Max Raabe im Interview

„Scheitern kann man nicht mit Stil"

Max Raabes Auftritte sind formvollendet. Im Interview spricht der Sänger über sein neues Album „Der perfekte Moment“ und die Kunst der Höflichkeit.

Veröffentlicht am 12.12.2017
Sänger Max Raabe.

Stets tadellos gekleidet, so kennt man Sänger Max Raabe. 


Warten auf Max Raabe. Sitzt die Bluse? Ist der Wasserfleck auf der Hose getrocknet? Max Raabes Auftritte mit und ohne Palastorchester sind so formvollendet, dass man sich schon im Vorfeld ein bisschen unpassend fühlt und befürchtet, die Begrüßung zu vermasseln. Aber sobald er den Raum betritt, wird es angenehm. Guten Tag, ich freue mich Sie kennenzulernen, soll ich das Fenster lieber schließen? Max Raabe trägt blau und weiß, formuliert knapp und präzise, aber die Augen hinter der Brille schauen so zugewandt, dass sich die Bedenken in Luft auflösen.

Herr Raabe, Sie achten mit Vorliebe auf Höflichkeit und eine gepflegte Sprache. Woher haben Sie das?
Ich habe immer Freude am Lesen gehabt und sehr gerne zugehört. Besondere Worte fallen mir auf. Wie in Karl Philipp Moritz Roman „Anton Reiser“.  Die Hauptfigur spricht von „Selbstzerknirschung“. Solche Worte bereiten mir Vergnügen, aber ich verwende sie dann nicht unbedingt im Alltag.

Trotzdem scheint es Ihre Art, die Wörter zu setzen, zu prägen.
Ja. Aber wenn ich meinem Bruder zuhöre, fällt mir auf, dass er so viel anders auch nicht spricht. Wenn ich mich dazu zwingen müsste, dann würde ich es nicht tun. Dann ginge die Leichtigkeit verloren. Ich spreche so aus Vergnügen, kann aber auch mal die Zügel loslassen.

Wie kann ich Sie mir dabei vorstellen?
Im Auto. Sie sollten mich mal im Straßenverkehr hören.

Wie klingt es, wenn Max Raabe schimpft?
Da bemerkt man die Nähe zum Neandertaler. Das wiederhole ich hier nicht, es bleibt besser in der Sprachkapsel meines eigenen Autos gefangen.

Haben Ihre Eltern darauf geachtet, wie sich die Kinder sich ausdrücken?
Mein Vater behauptet immer, in Westfalen spreche man das beste Hochdeutsch. Das glaube ich nun nicht. Die Sprache war nicht unwichtig, aber auch kein großes Thema. Meinen Eltern legten Wert auf Umgangsformen.

Auf dem Tisch keine Ellbogen, der Dame die Tür aufhalten...
Ja, auch dem Herrn. Wenn man das überhaupt unter Umgangsform versteht. Jedenfalls haben wir nicht mit Messerbänkchen jongliert. Das war schlichter. Aber mein Vater hat gefragt, willst du nicht aufstehen, wenn deine Tante geht? Oder: Willst du deiner Mutter nicht in den Mantel helfen?

Es geht um Respekt.
Ja, und um Rücksichtnahme.

Berlin ist in der Hinsicht ein eher raues Pflaster...
Ich finde, dass die Leute heute, die um die 20 sind, mal eher jemandem die Tür aufhalten als in meiner Generation.

Haben Sie eine Idee, woran das liegt?
Nö.

Trotzdem: die Stadt wird voller, die Menschen genervter. Wie begegnen Sie jemandem, der Sie beschimpft, wenn Sie mit dem Rad an ihm vorbeisausen?
Ich kämpfe darum, dass ich meine Haltung nicht verliere und losplatze. Aber die Leute meinen ja nicht mich als Individuum, das muss man sich bewusstmachen.

Sie bewahren in den Momenten sich selbst gegenüber Distanz?
Ja. Man darf sich davon nicht persönlich angesprochen fühlen.

Der Earl of Chesterfield lebte im 17. Jahrhundert und sagte: Stil ist die Kleidung der Gedanken.
Das können wir so stehen lassen. Ich würde sagen: Stil ist mehr als Kleidung. Aber halten Sie mich für so einen Stilonkel?

Wäre das schlimm?
Wenn Stil Rücksichtnahme bedeutet, dann trifft es zu.

Sie singen ja auch davon. In einem ihrer neuen Lieder heißt es: "Du bist so schön, du hast einfach Stil, du weißt so viel". Welches Bild hatten Sie da im Kopf?
Es reimt sich! Aber es stimmt schon: Sie erkennen sofort, ob jemand Stil hat. Wenn etwa auch ein alter Mensch nicht nur in Beige oder Funktionsklamotten herumläuft, dann berührt mich das. Da drückt sich jemand aus. Man bemerkt das in der ersten Sekunde.

Stimmt es, dass Sie immer schon so waren? Mit Faible für Sakkos und Hemden?
Wenn Sie meine Klassenkameraden fragen, werden Sie es Ihnen bestätigen. Wenn wir sonntags in die Kirche gegangen sind, hat uns unsere Mutter Anzug, Hemd und Fliege bereitgelegt. Das war selbstverständlich für uns.

Waren Sie ein Außenseiter?
Nein, dazu bin ich viel zu kommunikativ. Ich bin auch gern mal allein. Aber wenn ich ausgehe, dann bin ich durchaus sozial kompatibel.

Bis heute pflegen Sie Ihr Erscheinungsbild, heute tragen Sie ein weißes Hemd und zum himmelblauen Anzug orangefarbene Socken. Wann haben Sie sich schon mal fehl am Platz gefühlt?
Ich bin sehr praktisch veranlagt und setze mich in voller Montur aufs Fahrrad. So wie Sie mich hier sehen bin ich auf dem Fahrrad hergekommen. Das geht ja gerade noch. Aber wenn ich im Frack zu einem Auftritt radele, dann handele ich mir schon mal Blicke ein. Ich bin selber schuld, wenn ich mir overdressed vorkomme, denn in Berlin sehen die Leute in ihrer Wanderkluft oft so aus, als wären sie auf dem Weg zum Sessellift. Aber das ist einfach eine Frage der Praktikabilität.

Hat Wolfgang Joop recht, der sagt, Stil ist Sicherheit?
Es kann auch ein Zeichen für Unsicherheit sein. Man kann sich mit dem Stil, den man pflegt, auch ein Schutzschild bauen. Aber ich glaube, wer unsicher ist, versteckt sich lieber. Man braucht schon ein bisschen innere Ruhe, um sich zu gestalten.

Träumen Sie manchmal davon, sich mal anders anzuziehen? Plateauschuhe, hautenge Hose, wie Prince?
Einmal war ich sehr versucht, etwas anders zu machen. Ich habe einen knallorangefarbenen Pullover gekauft, aber ihn noch nie getragen. Ich könnte ihn mal anziehen, wenn ich Sorge hätte, im Dunkeln überfahren zu werden.

Vogue-Chefin Christiane Arp sagt, sie glaube nicht mehr an Trend, nur an Stil.
Das stimmt: Wenn früher jemand keinen Parka mit Drahtbürste in der Brusttasche trug, der gehörte nicht dazu. Heute ist das anders, jeder bedient sich an allem. Auch auf die Musik trifft das zu.

Für Ihre neuestes Werk arbeiten Sie neben Annette Humpe noch mit anderen, wie Sie es sagen, Pop-Kräften zusammen, den Männern von Rosenstolz zum Beispiel. Haben Sie um einen gemeinsamen Stil gerungen?
Ja. Und ich bin nicht unempfindlich gegen Kritik, man ist immer berührt von dem, was ein anderer sagt. Aber wenn es etwas ist, dass ich nachvollziehen kann, bin ich nicht gekränkt.

Sie haben einen sehr beweglichen, feinen Ton, wenn Sie singen. Fällt es schwer, so zurückgenommen zu singen?
Meinen Sie die Intonation? Das ist eine tückische Sache. Ich höre mich in mir selbst zu tief. Aber wenn Sie die Zurücknahme im Ausdruck meinen...

Ja, sie gibt Ihren Liedern diese Doppelbödigkeit.
Das liegt mir.

Sänger Max Raabe.

Ein Gentleman der alten Schule: Max Raabe. 


Wie viel Willen steckt darin?
Wenn ich alte Aufnahmen von mir höre, fällt mir auf, dass ich zu sehr die Grammophon-Technik imitiere und so klingen möchte wie in den 20er-Jahren. Für das erste Soloalbum habe ich schon eine weichere, erzählerische Form gefunden. Und bei den Pop-Liedern, die ich nun mache, gelingen mir gut artikulierte, geschmeidige Formulierungen. Der Text soll gut zu verstehen, aber nicht zu skandiert vorgetragen sein.

Wie formulieren Sie selbst Kritik?
Das ist immer schwierig. Ich versuche, vorsichtig zu sein. Aber Sie müssten die Kollegen fragen, ob mir das gelingt.

Wie machen Sie Ihre Liebste darauf aufmerksam, wenn Sie meinen, da passt etwas nicht zusammen?
Das ist ein heißes Eisen, aber ja, das muss man tun, behutsam. Wenn man ein gutes Verhältnis miteinander hat, geht es auch.

Ein neues Lied von Ihnen besingt, wie sich ein Liebespaar gehen lässt - du rauchst Kette, früher trugst du sie um den Hals...
Man muss aber auch einstecken können.

Oder sollte man es besser mit einem älteren Text von Ihnen halten: Kleine Lügen tun nicht weh?
Eine gewisse Balance zwischen Offenheit und vermiedener Wahrheit tut der Sache wohl.

Lügen ist stillos?
Jetzt sollte ich lügen.

Sie singen gern vom Scheitern, Ihre Karriere aber zumindest wirkt so geschmeidig, sanft nach oben steigend. Sind Sie denn mal gescheitert?
Ja. Ich wurde von der Schule geschmissen. Ich dachte ich könnte mich durchmogeln. Da hatte ich mich geirrt – und dann war's das.

Dann haben Sie an der Universität der Künste studiert. Das geht auch ohne Abi bei ausreichend Begabung.
Ja, die haben mich trotzdem genommen. Für meine Eltern war das schlimm.

Dass Sie Gesang studiert haben?
Vor allem, dass ich die Schule nicht bestanden hatte und nach Berlin gegangen bin.

Ein finsterer Moloch.
Sie dachten, ich stürze ab.

Was wäre wohl sonst aus Ihnen geworden?
Das kann ich nicht sagen. Ich kann mir jedenfalls keinen glücklicheren Verlauf meines Lebens vorstellen.

So gesehen lag ja etwas Gutes im Scheitern.
Trotzdem war es schmerzhaft. Scheitern kann man nicht mit Stil.

Das Interview führte Carolin Pirich.