Rolf und Sabine Dobelli im Interview

Die Kunst der guten Ehe

Schriftsteller Rolf Dobelli schreibt Ratgeber, um uns das „gute Leben“ näherzubringen. Wie weit er damit in seiner Ehe kommt? Im Interview mit seiner Frau spricht er über Glückskiller und Rotwein.

Veröffentlicht am 17.01.2018
Sabine und Rolf Dobelli

Einziger Streitpunkt bei Sabine und Rolf Dobelli: die Kindererziehung. Was sie wieder versöhnt: Rotwein.


Rolf Dobelli, 51

Dumme Gedanken habe ich andauernd. Neulich hatte ich zum Beispiel die Idee für einen Krimi über Ganoven, die in Bern Banken ausrauben. Das habe ich schnell wieder verworfen, ich bin ein miserabler Krimischreiber. Auch wenn dumme Ideen Spaß machen: Beim Denken geht es darum, vernünftige Entscheidungen zu treffen, die einen weiterbringen. Man kann wunderbar stundenlang darüber diskutieren, ob es einen Gott gibt oder nicht. Bibliotheken werden damit vollgeschrieben. Das ist nett, aber nicht nützlich. Ich muss mein Leben leben, 24 Stunden am Tag, da brauche ich was Handfestes.

Mein BWL-Studium war ein Fehler, der mich vier Jahre gekostet hat. Was man hier lernt, ist, sein Leben profitabel zu machen. Aber das ist nicht das gute Leben. Es geht nicht darum, Profit zu maximieren, sondern um Sinnhaftigkeit, um innere Ruhe. Ich bin heute viel ruhiger als früher. Das hat mit dem Alter zu tun. Auch mit meiner Frau. Und jetzt bin ich auch noch Vater von Zwillingen.

Wenn man Kinder bekommt, fällt die Glückskurve deutlich ab. Kein Schlaf, keine Zeit, und nie wollen sie so, wie man selbst will. Kinder sind Glückskiller. Selbst wenn man alle glücklichen Momente addiert, ist man netto immer noch unglücklicher, als man ohne sie wäre. Das zeigt auch die Forschung. Dafür steigt die Sinnhaftigkeit. Und das macht doch das gute Leben aus.

Unsere Gesellschaft denkt zu wenig. Und leider immer weniger. Auch weil es zu viele Einzelinformationen gibt. Ich lese seit sieben Jahren keine Nachrichten mehr. Ganz ehrlich: Man verpasst nichts! Zwischen dem ständigen News-Pling-Pling und Trump-Tweets haben wir die Illusion, die Welt zu verstehen. Aber wer hat heute tatsächlich die Zeit, ein Thema in Ruhe zu durchdenken? Zu sagen, dass Frauen und Männer unterschiedlich denken, ist politisch höchst unkorrekt, aber es ist so. Und es ist natürlich auch eine Frage der Persönlichkeit.

Selbst wenn meine Frau ein Mann wäre, würde sie immer noch anders denken als ich. Das einzige Konfliktthema in unserer Ehe sind die Kinder. Ich schneide morgens immer so schöne Apfelschnitze, damit die Kleinen was Gesundes essen. Dann jammern unsere Söhne. Und Sabine? Gibt ihnen Schokolade. Sie will sie einfach glücklich sehen. Vielleicht ist das dieses Mutterding. Abends trinken wir dann zwei Gläser Rotwein, und da kann es mit den Kindern noch so anstrengend sein – wir verstehen uns prächtig.

Wenn ich schlafen gehe, frage ich mich immer: Hätte ich heute etwas besser machen können? Wo habe ich mich danebenbenommen? Wo war ich ein schlechter Mensch? Das Ideal erreicht man nie, das ist schon klar, aber man kann es ja zumindest versuchen. Am Morgen, wenn ich aufwache, ist dann mein erster Gedanke: Mist, schon wieder so früh – und die Jungs sind auch schon wach!

Rolf Dobelli

Rolf Dobelli


Sabine Dobelli, 42, die Ehefrau

Das Leben ist bittersüß. Manchmal ist es schön, manchmal hart. Ich komme aus einem einfachen Elternhaus, mein Vater Handwerker, meine Mutter Einzelhandelskauffrau. Ich habe eine geistig behinderte Schwester und musste früh erwachsen sein. Als Kind war das schwierig, in der Pubertät habe ich es gehasst. Mit 14 Jahren putzte ich Kaufhäuser, mit 15 stand ich in einer Keksfabrik am Fließband, ich gab Nachhilfe, Kurse im Fitnessstudio, und während des Studiums hatte ich drei Jobs gleichzeitig. Ich spürte den Druck, wenn sich meine Freundinnen neue Kleider kauften oder ausgehen wollten. Sie wurden durchs Studium finanziert, fuhren im Winter Ski und im Sommer nach Sylt. Wenn ich mich heute mit ihnen vergleiche, denke ich: Ich bin lebenstauglicher. Ich habe gelernt, dass sich jedes Leben zu einem guten machen lässt. Ich weiß, woher ich komme, und bin dankbar dafür. Auch weil ich weiß, dass jeder Tag ein Geschenk ist.

Mit 17 Jahren hatte ich einen schweren Autounfall, den ich nur knapp überlebte. Meine Rippen waren zerschlagen, meine Lunge zerfetzt, die Leber zur Hälfte weg, meine rechte Niere fehlt. Ich erinnere mich noch, wie ich dort auf der Straße lag und mir das Blut aus den Beinen ins Herz gepumpt wurde. Und alles, woran ich denken konnte, war, dass sie mir meine Lieblingsjeans zerschnitten haben.

Zwei Monate später kam eine gute Freundin bei einem Autounfall um, eine andere kurz darauf durch Krebs. Und ich war 33, als meine Mutter an Leukämie starb. Mit ihrem Tod ist auch etwas in mir gestorben. Oft verspüre ich eine ganz tiefe Leere. Manchmal würde ich sie so gerne anrufen. Sie fehlt mir. Wenn ich traurig bin, höre ich ihre Stimme. Wahrscheinlich sind das nur meine eigenen Gedanken, aber ich höre trotzdem hin. Mir macht der Tod anderer heute mehr Angst als mein eigener. Und falls der Tod mich hört, hätte ich nur einen Wunsch an ihn: dass er mich erst holt, wenn meine Kinder auf einem guten Weg sind.

Seit ich selbst Mutter bin, bin ich weit abgekommen von meinen Idealen. Ich habe unsere Jungs oft einfach nicht im Griff, kann ihnen selten etwas abschlagen. Und wenn sie Schokolade zum Frühstück wollen, dann bekommen sie sie eben. Das gibt dann zwar oft Ärger mit Rolf, aber wenn wir gute Laune haben und ausgeschlafen sind, können wir darüber lachen.

Es gibt keinen toleranteren Menschen als meinen Mann. Wir haben uns auf einer Lesung in Luzern kennengelernt. Er gab mir seine E-Mail, nach zwei Monaten schrieb ich ihm – aber auch nur, weil mich eine Freundin bei einem Glas Wein dazu gedrängt hat. Wir haben uns getroffen, geredet, das passte einfach. Wenn das erste Verliebtsein wegfällt, wird ein Mensch vollständig, weil man nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen sieht. Und weil man merkt: Das liebt man alles. Wenn ich eine Schwäche suchen müsste an Rolf, dann, dass er vielleicht zu leicht verzeiht. Und dass, selbst wenn er chic gekleidet ist, seine Socken meistens nicht schön sind.

Sabine Dobelli

Sabine Dobelli


Biografien

Rolf Dobelli, am 15. Juli 1966 in Luzern geboren, studierte BWL und Philosophie in St. Gallen und arbeitete anschließend als Unternehmer in der Wirtschaft. Mit 35 schrieb er sein erstes Buch, mit „Die Kunst des klaren Denkens“ landete er 2011 einen Bestseller. Gerade erschien „Die Kunst des guten Lebens“ bei Piper. Hobbys: Fliegen, Lesen.

Sabine Dobelli, am 29. März 1975 in Marburg geboren, studierte Psychologie und leitete ein Unternehmen im Bereich Personalentwicklung. Seit 2014 schreibt sie unter dem Pseudonym Clara Maria Bagus (der Name ihrer Mutter) Romane. Mit ihrem Mann und den dreijährigen Zwillingssöhnen lebt sie in Bern. Hobbys: Gärtnern, Schreinern.