Beziehungsproblem: Bindungsangst

Die Angst vor der Liebe

Habt ihr auch das Gefühl, euch immer in den Falschen zu verlieben? Oder zu hohe Ansprüche an den Partner zu haben? Vielleicht ist es auch die Befürchtung, zu sehr vereinnahmt oder verletzt zu werden. Psychologen sprechen dabei oft von Bindungsangst. Was es damit auf sich hat und wie wir die "Angst vor Liebe" überwinden ...

Veröffentlicht am 16.04.2018
Frau mit Bindungsangst

Bindungsangst: Der ungesunde Zwiespalt aus Nähe und Distanz.


Definition: Was ist Bindungsangst?

Grundsätzlich ist jeder Mensch in der Lage, eine Partnerschaft einzugehen. Die meisten sehnen sich sogar danach. Frauen oder Männer mit Beziehungsängsten haben allerdings das Problem, eine gesunde Mischung aus Nähe und Distanz herzustellen. Und sie auch weiterzuentwickeln. Ihnen fehlt das Gefühl für die "perfekte Mitte": Wie ein Pendel, das zu sehr nach links oder rechts ausschlägt.

Was passiert? Anfangs sind wir verliebt und glücklich. Und dann kommt sie plötzlich wie aus dem Nichts: Diese (oft unbegründete) Angst, sich zu sehr auf den Partner einzulassen. Wir befürchten, unsere Freiheiten und Gewohnheiten aufzugeben. Verknüpfen mit Nähe eine Bedrohung, reagieren ängstlich, manchmal sogar panisch. Für unser Gegenüber oft völlig unverständlich und total unerwartet. Letztendlich fehlt uns einfach nur die Bindung zu uns selbst …

Ursache: Woher kommt die Angst vor Nähe?

Es gibt viele Gründe, warum sich manche Menschen nicht auf eine feste Beziehung einlassen können. Unsere Psyche spielt hier eine große Rolle. Und die ist sehr komplex und vielschichtig. Außerdem gilt es zu unterscheiden: zwischen dem Grund, den wir bei Bindungsangst vorgeben und der tatsächlichen Ursache. Die Wahrheit wissen wir oft gar nicht. Entweder, weil wir sie erfolgreich verdrängen oder weil uns noch nicht richtig bewusst ist, dass hier "was falsch läuft". Wir erfinden Ausreden. Floskeln, die niemandem wehtun und in der Gesellschaft akzeptiert werden:

  • "Ich bin nicht so der Beziehungstyp"
  • "Ich möchte meine Freiheit nicht aufgeben"
  • "Ich bin einfach zu anspruchsvoll"
  • "Ich habe mein Leben auch gut allein im Griff"
  • "Ich bin glücklicher Single (und möchte es auch bleiben)"
  • "Ich gerate immer an die falschen Typen"
  • "Ich habe meinen Traumpartner noch nicht gefunden"
  • "Ich verbringe lieber Zeit mit meinen Freunden"
  • "Ich bin mit meinem Job verheiratet"
  • "Für mich ist einfach keiner gut genug"

Mit solchen oder ähnlichen Aussagen haben wir uns arrangiert. Aber belügen wir damit nicht nur unser Umfeld, sondern auch uns selbst? Vielleicht, weil der eigentliche Grund der Bindungsangst zu sehr weh tut. Oder wir nicht hinsehen möchten. Die Wahrheit ist: Meistens wehren wir den Wunsch nach einer Beziehung ab, weil er mit einer (vergangenen) besonderen Angst verbunden ist. Und der daraus resultierenden Befürchtung, dass uns sowas noch mal passiert. Bei folgenden Ursachen lassen sich, laut Psychologen, durchaus Parallelen − vor allem in der Kindheit − erkennen:

  • Trennung/Scheidung der Eltern
  • Chaotisches häusliches Umfeld bzw. häufige Umzüge
  • Der Verlust oder Tod einer wichtigen Bezugsperson
  • Starker Liebeskummer aus einer vergangenen Beziehung
  • Permanenter Mangel an Nähe und Geborgenheit (= Vernachlässigung)
  • Andauerndes gestörtes Verhältnis zu Eltern oder Geschwistern
  • Verbaler, emotionaler und/oder sexueller Missbrauch
  • Missachtung und Überschreitung von persönlichen Grenzen
  • Schwere (psychische) Erkrankung oder Suchtverhalten von Mutter/Vater
  • Eigene Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus, Borderline & Co.

Eltern streiten vor dem Kind

Die Angst vor Beziehungen entwickelt sich oft in der Kindheit.


Anzeichen: Wie zeigt sich Bindungsangst?

Beziehungsängstliche Menschen nutzen in der Regel drei Strategien, die auch bei anderen Ängsten eingesetzt werden: Sie flüchten, greifen an oder stellen sich tot. Meistens passiert das auf sehr aggressive, abgebrühte oder auch monotone Art und Weise. Auf den Partner wirkt das oft ambivalent und unverständlich, unter anderem durch das ständige Schwanken zwischen Nähe und Distanz. Weitere typische Anzeichen von Bindungsangst sind:

  • Plötzliche Gefühlskälte oder absolute Gleichgültigkeit zu Liebe/Nähe
  • Die ständige Befürchtung, zu sehr vereinnahmt zu werden
  • Eifersucht bzw. krankhafte Angst davor, verlassen/verletzt zu werden
  • Starke Schwierigkeiten damit, Hilfe von anderen anzunehmen
  • Übertriebene Angst vor Verantwortung und/oder Verpflichtungen
  • Wiederholte Affären mit gebundenen/verheirateten Männern
  • Das Eingehen von Fernbeziehungen oder reinen Romantik-Wochenenden 
  • Ständiges "Abstandhalten" des Partners durch bestimmte oben genannte Strategien
  • Grundloses Beenden der Beziehung bis zu spurlosem Verschwinden
  • Beklemmungsgefühle, Angespanntheit, Herzrasen oder Panikattacken

Partner: Wie geht er damit um?

Der Partner leidet oft sehr unter einer Beziehung mit einer "Bindungsängstlichen". Er bekommt gerade so viel Liebe und Zuneigung, um nicht Schluss zu machen. Aber niemals so viel, wie er sie in einer gesunden Partnerschaft wünscht und braucht. Er ist ständig verwirrt und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Wie er es macht, ist es verkehrt. Dazu kommt, dass beziehungsängstliche Frauen immer wieder "neu erobert" werden müssen, weil sie die permanente Bestätigung brauchen. Auf Dauer ist das für den Partner extrem anstrengend und kann auch ihn auf Dauer krank machen.

Wie wir damit umgehen? Hier kommt es auch auf Charakter an. Unsere Psyche entschuldigt schließlich nicht jedes Verhalten! Sobald wir verstanden haben, dass wir ein Problem mit Beziehungen haben, gilt es deutlich reflektierter zu reagieren. Eine hilfreiche Frage, die wir uns immer wieder stellen können: "Bin ich wirklich bereit für eine Partnerschaft oder würde ich ihm (wieder) weh tun"? Rücksichtsvoller wäre es, zunächst an uns selbst zu arbeiten, bevor wir erneut jemanden verletzen.

Frau stößt Mann weg

Bindungsangst ist auch für den Partner sehr belastend.


Leitfaden: Wie Bindungsangst überwinden?

Einsicht ist der erste Schritt: Wie bereits oben erwähnt, gilt es zunächst zu akzeptieren, dass wir unter Beziehungsangst leiden. Ohne diese Erkenntnis lässt sie sich nicht bekämpfen. Desweiteren sollte uns bewusst werden, wovor wir genau Angst haben. Folgende Fragen können dabei helfen:

  • Was glaube ich, in einer Beziehung tun zu müssen?
  • Was davon möchte ich auf gar keinen Fall machen und warum?
  • Was muss ich aufgeben, was verliere ich dabei?
  • Welche Art von Partnerschaft haben meine Eltern geführt?
  • Übernehme ich womöglich Beziehungsmuster aus der Vergangenheit?
  • Wird wirklich alles besser, wenn ich Schluss mache oder verschwinde?
  • Wird mein Partner verletzt, wenn ich bestimmte Dinge (nicht) tue?
  • Warum habe ich kein gutes Selbstwertgefühl oder zu wenig Vertrauen in mich?
  • Erwartet das der Partner wirklich von mir oder rede ich mir das ein?
  • Bin immer ich Schuld, wenn eine Partnerschaft in die Brüche geht?

Ganz wichtig: Wir haben immer das Recht, Wünsche zu äußern und Grenzen zu setzen. Das ist gesund und normal. Leben wir bereits in einer (mehr oder weniger funktionierenden) Beziehung, ist es hilfreich, die Karten auf den Tisch zu legen. Über Bindungsangst offen und ehrlich sprechen wirkt sehr befreiend! Dazu kann sich unser Partner besser darauf einstellen. Und bei erneuter Zurückweisung reagiert er womöglich nicht ganz so gekränkt und entwickelt mehr Verständnis.

Übung: Kommt der Moment, in dem wir uns (wieder) eingeengt fühlen, wäre es vorteilhaft, sofort über die aktuellen Gedanken und Gefühle zu sprechen. So finden wir heraus, ob wir uns selbst den Freiraum nehmen oder der Partner nur einen Wunsch äußert. Die Erkenntnis daraus hilft, beim nächsten Mal besser oder der Situation angemessener zu reagieren. Es ist ein Lernprozess. Je öfter wir merken, dass uns nichts Schlimmes passiert, desto weniger wird irgendwann die Angst vor einer engen Bindung.

Therapie: Wenn nichts mehr hilft?

Falls wir mit "Selbstheilung" nicht weiterkommen, sollten wir uns überlegen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch wenn sich die Muster der Beziehungsangst ständig wiederholen oder wir tatsächlich noch nie in der Lage waren, eine feste Partnerschaft einzugehen, macht eine Therapie durchaus Sinn.

Es ist nicht schlimm, sich Hilfe zu suchen. Es ist dagegen schlimm, nichts zu ändern! Wünschen wir uns eine gesunde, stabile und zufriedene Beziehung? Und sind wir wirklich bereit, dafür was zu verändern? Dann ist eine Therapie ein wichtiger Schritt, um aus dem Teufelskreis "Bindungsangst" auszubrechen.

Literatur: Mehr über Bindungsangst erfahren?

Autorin: Rebecca Kapfinger