Erfolg

Die vielen Leben der Eve Büchner

Alles ist möglich? Würde die ehemalige TV-Moderatorin und heutige Unternehmerin Eve Büchner mit Sicherheit unterschreiben. Woher die Power-Frau ihre Energie nimmt und warum sie sich selbst trotz harter Arbeit als Genussmensch bezeichnet.

Veröffentlicht am 08.03.2018
Porträt von Eve Büchner.

Neue Perspektiven: „Ich wollte nicht mehr nur berichten, sondern selbst gestalten", sagt Eve Büchner. 


Potsdam im Nebel. Der von prächtigen Villen gesäumte Heilige See schillert geheim­nisvoll. Hier, wo die Jauchs, Diekmanns und Döpfners residieren, wirkt die Welt wie eine Postkartenidylle und doch seltsam irreal. Man schlendert weiter und betritt ein Café, das früher mal eine Tankstelle war. An der Wand sitzt eine Dame mit 15 000-Euro-Gesicht und sauteuren Sneakern, zwei Tische weiter bearbeitet ein fitnessgestählter Endfünfziger seinen Laptop. Eve Büchner kommt schwungvoll durch die Tür, in ihrem Windschatten ein blonder Knirps, der konzentriert auf sein Smartphone starrt. Mit einem Schlag ändert sich die Energie im Raum. „Bin gleich da“, ruft sie lachend herüber, läuft hierhin und dorthin und drückt alle möglichen Leute.

Eve Büchner ist 44 und hat vor sechs Jahren ihre zweite Karriere gestartet. Früher war sie ein bekanntes Fernsehgesicht, sie nannte sich Eve-Maren Büchner, trug TV-tauglichen Kurzhaarschnitt und arbeitete als Moderatorin für n-tv und das Sat.1-Magazin „Blitz“. Man sah sie bei den üblichen Veranstaltungen wie einem großen Ball in Frankfurt an der Seite ihres Ex-Mannes, dem Werbemanager Helmut Sendlmeier. Beide waren umringt von Fotografen, sie schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Doch dann erfand sich Eve-Maren Büchner mal eben komplett neu. Beendete 2011 ihre TV-Karriere, ließ sich scheiden, legte ihren zweiten Vornamen ab, trug Nerd-Brille und wurde Unternehmerin. Sie gründete vier Firmen in sechs Jahren, darunter Refund.me. Die Idee: Flugreisenden, die mit Verspätungen oder Stornierungen zu kämpfen haben, bei der finanziellen Entschädigung helfen.

Nach fünf Jahren verkaufte sie den Laden letztes Jahr für einen zweistelligen Millionenbetrag an eine US-Investoren­gruppe. Von der TV-Moderatorin zur Unternehmerin, die zwischen Potsdam, Delhi, Miami und Palo Alto hin und her jettet und schon wieder die nächste Firma am Start hat – das klingt nach Megakarriere, aber auch mega-anstrengend. Zumal Eve Büchner drei Söhne zwischen vier und 13 Jahren hat, zwei vom Ex-Mann und einen von ihrem neuen Lebensgefährten, einem Quantenphysiker. Was treibt sie an, sich immer wieder mit voller Wucht in das nächste Projekt zu stürzen? Schließlich hat sie längst ausgesorgt, sie könnte sich zurücklehnen und Kunst sammeln wie so viele hier in Potsdam, aber genau das tut sie nicht. Vielleicht ist sie ja eine dieser Superfrauen, beängstigend perfekt, ein Adrenalinjunkie, süchtig nach diesem Hochleistungsprickeln, ohne das sie sich nicht spürt. 

In diesem Moment steht Eve Büchner schließlich vor einem und lacht richtig nett, man will ihr das bequeme Sofa überlassen. „Bloß nicht, ich hatte einen schweren Bandscheibenvorfall mit Not-OP und muss gerade sitzen“, sagt sie und setzt sich auf einen harten Stuhl, Sohn Max, 7, nimmt neben ihr Platz. Bandscheibenvorfall klingt nach Stress. „Jahrelang habe ich die Nächte durchgearbeitet und mich viel zu wenig um mich selbst gekümmert“, sagt Eve Büchner und erzählt von ihrer Schlafkur, die sie gerade durchzieht: „Morgens, wenn die Kinder in der Schule sind, lege ich mich wieder hin und nachmittags auch noch mal.“ So komme sie locker auf zehn Stunden, lacht sie und guckt ziemlich lebensfroh. Überhaupt, sie wirkt nicht ehrgeizig-verbissen und ist auch keine dieser dürren Selbstoptimiererinnen, sondern ein impulsiver, sympathisch kurviger Genussmensch. Blonde Wuschelhaare, wache Augen, kaum geschminkt. Das Auffälligste ist ihre hohe Kleinmädchenstimme, mit der sie die Menschen umgarnt. 

„Arbeit und Verzicht haben mich ein Leben lang angespornt"

Doch man darf sich da nicht täuschen lassen. Hinter ihrem lockeren Plauderton spürt man Kraft, Zähigkeit, eine enorme Selbstdisziplin und den unbedingten Wunsch, ihre zweite Karriere als Gründerin weiter voranzutreiben. Sie gibt sich harmlos, aber tatsächlich verfügt sie über jene massive Penetranz, die man braucht, um Dinge zu bewegen, und hat garantiert schon die eine oder andere verschlossene Tür mit Schwung eingetreten. Ihre nächste Firma steht jedenfalls schon in den Startlöchern, im Frühsommer ist es so weit. „Mit dem neuen Unternehmen  wollen wir Flugverspätungen vermeiden“, sagt Eve Büchner, mehr will sie nicht verraten. Aber welcher verborgene Motor sie immer wieder antreibt, tja, da muss sie nachdenken. „Ein Kollege hat mal im Spaß gesagt: ‚Eve, wir haben beide ADHS – nur so schafft man dieses Pensum.‘“ Aber es gebe einen wichtigeren Grund: „Der Antrieb entsteht in der Kindheit. Je weniger man hat, umso mehr will man schaffen. Und je mehr die Eltern fordern, desto mehr schafft man auch. Arbeit und Verzicht haben mich  ein Leben lang angespornt.“

Sie stammt von einem landwirtschaftlichen Großbetrieb in Brandenburg. „Wenn meine Freunde sich samstagabends für die ­Disco zurechtgemacht haben, musste ich noch auf dem Hof arbeiten.“ Früh kitzeln die Eltern den Ehrgeiz ihrer Ältesten heraus: „Für eine Eins in der Schule gab’s eine Mark, für eine Drei 50 Pfennig Abzug.“ Sie studiert BWL, um den Betrieb zu übernehmen, aber die Mutter lehnt schließlich ab. Eve macht ein Volontariat an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg und geht zum Fernsehen. Dort habe sie eine Menge für ihre zweite Karriere gelernt: „Ich habe mir ein Netzwerk aufgebaut und viel Marketing-Know-how zugelegt.“

Auch finanziell läuft’s hervorragend. Das Geld, das sie beim Fernsehen verdient, investiert sie erfolgreich in den Neuen Markt und kauft eine Villa gleich um die Ecke hier in Potsdam. Aber Geld ist nicht so ihr Thema, über die Immobilie will sie nicht groß reden. Dann schon lieber über ihre Motivation, Unternehmerin zu werden: „Ich wollte nicht mehr über die Dinge berichten, sondern selbst gestalten.“ Nach einem massiv verspäteten Sardinien-Flug kommt ihr eine Idee: Warum nicht eine Firma gründen, die frustrierte Flugpassagiere entschädigt? Sie stellt ein Team zusammen, holt drei US-Investoren an Bord und gründet Refund.me in Potsdam, Sitz der Holding ist Palo Alto. Heute hat die Firma 80 Mitarbeiter. 

In diesem Moment erscheint ihr ältester Sohn Jack, 13. Er holt einen Schlüssel bei seiner Mutter ab und nimmt gleich auch noch Bruder Max mit nach Hause. „Einfach machen“, rät Eve Büchner Frauen mit Kindern, die ihre Ideen umsetzen wollen. „Ich bin mit dem Buggy durchs Silicon Valley marschiert, und meine Geschäftspartner dachten wahrscheinlich: Ach Gott, jetzt hat die wieder ihr Kind dabei.“ Aber so was ist ihr völlig wurscht: „Man muss ein Stück weit ignorant sein, in wichtigen Momenten un­emotional, wenn man als Frau etwas erreichen will.“ Chuzpe, ein Partner, der mitzieht, aber auch die Möglichkeit, sich als Selbstständige ihre Zeit frei einteilen zu können, helfen ihr dabei, Kinder und Job unter einen Hut zu bekommen. „Wenn ich länger in Palo Alto bin, nehme ich die Jungs mit und melde sie dort auf der Internationalen Schule an.“

Diese Frau hat viele Leben, zwischen denen sie locker hin und her switcht. So eine lässt sich in kein simples Raster pressen. Sie ist Adrenalinjunkie und Überzeugungstäterin, Perfektionistin und In­stinktmensch, sie ist Macherin, Mutter und, wichtig, eine Meisterin in Sachen Eigen-PR. Und genau deswegen wird sie niemals hinter anderen herbummeln, sondern immer wieder Gas geben. „Man muss es einfach wollen“, sagt sie und berührt einen kurz am Arm – als wolle sie einem noch schnell etwas von ihrer Extra-Energie rüberschieben. Und dann steht sie auf und sagt: „Ich habe zu Hause zehn Zwerghühner und einen Hahn. Mit denen halte ich gleich noch ein Schwätzchen und füttere sie mit Kuchen, um mich beliebt zu machen.“ Klingt entspannend. Aber irgendwann bricht Eve Büchner wieder auf, setzt Ideen um, bewegt ein bisschen die Welt. Und fühlt sich dabei wunderbar lebendig.