Interview: Schauspielerin Susan Sarandon

„Ich muss nichts mehr beweisen"

Älterwerden ist nichts für Feiglinge? Aber für starke, unabhängige Frauen wie Susan Sarandon. Im Interview mit myself spricht die Schauspielerin über Schönheits-OPs, Selbstbewusstsein und den entspannten Umgang mit dem eigenen Körper.

Veröffentlicht am 25.05.2018
Susan Sarandon.

Strahlt auch mit über 70: Schauspielerin Susan Sarandon. 


Sie werden dieses Jahr 72. In Ihrer Branche ist Älterwerden ja alles andere als einfach.
Das stimmt, schließlich sieht man sich ständig auf riesigen Leinwänden. Aber ich lebe in New York und nicht in Hollywood, das macht es einfacher.

Gibt es ein Rezept, entspannt damit umzugehen?
Positive Energie! Ich tanze schon mal zu Stevie Wonder oder LCD Soundsystem durch die Küche. Und ich bin offen, interessiere mich für viele Dinge. Ich habe gar keine Zeit, ständig in den Spiegel zu starren oder Selfies zu machen. Wenn man nur auf sich fixiert ist, ist es kein Wunder, dass man unter jeder Veränderung seines Körpers leidet.

Was halten Sie von Schönheits-OPs?
Generell finde ich nichts Falsches daran, etwas machen zu lassen. Aber für mich kommt das nicht infrage, weil ich als Schauspielerin auf meine Mimik angewiesen bin. Und jedes Mal, wenn ich Frauen sehe, bei denen so ein Eingriff schiefgegangen ist, denke ich, dass sie wie die Personifizierung ihrer Ängste aussehen. Das ist traurig.

Welche Rolle spielt Schönheit für Sie?
Als ich jünger war, dachte ich, Schönheit bedeute Makellosigkeit. Doch je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass es gerade die vielen kleinen Makel sind, die Menschen einzigartig machen.

Ist Parfum ein Mittel, seine Individualität zu unterstreichen?
Allerdings! Ein Duft sendet Signale nach außen und sorgt dafür, dass man sich selbst gut fühlt. Der neue Jil Sander-Duft beispielsweise mischt Pfeffer, weiße Pfingstrosen, Orangenblüte und Moschus – passt für mich perfekt zu starken und unabhängigen Frauen, die wissen, was sie wollen. Mir helfen Parfums sogar bei meiner Arbeit: Um mich besser in einen Charakter einzufinden, suche ich stets einen Duft aus, den die Figur benutzen würde. Nur bei Schwester Helen aus „Dead Man Walking“ war das nicht so einfach, denn eine Nonne benutzt ja kein Parfum. Ich habe dann einen cleanen Seifengeruch genommen.

Sie spielen oft sehr starke, unbeugsame Charaktere. Was reizt Sie daran?
Menschen, die wir für ihre Geradlinigkeit bewundern, haben oft einen schwierigen Weg zurückgelegt und Probleme überwunden. Aber das bedeutet nicht, dass sie keine Ängste hätten. Sie lassen sich nur nicht unterkriegen und stellen sich dem Leben. Das fasziniert mich.

Haben Sie Vorbilder?
Ich wuchs ziemlich isoliert auf – als ältestes von neun Kindern in einer streng katholischen Familie in New Jersey. Eine meiner kleinen Fluchten: Ich habe Autobiografien von Frauen gelesen, das hat mich sicher geprägt, auch wenn ich nie jemanden idealisiert habe.

Sie selbst haben oft eine dezidierte Meinung.
Wenn sich eine Situation nicht richtig anfühlt, habe ich sofort das Bedürfnis, etwas dagegen zu unternehmen. Das war schon in meiner Jugend so. Denn was kann schon passieren? Schießt man mal übers Ziel hinaus, entschuldigt man sich und trägt dann eben die Konsequenzen. Schlimmer wäre, nichts gesagt zu haben.

Kann man Zivilcourage trainieren wie einen Muskel?
Meinen Kindern sage ich immer: Sei du selbst, das ist der Schlüssel zu allem. Aber das ist natürlich nicht einfach. Jeder geht durch Phasen, in denen er mit sich selbst und seinen Überzeugungen hadert. Das ist auch gut so, denn nur so wächst man innerlich.

Gibt es etwas, das besser ist im Vergleich zu früher?
Als ich 40 wurde, dachte ich, jetzt sei alles vorbei (lacht). Aber ich habe meine Falten akzeptiert, und inzwischen fühle ich mich wohler als je zuvor. Ich muss nichts mehr beweisen, meine Kinder sind groß – ich habe alle Freiheiten. Was gibt es Besseres?