Elyas M'Barek im Interview

„Es könnte echt schlimmer sein“

In „Dieses bescheuerte Herz“ zeigt sich Schauspieler Elyas M'Barek von einer neuen Seite – und bleibt doch derselbe. Ein Gespräch über Image-Stempel, das Klischee der Männlichkeit und die Definition von Glück.

Veröffentlicht am 30.01.2018
Elyas M'Barek.

Wie es sich mit dem Sunnyboy-Image lebt? Offensichtlich ziemlich entspannt. 


Herr M’Barek, Sie haben letztes Jahr zwei sehr unterschiedliche Filme vorgelegt: den dritten Teil der „Fack ju Göhte“-Reihe und „Dieses bescheuerte Herz“, einen vergleichsweise leisen Film im Stil von „Ziemlich beste Freunde“. Lernen wir jetzt Ihre emotionale Seite kennen?
Über beide Filme kann man lachen. Und beide Filme berühren. Natürlich ist „Dieses bescheuerte Herz“ nicht so laut und schrill. Er hat einen anderen Ton, eine Komödie mit Tiefgang.

Mögen Sie das?
Ja. Ist doch schön, wenn Filme nicht so gleich sind. Ich finde es toll, dass man sich in verschiedenen Genres ausprobieren kann.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien stolz darauf, sich über die Jahre ein nettes Buddy-Image erarbeitet zu haben. Ist es das, was Sie wollten?
Finden Sie Zeki Müller denn so nett?

Zumindest fällt bei Zeki Müller und Lenny, der Hauptfigur aus „Dieses bescheuerte Herz“, eine ähnliche Entwicklung auf: Beide Charaktere werden im Laufe der Geschichte geläutert, der krawallige Aushilfslehrer ebenso wie der verwöhnte Ärztesohn. Am Ende bekommt man einen sympathischen Sunnyboy.
Das Geheimnis einer guten Komödie ist, dass der Hauptcharakter eine Reise durchmacht. Ohne das wäre es kein guter Film.

Wie wichtig ist es für einen Schauspieler, sich in seiner Arbeit immer wieder selbst zu überraschen,  mit anspruchsvollen Charakterrollen? Matthew McConaughey hat beispielsweise jahrelang sehr erfolgreich romantische Komödien gedreht, bis es mit „Mud“, „Dallas Buyers Club“ und „True Detective“ zum Bruch kam.
Sie vergleichen den amerikanischen Markt mit dem deutschen, was sehr ungerecht ist. In den USA hat man ganz andere Möglichkeiten. Die Filme, die dort produziert werden, würden bei uns überhaupt nicht funktionieren. Das sieht man auch im Serien-Bereich. Der Trend schwappt langsam zu uns herüber. Und was funktioniert davon? Fast gar nichts.

„Babylon Berlin“ wurde gerade frenetisch gefeiert, ebenso wie die deutsche Netflix-Serie „Dark“.
Dennoch ist der Vergleich schwierig. Ich höre da jetzt auch einen unterschwelligen Vorwurf raus. Mir macht einfach Spaß, was ich tue und ich bin dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, Hauptrollen im Kino zu spielen. Außerdem habe ich noch eine längere Karriere vor mir, in der ich vielleicht noch ganz andere Sachen machen werde.

Auch im deutschen Raum gibt es Regisseure, die den Antiheld feiern, wie Fatih Akin. Würden Sie gerne mal die Komfortzone verlassen und es riskieren, dass man Sie auf der Leinwand auch mal unsympathisch findet?
Unbedingt. Ich hätte total Bock auf so was. Aber dafür muss man auch erstmal ein Drehbuch finden. Deutschland ist nicht Amerika. Wir sind ein kleines Land, der Filmmarkt ist begrenzt. Es gibt nicht so viele gute Drehbücher, die so etwas möglich machen.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst eine Idee zu entwickeln? Ein Drehbuch zu schreiben?
Ich bin kein Drehbuchautor, nein. Das würde ich mir auch gar nicht zutrauen. Das ist so, als würden Sie mich jetzt fragen, warum ich nicht Bundeskanzler werden will.

Der Schritt vom Schauspieler zum Drehbuchautor liegt doch etwas näher als der vom Schauspieler zum Spitzenpolitiker. Einige wechseln auch ins Regiefach, wie Matthias Schweighöfer.
Das passiert, ja. Aber mal eben ein gutes Drehbuch zu schreiben, ist nicht einfach. Deshalb haben Drehbuchautoren auch ihre Berechtigung.

Vorhin sprachen wir von Läuterung. Welche Spuren hat die Arbeit an „Dieses bescheuerte Herz“ bei Ihnen hinterlassen? Es gibt Szenen im Hospiz mit todkranken Kindern. Was macht das mit einem beim Dreh?
Wir haben nicht direkt im Hospiz gedreht, die Szene spielt nur dort. Deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber natürlich regt das Thema zum Nachdenken an. Der Film war dafür aber nicht ausschlaggebend. Mir ist generell bewusst, dass man dankbar dafür sein muss, dass man im Hier und Jetzt lebt, gesund ist, dass man nicht mit so einem Schicksalsschlag zu kämpfen hat. Das ist nicht selbstverständlich.

Was bedeutet es für Sie, ein privilegiertes Leben zu führen?
Das haben Sie jetzt gesagt.

Im Film geht es um Privilegien. Um einen privilegierten Ärztesohn, der auf den Boden der Tatsachen geholt wird. Sie sind zurzeit einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler.
Ich kann behaupten, dass ich momentan ein sehr privilegiertes Leben führe, ja. Ich habe Möglichkeiten, die ich früher nicht hatte und die andere Leute auch jetzt nicht haben. Mir werden Türen geöffnet und ich darf Dinge erleben, die nicht selbstverständlich sind. Ich verdiene viel mehr Geld als früher, kann mir Sachen leisten. Plötzlich hören mir die Leute zu, wenn ich was sage. Ich bekomme Rollenangebote, die ich früher nicht bekommen hätte. Im Restaurant kriege ich schneller einen Tisch. All das sind Privilegien. Die Frage ist, ob das so wichtig ist. Weil ich glaube, Zufriedenheit bringt das nicht unbedingt mit sich. Ich genieße das, bin dankbar dafür, weiß aber auch, dass das vergänglich ist.

Haben Sie Angst davor, dass das auch alles wieder weg sein könnte?
Es ist immer schlimmer, einen Schritt zurückzugehen, als einen nach vorne zu machen. Downgrades sind nie cool, gerade wenn man sich an einen gewissen Status gewöhnt hat. Aber Angst davor habe ich nicht. Ich weiß, wie es vorher war. Und früher war ich ja auch nicht unglücklich.

Sie sind in einem ganz normalen, bürgerlich-liberalen Elternhaus in München-Sendling groß geworden. Was hat Sie damals glücklich gemacht?
Dieselben Dinge wie heute. Gute Zeit mit guten Freunden. Gutes Essen. Schöne Reise, schöner Ausblick. Die einfachen Dinge im Leben, nicht unbedingt materieller Art.

Was haben Ihnen Ihre Eltern damals mit auf den Weg gegeben?
Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und eine positive Sicht auf das Leben. 

Sie sind Sohn eines tunesischen Vaters und einer österreichischen Mutter und werden gerne als ein Vorbild gelungener Integration genannt. Sehen Sie sich selbst als solches?
Ich beanspruche das nicht für mich. Als ich aufgewachsen bin, gab es diesen furchtbar hässlichen Begriff „Migrationshintergrund“ noch nicht mal. Ich habe es nur mitbekommen, wenn mir manche Leute ausländerfeindliche Sprüche hinterhergeplärrt haben. Das war unbegreiflich für mich, weil es für meine Freunde kein Thema war. Für die war ich der Elyas. Völlig egal, ob ich dunklere Haare hatte. Ich bin in München geboren und aufgewachsen, kenne die Kultur. Ich hatte nie das Gefühl, mich integrieren oder anders verhalten zu müssen, weil ich mich nicht nicht als Teil der Gesellschaft gefühlt habe. Irgendwann bekommt man halt einen Stempel aufgedrückt und die Leute wollen plötzlich Antworten auf Fragen, die ich nicht geben kann. Weil ich, bis auf mein Aussehen – und das sind auch immer nur andere, die das bewerten – keinen Unterschied sehe. Selbst diese Frage ist schon wieder so ein Stempel. Die könnten Sie auch Matthias Schweighöfer stellen und der würde vermutlich auch keine Antworten geben.

Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie viele Rollen mit Migrationshintergrund gespielt. Den Durchbruch schafften Sie mit der Hauptrolle in „Türkisch für Anfänger“. Die These ist gewagt, aber wenn man es zuspitzen würde, könnte man sich fragen, ob Sie Ihren Erfolg zum Teil nicht auch Ihren tunesischen Wurzeln verdanken?
Ja, damit ist mir der Einstieg gelungen. Davor war das aber jahrelang ein Hindernis.

Glauben Sie, Sie hätten eine ähnliche Karriere gemacht, wenn Sie ein blasser, deutscher Schauspieler gewesen wären, wie es eben viele gibt?
Das ist schwer zu beantworten, weil ich nicht weiß, was ich dann für Angebote bekommen hätte. Die Rolle in „Türkisch für Anfänger“ hätte ich nicht gespielt. Aber vielleicht eine andere. Es lag auch nicht in meiner Macht, „Fack ju Göhte“ zu erfinden und mir Zeki Müller auf den Leib zu schneidern. So etwas kann man nicht beeinflussen. Man kann nur einen Traum haben, ein Ziel und mit Glück, Talent und gutem Timing da hin kommen.

Würde es Sie ärgern, wenn man sagen würde, Sie hätten einfach nur Glück gehabt? Schließlich sind Sie es gewohnt, für Ihren Erfolg hart zu arbeiten. Ihre schulische Vita ist dafür ein Beispiel: Sie sind vom Gymnasium geflogen, in der Realschule sitzen geblieben. Am Ende wollte Sie nicht einmal mehr die Hauptschule nehmen. Und doch haben Sie Ihr Abi gemacht. Wie viel Ihrer Karriere ist Glück, wie viel harte Arbeit?
Es ist in erster Linie harte Arbeit. Und dann braucht man viel Glück, damit sich die harte Arbeit auszahlt. Ohne das kommt man nicht da hin. Das gilt für alles. Ich habe Freunde, die mittlerweile Unternehmer sind, die erfolgreich sind, in dem, was sie tun. All diese Leute verbindet eines: dass sie extrem hart arbeiten.

Welche Ziele haben Sie noch?
Keine konkreten, weil ich meine Ziele schnellstmöglich lebe. Ich löse auch Konflikte schnell, weil ich generell versuche, nichts aufzuschieben. Was ich gerne machen würde, wäre eine längere Reise. Zeit in einem fremden Land, einer fremden Kultur zu verbringen.

Als Auszeit?
Nein, sondern weil ich mir diesen Luxus einfach gönnen will. Einfach mal ganz woanders sein und eine andere Welt kennenlernen. Und mich darauf einlassen.

In der medialen Wahrnehmung und den sozialen Kanälen bedienen Sie das Bild des Strahlemanns, des Testimonials, des Frauenschwarms. Fallen Ihnen diese Klischees, die um Sie herumgebastelt werden, manchmal auf die Nerven? 
Nö, ich spiele ja auch damit. Zum anderen brauchen die Leute ein Bild von dir.

Vorhin haben Sie angedeutet, dass Sie diese Stempel nicht mögen.
Ich mag sie auch nicht. Aber man braucht sie einfach. Die Leute wollen dich beschreiben können. Dieses Bild muss nicht zwangsläufig damit übereinstimmen, wer du in Wirklichkeit bist. Aber wer man wirklich ist, werden die Leute eh nie erfahren. Das wissen nur die, die einen gut kennen. Ich habe gelernt, dass man das nicht steuern kann, diese Mechanismen der öffentlichen Meinungsbildung.

Ist es nicht auch eine Frage danach, wie sehr man das mediale Bild aktiv bedienen will? Stefan Raab ist es bespielsweise seinerzeit ganz gut gelungen, die Öffentlichkeit aus seinem Privatleben auszuschließen.
Das mache ich nur bis zu einem gewissen Punkt. Ich spiele bis zu einem gewissen Grad mit, befördere das öffentliche Bild von mir, mit dem ich aber auch sehr selbstironisch umgehe. Diese Stempel nehme ich tatsächlich gar nicht so ernst. Trotzdem gibt es vieles, was privat bleibt. Ich verstehe aber natürlich das Interesse daran. Bei Stefan Raab ziehen Sie jetzt wieder so eine komische Parallele. Der war Moderator, produzierte Shows. Der muss keine Interviews geben. Ist doch völlig egal, ob er verheiratet ist, ob er Kinder hat, was er privat macht. Die Leute wollen ihn auf der Bühne entertainen sehen. Wenn ich einen Film rausbringe, ist es unmöglich, sich den Interviews zu entziehen. Als Schauspieler hat man da eine ganz andere Aufgabe, gerade im kommerziellen Bereich.

Auch ein Moderator hat doch Interesse daran, dass seine Shows kommerziell erfolgreich sind? Wie bewerten Sie den Drang der Öffentlichkeit, bei prominenten Personen immer einen Blick hinter die Kulissen werfen, einen Mythos entzaubern zu wollen?
Keine Ahnung. Wir sind doch alles ganz normale Menschen. Ich bemühe mich nicht, den charmanten Kerl zu geben. Ich bin einfach so, wie ich bin. Wie Sie damit umgehen oder das bewerten, ist Ihre Aufgabe. Das kann ich Ihnen nicht abnehmen.

Sprechen wir noch kurz über Männlichkeit. Wie männlich fühlen Sie sich, wenn Sie morgens in den Spiegel sehen.
Jetzt wieder mehr. Bei „Fack ju Göhte“ werden mir immer die Brusthaare abrasiert. Ich finde es männlicher, sie wachsen zu lassen.

Was bedeutet das überhaupt: Männlichkeit?
Einfach Mann sein. Sich nicht die Brusthaare rasieren. Gelassen mit dem umgehen, was man mitbringt. Damit zu arbeiten und nicht versuchen, sich zu verändern. Selbstbewusst sein.

Womit kann man Ihnen als Mann ein Kompliment machen?
„Du riechst gut" finde ich schön. 

Wie gehen Sie damit um, dass sich gerade Ihre weiblichen Fans am laufenden Meter in Sie verknallen? Darauf bereitet einen niemand vor. Verspüren Sie da einen Druck?
Sehr abstrakt ist das. Ich kann damit nicht viel anfangen. In „Fack ju Göhte“ wird diese Männlichkeit im Film gefordert. Ich kann Zeki Müller nicht mit 30 Kilo Übergewicht spielen. Insofern mache ich mir schon Druck, weil ein bestimmtes Körperbild von mir erwartet wird. Privat gar nicht. Was abseits der Kamera ist, ist mir immer noch wichtiger, als was davor passiert. Das ist es, worum es eigentlich geht. Diese Hysterie mit den Mädchen, die Sie ansprechen, bekomme ich gar nicht so mit. Ich verbringe meine Zeit ja auch nicht damit, mir auf Facebook die Kommentare durchzulesen. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich bestimmte Headlines lese. Das hat mit mir selber nicht viel zu tun. Meine Freunde brechen ab, wenn die so was lesen. Das meinte ich vorhin: Die Leute wollen ein Bild von dir, mit dem sie dich beschreiben können. Und das könnte bei mir echt schlimmer sein.

Wenn Sie morgen kein Schauspieler mehr wären, was wären Sie dann?
Das werde ich sehen, wenn’s so weit ist. Aber ich bin sicher, dass ich genauso glücklich wäre.

Ein paar schnelle Fragen zum Schluss. Mein letztes gutes Gespräch hatte ich mit...
... David Dietl, dem Sohn von Helmut Dietl. Übers Leben.

Das letzte Mal die Meinung gesagt hat mir...
... mein Bruder.

Das letzte gute Buch, das ich gelesen habe, war...
... „Life" von Keith Richards.

Morgens tanze ich im Bad zu...
... ich tanze morgens nicht im Bad.

Das letzte Mal richtig verknallt war ich in...
... den Ausblick hier (auf der Dachterrasse des Bayerischen Hofs, Anm. d. Red.), auf die Frauenkirche bei schönstem Wetter.

Meine Mutter sagt immer...
... „vergiss den Schlüssel nicht."

Mein Vater fragt immer...
... wie installiere ich Whatsapp?

Meinem 15-jährigen Ich würde ich sagen...
... sei unbesorgt.

Meine Definition von Glück ist...
... gutes Essen.