Gaby Speckbacher im Interview

„Vernünftig? War ich nur bis sieben Uhr abends"

In den 70ern stürzte sich Gaby Speckbacher als Partygirl in Abenteuer. Vielleicht weiß sie heute deshalb so viel über das Leben.

Veröffentlicht am 15.12.2017
Gaby Speckbacher.

Das Partyleben der 70er hat an ihr nur die schönsten Spuren hinterlassen: Gaby Speckbacher.


Von Weitem sieht Gaby Speckbacher aus wie 27, aus der Nähe wie 47. Eine schlanke, bildhübsche Frau mit wachen, strahlenden Augen und einem oberbayerischen Dialekt, für den Helmut Dietl auf die Knie gesunken wäre. Gaby Speckbacher ist 70, arbeitet als Hair& Make-up-Stylistin und lebt auf dem Land bei Reit im Winkl. Sie trinkt Wasser und erzählt so lustig und lakonisch aus ihrem unglaublichen Leben, dass man fast ein bisschen traurig wird, weil man eine Ahnung davon bekommt, wie das früher mal war: als Partygirl kein Abenteuer auszulassen.   

Vor Kurzem haben die Rolling Stones in München gespielt. Waren Sie da?
Leider nein. Ich hab verschwitzt, mir eine Karte zu besorgen. Am Tag des Konzerts habe ich noch versucht, Keith Richards zu erreichen, hat aber nicht geklappt. 

Schade, wenn man bedenkt, was Sie mit der Band alles erlebt haben. 
Ja, blöd gelaufen, aber mein Gott. In den 70ern kannte ich Mick Jagger und Keith Richards ganz gut. Ich werde nie vergessen, wie die beiden mich jeden Abend vom Friseursalon in Schwabing, in dem ich gearbeitet habe, abgeholt und zum Essen ins „Trader Vic’s“ im „Bayerischen Hof“ ausgeführt haben. Später war ich manchmal auf Tournee dabei. Einmal waren wir in Amsterdam, und Keith hatte solche Sehnsucht nach Uschi (Uschi Obermaier, Anm. d. Red.), dass er einen Wagen nach Hamburg geschickt hat, um sie abzuholen. 

Waren Sie ein Groupie? 
Ich war ein Partygirl, das viel Spaß ­hatte, aber nie abgehoben ist. Ich wusste immer, wo ich hingehöre. Egal wie spät es am Abend zuvor geworden war, am nächsten Tag habe ich Haare geschnitten.

Haben Sie sich mal in einen Star verliebt?
Ja, aber nicht in Keith oder Mick, mit denen habe ich immer nur rumgealbert. Meine große Liebe war Robert Plant, der Sänger von Led Zeppelin. Inzwischen sind wir seit 44 Jahren befreundet. Wenn ich frei war, war er verheiratet. Wenn er frei war, war ich verheiratet. 

Wie sind Sie in das Partyleben der 70er reingerutscht?
Ich bin auf dem Land in Oberbayern groß geworden, meine Eltern hatten ein Wirtshaus in Reit im Winkl. Ich bin jeden Tag acht Kilometer zu meiner Lehrstelle nach Marquartstein geradelt, habe nach Feierabend in der Wirtschaft mitgeholfen und bin, sobald ich freihatte, nach München in die große Stadt. Ich habe mir ein Taxi gerufen, mich als Gabriela Vancini ausgegeben – das war der Mädchenname meiner Oma – und mich in die besten Restaurants der Stadt fahren lassen, meistens in den „Königshof“. 

Wollten Sie Männer kennenlernen?
Überhaupt nicht. Ich wollte chic essen und Menschen beobachten. Ich war angezogen von der feinen Welt, habe mich aber nicht blenden lassen. Mir war schon klar, dass das eine Illusion ist, trotzdem hat sie mich so gereizt, dass ich meinen kompletten Lohn plus Trinkgeld ausgegeben habe, allein das Taxi hat ja schon 100 Mark gekostet.  

Von New York nach Reit im Winkl: Heute lebt Gaby Speckbacher wieder im Haus ihrer Eltern.


Wann sind Sie in die Großstadt?
Mit 17. Ich bin abgehauen und habe mich in einem Salon in Schwabing vorgestellt. Aus Zufall war ich im verrücktesten Laden der Stadt gelandet. Die reichen Damen kamen regelmäßig, um sich ihre Brillanten in Dauerwellenwasser mit der Zahnbürste polieren zu lassen.

Für ein Partygirl klingt das ausgesprochen vernünftig, immerhin haben Sie sich als Erstes einen Job gesucht.
Ich war vernünftig, aber halt nur bis sieben Uhr abends. Danach bin ich ausgegangen, jeden Abend auf Konzerte, ­Alice Cooper, die Stones, Eric Burdon, damals haben alle in München gespielt und Platten aufgenommen. Jimi Hendrix ist mal eine Woche lang im „Big Apple“ aufgetreten und hat jeden Abend seine Gitarre angezündet.  

Wie haben Sie damals ausgesehen? 
Knallrote Haare, giftgrüne Netzstrümpfe, Miniröckchen, eine giftgrüne Seidenjacke, dazu Hut, Plateauschuhe und ein silbernes Köfferchen. Ich lernte Musiker, Schauspieler, Manager kennen, irgendwo war immer was los. Wir haben gekifft und Mescalin genommen. Wissen Sie, was der Unterschied von damals zu heute ist? Heute sind auf einer After-Show-Party alle, nur die Stars nicht. Damals war es umgekehrt: Die Stars haben gefeiert und luden ein, wen sie sympathisch fanden. Es gab keine Ordner, Pässe oder Regularien, keine Listen und Anmeldungen, alles war viel freier und offener.  

Das klingt abenteuerlich und lustig. Warum sind die jungen Menschen heute so viel gebremster und vernünftiger, um nicht zu sagen: langweilig?
Wir waren eben die erste Generation, die sich von allen Zwängen frei gemacht hat. Heute hocken alle so lange wie möglich zu Hause, weil die Mieten so hoch sind, wir wollten weg, wir wollten raus, und zwar so früh wie möglich. Wir hatten unglaublich viel Lebenslust, und so haben wir gelebt. Ohne moralische Bedenken. Wir haben überlegt, was Spaß bringen könnte, und dann haben wir es gemacht, ohne an die Konsequenzen zu denken. 


Das hätte auch schiefgehen können. 
Ist es ja auch oft, aber wir waren naiv und überzeugt davon, dass wir ewig leben. Keiner von uns hat sich Gedanken über die Zukunft gemacht. Wenn wir Lust hatten, haben wir unser Geld zusammengekratzt, sind nach Spanien, haben LSD-Partys gefeiert, und wenn das Geld ausging, haben wir gejobbt. Wer diese Zeit nicht erlebt hat, kann das Freiheitsgefühl von damals nicht mehr nachvollziehen. 

Und Sie hatten nie ein schlechtes Gewissen oder Existenzängste?
Nie. Keiner hat nach Konsequenzen gefragt, nach gesundheitlichen nicht und nach moralischen schon gar nicht. Wenn eine Frau mit vielen Männern schläft, hat sie heute einen schlechten Ruf, in den Kommunen schlief jeder mit jedem, das war so normal wie Tee trinken. Natürlich hab ich viel Zeit mit Unsinn verplempert, auf der anderen Seite habe ich so viele faszinierende Menschen kennengelernt und Dinge erlebt. Ich habe zum Beispiel mal ein halbes Jahr bei Gunter Sachs in Saint-Tropez gewohnt. 

Als seine Geliebte?
Ich hatte mal was mit ihm, aber in Saint-Tropez waren wir nur noch gute Freunde, seine Frau war ja auch da. Jeden Tag habe ich ein paar Stunden in einem Salon gearbeitet. Den Rest der Zeit sind wir essen gegangen oder mit dem Boot rausgefahren. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem er keine Freunde zu Gast hatte. Ein toller Mensch, großzügig, gebildet, amüsant, aber nicht protzig. 

Wen haben Sie noch kennengelernt?
Ich bin heute noch mit Cindy Crawford in Kontakt, einer tollen Frau und treuen Seele, die mich immer einlädt, wenn ich in Los Angeles bin. Mit Iris Berben bin ich seit 45 Jahren befreundet. Auf einer Bambi-Verleihung Mitte der 70er habe ich Michael Douglas kennengelernt. Ein paar Tage später rief er im Salon an, er komme heute Abend aus Berlin und wolle mit mir essen gehen. Wir sind dann zusammen in die „Grüne Gans“. Irgendwann kamen Freunde von mir dazu und fingen an, Scherze über mich zu machen, nach dem Motto: Ach, die Gaby, die trifft sich ja ständig mit Musikern und Schauspielern. 

Kein Tag, an dem keine Freunde zu Gast waren: Bei Gunter Sachs (sitzend, Bildmitte) wohnte Gaby Speckbacher (2. v. r.) ein halbes Jahr in Saint-Tropez.


Wie haben Sie reagiert?
Ich habe mir das eine Weile angehört, bin aufgestanden und habe gesagt: „Sorry, but I have to leave, I have to meet some musicians.“ Das hat ihn beeindruckt, das fand er lustig. Wir hatten ein Techtelmechtel. Er quartierte sich in meiner Einzimmerwohnung ein und blieb vier Tage länger als geplant. 

Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Nein, das war alles aufregend. Manchmal denke ich mir, Gaby, eigentlich hättest du mehr aus diesen Bekanntschaften machen können, aber mein Gott, ich bin halt kein strategischer Mensch. 

Tun Ihnen die jungen Menschen von heute leid, die so unter Druck stehen und sich um die Zukunft sorgen?
Ein bisschen schon, weil sie es schwerer haben als wir damals. Das Unbeschwerte ist weg. Heute ist alles viel teurer, geregelter und bürokratischer. Für alles braucht man eine Erlaubnis, ein Visum. Das Gute damals war, dass sich alles gemischt hat. Das war in München nicht anders als in London oder New York. Auf einer Party traf man Schauspieler, Leute aus dem Rotlichtviertel, Studenten, Musiker, Professoren. Heute trifft sich jeder mit seinesgleichen. 

In den 80er-Jahren sind Sie nach New York gegangen. Warum?
Weil ich unbedingt mal dort leben wollte. Also habe ich mein Zeug gepackt und bin hin. Ich kannte niemanden, habe eine Nacht im Hotel geschlafen und am nächsten Tag eine Einzimmerwohnung auf der Upper West Side gefunden, ein paar Tage später hatte ich einen Job.  

Wie hat sich New York von München unterschieden?
Es war größer, teurer, abgedrehter. Gott sei Dank war ich damals schon Mitte 30, sonst hätte ich diese Stadt nicht verkraftet. Als ich das erste Mal in einen Club kam, lag der eine angekettet am Boden, der Nächste ließ sich auf einer Liege von einem Mann im weißen Kittel befummeln, der dritte haute mit einem Fleischerhaken auf tote Tiere ein, und in der Ecke saß Andy Warhol und machte Polaroids. Nach vier Jahren bin ich zurück nach München. Ich hatte mich in einen Chirurgen verliebt, wurde schwanger, bekam meinen Sohn Enzo und begann, ein bürgerliches Leben zu führen.

Als Visagistin haben Sie mit Jack Nicholson, Isabella Rossellini oder auch Richard Gere gearbeitet. Sie sind 70 Jahre alt, warum arbeiten Sie noch? 
Weil es mir immer noch Spaß macht und weil ich das Geld brauche. Sie können sich vorstellen, dass ich eher nicht so viel zurückgelegt habe. Ich habe immer alles rausgehauen. Ich habe immer gelebt.

Von Robert Plant bis Richard Gere – sie traf sie alle.


Welchen Rat würden Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben?
Die müssen raus und was erleben. Die haben alle solche Angst davor, ins Wasser zu fallen, aber was soll denn passieren? Wenn es nicht klappt, kommt man zurück und versucht was anderes. Ich weiß, dass es schwieriger geworden ist, der gesellschaftliche Druck ist groß, trotzdem darf man sich nicht unterkriegen lassen. Vor allem wenn es um den Job geht, haben junge Menschen heute riesige Angst davor, dass jemand Nein sagt, aber wissen Sie, wie oft ich ein Nein gehört habe, bis mal einer Ja gesagt hat?   

Ihr Instagram-Account heißt @happyspecki. Dort sieht man sie u. a. mit Cindy Crawford.