Interview: Prokrastination

Die Psychologie des Nicht-Machens

Aufschieberitis - Was sagt eigentlich die Forschung zu diesem Thema? Diplom-Psychologe Stephan Förster beschäftigt sich intensiv mit dem Phänomen „Prokrastination" und weiß, wann professionelle Hilfe nötig ist.

Veröffentlicht am 21.02.2018
Zeitmanagement.

Gutes Zeitmanagement ist wichtig, um den Alltag zu bewältigen. Zwischen bloßer Faulheit und und krankhaftem Aufschieben gibt es allerdings einen Unterschied.


Herr Förster, warum schieben wir Unangenehmes so oft vor uns her?
Weil wir darauf gepolt sind, mit möglichst wenig Aufwand schnell ein positives Ergebnis zu erreichen – ein Relikt aus früheren Evolutionsstufen. Wir bevorzugen Tätigkeiten, die eine kurzfristige Belohnung versprechen. Viele unserer Aufgaben haben aber keine sofortigen Konsequenzen, deshalb verschieben wir sie so lange, bis sie wie unüberwindliche Hürden wirken.

Täuscht es, oder greift das Phänomen immer mehr um sich?
Prokrastinieren ist keine Erfindung der Gegenwart. Wer’s will, hat heute allerdings mehr Möglichkeiten. Durch das Internet ist es sehr viel leichter geworden, sich abzulenken.    

Was ist so schlimm am Aufschieben?
Erst mal nichts. Wer etwas nicht erledigt, weil gerade Wichtigeres ansteht, setzt sinnvolle Prioritäten. Falls man Relevantes aber oft vertagt, um Unwichtiges vorzuziehen und dann ein nagendes schlechtes Gewissen hat, könnte eine krankhafte Form vorliegen. Weitere Anzeichen sind, dass Alltag und Beziehungen darunter leiden oder Symptome wie Magenschmerzen auftreten.

Wann braucht man Hilfe vom Profi?
Wenn einem allein der Gedanke an Unerledigtes Angst einjagt oder man bereits mit ernsten Konsequenzen zu tun hatte. Zuerst muss jedoch geklärt werden, ob nicht eine andere psychische Krankheit dahintersteckt.

Welche könnte das sein?
Eine akute Depression. Oder ADHS, wenn man sich nicht richtig konzentrieren kann. Umgekehrt bedeutet das aber nicht, dass Prokrastinierer automatisch etwas anderes haben.

Und wo liegt der Unterschied zwischen Faulheit und Aufschieben?
Wer faul ist, liegt auf dem Sofa und fühlt sich wohl. Krankhafte Aufschieber putzen stattdessen die Wohnung, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Aber sie landen in einer Lose-lose-Situation: Sie haben weder das Projekt vorangetrieben noch die Zeit genossen. Was hilft, damit man Dinge angeht? Ich empfehle Rituale, um in Stimmung zu kommen und sich auf die Aufgabe vorzubereiten, etwa erst mal einen Kaffee trinken. Und die 50-Prozent-Regel: sich nur die Hälfte von dem vornehmen, was man eigentlich schaffen will.