Erfolg im Job

Die neuen Geschichtenerzähler

Die Welt wird immer komplexer, deshalb brauchen wir Menschen, die sie uns erklären. Die modernen Storyteller schreiben Blogs, Drehbücher oder betreiben Podcasts – klug, ehrlich und extrem unterhaltsam.

Veröffentlicht am 16.05.2018

Die Münchnerin Inés Gutiérrez alias Frau Kaltmamsell wurde mit vorspeisenplatte.de gerade als „Tagebuch-Bloggerin des Jahres" ausgezeichnet 

Eine gelungene Vorspeisenplatte besteht aus vielen appetitlichen Happen, die geteilt werden können und Lust auf mehr machen. Exakt so funktioniert der gleichnamige Blog von Inés Gutiérrez: tägliche kurze Einträge über Bücher, Filme, Rezepte und vieles andere, das der 50-jährigen Münchnerin im Alltag widerfährt. Flott aufgeschrieben, persönlich im Ton und voller kluger Gedanken – eigentlich genau das Tagebuch, das man selbst gerne führen würde.

Frau Kaltmamsell, so der Künstlername von Inés Gutiérrez, bloggt seit knapp 15 Jahren. Dass es auf ihrer schlicht gestalteten Seite vorspeisenplatte.de nie langweilig wird, liegt daran, dass hier eben keine Kunstfigur schreibt, sondern eine Frau mit einem authentischen Leben. Inés Gutiérrez, die ausgebildete Journalistin ist und als Sekretärin arbeitet, erklärt das so: „Mein Blog ist kein Mittel zum Zweck, ich will damit weder meinen Lebensunterhalt verdienen noch einen Buchvertrag ergattern.“ Sie schreibt, weil sie Lust darauf hat, fertig. So viel Geradlinigkeit kommt an: Im Januar wurde sie zur besten „Tagebuch- Bloggerin des Jahres 2017“ gewählt.

Als sie vor vielen Jahren, quasi im Internet-Pleistozän, zum ersten Mal das Wort „Blog" hörte, dachte sie spontan an ihren Mann:„Der hat so abwegige Interessen wie Radioshows der 30er-Jahre, ich hoffte, damit könnte er Gleichgesinnte kennenlernen.“ Es kam anders. Während Herr Kaltmamsell den inzwischen ältesten Lehrerblog Deutschlands, herr-rau.de, startete, wurde Frau Kaltmamsell mit ihrer persönlichen Chronik bekannt. Es ist nun aber nicht so, dass die beiden seitdem zu Hause schweigend vor ihren Rechnern brüten. Sie gehen an der Isar spazieren oder wandern in den Cotswolds, sie machen marokkanischen Karottensalat und unterhalten sich bei einem Glas griechischen Weißwein. Der Unterschied zu anderen Paaren ist, dass die Welt da draußen davon erfährt. Den gelegentlichen Vorwurf, man müsse sich selbst dafür schon sehr wichtig nehmen, kontert Inés Gutiérrez gelassen: „Ich zwinge niemanden dazu mitzulesen.“

Sie selbst sei ein großer Fan anderer „Normalo“-Blogs, erzählt sie: „Ich finde es großartig, wenn Rollstuhlfahrerinnen oder Supermarktleiter bloggen, das sind Inneneinsichten, die ich sonst nie bekommen würde.“ Recht hat sie: Selbst wenn einige Trolle das ausnutzen – seitdem im Internet jeder seine Stimme erheben kann, ist die Welt vielfältiger und demokratischer geworden. Und seit es Frau Kaltmamsell gibt, definitiv auch unterhaltsamer. 

Inés Gutiérrez.

Inés Gutiérrez schreibt in ihrem Blog sehr persönlich über Alltägliches. 


Wie tickt die Ü-40-Generation? Die besten Antworten darauf liefert Drehbuchautor Magnus Vattrodt, 45. Wie zuletzt im TV-Film „Südstadt"

Ja, es geschehen noch Wunder, manchmal sogar im ZDF. Statt des üblichen Gähn-Programms lief dort neulich zur besten Sendezeit ein richtig guter Beziehungsfilm. „Südstadt“, eine Milieustudie über drei Paare in der Krise, brillant besetzt, exakt beobachtet und voller funkelnder Dialoge. Man hätte Drehbuchautor Magnus Vattrodt (okay, auch den Regisseur Matti Geschonneck) küssen können für dieses intelligente, zeitgeistige Werk.

Drehbuchautoren sind die großen Unbekannten der Filmbranche. Sie bleiben meist im Schatten der Regisseure und Schauspieler, dabei sind sie es, die für den Plot und seine Finessen verantwortlich sind. Magnus Vattrodt ist da keine Ausnahme, der 45-Jährige lebt mit seiner Familie in Köln. Zurückgezogen an seinem Schreibtisch schrieb er dort die Scripts für einige der besten Filme, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den vergangenen Jahren zu bieten hatte: Für das Scheidungsdrama „Liebesjahre“ gab es den Grimme-Preis und die Goldene Kamera, für den Justizthriller „Das Ende einer Nacht“ den Grimme und den Deutschen Fernsehpreis. Dazu kommen diverse „Tatorte“ und andere hochgelobte Filme.

Am Telefon wiegelt er bescheiden ab: Das Lob für „Südstadt“ freue ihn, aber das sei doch eigentlich eine ganz alltägliche Geschichte, die er da aufgeschrieben habe. Stimmt – exakt das macht ihn als Autor ja so besonders. Es geht ihm nicht um den größtmöglichen Effekt, sondern darum, sensibel und humorvoll davon zu erzählen, was es heißt, erwachsen zu sein. Das fällt generell auf: Magnus Vattrodt schreibt keine Chichi-Storys, sondern komplexe Geschichten über echte Menschen.

Als Student der Theaterwissenschaft habe er „herumgeeiert“ und nicht gewusst, was aus ihm werden sollte. Als es ihn mehr und mehr zum Schreiben zog, setzte er ein Drehbuchstudium obendrauf. Damals wurde seine erste Tochter geboren, auf einmal dachte er mit einem anderen Ernst über seine berufliche Laufbahn nach: „Ich musste Geld verdienen, das war eine Hopp-oder-top- Angelegenheit“, erzählt er. Im Schnitt zwei Drehbücher schafft er ihm Jahr: „Es ist immer wieder eine neue Herausforderung, man muss sein Ego hintenanstellen, mit Frustrationen und Unsicherheit leben können.“ So oft wie möglich arbeitet er mit Matti Geschonneck zusammen. „Wir sind ein kreatives Team, oft sammeln wir bei dem Dreh für einen Film schon Ideen für den nächsten.“ Woran er gerade arbeitet? Spielt keine Rolle, mit Magnus Vattrodt ist man nie im falschen Film. 

Magnus Vattrodt.

Bestechend klarer Blick aufs Leben: Drehbuchautor Magnus Vattrodt. 


Die 86-jährige „Marmeladenoma“ erzählt im Internet Märchen – und peilt gerade den 200 000. Abonnenten auf YouTube an

Es gibt vermutlich nicht viele 86-Jährige, die wissen, wer Gronkh ist. Oma Helga aus Ettlingen hingegen kennt sich aus: „Der liebe Gronkh“, sagt sie mit sanfter Stimme, „hat mich und meinen Kanal bekannt gemacht.“ Für alle, die schon jetzt nicht mehr mitkommen: Die betagte Dame aus dem Schwäbischen ist ein Internet-Star. Seit rund zwei Jahren liest sie als „Marmeladenoma“ online Märchen vor, erzählt von früher und beantwortet Hörerfragen. Anfangs vor einer winzig kleinen Netzgemeinde, aber seitdem der erfolgreiche Gaming-Videoblogger Gronkh bekannte, Fan zu sein, hat sie mehr als 190 000 YouTube-Abonnenten und über zehn Millionen Klicks.

Inzwischen geht Oma Helga, die ihren Nachnamen geheim hält, mehrmals pro Woche auf Sendung. Ihr 16-jähriger Enkel Janik hilft ihr mit dem technischen Kram, er war es auch, der sich das Format ausgedacht hat. Viel passiert nicht in den Clips, die manchmal länger als eine Stunde dauern. Oma Helga trägt dann meistens eine gemusterte Bluse und sitzt an einem mit Nippes vollgestellten Tisch. Ein größerer Gegensatz zu all den gestylten Influencern, die in ihren Kanälen Wind um sich selbst machen, ist kaum vorstellbar. Von der vierfachen Großmutter und fünffachen Urgroßmutter geht etwas wunderbar Beruhigendes aus, ihr zuzuhören fühlt sich an, als sei man wieder Kind.

Ein Geschenk, das in unserer von Hektik und Vereinsamung geprägten Welt viel Zuspruch findet. Oma Helga wird von Leserpost überhäuft: „Ich bekomme viele wunderbare, poetische Briefe, viele schreiben über ihr schlimmes Schicksal, ihre Einsamkeit.“ Es seien interessanterweise vor allem Männer, die ihr Herz ausschütteten. „Ich glaube, das liegt daran, dass sie zu wenig Zärtlichkeit bekommen.“ Sie selbst hatte kein einfaches Leben, ihre Eltern starben früh, ihre Stiefmutter schickte sie nach der 8. Klasse zum Arbeiten. Der Krieg machte es unmöglich, ihren Traum zu verwirklichen und zu studieren. Stattdessen heiratete sie mit 18, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. „Ich war wie Aschenputtel, ich flüchtete mich in meine Fantasie.“

Seit Oma Helga für so viele Menschen zur Ersatz-Großmutter geworden ist, hat sie kaum noch Zeit für sich. Es ist ihr ein Anliegen, anderen Menschen zu helfen, deshalb beantwortet sie jeden Brief handschriftlich, auch wenn das bis nach Mitternacht dauert. „Ich lebe wahnsinnig gerne“, sagt die Marmeladenoma heiter. „Es fühlt sich an, als könnte ich endlich aufholen, was ich früher nicht hatte.“ 

Oma Helga.

Oma Helga zuzuhören hat etwas wunderbar Beruhigendes. 


Keiner spricht offener über Sex als Ines Anioli und Leila Lowre in ihrem Podcast, der nun seit Februar 2018 ganz neu „Besser als Sex" heißt

Mit dem Sex ist das so eine Sache. Alle wollen ihn, viele haben ihn, aber darüber reden? Lieber nicht. Ines Anioli, 31, und Leila Lowfire, 25, tun es trotzdem, und zwar unverblümt und öffentlich. Jeden Donnerstag stellen sie eine neue Folge ihres Podcasts „Besser als Sex“ ins Netz, den man sich auf iTunes und anderen Plattformen kostenlos downloaden kann. Ob Squirting, Analsex oder Vaginalfurze, kein Thema ist zu abwegig oder gar zu eklig. „Hallo, wir sind zwei heiße Muschis, und wir reden übers Ficken“, stellte die ausgebildete Radiomoderatorin Ines Anioli schon zu Beginn der allerersten Folge klar.

Dass die Einschaltquoten gigantisch sind – geschenkt. Sex sells, das war schon immer so. Was erfrischend anders ist: „Besser als Sex“ ist mehr als ein Audio-Porno. Der Podcast ist Unterhaltung, Aufklärung und Empowerment zugleich. Ines Anioli und Leila Lowfire sind zwei selbstbestimmte Frauen, die sich ehrlich über ihre Bettgeschichten austauschen. „Wir wollen unseren Hörern das Gefühl geben, dass sie in Ordnung sind, so wie sie sind“, sagt Leila Lowfire, die einen Künstlernamen trägt und früher als Aktmodell, Schauspielerin und in der PR gearbeitet hat. Aus Zuschriften, die sie bekommen, spreche große Verunsicherung. „Viele Frauen haben etwa verinnerlicht, dass der Sex beendet ist, sobald der Mann gekommen ist. Mir geht das selbst noch manchmal so“, gibt sie zu. „Umso wichtiger ist es, seine Bedürfnisse zu kennen und darüber zu reden.“

Die Idee, einen Podcast zu produzieren, hatte Ines Anioli vor zwei Jahren, als sie von ihrem Job frustriert war: „Ich wollte ein ehrliches, authentisches Talkformat machen, aber dafür war beim Radio kein Platz.“ Sie und Leila kannten sich privat und hatten sich schon immer über ihr Liebesleben ausgetauscht. Also legten sie los, damals noch unter dem Dach eines Online-Stadtmagazins. Inzwischen sind sie unabhängig – und können davon leben. „Anfangs wurde uns gesagt, wir seien zu dirty, das lasse sich nicht vermarkten“, erzählt Ines Anioli. „Inzwischen sind wir der Podcast mit den meisten Werbeeinnahmen.“

Sorge, dass ihnen die Themen ausgehen könnten, haben sie nicht. „Unser Privatleben ist ziemlich aufregend, wir müssen uns nichts ausdenken“, sagt Leila Lowfire und grinst. Demnächst gehen sie mit einer Live-Ausgabe auf Tour. „Das haben wir schon einmal gemacht, das direkte Feedback war super“, freut sich Ines Anioli, „denn wir wussten ja vorher nicht, ob uns vielleicht nur alte, perverse Säcke hören.“ Aber dann waren sie erleichtert, weil im Publikum lauter tolle, intelligente Frauen saßen. Logisch – die zwei Frauen sind ja auch „Besser als Sex“.  

Ines Alioli und Leila Lowfire.

Ihr Podcast „Besser als Sex“ ist Unterhaltung, Aufklärung und Empowerment.