Familienbande: Peter und Carina Wohlleben

Waldmeister

Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben erforscht das Eigenleben der Natur. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, das sieht man an seiner Tochter Carina.

Veröffentlicht am 06.03.2018
Carina und Peter Wohlleben im Wald.

Was die Wohllebens mit Wölfen gemeinsam haben? Sie lieben den Wald.


Peter Wohlleben, 53

Als Carina und ihr Bruder Tobias klein waren, habe ich mir oft Gute-Nacht-Geschichten für sie ausgedacht. Über Wichtel im Wald, und natürlich waren die ökologisch total korrekt, haben keine Bäume gefällt und die Natur nicht kaputt gemacht. Da sagte Carina kürzlich: „Papa, mir ist jetzt erst klar geworden, dass du uns damals so eine Art Umweltbildung untergeschoben hast.“ Logisch, war ja auch Absicht, aber davon mal abgesehen, haben meine Frau und ich unseren beiden Kindern viel Freiraum gelassen.

Kurz nach Carinas Geburt sind wir in ein altes Forsthaus in der Eifel gezogen. Es liegt direkt am Wald, auf drei Seiten hat man einen freien Blick auf den Wald, und der nächste Nachbar ist weit genug entfernt. Im Garten stehen Bienenstöcke, wir haben Hunde, Hühner, Kaninchen. Vor dem Haus grasen im Sommer Ziegen und Pferde. 

Meine Frau und ich sind begeisterte Selbstversorger, wir haben einen Gemüsegarten und schlachten auch. Wir essen nur Fleisch von Tieren, denen wir ein artgerechtes Leben ermöglicht haben. Ich sage immer, man sollte schonend mit seiner Umwelt umgehen. Das heißt aber nicht, den ganzen Tag mit schlechtem Gewissen in Sack und Asche rumzulaufen. Man soll sein Leben schließlich auch genießen. Diese Haltung und die Liebe zur Natur haben wir den Kindern vorgelebt. 

Als Carina mir eröffnete, dass sie gern in unserer Waldakademie arbeiten würde, habe ich mich sehr gefreut. Ich hätte sie nie gefragt, weil ich ihr keinen Druck machen wollte. Heute ist sie eine von drei Geschäftsführerinnen; wir veranstalten Waldführungen und Seminare und arbeiten an der Rückkehr der Urwälder. Der Zuspruch ist enorm.

Die Menschen wollen einfach Spaß an der Natur haben und nicht ständig nur voller Sorge draufschauen, so nach dem Motto: Was machen wir da alles kaputt! Diese Freude will ich auch durch meine Bücher wecken, in denen ich den Leuten das geheimnisvolle Eigenleben der Bäume nahebringe. Bäume sind soziale Wesen, sie unterstützen sich gegenseitig, reden miteinander, können Schmerzen spüren und bilden enge Familienverbände.

Sie ticken also ganz ähnlich wie wir, und das spüren wir instinktiv. Wenn wir durch einen intakten Wald gehen, nimmt unser Körper Kontakt mit Bäumen und Tieren auf und fährt den Blutdruck runter; unsere Muskeln entspannen, wir fühlen uns wohl. Diese emotionale Verbundenheit zur Natur ist Teil unserer DNA.

Derzeit erleben wir eine erstaunliche Spaltung: Die Entfremdung unserer Zivilisation von der Natur schreitet voran, doch die Gesellschaft ist immer weniger bereit, da mitzuziehen. Je ausdauernder die Handys summen, desto größer wird unsere Sehnsucht nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Im Wald erden wir uns, wenn wir genug von Computern, Leistungsdruck und Rumgehetze haben. Dort sind wir einfach nur glücklich. Gerade bei Städtern spüre ich, wie sie sich mit allen Sinnen einlassen. Auf das rätselhafte Eigenleben der Natur, das wir niemals begreifen werden. Zum Glück. So bleibt uns Menschen das Staunen.

Portrait von Peter Wohlleben.

Für Peter Wohlleben sind Bäume wie Menschen.


Carina Wohlleben, 26, die Tochter

Ich bin mehr oder weniger im Wald aufgewachsen. Rehe, Hirsche, Füchse sind durch unseren Garten spaziert. Der Arbeitsplatz meines Vaters lag ja direkt vor der Haustür, als Kind habe ich ihn oft begleitet. Ich bin mit Tieren groß geworden, habe beim Ausmisten und Füttern von Hühnern, Ziegen und Pferden geholfen und mein Taschengeld an Greenpeace gespendet. Das meiste, was auf dem Teller landete, graste oder wuchs direkt bei uns vor der Tür; ich kannte das als Kind gar nicht anders.

Die knallharte Öko-Schiene wurde bei uns allerdings nie gefahren; ich durfte immer essen, was ich wollte. Deshalb lief meine Pubertät wohl auch erstaunlich glatt. Das Bedürfnis, mich gegen Vater oder Mutter aufzulehnen, hatte ich irgendwie nie. Klar war es mit 16, 17 blöd, dass der nächste Klamottenladen oder Club eine Dreiviertel-Autostunde entfernt lag, aber meine Eltern haben mich immer geduldig gefahren. Wenn ich so zurückblicke, kann ich sagen: Es gab einfach nichts, wogegen man rebellieren musste.

Nach dem Abitur hab ich Geografie in Bonn studiert und zum ersten Mal in der Stadt gelebt. So viele Eindrücke, so viel Beton, das war eine Riesenumstellung. Die öffentlichen Verkehrsmittel, Kinos und Geschäfte fand ich schon toll, aber die Natur, die fehlte mir. Und als ich nach dem Studium mal mit meinem Vater beim Essen saß, sagte ich plötzlich, eigentlich mehr so im Spaß: „Ich kann mir gut vorstellen, bei euch in der Waldakademie zu arbeiten.“ Und er antwortete: „Warum nicht?“ 

Jetzt hat sich der Kreis geschlossen, ich bin zurück in die Eifel gezogen und wohne hier mit meinem Freund in einem 400-Seelen-Dorf. Die Schwangerschaft war nicht wirklich geplant, doch jetzt freuen wir uns umso mehr auf das Kind. Mein Freund geht in Elternzeit, er ist Steinmetz und Bildhauer und hat Lust, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Das passt sehr gut, denn ich möchte auf jeden Fall weiterarbeiten.

Wenn ich mit Gästen bei Wanderungen oder Seminaren durch einen unserer alten Buchenwälder streife, geht allen das Herz auf. Mir auch. Immer wieder. Man hat das Gefühl, eine magische Halle zu betreten, weil die Bäume ganz gerade wachsen, wie Säulen. Auch Wölfe finde ich spannend, ich würde sie wahnsinnig gern mal aus der Nähe beobachten. Wildkameras haben schon Rudel aufgezeichnet, die durch die Eifel gezogen sind, aber leider sind sie nicht geblieben. Was mich an ihnen fasziniert? Sie bilden feste Familienverbände und bleiben ein Leben lang zusammen. Ein bisschen so wie der Wohlleben-Clan. 

Portrait von Carina Wohlleben.


Biografien

Peter Wohlleben, geboren am 3. Juni 1964 in Bonn, arbeitet seit über 20 Jahren als Forst­ beamter. 2016 gründete er seine Waldakademie, in der er die Rückkehr der Urwälder erforscht. Er schrieb rund 20 Bücher zum Thema und ist einer der meistge­ lesenen Sachbuchautoren unserer Zeit. Zuletzt erschien „Das geheime Netzwerk der Natur“ (Ludwig). Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Hobbys: Natur, Tiere, Selbstversorgung.

Carina Wohlleben, geboren am 13. September 1991 in Hümmel, studierte Geografie, Naturschutz und Landschaftsökonomie in Bonn. Seit letztem Jahr ist sie Ge­schäftsführerin der Waldakademie. Mit ihrem Freund erwartet sie im April ihr erstes Kind. Hob­bys: Geige spielen, Naturschutz, ihre Französische Bulldogge Lotta.