Frauen

Stark wie nie

Selten wurde so viel über „Female Empowerment“ gesprochen wie jetzt. Was diese Zeiten so besonders macht, sind die Lässigkeit und Unverkrampftheit, mit der Frauen nach vorne stürmen, um für sich, ihre Projekte und Ansichten zu kämpfen. Inspirierende Geschichten und ein paar Zahlen, die anspornen.

Veröffentlicht am 05.06.2018


Francesca Bellettini, 47 

CEO Saint Laurent Paris

Sie spricht kein Französisch, schminkt sich nicht und macht sich nicht die Haare. Die Locken wachsen sowieso, wie sie wollen. Kann man als Metapher auf ihren Charakter lesen: Eigensinnigkeit ist das Erfolgsgeheimnis von Francesca Bellettini. Die Italienerin ist die erste weibliche CEO des französischen Modehauses Saint Laurent Paris (bis 2012: Yves Saint Laurent), die der Luxusmarke 2017 das erfolgreichste Jahr der gesamten Firmengeschichte bescherte. Und das, obwohl Branchenkenner dem Unternehmen nach dem Abgang von Star-Designer Hedi Slimane schwere Zeiten voraussagten. Wer ist diese große 47-Jährige, die so lässig Saint Laurent trägt, als handele es sich um einen abgetragenen Lieblingspulli?

Die Antwort: ehemalige Bankerin, danach Business-Developerin und Marketingmanagerin mit Stationen bei Prada, Helmut Lang, Bottega Veneta. Fokussiert, visionär und dabei immer freundlich und gelassen. Sie selbst erklärt ihre Qualitäten mit ihrer italienischen Identität: „In meiner Heimat lässt man alles spielerisch aussehen, auch wenn es eine todernste Angelegenheit ist. Das macht uns simpatico.“ Die Frau holt das Beste aus einem Team heraus. Noch so ein Satz von Bellettini: „Der größte Feind der Kreativität ist Panik.“ Vertrauen als oberstes Gebot. Talente suchen, Talente fördern, Talente machen lassen. Nach Slimanes Abgang stellt sie den jungen belgisch-italienischen Designer Anthony Vaccarello als Chefdesigner ein. Er sagt: „Mit ihr zu arbeiten ist bereichernd. Ich muss nichts tun, was ich nicht möchte.“

Was Bellettini macht, um ausgeglichen zu bleiben? Dreimal die Woche de-stressing activities. An der Seine joggen. Kickboxen mit einem Personal Trainer. Montags vor der Arbeit 90 Minuten Französischunterricht. Manchmal paukt sie bis Mitternacht Grammatik. Wahnsinn? Nö. Ihr Trick: „Du musst wissen, wo du hinwillst. Und dann verhältst du dich, als wärst du schon da.“ 


Nicole Langosch, 34

Kreuzfahrtkapitänin

Auf Erfolgskurs. Diese Beschreibung passt perfekt auf Nicole Langosch. Anfang März hat die 34-Jährige das Kommando auf der „AIDAsol“ übernommen. Sie ist die erste weibliche Kreuzfahrtkapitänin Deutschlands, verantwortlich für einen 253 Meter langen Ozeanriesen, rund 2200 Passagiere und 630 Angestellte. Kein easy Job, klar, aber sich deswegen Knoten in den Kopf machen? Liegt der Nautikerin fern. „Ich bin stolz, das erreicht zu haben“, sagt die Wahlhamburgerin und heftet den Blick fest an den Horizont. Dazu hat sie allen Grund. Die Schifffahrt war jahrhundertelang eine Männerdomäne, auch heute sind von derzeit 1032 deutschen Kapitänen nur ganze 14 weiblich. Motivationsflauten kennt Nicole Langosch nicht, ihre Ziele hat sie sich von Anfang an selbst gesteckt – und hartnäckig verfolgt. Gegenwind stört sie nicht. Als erfahrene Schiffsführerin weiß sie: alles eine Frage der richtigen Navigation. 


Barbara Jatta, 55

Museumschefin

Sieben Kilometer lang ist das Labyrinth, das durch die Vatikanischen Museen bis zur Sixtinischen Kapelle führt. Da trägt Barbara Jatta an ihrem Arbeitsplatz besser mal bequeme Schuhe. In der 500-jährigen Geschichte der weltberühmten Kunstsammlung ist die 55-jährige Kunsthistorikerin die erste Frau, die vor einem Jahr auf Gesuch von Papst Franziskus deren Leitung übernommen hat. Sie steht seither als Galionsfigur des Wandels in der Vatikanstadt – hin zu mehr Vielfalt. Von der Frauenquote hält die Römerin, die drei erwachsene Kinder hat, trotzdem nichts. „Ich hoffe, dass ich nur wegen meiner Expertise ausgewählt worden bin“, sagt sie. Beschäftigt ist Barbara Jatta nun rund um die Uhr; nur für die Mittagspause mit ihrem Mann ist immer Zeit. Zwei Stunden! Mio dio, diese italienische Lässigkeit!


Barbara Scheffler, 52

Designmanagerin, Kia Motors

Sie startete ihre Karriere als Quer­einsteigerin in der Autoindustrie. Heute verantwortet die Produktdesignerin und gelernte Kostümbildnerin im europä­ischen Designzentrum von Kia Motors den Bereich Color & Trim und entwickelt mit ihrem Team Farb­ und Materialkonzepte für neue Modelle. „Frauen sind inzwischen eine wichtige Zielgruppe. Beim Kia Stonic stehen sie für mehr als ein Drittel der Käufer, die sehr trendbewusst sind.“ Für sie zählen weniger Status und PS, das Auto soll zum Lifestyle passen. In Schefflers Team sind jedoch die Männer in der Überzahl. Anders bei Kia Korea. „Hier arbeiten deutlich mehr Frauen, was am anonymen Bewerbungsverfahren liegen mag. Da zählen allein die Noten!“ 

René Mägli, 68

Geschäftsführer der Schweizer Niederlassung der Reederei MSC

Herr Mägli, die Schifffahrt gilt als Männerdomäne, und Sie beschäftigen 125 Frauen und nur 5 Männer, davon keinen in einer Führungsposition. Warum?
Aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Als Dienstleistungsunternehmen müssen wir den besten Service bieten und Team­geist zeigen. Das können Frauen viel bes­ser. Sie dienen einer Sache. Männern geht es oft nur um die eigene Position.

Haben Sie damit einen Trend gesetzt?
Leider nicht, aber manchmal kommen Konkurrenten auf mich zu und erzählen mir ganz stolz, dass sie nun auch schon mehr Frauen eingestellt hätten.

Was ist noch entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens?
Gemischte Teams. Es geht dabei aber nicht nur um das Geschlecht. Meine Mitarbei­terinnen kommen aus über 35 Nationen. 

Tijen Onaran, 33, und Marco Duller-Onaran, 34

Unternehmerpaar, Berlin

Tijen Onaran vernetzt mit Global Digital Women (GDW) die spannendsten Frauen Deutschlands. Was ihr Mann mit ihrem Gipfelsturm zu tun hat? Eine Menge. Sie sagt: „Eine Partnerschaft auf Augenhöhe und die gegenseitige Unterstützung lassen einen gemeinsam Berge versetzen.“ Wer das Paar erlebt, weiß: Stimmt, genau so geht’s! 

Ehepaar Onaran.


Gudrun Herrmann, 41

Pressesprecherin LinkedIn

Der perfekte Social-Media-Auftritt?
Zeichnet sich nicht durch die Anzahl der Kontakte aus, die ich bei LinkedIn oder einem anderen Portal habe, sondern durch das Relationship Mapping.

Heißt konkret?
Die Kontakte nach der Karrierestrategie auszurichten. Hierfür muss ich wissen, wo ich in fünf, zehn Jahren stehen will.

Worauf achten Recruiter?
Dass man Engagement zeigt, Beiträge postet und teilt. Wenn sie sehen, dass man sich für Themen interessiert, die zur Stelle passen, rutscht man gleich ein Stück weiter nach oben.

Wo können sich Frauen noch verbessern?
Sie könnten sich mehr Zeit fürs Net­worken nehmen und sich wie Männer an Verabredungen halten. Ganz nach dem Motto: Tue ich dir einen Gefallen, tust du auch mir einen Gefallen. Das sind, wie ich sage, reiche Beziehungen, die einen wirklich weiterbringen. 


Saori Dubourg, 46

Vorständin bei der BASF

Als Kind blättert die in Deutschland aufwachsende Halbjapanerin Saori Dubourg durch den Atlas bei ja­panischen Verwandten und wundert sich: Japan als Mitte der Welt? Europa und Amerika am Rand? Lebenslektion eins, check: Der Blick auf die Welt hängt immer vom eigenen Standpunkt ab. Möglich, dass diese Erkenntnis mitverantwortlich dafür war, dass die heute 46­-jährige BASF­ Vorständin für Pflanzenschutz, Bauchemie und Europa vom Manager Magazin 2017 zur wichtigsten Businessfrau der Republik gewählt wurde. Sie bringt Bewegung in den verstaubten, männerdominierten Industriekonzern. Untersucht, was junge Firmen erfolgreich macht: wie ein adaptives Ökosystem agieren, in Netzwerken denken. Dubourg ist nicht nur Vor­ und Querdenkerin, sondern hat auch großes Durchhaltevermögen.

Seit 21 Jahren ist sie bei der BASF. Ihre Aufsteigerstrategie? Mit Nichtwissen offen umgehen, zuhören, Respekt zeigen. Sie beruft sich gern auf die Bambuspflanze: fest verwurzelt biegsam dem Sturm standhalten, ohne zu brechen. Kollegen beschreiben sie als hart in der Sache, aber einfühlsam im Auftritt. Ge­wonnen hat Dubourg ihre Souveränität ausgerechnet aus dem permanenten Gefühl des Andersseins in Deutschland: Sie legte ihr asiatisches Aussehen einfach als Stärke aus.

Später studiert sie Wirtschaft, will nun Brücken zwischen Asien und Europa schlagen. Mit Erfolg. 2001 geht sie mit ihrem Mann und der neugeborenen Toch­ter für die BASF nach Asien. Mittlerweile ist die Ehe zerbrochen. Jetzt gibt es einen neuen Mann, er bringt ein Kind mit. Die Kinder lernen, dass auch Patchwork­familien funktionieren. Vor allem aber ler­nen sie, dass es geht: Beruf und Familie. Nicht ohne Schwierigkeiten. Aber was geht schon ohne Schwierigkeiten? Es kommt ja nur drauf an, sie zu bewältigen.