Freundschaft im Netz

Vernetzt, aber einsam?

Soziale Netzwerken fördern Unverbindlichkeiten und machen: einsam. Heißt es zumindest. Doch wie viel Geduld und Langeweile muss eine Freundschaft eigentlich aushalten?

Veröffentlicht am 05.02.2018
Eine Frau liegt mit ihrem Laptop auf der Couch.

Die Lösung gegen Langeweile? Sich in Sozialen Netzwerken aufhalten.


Nie war es einfacher, beliebt zu sein, es gibt ja das Netz. Man muss nur jeden Tag ein Foto aus seinem Leben auf Instagram hochladen. Ein paar Wochen später applaudieren Dutzende, wenn man es darauf anlegt, kann man sogar ein Instagram-Star werden. Bloß indem man die Menschen daran teilhaben lässt, wie gut man Blumen in eine Vase stecken oder Cupcakes backen kann. Manchmal, wenn man ein besonders schönes Foto hochgeladen hat, blinkt das Handy, jedes „Gefällt mir“ ein Aufleuchten der Zuneigung. Toll, denkt man, ich bin nicht allein.

Bis auf die Stunden, in de­nen man das nicht denkt. Weil man genau weiß, dass das Leben nicht ist, wie es auf den Bildern aussieht. Das Leben, wie es wirklich ist, kann man allerdings keinem zeigen. Wer würde sich dafür interessieren, finge man da­mit an, Fotos von dem Schreibtisch zu posten, an dem man normaler­weise sitzt, ohne vorheriges Aufräu­men? Oder von seinem Normal­gesicht in den Normalmomenten? Das wirklich Wichtige passt ohnehin nicht auf Bilder: das Ver­lorenheitsgefühl, das manchmal in einem nagt, obwohl so viele Men­schen zu mögen scheinen, was man macht, wie man ist und wie man lebt. Und dass man oft genug nur deswegen im Netz Köder auslegt, weil man endlich mal wieder gern gesehen würde, statt unsichtbar zu bleiben. Besser, man fragt sich nicht, wie tief das Interesse jener Menschen geht, die beim Durchscrollen auf die Like­-Buttons und Gefällt­-mir­-Schaltflächen drücken.

Einsam werden geht schnell

Einsam werden geht schnell, man muss gar nichts falsch gemacht haben. Einmal zu oft umgezogen, einmal zu oft den Job gewechselt, schon sitzt man in einer Stadt, in der man niemanden kennt, in einer dieser Alleinstehenden­wohnungen, die eher Hotelzimmern gleichen als einem Zuhause. Und wenn man Pech hat, arbeiten im Büro lauter Menschen, die gerade keine Kapazitäten frei haben, sich ums Mitmenschliche zu kümmern. Oder man ist alleinerziehen­de Mutter, die sich die zehn Euro pro Stunde für den Babysitter nicht leisten kann: Schon droht das Sozialleben auf ein paar Sätze beim Kinderarzt oder an der Supermarktkasse zu schrumpfen. Kann auch sein, dass man sich nach einer Trennung in den Job reinhängt – und nach ein paar Monaten feststellt, dass man auf dem Weg ist, jemand zu werden, der vor Wochenenden Angst hat.

Viele Studien der letzten Jahre kommen immer wieder zu dem gleichen Befund: In der westlichen Welt nehmen Einsam­keitsgefühle fast epidemisch zu. In einer US-Umfrage erklärten 20 Prozent der Amerikaner, sie wären aufgrund von Ein­samkeit unglücklich mit ihrem Leben, und 2010 bezeichneten sich 35 Prozent der über 45­-Jährigen als „chronisch ein­sam“ – zehn Jahre zuvor waren es noch 20 Prozent. In England meinte in einer Untersuchung im Auftrag der Mental Health Foundation fast die Hälfte der mehr als 2200 befragten Erwachsenen, dass die Einsamkeit derzeit zunimmt.

Solche Entwicklungen haben nichts da­mit zu tun, dass uns kollektive Kontakt­unfähigkeit befallen hätte. Sondern eher mit den Lebensbedingungen der Gegen­wart: Mobilität, häufiger werdende Arbeitsplatzwechsel, Zunahme von Projekt­arbeit und Homeoffices – man hat weniger Gelegenheiten und Zeit, Men­schen kennenzulernen, mit denen sich Beziehungen entwickeln könnten, in denen man sich aufgehoben fühlt. Bis vor wenigen Jahren war klar, was in solchen Phasen zu tun ist. Unter Leu­te gehen, mit der Hoffnung, dass sich dabei schon etwas ergeben wird. Koch­kurse, Bars, Lesungen, Vernissagen: Es gibt ja ausreichend Möglichkeiten, Men­schen kennenzulernen. Wie jeder weiß, der einmal für einen Job die Stadt ge­wechselt hat, ist das anstrengend und immer wieder frustrierend, aber es blieb einem nichts anderes übrig, und deswegen musste man hartnä­ckig bleiben.

Das hat sich verändert. Es gibt ja das Netz. Das Netz ist wie eine warme Kuscheldecke der Zunei­gung, in die man sich einhüllen kann, wann immer man sich allein fühlt. Der Zähler sagt einem, dass man sich täuscht, 247 Freunde, 430 Fol­lower. So bleibt man zu Hause vor dem Rechner und füttert seinen Facebook­-Feed mit witzigen Gedanken, verteilt ein paar Likes und guckt, was sich bei den anderen so tut. Falls man es doch schafft, irgendetwas zu unternehmen, zückt man nach ein paar Minuten, in denen nichts geschehen ist, sein Handy, um das Herz zu fotografieren, das der Barista auf den Milchschaum gemalt hat. Das Verrück­te ist, dass an mindestens drei anderen Tischen im Straßencafé Leute sitzen, die gerade auch etwas mit ihren Handys ma­chen. Man könnte versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, aber das tut natürlich keiner.

Eine Frau tippt auf ihrem Smartphone.


So geht ein Teufelskreis los. Die Ber­liner Psychotherapeutin Franziska Küh­ne, die über das Thema ein Buch geschrieben hat („Keine E-Mail für Dich“, Verlag Tag & Nacht), kennt aus ihrer Praxis die Kommunikationsverarmung durch die sozialen Netze: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass uns die moder­nen Kommunikationsmittel erleichtern, Freundschaften und Beziehungen zu knüpfen, aufzubauen und wirklich auf­rechtzuerhalten. Man kann auf diese Weise in Kontakt bleiben, ohne sich zu sehen, mehr aber auch nicht.“ Facebook helfe uns nicht dabei, anderen näher zu kommen, im Gegenteil: „Digitale Gerä­te entfernen uns Menschen voneinander. Je mehr Technik in unseren Alltag Ein­zug hält, desto weniger haben wir in der realen Welt miteinander zu tun.“

Der Neid auf andere Nutzer

Über die Paradoxien einer Kommunikation, die das Körperliche abgeschüttelt hat, schreibt der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer in einem Es­say: „Jede neue Kommunikations­technologie entstand als Ersatz, der uns ermöglichen sollte, miteinan­der in Kontakt zu bleiben, auch wenn das gerade nicht ging. Das Telefon wurde erfunden, damit man trotz großer Entfernungen miteinander sprechen konnte. Online-Kommunikation sollte ei­nem das Telefonieren ersparen, das aus welchen Gründen auch immer als an­strengend und unbequem galt. Dann kam das Simsen, bei dem man sich noch kürzer fasste. Jede neue Entwicklung befreite uns ein wenig mehr von der emo­tionalen Anstrengung, nicht nur Infor­mationen, sondern Menschlichkeit miteinander zu teilen.“

Indem man im Netz Kontakte pflegt, nimmt man sich selbst die Zeit, die man bräuchte, Menschen richtig kennenzu­lernen. Zugleich fühlt man sich im Netz oft noch einsamer: Man sieht ja, wie happy die anderen sind, bei den vielen Freunden, Cliquen, Partys, Familienfes­ten. Eine gemeinsam durchgeführte Stu­die der Humboldt­-Universität in Berlin und der Technischen Universität Darm­stadt ergab, dass sich rund 37 Prozent von 600 befragten Facebook-Nutzern nach der Nutzung von Facebook schlecht fühlen. Häufigste Ursache: der Neid auf andere Nutzer.

Eine Frau mit ihrem Laptop auf den Beinen.


Was man in den Momenten, in denen man sich einsam fühlt, dringend bräuch­te, wäre jemand, mit dem man über sei­ne Traurigkeiten, Ängste, Frustrationen reden könnte. Doch das geht im Netz nicht, weil es kein Schutzraum ist, statt Zuspruch bekommt man vielleicht eine schnippische Bemerkung. Oder man muss damit rechnen, dass jemand mit­ liest, den man von seinen Gefühlen lieber nichts wissen lassen will. Also bleibt ei­nem nicht viel anderes übrig, als das ei­gene Leben ein wenig aufzuhübschen. Menschen, die sich einsam fühlen, halst sich keiner gern auf. Doch Einsamkeit wird man nur los, wenn man gesehen und angenommen wird, wie man wirk­lich ist. Und es macht einen nur noch deprimierter, wenn man weiß, dass man zwar ein paar Hundert Facebook-­Freun­de hat, aber keinen, den man um Mit­ternacht anrufen kann, um gemeinsam die Gespenster zu verscheuchen.

Offline- vs. Online-Bekanntschaft

Falls das ein tröstlicher Ge­danke ist: Es geht ziemlich vielen Menschen so. Mittler­weile wurde auch mit Studi­en belegt, dass soziale Medi­en wie Facebook die Einsamkeit fördern. Doch bedenklicher als die Statistiken sind Vermutungen, wie sie etwa Sherry Turkle anstellt, eine amerikanische So­ziologin, die sich seit Jahren mit den Rückkoppelungen der Online-­ auf die Offline­-Welt befasst. Die Kommunika­tion in den sozialen Netzen ist bekannt­lich von Unverbindlichkeit, Sprunghaf­tigkeit, Beliebigkeit und Narzissmus gekennzeichnet. Häufig lässt sich feststel­len, dass Kommunikationen abgebrochen und vermieden werden, sobald es an­strengend wird. Doch zu Beziehungen, die wir als gelungen empfinden, gehört auch, dass man füreinander da ist, wenn man nicht so gut drauf ist. Man macht sich nicht sofort wieder vom Acker, wenn andere mal etwas durchhängen.

Sobald wir die Erwartung und den Anspruch haben, dass Offline­-Beziehun­gen so sind wie unsere Online­-Freund­schaften, bekommen wir möglicherwei­se Probleme. Turkle: „Telefone in unseren Taschen verändern unsere Hirne und Herzen, weil sie drei Fantasien befriedi­gen: Erstens, dass wir unsere Aufmerk­samkeit überall hinlenken können, wo wir sein wollen. Zweitens, dass wir immer angehört werden. Und drit­tens, dass wir nie allein sind. Der dritte Punkt verändert unsere Psy­che nachhaltig, denn wenn Leute dann doch allein sind – und sei es nur für zwei Sekunden –, bekom­men sie Angst. Wenn wir unseren Kindern das Alleinsein nicht beibringen, werden sie nur lernen, einsam zu sein.“

Natürlich ist durch das Netz keine neue Form der Einsamkeit in die Welt gekommen. Aber es hindert uns viel zu oft daran, einen Weg aus der Einsamkeit zu finden. Wir gewöhnen uns an eine Art des Umgangs, die unverbindlicher, wäh­lerischer, ängstlicher ist und bei der es darauf ankommt, sich gut zu präsentie­ren. Das macht es schwerer, sich einander zu öffnen. Und noch etwas gewöhnen wir uns ab: die Bereitschaft, Geduld auf­ zubringen und Langeweile zu ertragen. Beides braucht man aber, um Freunde zu finden – und Freundschaften zu ertra­gen. Sie gelingen ja nur, wenn in ihnen andere Gesetze als in der Aufmerksam­keitsökonomie gelten. In Freundschaften muss es auch still, langweilig und zäh zugehen können, sonst sind sie keine.