Samy und Haya Molcho im Interview

Ganz nach ihrem Geschmack

Seit 40 Jahren sind Pantomime Samy Molcho und die Gastronomin Haya verheiratet. Wichtigste Zutat in ihrer Beziehung: Freiraum.

Veröffentlicht am 31.03.2018
Samy und Haya Molcho.

Passt! Samy Molcho improvisierte auf der Bühne, Haya bis heute gerne in der Küche. Aus den Anfangsbuchstaben ihrer Söhne – Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan – setzt sich der Name „Neni" zusammen, Hayas erstes Restaurant in Wien. 


Samy Molcho, 81

Sollte Haya eines Tages ihr Glück an der Seite eines anderen finden, werde ich weinen, ihr dieses Glück aber zugestehen, denn ich respektiere sie. Wir besitzen einander nicht. Wir sind miteinander, das ist ein Unterschied. Als Haya 1978 zu mir nach Wien gezogen ist, habe ich zu ihr gesagt: „Geh aus, finde eigene Freunde.“ „Willst du mich loswerden?“, hat sie gefragt. Und ich habe geantwortet: „Nein, ich möchte dich gewinnen. Wenn du auf eigenen Beinen stehst und trotzdem bei mir bleibst, willst du mich wirklich.“ Gerade weil Haya jünger ist, war es mir wichtig, sie nicht zurechtzubiegen, sondern so anzunehmen, wie sie ist. Spontan. Impulsiv. Improvisierend. Eine Familie gründen wollte ich mit keiner anderen Frau als mit ihr.

Vor einigen Jahren habe ich ein Seminar gegeben zum Thema Stolz. Die deutschen Teilnehmer gaben alle an, stolz auf etwas zu sein. Ich konnte das nicht verstehen. Ich bin nicht stolz auf irgendetwas, sondern stolz, Punkt. Das Wort Würde beschreibt dieses Gefühl präziser. Ich weiß nicht, woher ich das habe, vielleicht hat es mit meiner Erziehung zu tun. Mein Vater war ein würdevoller Mann. Ihm war es egal, was andere über ihn sagten. Noch als 90-Jähriger ist er der Welt aufrecht entgegengetreten. Als es ans Sterben ging, hat er uns alle zu sich gerufen, hat Abschied genommen und ist gegangen, ohne zu klammern. Auf diese Haltung kommt es auch in einer Partnerschaft an. Wer in sich ruht, kann den anderen freilassen, ohne fürchten zu müssen, ihn zu verlieren. Diese Toleranz ist nicht selbstverständlich, weil wir meist zum Besitzdenken erzogen werden.

Ich habe nie die Anerkennung der anderen gebraucht. Das mag seltsam klingen, aber ich habe immer das gemacht, was ich wollte. Meine Pantomime, meine Inszenierungen – das war ich. Ohne Kompromisse. Irgendwann musste ich mich entscheiden: Will ich ein Bühnen- oder ein Familienleben? Ich war 50, drei bis vier Monate auf Tournee, meine Söhne waren klein. Es war Zeit, mich von der Bühne zu verabschieden.

Ich habe angefangen, hier in Wien am Max Reinhardt Seminar Körpersprache zu unterrichten und Bücher zu schreiben. Wenn ich ein neues Projekt vorbereiten musste, habe ich mich im Souterrain verkrochen, während über mir das Leben tobte. Heute ist es stiller im Haus. Die Kinder sind ausgezogen, Haya steckt mitten in ihrer Karriere als Gastronomin, sie ist häufig unterwegs. Alleine einzukaufen und zu kochen war ungewohnt, ich bin ein lebensunpraktischer Mensch. Aber es macht mich glücklich zu sehen, wie erfolgreich Haya ist. Früher hat sie mir Zeit geschenkt, damit ich auftreten und unterrichten konnte. Nun braucht sie sie selbst, mir gefällt das.

Samy Molcho.

Schöne Geste: „ Zu sehen, wie erfolgreich Haya ist, macht mich glücklich", sagt Samy Molcho.


Haya Molcho, 62, die Ehefrau

Als ich Samy kennenlernte, war ich ein 17-jähriges Hippie-Mädchen und er ein berühmter Pantomime. Ich fand ihn interessant, dachte aber: Der ist ein No-go. Mein Vater, ein erfolgreicher Zahnarzt, hatte ihn eingeladen, und ich war gegen jedes Establishment. Was Samy und mich verbunden hat bei unseren ersten Treffen, war der Jom-Kippur-Krieg. Wir waren die einzige israelische Familie in Bremen und saßen in diesen Tagen dicht gedrängt vorm Fernseher. Dass wir seelenverwandt sind, habe ich sofort gespürt. Er war mir von Anfang an nah.

Wir haben die gleichen Wurzeln, das gleiche Werteverständnis, sprechen He­bräisch. Wir hielten Kontakt. Zusammengekommen sind wir fünf Jahre später. Manche vermuten, Samy sei wie eine Vaterfigur für mich, weil er 18 Jahre älter ist, aber er ist ganz anders als mein Vater. Nachdenklicher, aufmerksamer, ein Philosoph. Einer, der bedingungslos an mich glaubt und mir beigebracht hat, nichts zu verschweigen. „Wie wollen wir leben?“, hat er mich gefragt. „Was ist dir wichtig?“ Wir haben viel diskutiert, immer.

Trotzdem war ich zu Beginn unserer Beziehung verunsichert. Wenn wir bei Prominenten und Politikern eingeladen waren, habe ich Samys Aufmerksamkeit provoziert, egal, mit wem er im Gespräch war. Er musste sich mir zuwenden, mich küssen, dann war ich beruhigt. Die ersten sieben Jahre habe ich ihn auf seinen Tourneen begleitet. Monatelang habe ich ihn jeden Abend auf der Bühne be­wundert, bis ich dachte: Und nun? Ich konnte ja nicht den Rest meines Lebens damit zubringen, Samy zu applaudieren. Also bin ich durch die Städte gelaufen und habe viel Zeit auf Märkten verbracht. Überall, wo wir waren, ob in Japan oder Indien, bin ich in den Küchen herumgeschlichen. So kam ich zum Kochen. 

Zurück in Wien wurde ich schwanger. Ich wollte immer Kinder, Samy auch. Unsere Idee von Familie hat uns fest verbunden. Ich war eine glückliche Mutter. Immer war etwas los. Wir hatten Gäste, ich habe organisiert, geplant, gekocht – bis ich nach der Geburt meines vierten Sohnes in eine Krise gerutscht bin. Ich hatte mir vorgenommen, arbeiten zu gehen, sobald Nadiv 13 war. Nur: In welchem Beruf? Plötzlich wollte ich mit jungen Menschen ausgehen. Feiern und tanzen. Mich verlieren und verlieben, und das habe ich auch gemacht. 

Ich bin bei Samy geblieben, weil er anders ist als andere. Weil ich ihn liebe und kapiert hatte, dass ich mit keinem anderen Mann zusammenleben will. Mit einer einfachen Frage half er mir aus meiner Lebenskrise: „Nicht wen, sondern was liebst du?“ „Kochen“, sagte ich. Ich fing mit Catering an, 2009 eröffnete ich mein Restaurant „Neni“ am Naschmarkt, zusammen mit meinen Jungs. Wir waren keine Profis, es haperte überall. Ohne die Hilfe meiner Söhne hätte ich es nie geschafft. Diese Herausforderung hat auch unser Familiengefüge beeinflusst: Wir sind jetzt alle Partner.

Haya Molcho.

Haya Molchos Glücksrezept: wissen, was man liebt, und es probieren – wie in ihrem Fall das Kochen.


Biografien

Samy Molcho, geboren am 24. Mai 1936 in Tel Aviv, trat als Pantomime in mehr als 50 Ländern auf, führte Regie und hatte bis 2004 eine Professur am Wiener Max Reinhardt Seminar. Er schrieb Bücher und hielt Seminare über Körpersprache. Mit seiner Frau lebt er bei Wien. Hobbys: Lesen, Tüfteln, Dinge reparieren.

Haya Molcho, geboren am 4. März 1955 in Tel Aviv, studierte Sozialpsychologie. 2009 eröffnete sie in Wien ihr Restaurant „Neni“ und später Ableger in Berlin, München, Zürich und Hamburg, weitere sollen folgen. Hobbys: Reisen, Menschen, Lesen.