monsieur Dior. Dabei habe ich ihn nicht einmal kennengelernt, weil er 1957 starb. 

Seine Entwürfe gelten bis heute als Ode an die Weiblichkeit.
Er wollte die Frauen nicht nur schöner, sondern auch glücklicher machen. Die Dior-Frau ist extrovertiert und expe­rimentierfreudig. Sie setzt sich gerne in Szene und probiert Neues aus.

Gleichzeitig ist sie der Inbegriff des Pariser Chics, an dem sich auch viele Nicht-Französinnen versuchen.
Französische Frauen haben eben so ein bisschen etwas von einer Femme fatale, essen Croissants zum Frühstück und nehmen nicht zu, rauchen auf der Straße und sehen dabei elegant aus. Diese Lässigkeit bewundern viele Frauen.

Erinnern Sie sich daran, wie Sie zu Dior kamen? 
Natürlich, es war verrückt. Ich war ein Küken, hatte gerade Abitur und eine Ausbildung zur Werbekauffrau in der Tasche, als ich die Annonce sah: Kommunikationstalent gesucht. Anfor­derungsprofil: in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Französischkennt­nisse erwünscht.Verkleiden und Schminken gehörten bereits mit vier Jahren zu ­meinen Lieblingsbeschäftigungen, die Sprache beherrschte ich, und Frankreich fühlte ich mich schon immer verbunden, also bewarb ich mich.

Aus Abenteuerlust?
Eigentlich wollte ich studieren. Mein Vater war kurz vorher gestorben und meine Mutter nicht sehr stabil. Der Arbeitsplatz lag in der Nähe, das kam mir gelegen. Und meine freche Bewerbung mit dem Tenor Wer mich nicht nimmt, weiß nicht, was ihm entgeht kam gut an. Ich landete im Vorzimmer des Chefs. Ein Choleriker. Aber einer, der mich förderte. Mit 22 Jahren ­durfte ich mich um die Launch-Party von „Fahrenheit“ in Deutschland kümmern. Und er nahm mich mit nach New York, als er den Job wechselte.

Porträt von Christina Sennlaub.

Christina Sennlaub mit 35 Jahren. Dem roten Lippenstift ist sie bis heute treu geblieben – genau wie ihrem Job. 


Wie war Amerika Anfang der 1990er?
Aufregend! Mir ist alles passiert, was einem als junges Ding passieren kann: ausgeraubt werden, sich unsterblich verlieben, Hollywood-Stars treffen. Ich erinnere mich, wie ich mit Donald Sutherland beim Bäcker in Greenwich Village plauderte. Damals gab es keine Selfies, alles war entspannter und netter.

Trotzdem kamen Sie zurück nach Deutschland?
Das Leben war mir zu oberflächlich, ich habe nicht viel verdient, so machte New York keinen Spaß. Damals rief der Chef von Dior Deutschland an, ein waschechter Rheinländer: Isch weesnit, ob dat klappt mit uns, Mädsche, aber mer können et ja ma probiere. 

Wie sahen Ihre Aufgaben aus?
Ich kümmerte mich um die gesamte PR, die vorher keine strategische Bedeutung im Unternehmen hatte. Fotos wurden noch per Post verschickt, man telefonierte, redete viel mehr persönlich miteinander. Und die Partys und Einladungen konnten gar nicht glamourös genug sein. 

Jetzt klingen Sie fast sehnsüchtig. 
Wir laden immer noch zu tollen Events ein, etwa ins Château de La Colle Noire, das ehemalige Schloss von Christian Dior, wo man meint, der Meister selbst komme jeden Moment mit einem Glas Champagner um die Ecke – mein absoluter Lieblingsort. Der größte Wandel hat sich aber in der Kommunikation vollzogen. Es muss alles sofort oder besser schon gestern passiert sein. Dazu diese ewige Erreichbarkeit. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mir meine Distanz abhandenkommt. Aber wenn kein Herzschlag dahinter ist, Menschen, die für die Marke brennen, lebt sie nicht.

Ein wichtiger Herzschlag ist Ihrer.
Im Laufe der Jahre wurde ich das Gesicht von Dior Beauté. Alle dachten ­automatisch an meinen Namen, wenn sie Dior hörten, und umgekehrt. Chefs, Designer, Testimonials kamen und gingen, „die Sennlaub“ war immer da.

Nagelpflegecreme von Dior.

Einer ihrer Lieblinge: die Nagelpflegecreme „Manicure Crème Abricot", 26 Euro. 


Tragen Sie eigentlich Dior von Kopf bis Fuß? 
Nein. Obwohl ich natürlich viel Dior besitze, vor allem Vintage und Schmuck. Aber die Beautyprodukte sind einfach die schönsten. Und ich ­trage immer roten Lippenstift, zurzeit ist „Fabuleuse“ von Diorific mein Lieblingsrot. 

Haben Sie auch mal mit der Marke Dior gehadert? 
Ich war sehr traurig, als John Galliano entlassen wurde, weil ich seine Arbeit sehr bewundere. 2006, als der Duft „Midnight Poison“ eingeführt wurde und Dior ein großes Dinner in der Pariser Opéra Garnier gab, habe ich ihn regelrecht verfolgt. Ich wollte ihn unbedingt sprechen. Er war entzückend. 

Selbst der Galliano-Skandal konnte dem Image von Dior nichts anhaben. Wie schafft man es, dass eine Marke über Jahrzehnte so begehrt bleibt? 
Indem man ihre Codes beibehält und sie regelmäßig aktualisiert. Ein gutes Beispiel ist der Duft-Klassiker „Miss Dior“. Wir animieren ihn immer wieder neu und überraschen gleichzeitig mit neuen Produkten und Konzepten.

Bestimmt nicht immer einfach. 
Der Glam, die Partys und Reisen sind wunderbar und bedeuten gleichzeitig viel Arbeit und wenig Schlaf. Ich bin gerne auf meinem kleinen Planeten ­unterwegs, doch das wahre Leben spielt sich woanders ab, bei Freunden und Familie – sie sind meine Energiequelle. Solange die Marke Dior mir aber Gänsehaut-Momente beschert, werde ich dabeibleiben.

Parfüm Dioressence.

Das orientalische „Dioressence" aus dem Jahr 1973 (links) bekam 2009 einen opulenteren Flakon (rechts).


Lippenstift Dior Rouge.

Auch das Design des Lippenstift-Klassikers „Dior Rouge" hat sich in den letzten 14 Jahren verändert. 


Kampagnen für Dior Rouge Liquid.

Erfolg auf ganzer Linie: die Kampagnen für „Dior Rouge Liquid" aus dem Jahr 2003 (links) und aktuell mit Natalie Portman (rechts).